18.05.2012

Burnout und Gewalt – Steht der Fußball vor dem Abstieg?

Von Matthias Heitmann

Das deutsche Team ist Favorit auf den Europameistertitel 2012. Dennoch prägen negative Schlagzeigen über Spieler-Burnout und Fangewalt die Stimmung der Fußballnation.

Frühjahr 2006. Deutschland bereitet sich auf ein Ereignis vor, mit dem es sich selbst aus dem Sumpf ziehen soll. Die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land soll nicht nur der stagnierenden Wirtschaft helfen, sondern auch die gedrückte Stimmung in der Bevölkerung vertreiben. Die Nation dürstet nach etwas, das Zerstreuung verspricht und auf das sie stolz sein kann. Sie hofft auf ein Sport-Wunder wie dereinst 1954, als die junge Bundesrepublik im „Wunder von Bern“ eine Art nachträglichen Gründungsmythos erlebte. Allzu hohe Erwartungen an ein erfolgreiches Abschneiden der Nationalkicker bei dem WM 2006 haben die meisten Fußball-Experten dabei nicht. Schließlich hat das deutsche Team seit zehn Jahren nicht nur keinen Titel, sondern auch kein Turnierspiel mehr gegen eine der großen Fußballnationen gewonnen – auch nicht bei der WM vier Jahre zuvor, bei der man Zweiter geworden war. Dennoch hofft man auf einen Befreiungsschlag, sportlich wie gesellschaftlich. Auch die frisch gewählte Bundeskanzlerin Angela Merkel hofft darauf: Bereits in ihrer ersten Adresse an das Volk Ende 2005 hat sie mehrere Minuten auf die Bedeutung des Turniers für die Nation verwendet. Fast jedes Bundesministerium unterhält im Frühjahr 2006 eine eigene Öffentlichkeitskampagne mit Fußballbezug. Alle wollen von der langsam erwachenden WM-Stimmung profitieren und auf den Zug aufspringen. Nach einer Schlappe in einem Vorbereitungsspiel gegen den späteren Weltmeister Italien denken einige Politiker sogar daran, den deutschen Teamchef Jürgen Klinsmann vor den Sportausschuss des Bundestages zu zitieren.

Tatsächlich aber entwickelte sich das Turnier zu einem Stimmungsaufheller, wie ihn die Nation selten erlebt hatte. Das „Sommermärchen“ verschaffte den Deutschen auch wegen ihres ungezwungenen Umgangs mit sportlich motiviertem Patriotismus viele Sympathien im Ausland, und die Deutschen überraschten sich selbst, denn so kannte man sich gar nicht. Das Land war verzückt von den „jungen Wilden“ um Klinsi, Jogi und Olli: „Schweini“ und „Poldi“ waren zwar noch arg grün hinter den Ohren, aber auf dem Fußballgrün zu großen Leistungen fähig. In der Folge wurde die Mannschaft zum Symbol eines neuen, jugendlichen, unbekümmerten und unverkrampften, zugleich aber fairen, offenen, globalen und gänzlich ungefährlichen Deutschland, eines Landes im Aufbruch, auf das man nach Ansicht vieler stolz sein konnte, ohne sich der Nähe zu rückwärtsgewandten Nationalismen verdächtig zu machen. Deutschland war Partyland, feierte in den neuen Stadien, auf den Fanmeilen und in den Straßen. Der Fußball war Motor, war mittendrin, war König. Er war es auch, wenngleich deutlich schwächer, im Sommer 2008, als die Nationalmannschaft Vize-Europameister wurde, und er war es wieder im Sommer 2010, als die Mannschaft bei der WM in Südafrika begeisterte.

Stimmungstief und Leistungshoch

Heute, Anfang 2012, gut eineinhalb Jahre nach der WM in Südafrika, ist die Stimmung im und um den deutschen Fußball herum eine gänzlich andere. Zwar gilt die Nationalmannschaft wenige Monate vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine sogar als noch stärker als 2010. Doch irgendwie ist die unbekümmerte Begeisterung einer Ernüchterung, ja, wenn nicht sogar Depression gewichen. Es sind andere Themen als die sportlich glänzenden Aussichten auf die EM, die die Stimmung der Fußballnation prägen. Die Diskussionen, die Widerhall in der Gesellschaft erzeugen, ranken sich nicht mehr um die strahlenden Aspekte der Fußballwelt, sondern um die dunkleren Kapitel der Erfolgsgeschichte.

Folgt man der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung des Fußballs, meint man, es mit einem an allen Ecken und Enden und von innen heraus kriselnden Sport zu tun zu haben: Der deutsche Fußball scheint mit einer seit Jahrzehnten nicht dagewesenen Gewaltwelle konfrontiert zu sein, mit einem Auflodern rechtsradikaler Exzesse und einer Ausbreitung der nicht minder gewaltbereiten Ultra-Fanszene. Zum Teil scheinen sich diese Exzesse auch auf dem Platz fortzusetzen, was die Diskussion über die überraschende Zunahme schwerer Gesichtsverletzungen in den letzten Monaten suggeriert. Auch die immer wieder aufflammende Debatte über die angeblich verbreitete Homophobie im deutschen Fußball verstärkt den Eindruck, die Lange sei zunehmend ernst. Aber nicht nur auf den Rängen und zwischen Spielern, auch gegenüber den Schiedsrichtern soll sich die Stimmung verdüstern. Der Selbstmordversuch des Bundesligaschiedsrichters Babak Rafati im November letzten Jahres gilt nur als die „Spitze des Eisberges“ und wird als Kurzschlusshandlung infolge des großen Leistungsdrucks wie auch der öffentlichen Anfeindungen diskutiert. Überhaupt habe der Druck auf alle Beteiligten in letzter Zeit dramatisch zugenommen. Insbesondere nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke im November 2009 gehen immer mehr Spieler, Trainer und Verantwortliche mit der Diagnose „Burnout“ an die Öffentlichkeit oder schildern depressionsähnliche Zustände. Was 2003 im Fall Sebastian Deisler noch als absolut einzigartig und ungewöhnlich galt – ein Weltklassespieler leidet an Depressionen – erscheint heute als latentes Massenphänomen, dessen Auftreten nur eine Frage der Zeit sei.

Wachsende Gewalt, unmenschlicher Leistungsdruck, ein mörderisches Programm dank übermäßiger Profitgier, in immer schwindelerregendere Höhen steigende Summen, Korruption und Wettbetrug, ein Talentsuchsystem, das angesichts von Verpflichtungen von zehnjährigen Talenten an einen florierenden Kinderhandel erinnert, und dazu mit der FIFA ein Fußball-Weltverband, der in der Öffentlichkeit den Ruf einer mafiösen Vereinigung genießt – all dies klingt wie die Zutatenliste eines absolut tödlichen Cocktails. Und dennoch boomt der Fußball wie nie zuvor. Kann es sein, dass aus einem heiß geliebten Sportspektakel innerhalb weniger Monate oder Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung ein Menetekel des sozialen und moralischen Verfalls und aus einer Lokomotive, an der die Nation hängt, der Inbegriff eines Bremsklotzes werden kann?

Überladen, bis der Ball platzt

Um diese Frage beantworten und den ziemlich abrupten Stimmungsumschwung in der Wahrnehmung des Fußballs erklären zu können, muss zunächst eines klargestellt werden: Die Überhöhung der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen wie auch moralischen Bedeutung des Fußballs entspricht – sowohl in ihrer positiven und optimistischen, als auch in ihrer negativen und pessimistischen Variante – nicht den realen Verhältnissen. Und mehr noch: Beide Varianten der Überhöhung schaden dem Fußball erheblich, sie laden ihn mit Ballast auf und knüpfen so viele Erwartungen wie auch Ängste an ihn, dass er droht, unter dieser Last irgendwann zu zerplatzen. Schon jetzt sind die Verformungen, die dem einstigen Proletensport und der um ihn herum gewachsenen Fankultur zugemutet werden, erheblich.

2006 waren die deutschen Nationalkicker für nicht weniger als die (Re-)Aktivierung der Nation zuständig. Der Film „Das Sommermärchen“ von Sönke Wortmann vermittelte nachfühlbar, wie stark diese Last die Spieler teilweise hemmte – etwa beim Quartierbesuch der Kanzlerin – und teilweise beflügelte. Insbesondere Jürgen Klinsmann setzte auf diesen motivierenden Aspekt der Bedeutungsüberhöhung. In Ermangelung einer eigenen Dynamik machte sich die deutsche Politik daran, das WM-Spektakel zur Selbstdarstellung zu nutzen. Im Blitzlichtgewitter der weltweiten Presse schien die schwierige politische Lage im Gastgeberland in den Hintergrund zu treten – mit dem Deutschland-Schal um den Hals bewegten sich Angela Merkel, Bundespräsident Horst Köhler & Co. deutlich selbstsicherer und bemühten sich darum, mit der Maske des einfachen Fußballfans Pluspunkte zu sammeln. Insbesondere Merkel gelang dies: Ihre Freudenausbrüche auf der Stadiontribüne blieben bis heute die Momente ihrer breitesten öffentlichen Beliebtheit. Dabei ist die gezielte Vereinnahmung des Sports durch die Politik alles andere als ein automatisch auftretendes Phänomen: So war beim WM-Endspiel 1954 in Bern kein einziger deutscher Politiker vor Ort anwesend, und bei der ersten WM in Deutschland 1974 kam Begeisterung von offizieller Seite so richtig erst mit dem gewonnen Halbfinale auf.

Heute ist von Begeisterung und Vorfreude auf die kommende Europameisterschaft wenig zu spüren. Zur Zuversicht verbreitenden Zugmaschine scheint der Fußball derzeit nicht zu taugen. Der Zug droht, auf einem Abstellgleis zu enden. Was mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind die vermeintlichen Opfer, die er bei voller Fahrt hinter sich lässt. Daher hat sich auch das Verhältnis zwischen Fußball und Politik verändert: Früher verhalf der Fußball der Politik zu Glanz und Aufmerksamkeit, die ihr ohne ihn kaum zuteil geworden wären. In seiner heutigen Verfassung stellt der Fußball eher ein Experimentierfeld für die Politik dar, die nun ihrerseits Impulse setzen muss, um die über lange Zeit so erfolgreiche Symbiose wieder mit neuem Leben zu füllen. Waren in Zeiten positiverer Fußballwahrnehmung die auch damals bekannten Kehrseiten des Erfolgs kaum von politischem Interesse, so hat sich in den letzten Monaten ein therapeutischer Umgang mit schlechten Nachrichten aus dem Fußball-Zirkus herauskristallisiert. Öffentlichkeitswirksam werden die Entwicklungen „mit Sorge“ beobachtet, und die Sorge ist echt: Sie reflektiert einmal mehr die in der Gesellschaft weit verbreitete Bereitschaft, Realitäten zu dramatisieren und so zuzuspitzen, als sei das Abendland in Gefahr und dringend einer therapeutischen Behandlung zuzuführen. Der Hang zu Dramatik und Übertreibung geht einher mit dem Verlust der Fähigkeit, aktuelle Ereignisse und Entwicklungen in einen historischen Zusammenhang einzuordnen.

Oktoberfest gefährlicher als Fußball

Deutlich wird der Hang zur Übertreibung beispielhaft beim Thema „Gewalt in den Stadien“. Während in den Medien die Abfolge an Schreckensmeldungen nicht abreißt und der Eindruck entsteht, die deutschen Hochsicherheits-Arenen seien urplötzlich zu unkontrollierbaren Tollhäusern mutiert, sprechen die Fakten eine andere Sprache. Nach Angaben der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) sind die Einsatzstunden der Polizei um 11,2 Prozent, die Zahl der in Gewahrsam genommen Anhänger um 10,6 Prozent und die der eingeleiteten Strafverfahren um 3,6 Prozent zurückgegangen. Rund 0,005 Prozent der Zuschauer sind verletzt worden. Die Bedeutung dieser Zahlen verdeutlichte Michael Horeni in seinem Artikel „Saisonale Schwankungen“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Tatsächlich ist es statistisch immer noch gefährlicher, zum Münchner Oktoberfest zu gehen als zur Bundesliga, auch in früheren Zeiten, etwa in den achtziger Jahren, ging es in deutschen Stadien weit gewalttätiger zu“ [1]. Und auch der weitgereiste Fußballtrainer und frühere Bundesligaspieler Ewald Lienen widersprach der hysterischen Darstellung der Situation in deutschen Stadien. Im hr-Fernsehen erklärte er Mitte November, es gehe nirgendwo beim Fußball so gesittet und geordnet zu wie in Deutschland.

Jeder, der in den letzten Monaten und Jahren regelmäßig deutsche Fußballstadien besuchte und nicht unter Platzangst litt, wird sich Lienens Einschätzung anschließen. Sicherlich gibt es neben saisonalen Schwankungen auch regionale Unterschiede hinsichtlich der Intensität von Fankonflikten, und auch das Aufeinandertreffen alter Traditionsvereine in unteren Ligen mit niedrigen Sicherheitsstandards führt mitunter zu Ausschlägen auf der Gewaltskala. Dennoch halten diese Ereignisse einem Vergleich mit den späten 70er- und frühen 80er-Jahren, in denen die Lage zuweilen wirklich problematisch war, nicht stand. Es ist vielmehr gerade der heute so durchregulierten deutschen Stadionkultur geschuldet, dass Ereignisse wie das Abbrennen bengalischer Feuer als Straftat gelten und die Konflikte der letzten Monate als so grundlegende Verschlechterung der Sicherheitslage wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmung entspricht nicht der Realität. Tatsächlich ist der rasante Zuschauerboom der letzten Jahre auch und gerade dem Umstand zu verdanken, dass moderne Fußballstadien in Deutschland extrem familienfreundlich und mittlerweile ungefähr so ungefährlich geworden sind wie Freizeitparks und Rummelplätze – vorausgesetzt, man verhält sich vernünftig.

Von einer flächendeckenden Zunahme der Gewalt in deutschen Stadien kann keine Rede sein. Wenn sich in dieser Hinsicht überhaupt etwas verändert hat, dann ist es die Überwachung und Vorverurteilung von Fangruppen sowie die Zunahme der Versuche, das Verhalten von Fans im Stadion zu regulieren. Dass die Stimmung auf den Rängen dadurch, dass Fußballfans pauschal als Schlägertypen und „Problemmenschen“ dargestellt und auch so behandelt werden, nicht gerade beruhigt wird, leuchtet ein. Manchmal richten therapeutisch motivierte Sanktionen gegen vermeintliche krisenhafte Zustände größere Schäden an, als sie verhindern sollen.

Fußball-Business zu hart für Kickerseelen?

Ähnlich ist auch dem Vorwurf zu begegnen, der Fußballsport selbst sei in den vergangenen Jahren immer brutaler geworden. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Denn obwohl die Spielregeln in den letzten Jahren und Jahrzehnten das körperbetonte Spiel weitgehend entschärft haben und die Schiedsrichter im Vergleich zu früher sehr viel weniger durchgehen lassen dürfen, ist die Zahl der verteilten roten und gelb-roten Karten in den letzten Jahren eben nicht sprunghaft gestiegen, wie man hätte vermuten können. Die wachsende Brutalität im Fußball ist ein Mythos, dessen Dynamik nicht der Wirklichkeit auf dem Platz, sondern der Vermutung entspringt, steigender Leistungsdruck und wachsende Rivalitäten müssten zwingend dazu führen. Überhaupt ist die Debatte über den Leistungsdruck von zentraler Bedeutung. Es scheint, als lasse sich geradezu jede reale (oder vermutete) Fehlentwicklung, sei es im Sport oder anderswo, auf das Problem der Leistungsorientierung und des hierdurch entstehenden unmenschlichen Drucks auf das Individuum zurückführen.

Die aus der als grenzen- und gedankenlos empfundenen Leistungsorientierung abgeleitete Überforderung des Menschen wird mehr und mehr zu einem Zerrspiegel, durch den wir die Welt und uns selbst sehen. Es sind immer weniger große Leistungen, in denen Menschen über sich hinauswachsen, die unsere Wahrnehmung prägen. An ihre Stelle treten vermehrt Schicksalsschläge, Erkrankungen und persönliche Erfahrungen des Scheiterns. Und immer häufiger sind es diese Aspekte menschlichen Lebens, die als besonders wertvoll erachtet werden. Dementsprechend verändert sich der thematische Fokus gesellschaftlicher Debatten. Aufsteiger des Jahres 2011 war zweifellos der Themenbereich „Burnout“. Dass Problem hieran ist nicht in erster Linie, dass in der Öffentlichkeit heute mehr über Burnout-Erkrankungen gesprochen wird, wohl aber, wie darüber diskutiert wird. Individuelle Krankheitsverläufe wie die von Robert Enke oder Ralf Rangnick sowie persönliche Schicksale wie das von Babak Rafati werden beinahe automatisch zu Symptomen eines kranken und menschenverachtenden Systems uminterpretiert.

Besonders drastisch war dieser Automatismus jüngst im Falle Rafati zu beobachten. Wenige Tage nach dessen gescheitertem Selbstmordversuch wurde plötzlich eine Stellungnahme des Schiedsrichters bekannt, in der dieser erklärte, sein Handeln hätte nicht mit seiner Tätigkeit als Schiedsrichter zu tun gehabt. Diese überraschende Wortmeldung wurde auch im Sportsender Sport1 verlesen, der sich aber dennoch von der bereits zuvor festgelegten Programmgestaltung nicht abbringen und seine Sport-Experten live im Studio weiter über den unmenschlichen Druck im Fußball-Business schwadronieren ließ. Die Annahme, der einzelne Mensch sei unweigerlich überfordert und eigentlich außerstande, Druck auszuhalten oder gar an ihm zu wachsen, ist so allgegenwärtig und wird so automatisch geäußert, dass sie kaum mehr hinterfragt wird. Burnout und Depressionen erscheinen infolgedessen immer weniger als Einzelschicksale, sondern werden von den Personen losgelöst und als Argumente gegen leistungsfördernde und -erwartende gesellschaftliche Strukturen in Stellung gebracht.

Sportler als Vorbilder – aber für was?

Selbstverständlich sind Profifußballer heute einer viel genaueren öffentlichen Beobachtung ausgesetzt als in der Vergangenheit. Die bereits beschriebene politisch-gesellschaftlich-moralische Überfrachtung des Sports trifft auch dessen Protagonisten: Sie werden als Vorbilder junger Generationen, als millionenschwere Werbeträger und als Botschafter der ganzen Nation stilisiert, die die meisten allein schon aufgrund ihrer individuellen Entwicklungsgeschichte gar nicht sein können. Fußballtalente werden heute immer früher in entsprechende Ausbildungsstrukturen integriert. Diese sehr frühe Festlegung des Karriereziels mag aus rein sportlicher Sicht für die Entwicklung spezialisierter Fähigkeiten gut sein. Als Bildungsanstalten, die der Entwicklung unabhängiger, robuster und kritischer Geister und somit gerade der Förderung „eigenwillige und verrückter Typen“ dienen, haben die Fußballinternate eher nicht zu gelten.

Dass von diesen Leistungssportlern dennoch Vorbildfunktionalität verlangt wird, lässt Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Werte zu, die heute als vorbildlich gelten. Gerade in diesem Bereich finden interessante Veränderungen statt: Die Zeiten, in denen sich die Fußballöffentlichkeit an der engen Verknüpfung von Genialität und Wahnsinn, wie sie in vielen „schrägen Vögeln“ auf dem Platz zu bewundern war, erfreuen konnte, sind bereits seit längerem vorbei. Querköpfe wie Paul Breitner, Günther Netzer oder auch Mario Basler, die die Öffentlichkeit so stark vermisst, hätten es heute allein aus Imagegründen schwer, sich in der Nationalmannschaft zu behaupten. Die hohen Erwartungen von Funktionären und Sponsoren sowie die vereins- und verbandsinternen Verhaltenskodizes machen den Fußball und seine Hauptdarsteller zu einer sehr gleichförmigen und konformen Angelegenheit, aus der nur noch wenige Charakterköpfe herausstechen. Wenn man dies positiv beschreiben wollte, könnte man argumentieren, die Sportler konzentrierten sich jetzt noch stärker auf das, was wirklich zähle, nämlich ihre sportliche Leistung. Doch genau diese Konzentration wird durch die anschwellende und immer wieder angefachte Burnout-Debatte im Leistungssport konterkariert. In ihr werden die Sportler zu potenziell schwachen und depressionsgefährdeten Opfern der Leistungsmaschinerie und zu Objekten therapeutischer Behandlung degradiert.

Aus der Sicht der Leistungssportler nehmen diese Diskussionen absurde Formen an: Einerseits werden sie zu Leistungsbringern trainiert und „erzogen“, gleichzeitig aber stößt die Fixierung auf Leistung in der Gesellschaft auf immer mehr Widerstand und Ablehnung. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in dem Ruf von Sportlern wider, die häufig entweder als kalt oder aber als menschlich und intellektuell begrenzt beschrieben werden. Durch diese Gemengelage und zusätzlich durch die ihnen zugeschriebene Vorbildfunktion geprägt, haben sie einen Spagat zu vollführen zwischen dem knallharten (und gut bezahlten) Performen und der Selbstdarstellung als menschlich berühr- und auch verletzbare Individuen. Dies ist auch der Grund, warum viele Spielerberater ihren prominenten „Klienten“ dazu raten, sich öffentlichkeitswirksam sozial zu engagieren oder selbst eigene Stiftungen und Hilfsorganisationen zu gründen. In einer Gesellschaft, in der viele Menschen selbst nicht so genau wissen, wohin die Reise gehen soll und welche Werte künftig von Bedeutung sein sollten, ist so ein scheinbar persönlich motivierter und selbstloser Aktionismus gut für das persönliche Image.

Die gesellschaftliche Unsicherheit darüber, wie moderne Vorbilder und Helden beschaffen sein sollten, strahlt bis auf die Ebene der Geschlechterrollen im Sport aus. Der Einfluss auf den Fußball ist enorm, da dieser Sport – im Gegensatz etwa zum Tennis – aufgrund seiner Entstehung und seiner sozialen Verortung noch sehr viel stärker als „männlich“ wahrgenommen wird und auch die um ihn herum entstandene Kultur entsprechend geprägt ist. Die im Zuge der Fußball-WM der Frauen im Sommer letzten Jahres in Deutschland zu beobachtenden Diskussionen zwischen „männlichen Fußball-Traditionalisten“ und „Frauenfußball-Verstehern“ nahmen fast weltanschauliche Züge an: Während erstere als Ewiggestrige, als Verfechter von Brutalität, Gewalt und überkommener frauen- und schwulenfeindlicher Vorstellungen abgekanzelt wurden, galten letztere als aufgeschlossen, modern, an echter Qualität, Schönheit und Eleganz interessiert und als über alle geschlechtsspezifischen Vorurteile erhaben. Tatsächlich verharrten beide Lager unversöhnlich in den klassischen Gender-Stereotypen, lediglich die Vorzeichen hatten sich – dem gesellschaftlichen Trend entsprechend – umgekehrt: Plötzlich wurde Frauenfußball nicht mehr wie früher wegen seines schlechteren Niveaus, sondern der Männerfußball wegen seiner angeblichen Brutalität kritisiert. Mit dem frühen Ausscheiden der Frauen-Nationalmannschaft versandete die Debatte jedoch recht schnell. Zurück blieb die Fixierung auf das „Zu viel“, das „Zu schnell“ und das „Zu hart“ des Männerfußballs.

Einfach nur: Fußball

An den Debatten über den Zustand des deutschen Fußballs lässt sich viel über den Zustand Gesellschaft ablesen – wahrscheinlich sogar mehr als über den Fußball selbst. Letztlich ist der Leistungssport ein Kulturphänomen und reflektiert gesellschaftliche Vorlieben, Prioritäten und auch Trends gesellschaftlichen Wandels. Dass die Stimmung der Fußballnation trotz der überzeugenden Leistungen der Nationalmannschaft und der boomenden Bundesliga schlecht ist, macht deutlich, wie stark der Einfluss externer Faktoren auf Kulturphänomene ist. Nicht der Fußball steht vor dem Abstieg, wohl aber das Vertrauen in die Fähigkeiten des Menschen, in modernen gesellschaftlichen Zusammenhängen seine Authentizität und Menschlichkeit zu bewahren. Das System Fußball hängt am Tropf dieser Gesellschaft – nicht nur finanziell, sondern auch hinsichtlich der Bedeutung, die ihm zuteil wird. 2006 richteten sich die Hoffnungen vieler noch auf den Fußball, heute scheint er symbolisch für die Überforderung des Menschen zu stehen.

Beides ist unberechtigt. Viele von denen, die sich heute darüber wundern, dass so negativ über den Fußball diskutiert wird, schwammen 2006 selbst noch auf der Woge der Fußball-Begeisterung durchs „Schland“. Dabei sind sowohl die überzogenen Hoffnungen von damals als auch die aktuellen Dramatisierungen Spielarten ein und derselben Hysterie. Und diese zerstört langfristig nicht nur die Autonomie, sondern auch den besonderen Charakter der Fußballkultur, auf dem Platz wie auch in den Stadien. Wann immer versucht wird, diese Fußballkultur von außen, insbesondere von der Politik, zu beeinflussen, zu regulieren und zu kontrollieren – und sei es auch dadurch, dass ihre besondere Verantwortung für die Allgemeinheit betont wird –, sollten sich Fans dagegen wehren und sich weder ihren Sport noch ihre eigene Würde wegnehmen lassen. So ist dem Fußball am meisten geholfen – und der Gesellschaft auch.