24.10.2011

Wenn die Erde zur Gottheit wird

Analyse von Rob Lyons

Warum es falsch ist, die Erde als einen Organismus zu sehen.

Vor kurzem initiierte die amerikanische Sektion der Tierschutzorganisation Peta (People for the Ethical Treatment of Animals) einen Wettbewerb für Männer mit dem Titel “„Warum sollte Peta dich zeugungsunfähig machen?” Teilnehmern, die bis zu einem bestimmten Stichtag bereits ihren Hund oder ihre Katze haben kastrieren lassen, winkt als Hauptpreis eine kostenlose Vasektomie. Vorher müssen die Freunde der freiwilligen Zeugungsunfähigkeit allerdings noch einen Besinnungsaufsatz darüber schreiben, wie ihre Sterilisation Mensch und Tier nutzen würde. Einige Argumentationshilfen dafür finden sich auf der Peta-Website: Demnach bedroht die menschliche Überbevölkerung nicht nur das Tierleben des gesamten Planeten, sondern auch den Fortbestand der Menschheit. Der verschwenderische Lebensstil des Menschen, wie er sich z.B. im wachsenden Fleischkonsum ausdrückt, und damit einhergehend zu großer Ressourcenverbrauch, zunehmende Umweltverschmutzung und die Klimaerwärmung seien schlichtweg zu viel für den Planeten. Diese Haltung ist auch in Deutschland weit verbreitet. „Die Übervölkerung des Erdballs wirft gewaltige Probleme auf. Milliarden Menschen leben nicht mehr in Hütten nebeneinander, sondern sie leben in Etagen übereinander“, beklagte kürzlich Altkanzler Helmut Schmidt, und warnte vor „neuen Seuchen, Vermassung, größerer Verführbarkeit, Wanderungsströmen und Konflikten.“

Die Lösung für diese Epidemie an Menschen, so will man uns weismachen, liegt in einer drastischen Begrenzung der menschlichen Bevölkerung – ob nun freiwillig, wie bei Peta, oder durch Zwang, wie z.B. in China. Der bekannte britische Tierfilmer und Naturforscher David Attenborough begründete sein Engagement für den britischen Optimum Population Trust (OPT) – eine Organisation, die sich „die Stabilisierung und den graduellen Rückgang der globalen Bevölkerung“ auf die Fahnen geschrieben hat – mit folgendem Argument: „Ich habe noch kein Problem gesehen, das sich mit weniger Menschen nicht leichter lösen ließe; beziehungsweise schwerer, oder gar nicht, mit mehr Menschen.“ Ein weiterer Elder Statesman, dazu noch einer der führenden und expliziten Vertreter der Vorstellung, die Erde sei überbevölkert, ist James Lovelock, Erfinder der „Gaia-Hypothese“. Im Jahr 1974, in seinem ersten Buch über das Thema „Gaia“, schrieb Lovelock in unbekümmertem Ton: „Ausgehend vom momentanen Pro-Kopf-Energieverbrauch können wir abschätzen, dass wir mit weniger als zehn Milliarden Menschen noch in einer Gaia-Welt leben. Bei einer Zahl, die darüber liegt, vor allem wenn der Energieverbrauch weiterhin ansteigt, stehen wir vor der Wahl zwischen permanenter Versklavung auf dem Gefängniskoloss namens Raumschiff Erde, oder Massenauslöschung, die die Überlebenden in die Lage versetzt, die Gaia-Welt wieder aufzubauen.“

In seinem neuen Buch „The Vanishing Face of Gaia: A Final Warning“ erklärt Lovelock, dass Paul und Anne Ehrlich – die Autoren von „Die Bevölkerungsexplosion“ vor 40 Jahren – „zwar zur Übertreibung neigten, ihre Einblicke in die Gefahren der Überbevölkerung aber richtig waren“. Lovelock scheint bezüglich unserer Aussichten sogar noch pessimistischer: „Die Erde könnte in ihrem eigenen Interesse (aber nicht in unserem) in eine heiße Epoche gezwungen werden, in der sie überleben kann, wenn auch in einem weniger bewohnbaren Zustand. Wenn dies geschieht, was wahrscheinlich ist, werden wir die Ursache sein… zu viele Menschen, ihre Haus- und Nutztiere – mehr als die Erde tragen kann.“

Das Funktionieren der Erde als Gesamtsystem

Lovelocks Standpunkt, zuerst erwähnt in einer wissenschaftlichen Arbeit aus dem Jahr 1968, lautet, dass das Bild von unserem Planeten als eine eher zusammenhangslose Menge geologischer, physikalischer, chemischer oder biologischer Prozesse unzureichend sei. Für ihn ist die Erde ein sich selbst regulierendes, lebendiges System. Am Anfang war er erstaunt darüber, wie verblüffend genau die Atmosphäre der Erde – im Gegensatz etwa zu der des Mars – förderlich für das irdische Leben war und schloss daraus, dass dies nicht einfach nur ein geophysikalischer Zufall sein konnte; er argumentierte, ein Netz komplizierter Feedbacks sorge dafür, dass die Anteile verschiedener Gase in der Atmosphäre genau beibehalten würden. Von diesem Punkt aus begann er Spekulationen darüber, wie die kombinierten Einflüsse von Pflanzen, Tieren, Gestein, Meere usw. eine lebensförderliche Umwelt beeinflussen und erhalten könnten.

Lovelock ist bei Weitem nicht der einzige, der die Schwächen der Naturwissenschaft erkannte, wenn diese sich schlicht mit diskreten und fixierten Betrachtungsebenen befasst und nicht realisiert, wie unterschiedlich die verschiedenen Elemente in gesamtheitlicher Sicht zusammenwirken und dabei neue Phänomene hervorrufen. Friedrich Engels bemerkte schon 1878, die Wissenschaft der Aufklärung habe die große Leistung vollbracht, Strukturen und Bestandteile der Natur zu analysieren, die wahre Wissenschaft könne jedoch erst entstehen, wenn die Dinge in Bewegung betrachtet würden. Er schrieb: „Das Zerlegen der Natur in ihre individuellen Teile, die Gruppierung verschiedener natürlicher Prozesse in definierte Klassen, das Studium der internen Anatomie organisierter Körper in ihren mannigfaltigen Formen – dies waren die fundamentalen Bedingungen unseres gigantischen Voranschreitens im Verständnis der Natur in den vergangenen 400 Jahren. Aber diese Vorgehensweise hat uns ebenso die Angewohnheit hinterlassen, natürliche Objekte und Prozesse isoliert zu betrachten, unabhängig von ihrer Verbindung mit dem großen Ganzen; sie im Ruhezustand zu betrachten und nicht in Bewegung; als Konstanten und nicht grundsätzlich als Variablen; in ihrem Tode, nicht in ihrem Leben.“

Lovelocks Gaia-Hypothese ist interessant, versucht sie doch zu begreifen, wie die Erde als Gesamtsystem funktioniert und eine Umwelt hervorbringt, die vorteilhaft für das Leben ist – nicht nur für menschliches, sondern für alles Leben. Die Bezeichnung „Gaia-Hypothese“ ist jedoch für die meisten Wissenschaftler geradezu abstoßend. Wie Lovelock bemerkt, dachte er sich einfach, „Erdsystemwissenschaft“ oder „Geophysiologie“ seien zu langweilige Titel für seine neue Idee. Es war Lovelocks Freund, der Autor von Herr der Fliegen William Golding, der den Namen „Gaia“ vorschlug, nach der griechischen Göttin, die die Erde repräsentierte und Ordnung aus dem Chaos schuf. Unglücklicherweise scheint „Gaia“ ein Synonym für „Mutter Erde“ zu sein. Diese Lesart wird auch durch Lovelock bestärkt, indem er darauf besteht, für den Planeten das weibliche Personalpronomen zu nutzen (wie es bei der deutschen „Erde“ natürlich ohnehin der Fall ist, Anm. des Übersetzers), und seinem System – metaphorisch, wie er sagt – bestimmte Eigenschaften zuschreibt, die eine Art aufkommende Intelligenz implizieren, wie etwa „ihre Interessen“.

Vergöttlichung der Erde

Für Lovelock besteht mit Sicherheit kein Zweifel daran, dass die Erde lebt, obwohl er nicht wirklich sicher ist, was das bedeutet. „Warum reden sie immer davon dass die Erde lebt? Das ist eine gute Frage, und es gibt darauf keine rationale Antwort; tatsächlich finden einige meiner Freunde die Vorstellung, die Erde lebe, nicht „ wissenschaftlich unkorrekt“, sondern schlicht absurd. Darauf antworte ich stets, die Wissenschaft habe noch keine vollständige Definition des Lebens formuliert.“

Das stimmt allerdings. Viele Dinge lassen den Unterschied zwischen belebt und unbelebt verschwommen erscheinen. Ein Virus beispielsweise enthält genetisches Material und kann sich durch natürliche Selektion entwickeln, trotzdem wird es, da es von den internen Prozessen einer Wirtszelle abhängig ist, normalerweise nicht als „lebendig“ angesehen. Wenn zum „Leben“ alles gehören mag, was eine Stufe über einem dummen Replikator wie einem Virus steht, dann kann man sich auch eine Definition zusammenreimen, die die Erde als „lebendig“ einstuft.

Na und? Das Wohlergehen der meisten nichtmenschlichen Lebewesen ist mir ziemlich egal (meine Katze bildet eine großzügige Ausnahme). Selbst wenn die Erde nach irgendeiner geistlosen Definition als „lebendig“ zu bezeichnen wäre, hieße das nur, dass sie auf gleiche Weise lebendig wäre wie der Schimmel in meinem Badezimmer. Und das ist etwas ganz anderes als davon zu reden, man sollte sich Gedanken über die Erde um der Erde willen machen, und nicht um der Menschen willen. Wir müssen die Idee zurückweisen, die Erde habe Interessen und Belange, die sie – bewusst oder unbewusst – verfolgen könne. Leider ist genau diese Vorstellung der Kern der vorherrschenden Interpretation der Gaia-Hypothese.

In dieser Hinsicht ist Gaia schlicht und einfach Mystizismus; ein antimenschliches Konzept, das tatsächlich suggeriert, unsere Existenz sei nicht mehr wert als die irgendeines anderen Lebewesens. In Wirklichkeit sind Menschen sehr wohl etwas Außerordentliches. Nicht weil sie höhere Wesen wären, oder weil ein heiliges Buch es sagt, sondern weil die Realität der menschlichen Geschichte und Gesellschaft, unser gemeinsames, aufgeklärtes Eigeninteresse darauf hindeutet, dass es so ist.

Manchmal scheint Lovelock den Planeten zu vergöttlichen; er existierte vor uns, er wird nach uns weiter existieren und wird nicht davor zurückschrecken, uns zu zermalmen und zu zerschmettern, wenn wir nicht anfangen, uns zu benehmen. „Die wahre Erde bedarf keiner Rettung. Sie kann, hat und wird sich immer selbst retten und beginnt jetzt damit, indem sie sich wandelt, in einen Zustand, der für uns und andere Tiere wesentlich unwirtlicher ist.“ Töricht wie wir sind, glauben wir, wir könnten die Aufgabe der Regulierung des Planeten von Gaia übernehmen, doch in Wahrheit, sagt Lovelock, „sind wir nur eine der Partnerspezies im großen Unternehmen Gaia. Wir sind Kreaturen der darwinschen Evolution, eine vorübergehende Spezies mit begrenzter Lebensspanne… glauben wir wirklich, dass wir Menschen, völlig ungeschult wie wir sind, die Intelligenz oder die Fähigkeit haben, die Erde zu managen?“ Alles, was wir bis auf Weiteres tun können, argumentiert er, ist so lange zu überleben, bis wir uns in eine Spezies verwandelt haben, die den Absichten von Gaia besser dient.

Pro Atomkraft

Da dies unsere letzte Warnung sei, legt Lovelock eine für einen Helden der grünen Bewegung ziemlich unkonventionelle Denkweise an den Tag. Er ist ein leidenschaftlicher Unterstützer der Kernkraft, die uns „durch die trüben Zeiten helfen kann, die vor uns liegen, wenn sich das Klima ändert, wenn die Nahrungsmittel knapp werden, das Öl ausgeht und gravierende demographische Veränderungen stattfinden“. Wir sollten „die Kernkraft begrüßen, als die gute und verlässliche Energiequelle“. Er entkräftet Bedenken hinsichtlich des Atommülls und möglicher Unfälle. Er verzweifelt daran, dass die Anti-Kriegs-Kampagnen der Vergangenheit dazu geführt haben, dass „es keine politische Partei mehr in Großbritannien gibt, die sich traut, Kernenergie als die grünste, billigste, sicherste und verlässlichste Energiequelle zu bezeichnen“.

Contra Klimaforschung

Ebenso gerechtfertigt ist seine Abfuhr, die er den Vorhersagemodellen der Klimaforschung erteilt. „Die Wissenschaft hat sich schrittweise zu einem Punkt hin entwickelt, an dem Modellierungen gegenüber Beobachtung und Messung eindeutig überrepräsentiert sind, ganz besonders in den Erd- und Naturwissenschaften. In gewisser Hinsicht ist das Modellieren durch Wissenschaftler zu einer Bedrohung des Fundaments geworden, auf dem die Wissenschaft stand: Die Erkenntnis, dass die Natur immer der letzte Schiedsmann ist und dass eine Hypothese immer durch Experimente und Beobachtungen der realen Welt überprüft werden muss.“ Zugegebenermaßen richtet sich Lovelocks Kritik eigentlich gegen die seiner Meinung nach fehlende Einsicht in die umfassende Komplexität Gaias – aber sein Urteil über diejenigen, die Wissenschaft lieber in der virtuellen als in der realen Welt praktizieren, ist nichtsdestoweniger zutreffend.

Autoritäre grüne Politik

Und obwohl er keinen Respekt vor zahlreichen Heiligtümern der grünen Bewegung hat, zielt seine Kritik in eine vollkommen antidemokratische Richtung. Was es braucht, sind in seinen Augen schlaue, klar denkende Menschen, die das Durcheinander aufräumen. So wie es bereits Attenborough und andere in der Vergangenheit taten, fällt er zurück zu den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. „Was wäre, wenn wir irgendwann in den nächsten Jahren feststellten – so wie im Jahr 1939 – dass die Demokratie vorübergehend außer Kraft gesetzt werden und wir ein strenges Regime akzeptieren müssten, in dem Großbritannien als legitimer, aber begrenzter Zufluchtsort für die Zivilisation erschiene?“ Er fährt fort: „Planmäßiges Überleben erfordert einen ungewöhnlichen Grad an menschlichem Verständnis und Führungskraft und könnte – wie im Krieg – die Aufhebung des demokratischen Regimes für die Dauer der Überlebensnotfallmaßnahmen erforderlich machen.“ Daraufhin schlägt er ganz bescheiden seinen alten Kumpel, den Ex-Diplomaten und Akademiker Sir Crispin Tickell für die Rolle des auferstandenen Churchill vor.

Hier enthüllt Lovelock seinen Frust über die Schwierigkeiten, die Öffentlichkeit von den Maßnahmen zu überzeugen, die er und seine Kameraden für notwendig halten. In dieser Hinsicht scheint er auch nicht viel von den derzeit aktiven Umweltschützern und –-politikern zu halten: „Die grünen Lobbygruppen und politischen Parteien verdanken ihre Existenz dem unablässigen Strom von guten Geschichten über Umweltkatastrophen.“ Für einen Mann, der Bücher schreibt, die eine „Letzte Warnung“ darstellen und über den „Gigatod“ sinnieren, scheint es allerdings ein wenig überheblich, wenn er sich daran stört, dass die Grünen in Bezug auf die Themen Panikmache betreiben, die er fördern will, wie etwa Atomkraft.

Lovelock wird dieses Jahr 90 – und die Urgroßväter der Meisten von uns sind eine Mischung aus interessanten Erfahrungen und schrägen Ansichten. Was allerdings wirklich beunruhigt, ist die unkritische Lobhudelei, die er aus manchen Ecken für seine Bücher erhält, trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner beschränkten Sicht auf die Menschheit und seiner indifferenten Einstellung zur Demokratie. Viel zu viele Leute in hohen Positionen und den Medien teilen Lovelocks Ansicht, dass nur smarte Typen wie sie selbst das Sagen haben sollten,. Währenddessen sollte der Rest von uns tun, was man uns sagt, und wir unser Bestes versuchen, keinen allzu großen Fußabdruck auf dem Antlitz von Gaia zu hinterlassen.

Die betriebswirtschaftlich-technokratische Art des Regierens, die wir in den letzten Jahren beobachteten, in der „Ära des Endes der Politik”, ist schon schlimm genug. Trotzdem werden Lovelocks Ressentiments gegen die Demokratie in Interviews und Besprechungen im Allgemeinen bestenfalls ignoriert; im schlimmsten Falle finden sie stillschweigende Zustimmung. In mancher Hinsicht sollte man Lovelock für seine Offenheit loben: Seine schlechte Meinung über politische Zurechnungsfähigkeit ist eindeutig und disputabel. Viele andere, die diese Sicht teilen, ergreifen nur zu gerne die Gelegenheit, um mit Begründungen wie „zum Wohle des Planeten“ in ihren Behörden, in den Lobby der Parlamente oder in Brüssel grüne Ideen durchzudrücken, weit weg von den störenden Massen. Vielleicht ist die Bloßstellung des autoritären Impetus grüner Politik Lovelocks eigentliche letzte Warnung.