18.10.2011

Schleichende Prohibition –Wie man uns trockenlegen will

Essay von Christoph Lövenich

Alkoholgenuss wird hierzulande zunehmend an den Pranger gestellt. Lobbygruppen treiben eine Regulierung und „Denormalisierung“ voran.

Bei der Fußball-WM 2006 konnte sich manch ausländischer Gast nicht nur an deutschen Autobahnen, der Raucherlaubnis in Gaststätten und legaler Prostitution freuen, er durfte sogar noch einfach so auf der Straße sein Bierchen trinken. Nicht nur beim Tabak hat sich zwischenzeitlich etwas verändert, nein, auch Alkoholtrinkverbote auf öffentlichen Plätzen werden in immer mehr Städten erlassen. Und in Nahverkehrsmitteln, etwa in Hamburg und München. An baden-württembergischen Tankstellen dürfen nach 22 Uhr keine alkoholischen Getränke mehr erworben werden. [1] In Gaststätten wird die freie Preisgestaltung der Gastronomen (Flatrate-Trinken) unterminiert. Forderungen nach Maßnahmen gegen „Koma-Saufen“ werden erhoben, Null-Promille-Grenzen für Autofahrer debattiert, neue Gesetze verlangt und nichtsahnend im Kinosessel wird man vom Zeigefinger der neuesten Regierungswerbekampagne gegen Alkoholkonsum erfasst. [2] Neben Rauchern und sogenannten „Übergewichtigen“ steht längst auch das dem Alkoholischen nicht abgeneigte Individuum – eine besonders große Zielgruppe – im Fokus.

Prohibition hat immer eine Geschichte

„Die Alkoholprohibition“ bleibt in unserem Sprachgebrauch zwar untrennbar verbunden mit jener Phase in den USA von 1920 bis 1933, als das Handelsverbot für alkoholische Getränke Verfassungsrang genoss, diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Nicht nur lassen sich weitere ähnliche Beispiele in Raum und Zeit finden, auch liefen wir Gefahr, die Mechanismen der Anti-Alkohol-Politik misszuverstehen. Die völlige Illegalisierung des Verkaufs bildet nur einen fortgeschrittenen Punkt der Alkoholprohibition, der Prozess beginnt immer viel früher. „Kleine Gesetze werden zu großen Tyranneien zusammengesetzt“ [3] lautete schon damals in den USA ein Protestmotiv, das die Prohibition zu Recht als Puzzle zeigt, welches aus vielen Teilen besteht, die nach und nach ein großes Bild ergeben. Über Jahrzehnte entstand langsam, Schritt für Schritt, eine Stimmung, die immer weiter reichende Regulierungen des Alkoholkonsums befürwortete oder zumindest duldete.

Während bei der in vielem ähnlichen Tabakbekämpfung zwar auch grundlegende Argumentationslinien über Jahrhunderte gleich geblieben sind, zeichnet sich die Alkoholbekämpfung zudem durch eine bemerkenswerte organisatorische Kontinuität aus. Eine der Bruderschaften der angelsächsischen Abstinenzbewegung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der (als „Ritter von Jericho“ gegründete) Internationale Orden der Guttempler (IOGT) besteht fort und betreibt als heute weltweit größte Abstinenz-NGO ohne Regierungseinfluss unverändert intensiv Lobbyarbeit für eine „‚trockene“‘ Menschheit. [4] Die Guttemplerzentrale residiert in Schweden – einer traditionellen Hochburg der Alkoholbekämpfer. In Dutzenden Ländern arbeiten Mitgliedsorganisationen. [5] Der hiesige Ableger der Guttempler gehörte zu der sich ab Ende des 19. Jahrhunderts entwickelnden Alkoholabstinenzbewegung und wollte aus „ethischen, rassenhygienischen und wirtschaftlichen Gründen“ [6] den Teufel Alkohol austreiben. Die Stunde dieser Gruppierung war mit der Machtergreifung der Nazis gekommen, denen sich die einschlägigen Organisationen unterschiedlicher Provenienz schnell an den Hals warfen. Denn Figuren wie Hitler und Himmler profilierten sich nicht nur als Antiraucher (und Ernährungspolitiker), sondern nahmen sich auch der „Getränkefrage“ [7] an. Selbst der als „Reichstrunkenbold“ verschriene Arbeitsfrontführer Robert Ley startete eine Kampagne zum Teetrinken. Wer als „Alkoholiker“ galt, konnte der Zwangssterilisierung zum Opfer fallen. Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti fasste 1939 die Strukturen der Bewegung administrativ in der Reichsstelle gegen Alkohol- und Tabakgefahren zusammen. Als deren Nachfolgeorganisation nach Kriegsende entstand die nach mehreren Umbenennungen heute so bezeichnete Deutsche Hauptstelle für Suchfragen (DHS) in Hamm. [8] An einer kritischen Aufarbeitung der eigenen Geschichte fehlt es bei diesem wichtigen Lobbyakteur der deutschen Alkoholpolitik bis heute.

Als einer der Mitgliedsverbände der DHS [9] gehören ihr die Guttempler an, nach wie vor in Deutschland präsent [10], übrigens von der Krankenkasse DAK gesponsert. Die Aktivisten, beide Geschlechter sind zugelassen, sprechen sich als Ordensgeschwister an. Die Organisation betreibt Kindergruppen, eigene Jugendverbände veranstalten Ferienlager. [11] In ihrem inhaltlichen Programm für Deutschland fordern die Guttempler u.a. ein umfassendes Werbeverbot und eingeschränkte Verfügbarkeit für alkoholische Getränke, höhere Alkoholsteuern proportional zum Alkoholgehalt, eine Null-Promille-Alkoholgrenze für alle Autofahrer und die sogenannte „Punktnüchternheit“, also die personen- und anlassbezogene Abstinenz. [12]

Der Drogen- und Suchtrat

Die Positionen der DHS, deren ehemaliger Geschäftsführer Rolf Hüllinghorst selbst auch Guttempler-Funktionär gewesen war, gehen in die gleiche Richtung. Sie fanden starken Widerhall in einem Papier des Drogen- und Suchtrats der Bundesregierung von 2008. [13] Diesem Gremium, unter Vorsitz der Drogenbeauftragten, gehören neben diversen Behördenvertretern auch die DHS und die Guttempler an. [14] Kritische drogenpolitische Stimmen werden jedoch nicht als Mitglieder zugelassen. [15] Auch wenn sich die Bundesregierung den Forderungskatalog des Drogenrates nach Erscheinen nicht zu eigen gemacht hatte, lohnt sich doch der genaue Blick in diese Pläne der Abstinenzlobby. Denn alle ihre Projekte werden auf unterschiedlichen Ebenen kontinuierlich weiterverfolgt. Man spricht sich nicht für das Ziel der Totalabstinenz aus, die Begründung dafür wirkt jedoch etwas taktisch. Vielmehr stehen die schon angesprochene Punktnüchternheit und die „Beschränkung auf gelegentlichen Konsum in moderater Dosierung“ im Mittelpunkt. Dieser wird nach deren Definition allerdings bereits verlassen, wenn man einmal im Monat „über den Durst“ trinkt. Auf die willkürlich festgesetzte Menge hierfür braucht gar nicht näher eingegangen werden, offiziöse Empfehlungen über solche „Grenzwerte“ unterliegen sowieso einer ständigen Dynamik – immer weiter nach unten.

Langfristig wird das totale Alkoholverbot für Autofahrer angestrebt (mit dem taktischen Etappenziel einer 0,2-Promille-Grenze), ohne übrigens den starken Alkoholkonsum von Beifahrern dulden zu wollen. Die geforderte Ausweitung – auch verdachtsunabhängiger – Verkehrskontrollen, ebenso wie die Kontrollen in Gaststätten und Einzelhandel, was den Verkauf an Minderjährige angeht, offenbart die polizeistaatlichen Denkansätze der Alkoholfeinde, zudem soll eine rigide Sozialkontrolle durch eine „Kultur des Hinschauens‘“ erzielt werden. 16- und 17-jährigen soll der Erwerb von Wein und Bier verunmöglicht werden, nachdem man ihnen schon den Tabakkauf und die Sonnenstudiobenutzung untersagt hat. Jugendliche – hier konkret ältere – werden somit zunehmend wie Kinder behandelt. Dies dient auch als Einfallstor in den ebenfalls nicht erwünschten selbstbestimmten Konsum Erwachsener, wo dann beispielsweise mit einer „Vorbildfunktion“ argumentiert wird. Das totale Werbe- und Sponsoring-Verbot [16] für alkoholische Getränke, ein Verbot des Automatenverkaufs, Warnhinweise auf Getränkebehältnissen und deutlich höhere – nach Alkoholgehalt ansteigende – „Spritpreise“ (s.o.) stehen ebenfalls auf der Wunschliste. All dies erinnert an die Bekämpfung des Tabaks, dessen Erfolge Vorbildcharakter für die Trockenheitsapostel haben. Dementsprechend ähnelt das behandelte Alkoholpapier in vielem einem im gleichen Jahr vom Drogen- und Suchtrat erstellten Tabakpapier [17]; – das Kopieren ging sogar so weit, dass man einmal versehentlich vom „Tabakkonsum“ statt über Alkohol schrieb.

Passivtrinken

Auch die Mär vom gefährlichen Passivrauchen [18] wird übernommen. „Im Bereich der Tabakprävention hat sich gezeigt, dass Hinweise auf die für Dritte schädlichen Konsequenzen des Substanzkonsums eine erhebliche Überzeugungskraft besitzen“. Peter Anderson, beruflich vom professionellen Anti-Tabak-Krieger bei der WHO zum Alkoholbekämpfer gewechselt, formulierte es so: „Ohne Schaden für andere wird das Argument etwas schwächer.“ [19] Passivtrinken meint nicht die chemischen Substanzen, die man über einem Glas Wein messen kann oder die biergeschwängerte Luft in einer Eckkneipe, obwohl sich daraus genau wie beim Umgebungsrauch ein vermeintlicher Schrecken konstruieren ließe. [20] Vielmehr handelt es sich um eine Argumentationsschiene, die schon seit Jahrhunderten gefahren wird: Gewalt, Kriminalität, Familienelend und eben auch Verkehrsunfälle werden pauschal auf den Alkohol geschoben. In den USA der vorletzten Jahrhundertwende engagierten sich Frauenverbände für die Alkoholprohibition, weil sie sich die häusliche Gewalt selbst nicht zu thematisieren trauten. Doch der behauptete kausale Zusammenhang von Suff und Verbrechen lässt sich nach wie vor nicht belegen. [21]

Abstinenzpolitik global

Derartige Entwicklungen vollziehen sich keineswegs spezifisch in Deutschland oder seinen Nachbarländern. Nicht der „Prohibitionismus in einem Land“ ist Ansatz der Wahl (schon religiöse Prohibitionisten in den USA der 20er Jahre wollten ihren Kampf global ausweiten), sondern die internationale und europäische Kooperation – genau wie beim Tabak. Die WHO konsultiert und vernetzt diverse einschlägige Organisationen, wie die Guttempler, EUROCARE (mit Beteiligung der DHS und Subventionen der EU), Verbände des medizinisch-industriellen Komplexes und weitere Lobbyorganisationen. Dabei wird die Taktik fürs globale Vorgehen und in den einzelnen WHO-Mitgliedsstaaten beraten. Es werden Resolutionen gefasst, die politischen Druck auf die Nationalstaaten ausüben sollen. Manche Beteiligte fordern bereits eine völkerrechtliche Rahmenvereinbarung, ähnlich wie der FCTC [22] beim Tabak. [23]

In der europäischen WHO-Region existieren seit einigen Jahren bereits eine „Europäische Charta Alkohol“, die Unterstützung von Abstinenz als ethisches Recht formuliert, sowie u.a. ein „Handlungsrahmen“ [24], der die üblichen Verbots- und Erziehungsforderungen beinhaltet. Dazu gehört, wie auch im erwähnten Papier des Drogen- und Suchtrats, der Ruf nach Alkohol-Totalabstinenz während der Schwangerschaft, der nicht auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, sondern vielmehr im Trend der zunehmenden Moralisierung der Schwangerschaft mitschwimmt. [25] Im Vereinigten Königreich wie auch in Deutschland finden jährlich Mahnwachen oder Aufrufe zum Kirchenläuten anlässlich des „Tages des alkoholgeschädigten Kindes“ statt. Die britische Regierung subventioniert sogar eine fundamentalistische, aus Nordamerika stammende Organisation, die sich auf diesem Gebiet besonders profiliert. [26]

Sogar außerhalb der Schwangerschaft soll der Alkohol eine Bedrohung für Kinder darstellen. So findet sich auch in Deutschland die in Skandinavien entwickelte Kampagne „Weiße Weihnacht“ [27], bei der sich Eltern verpflichten sollen, über die Feiertage keine alkoholischen Getränke in Gegenwart von Kindern einzunehmen. Schlagendes Argument: „Kinder spüren, dass die Erwachsenen seltsam riechen, wenn sie trinken“. 2008 unterzeichnete die damalige Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (heute Bätzing-Lichtenthäler, SPD) die Erklärung auf einer DHS-Veranstaltung. [28] Zu den Unterstützern der Kampagne zählen u.a. Guttempler-Organisationen und der Bund für drogenfreie Erziehung (BdE) [29], Nachfolger des 1896 gegründeten Vereins enthaltsamer Lehrer. Hier zeigt sich wiederum die organisatorische Kontinuität innerhalb der Alkoholprohibitionsbewegung vom 19. Jahrhundert bis heute. Bis heute dürften bei den Abstinenzpropagandisten die ‚trockenen Trinker‘ stark vertreten sein, die mit dem Eifer des Konvertiten anderen versagen wollen, was sie sich selbst nicht mehr gönnen. Die Maßlosigkeit des Trinkens geht in eine Maßlosigkeit der politischen Forderungen über; aus der mangelnden Selbstbeherrschung bei beidem erwächst der Wille zur Beherrschung der Mitmenschen, welche ihrerseits ganz überwiegend mit Alkohol und ohne Regulierungswut sehr gut auskommen können.

Diese Bewegung erzielt heutzutage allerdings nur Erfolge, da sie den Schulterschluss mit den üblichen verdächtigen Public-Health-Kreisen (bekannt aus Tabakkontrolle und Ernährungspolitik) bzw. dem medizinisch-industriellen Komplex mit seinen Vereinigungen, Behörden usw. übt (s.o. zur WHO). [30] Dazu gehört auch die Pharmaindustrie, die die lästigen Konkurrenten zu den „Seelentröstern“ aus ihren eigenen Labors seit Jahren intensiv bekämpfen lässt und Medikamente gegen Alkoholismus platziert. In diesem Geflecht entsteht eine moralisch-medizinische Unternehmerschaft, die ihre Vorstellungen dem Rest der Welt aufzwingen will. [31]

Denormalisieren, regulieren, manipulieren

Wie beim Tabak wird eine „Denormalisierungs“-Strategie gefahren, die zumindest bestimmte Konsumformen und Verstöße gegen die Punktnüchternheit, letztlich aber auch den Genuss alkoholischer Getränke insgesamt zum abweichenden, minderwertigen Verhalten deklassieren will. [32] So mancher, der die Ausgrenzung des Rauchens bisher gleichgültig oder gar wohlwollend verfolgt hat, wird sich noch wundern, wie man ihn künftig wegen seiner Trinkgewohnheiten behandelt.

Die Alkoholwirtschaft, einst als „Alkoholkapital“ (deutsche Großloge der Guttempler) [33] und „Schnapsjuden“ (Drittes Reich) [34] verschrien, wird als Buhmann und Feindbild „Alkohollobby“ aufgebaut, als ob sie individuelle Trinkgewohnheiten bestimme. Wie auch bei der Tabakindustrie begründet man damit jedoch Verbotsorgien, unter denen neben dem Kleingewerbe vor allem und zuallererst die konsumierenden Menschen zu leiden haben.

Einen kleinen Vorgeschmack, zusätzlich zu den bereits erwähnten Regulierungen, bietet ein Rundblick auf in unterschiedlichen Ländern beschlossene und diskutierte Maßnahmen: Das Alkoholschloss für Autofahrer (Zündung erst nach „Blasen“) in den Niederlanden, die in Großbritannien (auch von staatlich finanzierten Kreisen) geforderten eigenen, abgegrenzten Alkoholverkaufszonen in Supermärkten oder gar die Verbannung in lizenzierte bzw. staatsmonopolistische Spezialgeschäfte, die vom Bayerischen Städtetag verlangte Gaststättensperrzeiten ab 2 Uhr morgens sowie Trinkverbote in Fußballstadien. Jeder solche Schritt fügt dem großen Puzzle der Alkoholprohibition wieder ein Teil hinzu.

Das Klima für solche Bevormundung wird (wie von der WHO ausdrücklich gewünscht) durch die Berichterstattung der Mainstream-Medien geschaffen. Fragliche Gesundheitsbehauptungen über Alkoholkonsum werden unreflektiert nachgeplappert und die Wahrnehmung eines vermeintlichen Problems konstruiert. Hier kann leider nicht ausführlich auf die propagandistische Unwahrheiten in der Alkoholdebatte und ihre Widerlegung eingegangen werden. Nur so viel: Der Alkoholkonsum in Deutschland geht seit Jahrzehnten zurück, auch bei Jugendlichen. „Koma-Säufer“ liegen gar nicht im Koma, vielmehr werden betrunkene Jugendliche heutzutage viel eher bei Sanitätern und im Krankenhaus abgeliefert, statt wie früher zu Hause oder anderswo friedlich ihren Rausch ausschlafen zu können. Die Zahl der Verkehrstoten im mutmaßlichen Zusammenhang mit Alkoholkonsum sinkt seit Jahren. Die gesundheitsfördernden Wirkungen des Alkohols werden nach Möglichkeit verschwiegen oder kleingeredet und die Werbung für alkoholische Produkte steigert nicht den Konsum derselben, sondern intensiviert sich im Kampf um den schrumpfenden Markt. [35] Nüchtern betrachtet stellt nicht der Alkohol ein Problem dar, sondern die drohende „Vertrocknung“ durch die Prohibition.