20.04.2011

Schnacken mit Orang-Utans?

Analyse von Helene Guldberg

Tierforscher sollten aufhören, wider besseres Wissen die Kommunikation von Tieren mit der menschlichen Sprache zu vergleichen.

Immer wieder wird uns vermittelt, dass der Mensch letzten Endes doch nicht so außergewöhnlich sei: Fähigkeiten, von denen man bisher dachte, sie würden nur beim Menschen vorkommen, seien jetzt angeblich auch unter Menschenaffen nachgewiesen worden, heißt es. Im Sommer wurde in den Royal Society Journal Biology Letters gar behauptet, Orang-Utans nutzten Pantomime, um sich verständlich zu machen. 1

„Angesichts der anspruchsvollen Eigenschaften der Pantomime betrachten sie manche als typisch menschlich“, schrieben die Autorinnen des Artikels, Anne Russon und Kristin Andrews. „Pantomime ist Gestik, in der eine Bedeutung ausgedrückt wird; beim Menschen kann es so etwas Einfaches sein wie das Drehen eines Fingers, um einen Wirbel anzudeuten, oder etwas so Kompliziertes wie das Erzählen des Ramayana [indisches Nationalepos].“ 2 Die Forscher analysierten Datenmaterial aus 20 Jahren über vormals gefangen gehaltene Orang-Utans, die jetzt im Wald auf der indonesischen Insel Borneo leben. Sie bestimmten 18 Fälle von Pantomime, 14 davon waren an Menschen gerichtet und 4 an andere Orang-Utans. In einem Falle sei ein weiblicher Orang-Utan namens Kikan beteiligt gewesen, der sich in der Woche zuvor am Fuß verletzt hatte. Ein Pfleger hatte ein Feigenblatt genutzt, um die Wunde zu verschließen. Diese erste Hilfe wurde scheinbar von Kikan nachgespielt. Russon schrieb: „Sie bittet um nichts, was gemeinhin als das häufigste Ziel der Menschenaffenkommunikation gilt, sondern scheint einfach eine Erinnerung mit der Person zu teilen, die ihr half, als sie sich ihren Fuß verletzte.“ 3

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Affen und andere Tiere in der Lage sind, in der Wildnis miteinander zu kommunizieren – ob durch Werbungsrituale, durch Zurschaustellung von Dominanz an Reviergrenzen oder durch Warnrufe. Hunde zum Beispiel blecken ihre Zähne und knurren, um anderen Tieren zu signalisieren, ihr Revier zu verlassen. Katzen versuchen, größer und bedrohlicher auszusehen, indem sie das Haar an ihrem Schwanz aufbauschen, um anderen Tieren zu signalisieren, dass sie sich ihnen nicht widersetzen sollten. Rangniedrige Schimpansen nutzen Grunzlaute gegenüber dominanten Gruppenmitgliedern, um Beschwichtigung und Unterwerfung zu signalisieren. Dies sind jedoch instinktive Mitteilungen. Der Beweis dafür, dass Tiere in der Lage sind, mit Absicht und Verstand zu kommunizieren, oder gar „ihrer Welt einen Sinn zu geben, indem sie Geschichten erzählen und ihre Gedanken über ihre Welt anderen zu übermitteln“, wie Andrews behauptet, wurde bislang nicht erbracht.

Michael Tomasello ist Autor einiger hochinteressanter Bücher, einschließlich Origins of Human Communication, und verbrachte viele Jahre damit, die Fähigkeiten der Menschenaffen am Wolfgang-Köhler-Primate-Research-Center in Leipzig zu studieren. Er sagte mir: „Ohne eine Art Kontrollbeobachtung können wir nicht sicher sein, was Orang-Utans tun. Wie oft machen Orang-Utans dieselben Handbewegungen in anderen, belanglosen Zusammenhängen?“ Tatsache ist, dass wir nicht wissen, ob Kikan versuchte, ihre Dankbarkeit ob der Behandlung ihrer Wunde auszudrücken, oder ob sie lediglich willkürlich Handbewegungen (nach)machte.

Wie ich in meinem Buch Just Another Ape? darlege, muss man die ersten Eindrücke und anekdotenhaften Beweise hinter sich lassen, um die Unterschiede und die angeblichen Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Menschenaffen herauszuarbeiten. Die Bestimmung und Beschreibung einer Reihe von Verhaltensweisen könnte auf unterschiedliche Arten interpretiert werden. Daniel Povinelli ist ehemaliger Direktor der Cognitive Evolution Group an der University of Louisiana in Lafayette. Er führte einige wegweisende Untersuchungen durch, um zu vergleichen und gegenüberzustellen, wie Menschen und Schimpansen die Welt um sich herum verstehen. Er berichtete mir, dass Affen lediglich willkürliche Verhaltensweisen abgegeben haben könnten: „Zeige ein zufälliges Verhalten. Wenn du bestätigt wirst, höre auf. Wenn von dem, was du willst, noch mehr verfügbar ist, wiederhole das Verhalten, das bestätigt wurde. Wenn alles verbraucht ist, höre auf. Wenn du nicht bekommst, was du möchtest, gib ein anderes zufälliges Verhalten ab. Wenn nichts, was du möchtest, gegenwärtig ist, tue nichts.“

Es ist schlicht und ergreifend schlampig, ein bestimmtes Verhalten – oder eine Reihe von Verhaltensweisen – zu beschreiben und daraus zu schließen, dass dies der Beweis dafür sei, dass Tiere in der Lage wären, absichtlich anderen Lebewesen Bedeutungen zu übermitteln. Sogar wenn gezeigt würde, dass die Verhaltensweisen eine kommunikative Funktion erfüllten, bedeutet das nicht, dass der Affe mit Absicht kommuniziert hat, es könnte auch das Ergebnis willkürlichen Verhaltens oder instinktiver Kommunikation sein.

Nehmen wir das Beispiel der Grünen Meerkatze: Wegweisende Untersuchungen an wilden Grünen Meerkatzen durch Robert Seyfarth und Dorothy Cheney in den 80er-Jahren zeigten eine vermeintlich hoch entwickelte Methode der Kommunikation über die Entfernung von Raubtieren. Da sie am Rande der Savanne leben, haben die Meerkatzen viele Feinde. Ihre Überlebenschance wäre demzufolge bedeutend höher, wenn sie in der Lage wären, passend auf verschiedene stimmliche Warnungen zu reagieren. In der Tat hat man herausgefunden, dass Grüne Meerkatzen bestimmte Warnrufe für bestimmte Raubtiere entwickelt haben: Der Warnruf für einen Adler unterscheidet sich von dem für einen Leoparden, der wiederum anders ist als der für eine Python.

Vom Anbeginn ihrer Studie betonten Seyfarth und Cheney, dass durch diese anfänglichen Ergebnisse nicht nachgewiesen werden könne, ob die Rufer mit der ausdrücklichen Absicht ausriefen, um auf die Nähe eines Raubtieres zu verweisen. Sie waren so vorsichtig, darauf hinzuweisen, dass es keine Beweise dafür gäbe, dass die Affen „Gedanken“ hätten, die sie mit Absicht an andere übermittelten. In der Tat zeigen weitere Forschungsarbeiten, dass die Vokalisierungen des Rufers nicht für andere Tiere gedacht waren. In Origins of Human Communications belegt Tomasello, dass die Warnrufe in erster Linie dem Rufer selbst von Nutzen sind – etwa um das Raubtier abzulenken – und dass die anderen Grünen Meerkatzen lediglich durch Lauschen informiert werden. Dies wurde von Cheney und Seyfarth in Anschlussexperimenten gezeigt, in denen Meerkatzenmütter sahen, wie sich Raubtiere ihren Jungen nähern. Die Mütter, so fand man heraus, gaben keine Warnrufe ab, sofern sie sich nicht
selbst in Gefahr befanden.

In The Language Instinct nimmt der Evolutionspsychologe Steven Pinker überzeugend viele der grotesken Behauptungen über die Sprachfähigkeiten von Affen oder anderen Tieren auseinander. Er betont, dass wir alle eine Tendenz zur Vermenschlichung hätten, die uns dazu brächte, Tieren viel mehr Fähigkeiten zuzuschreiben, als diese in Wirklichkeit besitzen. „Menschen, die viel Zeit mit Tieren verbringen, neigen dazu, nachsichtige Haltungen zu ihren Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln“, schreibt er und führt das Beispiel seiner Großtante Bella an, die „in aller Ernsthaftigkeit darauf bestand, dass ihre Siamkatze Rusty englisch verstand“. Von Wissenschaftlern, die Kommunikationsstrukturen von Tieren erforschen, sollten wir jedoch mehr erwarten. Sie sollten darauf gefasst sein, die Daten ihrer Studien kritisch auszuwerten. Tatsächlich jedoch seien ihre Behauptungen nicht viel wissenschaftlicher als die seiner Großtante, legt Pinker dar. Ich würde diesen Vorwurf auf Russon und Andrews ausweiten.

So behaupten die beiden Forscherinnen zum Beispiel, dass ein weiblicher Orang-Utan Ereignisse durchspielte, um seinen Erfahrungen einen Sinn zu geben. „Nachdem sie ihrem Partner absichtlich den Rücken zugedreht hatte, spielte sie ihre Handlungen mit ihm nach; wahrscheinlich, um sie zu verstehen“, schreiben sie. Wie in aller Welt können wir wissen, dass der Affe genau dies tat? Ebenso abenteuerlich liest sich die Geschichte von dem halbwüchsigen Männchen, das „pantomimisch eine Bitte darstellte“: Es pflückte ein Blatt und einen Stiel vor einem menschlichen Mitarbeiter und „wischte mit dem Blatt Dreck von seiner Stirn, während es Augenkontakt hielt, dann gab es das Blatt dem Menschen, um zu bitten, er möge dasselbe tun“. Aber wir können nicht wissen, dass es das war, worum das Männchen „bat“? Er könnte genauso gut das Blatt dem Menschen einfach so überreicht haben.

Die Kommunikation der Affen ist mit menschlicher Sprache nicht zu vergleichen. Wir debattieren und diskutieren Ideen, konstruieren Argumente – indem wir aus vergangenen Experimenten schöpfen und uns spätere Möglichkeiten vorstellen –, um die Meinung anderer zu verändern. Wir ahmen nach. Wir erschaffen alles von großer Literatur bis zu Kinderreimen, die uns helfen, einen Sinn in den menschlichen Umständen zu erkennen, und wir können Wissen von Generation zu Generation weiterreichen: Manche Kinderreime haben Jahrhunderte überlebt. Wir können eine unendliche Zahl an Bedeutungen kommunizieren und eine unendliche Zahl an Argumenten entwickeln. Wir können von internationaler Politik und Ökonomie bis hin zu den banalsten Themen alles debattieren und diskutieren.

Ich kann nicht die geringste Parallele erkennen zwischen der Schönheit, Kraft und Komplexität der menschlichen Sprache und einem Affen, der sich die Stirn mit einem Blatt abwischt und es einem anderen Lebewesen überreicht.