01.01.2011

Editorial

Von Novo-Redaktion

Die Bezeichnung der Medien als „vierte Gewalt“ geht bis in die Zeit der Aufklärung zurück, als es Meinungs- und Pressefreiheit noch zu erkämpfen galt. In der Nachkriegszeit gewannen vor staatlicher Zensur geschützte Medien weiter an Bedeutung. Im Grundgesetz wurden die Meinungsfreiheit „in Wort, Schrift und Bild“ sowie die „Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung“ festgeschrieben. Der Rundfunkstaatsvertrag ergänzte das Ziel, die parlamentarische Demokratie durch einen geschützten Meinungsbildungsprozess zu stärken. Er privilegierte die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und schrieb ihnen ein Programm vor „mit vielfältigen Inhalten, in welchem Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung einen wesentlichen Teil des Gesamtprogramms bilden“.

Zweifelsohne sind Medien durch investigative Reportagen immer wieder als Korrektiv im demokratischen System aufgetreten. Augenfällig ist, dass wirklich bedeutende Enthüllungen zu wirklich wichtigen Fragen zumeist von journalistischen Einzelkämpfern ans Tageslicht befördert wurden. Die obszön anmutende Entlarvungs- und mediale Zur-Schau-Stellungs-Industrie, bei der nicht mehr der Inhalt, sondern die Dramaturgie seiner Berichterstattung im Mittelpunkt steht, hat hiermit nichts zu tun.

Die Frage, die sich unsere Autoren stellen, lautet, inwiefern alte Grundsätze und Erwartungen an die Medien heute noch Gültigkeit haben. Lena Wilde beleuchtet ab S. 88 den Wandel im Verhältnis zwischen Politik und Journalismus. Sie bemängelt, dass sich der große Bruder das Zepter längst hat aus der Hand nehmen lassen. Matthias Heitmann kritisiert ab S. 100 die Defensivität der Medienmacher im Umgang mit modernen Kommunikationstechniken sowie Pseudodiskussionen über die konspirative Macht von Unternehmens-PR. Boris Kotchoubey liefert ab S. 102 eine Abrechnung mit der Medienwelt und fordert (fernab der Meinung der Redaktion, aber allemal diskussionswürdig) staatliche Regeln, um den niveaulosen Sumpf, der sich vielerorts breitgemacht hat, wieder trockenzulegen.

Es scheint, dass die Medien in ihrer „Macht“ überschätzt werden, nicht zuletzt, weil sie sich gerne selbst als gewaltig im Sinne von politik- und kriegsentscheidend profilieren. Dabei agiert das Gros der Anbieter seit jeher als träge Karawane, die das jeweils vorherrschende politische Kulturniveau im Lande spiegelt und Trends hinterherrennt. Das ist im Iran oder Bosnien nicht anders als hierzulande, im Grunde auch nicht verwunderlich oder gar verwerflich. Einzelne Medienmacher können Veränderungsprozesse beeinflussen, doch dafür braucht es unabhängige Geister (und aufgeschlossene Medienunternehmer). Im TV-Geschäft wird stattdessen fast nur noch die Quote bedient. Analog dazu werden Printinhalte neuerdings nach der Häufigkeit von Internetklicks gesteuert – verbreitet ist dies schon im Lokaljournalismus. Doch es gibt immer noch großartige Ausnahmen, die vor allem im Hörfunk, im Printbereich und in den Neuen Medien angesiedelt sind. Überlegen Sie selbst, wie es um die „vierte Gewalt“ im Staat bestellt ist, und mischen Sie sich ein in unsere Online-Debatten.

Anregende Lektüre und ein gutes neues Jahr wünscht Ihr

Thomas Deichmann