05.10.2010

Zu früh für eine Entwarnung?

Essay von Günter Keil

Über die weit verbreitete Liebe zu so gut wie nicht vorhandenen Schadstoffen.

Die Journalisten waren schon da. Sie waren der Einladung des Bundesforschungsministeriums (BMFT) zu einer Pressekonferenz über die Ergebnisse eines Umweltprojektes gefolgt. Es hatte den Titel „Schadstoffe in Kraftfahrzeug-Innenräumen“ und sollte endlich die ungemein wichtige Frage beantworten, ob aus Sitzen, aus Plastikverkleidungen oder aus anderen Teilen eines PKWs gesundheitsschädliche Stoffe ausdünsten.
Renommierte Forschungsinstitute hatten sich dieses Problems angenommen und mit den empfindlichsten Messmethoden wirklich alle Stoffe erfasst, einschließlich einiger Platinatome aus den Katalysatoren. Die Liste dieser Substanzen war lang, und alle hatten gefährlich klingende chemische Namen. Und hinter jedem dieser Namen stand eine Zahl: die Konzentration des Stoffes, angegeben in ppb oder ppt. PPB steht für parts per billion, was im Deutschen 1 Teil pro 1 Milliarde Teile bedeutet. PPT ist noch einmal ein Tausendstel davon. Das Wichtige daran ist für Journalisten nur die Zahl, nicht die Maßeinheit. Nur die Zahl übt eine Wirkung auf die Leser aus. Deshalb hören sich 497 ppt viel schrecklicher als 2 ppb an, auch wenn das nur ein Viertel von 2 ppb ist.

Die Pepebeeler

Diese Leute, die gefährlich aussehende Zahlen von tatsächlich kaum vorhandenen Schadstoffen lieben, nannte der Göttinger Professor Hellmut Ippen „Pepebeeler“. Das sind sowohl die Wissenschaftler, die stolz darauf sind, dass sie so wenig noch so genau messen können, als auch die dankbaren Abnehmer dieser für das Verfassen schlechter Umweltnachrichten bestens geeigneten Informationen.
Mein Kollege Winfried Bartel trug die Ergebnisse vor. Die gemessenen Werte waren lachhaft gering, und Fachleute hätte das kalt gelassen. Allerdings nicht die Pepebeeler. Weil Bartel aber einfach keinen Alarm geben wollte, stellte einer der Journalisten die stets wirkende Fangfrage: „Können Sie denn jetzt mit Sicherheit jegliche Gefahr ausschließen?“
Allseits breites Grinsen. Alle wussten, dass ein Wissenschaftler darauf immer mit gewundenen Erklärungen zu antworten pflegt, weil auch der allerwinzigste Messwert eben nicht exakt gleich null ist, sondern endlich. Ganz ausschließen kann er also nichts, es wäre wissenschaftlich inkorrekt. Womit in der Journalistenlogik die Bestätigung für das Weiterbestehen einer Gefahr geliefert wird: „Keine Entwarnung vor Giften im KFZ-Innenraum.“ Das wäre eine schöne Meldung gewesen.
Aber Bartel kannte das. Und er sagte: „Ja, ich kann jegliche Gefahr mit absoluter Sicherheit ausschließen!“ Fluchend klappten die Journalisten ihre Notizblocks zu. Ein verlorener Tag; kein Artikel. Denn „Entwarnung“ – für was auch immer – war einfach keine akzeptable Nachricht.
Zahlenfixierte, auf ihre superempfindlichen Analysegeräte stolze Wissenschaftler sind deshalb die natürlichen Verbündeten von Katastrophenjournalisten. Denn sie liefern selbst vom im homöopathischen Sinne nicht Vorhandenen beängstigende Zahlen. Die deutsche Umweltpolitik ist voll von Beispielen der praktischen Unfähigkeit von Wissenschaftlern, ihre Ergebnisse ihrer tatsächlichen Bedeutung entsprechend im Klartext darzustellen und professionellen Tatsachenverdrehern keine Chance zu lassen. Hinzu kommt allerdings oft die Tendenz, ein beliebtes Angstthema keinesfalls mit einer Entwarnung à la Bartel abzuschließen, weil dann kein Folgeauftrag mehr zu erwarten ist. „Noch keine Entwarnung möglich“, ist deshalb eine Versicherungspolice gegen einen schmerzlichen Abriss des Geldflusses.

Entwarnungen als Rohrkrepierer

Während die Entwarnungsaktion Bartels ein Erfolg war – zwar wurde die gute Nachricht unterdrückt, aber die falsche Horrormeldung unterblieb gleichfalls –, ging ein eigener Entwarnungsversuch nach hinten los. Wir hatten im BMFT seit Beginn des angeblichen Waldsterbens 1979 eine begleitende Forschungsinitiative, die anfangs Waldschadensforschung hieß. Die Fachgutachter, die wir zur Bewertung der Projekte gewannen – sämtlich renommierte Forstwissenschaftler –, waren von Anfang an harte Gegner des Erfinders des Waldsterbens, Prof. Bernhard Ulrich aus Göttingen, und seiner Theorie, die seiner apokalyptischen Walduntergangs-Prophezeiung zugrunde lag.
Begleitet von andauerndem Trommelfeuer der Medien, für die das baldige Sterben der Wälder – wie von Ulrich prophezeit – eine unbezweifelbare Tatsache war, finanzierte das BMFT eine Vielzahl von Projekten, die allerdings sämtlich keine Bestätigung des – wie sich später herausstellte, falschen – Ulrich’schen Schädigungsmechanismus, sondern vielmehr eine Fülle neuer Erkenntnisse über das Funktionieren von Wald-Ökosystemen sowie Erklärungen für die tatsächlichen Abläufe von Stoffeinträgen und deren Wirkung brachten.
Ende 1992 lag derart viel Material vor, dass es für eine Zwischenbilanz reichte. Am 2. Februar 1993 veröffentlichten wir eine Stellungnahme des Expertenkreises, dem auch Prof. Ulrich angehörte, in der die klare Aussage zu lesen war, „dass ein Absterben ganzer Wälder in Zukunft nicht mehr zu befürchten“ sei. Ulrich räumte parallel dazu in respektabler Weise ein, dass er damals mit seiner Prognose zu weit gegangen sei und dass er es bedauere, die Widerlegung seiner These nicht mit der gleichen Energie in den Medien bekannt gemacht zu haben, wie er es zu Anfang mit seiner Untergangstheorie getan hatte.
Es war die klassische Entwarnung, sollte man annehmen. Es kam jedoch ganz anders. Weil wir dummerweise gleichzeitig auch neue Forschungsergebnisse über die Wirkung von Stickstoffeinträgen aus der Luft – Stickoxide aus Verbrennungsprozessen und Ammonium aus der Gülledüngung – auf Wälder mitgeteilt hatten, stürzte sich die Presse ausschließlich auf dieses Thema, und es wimmelte von Artikeln mit Überschriften wie „Gülle aus der Landwirtschaft als Baumkiller“ und „Autoabgase vernichten den Wald“. Weil die Stickstoffdüngung aus der Luft das Baumwachstum beschleunigte, kam auch noch die vollkommen unsinnige Horrormeldung „Die Bäume wachsen sich zu Tode“ dazu. Der Spiegel erfand dazu den Begriff „Das zweite Waldsterben“. Dies alles war frei erfunden, denn es gab keine Waldschäden durch die Stickstoffeinträge, nur Auswirkungen auf das Grundwasser und das raschere Wachstum.
Gerade einmal vier von 54 Zeitungen brachten die wichtigste Nachricht: die Absage an die bis dato größte Umweltpanik, die bereits zwölf Jahre angedauert hatte. Alle anderen 50 Zeitungen aber ließen den Wald erneut sterben. Wir treuherzigen Beamten hatten den Medien, die schon über ein Jahrzehnt den Dauerbrenner Waldsterben gepflegt hatten, ungewollt die Chance zu einer neuen Panikvariante eröffnet, die auch sofort genutzt wurde. Die Lektion: Wer zu einem Medienpanik-Thema Entwarnung geben will, darf das nur in einer kompromisslosen Erklärung tun und kein einziges Schlupfloch lassen.

Eine Rechnung ohne die Natur

Die Waldsterbe-Tragikomödie zeigte aber auch, wie selbst einem Politiker eine forsch-mutige Entwarnung nach hinten losgehen kann: Renate Künast (B’90/Grüne) erbte eines Tages das Waldsterben, als sie Bundeslandwirtschaftsministerin (BML) wurde. Zu diesem Zeitpunkt war bereits der Gipfel des Medien-Hypes überschritten; die Zeitungen hatten unter dem andauernden Spott ihrer Leser, die täglich den offensichtlich kerngesunden Wald vor Augen hatten, selbst auf Kritik und Ironie umgeschaltet, und Frau Künast beschloss, dem Waldsterben nun selbst ein publikumswirksames und vor allem ihr selbst nützendes Ende zu bereiten. Sie verkündete im März 2003 das Ende der Gefahr und reklamierte die Rettung des Waldes für die rot-grüne Regierung. Leider tat sie das ausgerechnet in einem Frühjahr, dem ein sogenannter Jahrhundertsommer folgte. Und jeder Förster weiß, was das bedeutet: Die Bäume, clever wie sie nun einmal sind, werfen in diesem Falle frühzeitig ihre Blätter und auch einen Teil der Nadeln ab – um ganz einfach die Wasserverdunstung aus dem Reservoir im Wurzelraum zu verringern. Und auch im Folgejahr sind diese „Verluste“ noch sichtbar. Das notorisch falsche, vom BML selbst eingeführte Baumschadens-Messverfahren, das primitiv auf der Zählung von Belaubung und Benadelung beruhte, spuckte deshalb auch für 2004 alarmierende „Schädigungs“-Zahlen aus. Das Waldsterben war zurückgekehrt!
Frau Künast beschloss entsetzt eine Kehrtwende und erklärte Anfang November 2004 auf einem Grünen-Landesparteitag in Marburg, dass es dem deutschen Wald so schlecht gehe wie nie zuvor. „Es geht jetzt ums Ganze beim Wald“, rief sie aus und gab die Schuld der Trockenheit 2003, was stimmte, und einer hohen Schadstoffbelastung, was frei erfunden war, aber bei den Grünen ein Pflichtargument ist. Nach diesem Zusammenstoß mit der realen Natur vermied sie anschließend neuerliche Entwarnungsversuche. Der Wald starb trotzdem nicht.

Neue Qualität: Die Regierung als Panikmacher

Die Geschichte mit dem Waldsterben machte auch eine in Deutschland sehr wichtige zweite Quelle für Panikmeldungen aus der Umwelt sichtbar: die Regierung selbst. Gleich zu Beginn der ersten Meldungen über Waldschäden, die fälschlich als neuartig bezeichnet und auf Luftschadstoffe zurückgeführt wurden, und nach der kurzfristig nachgereichten Theorie Ulrichs übernahm das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium den Kampf gegen das Waldsterben. Hastig wurde das erwähnte Messverfahren zur Feststellung von Baumschäden, das es noch nicht gab, gegen den erbitterten Widerstand der hinzugezogenen Forstwissenschaftler festgelegt. Es war unwissenschaftlich, oberflächlich, und vor allem lieferte es systematisch viel zu hohe „Schadwerte“, die dann jahrelang – bis heute – den Medien und auch den interessierten politischen Parteien die Argumente für die Kritik an der angeblich am Waldsterben schuldigen Regierung lieferten. Dass ein CSU-geführtes Bundesministerium jahrelang aktiv Munition gegen die eigene Regierung lieferte, ist ein Treppenwitz. Die Zelle dieser Aktivität war die zuvor völlig unwichtige Forstabteilung, die plötzlich riesige Chancen für Karrieren, Einfluss und Geld sah und die von der ahnungslosen und hilflosen Leitung des BML vollkommen unbehelligt ihr Unwesen treiben konnte.
Inzwischen wird die damals vom BML gespielte Rolle vom Bundesumweltministerium übernommen, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied: Seit Jürgen Trittin (B’90/Grüne) benutzen die Minister das Ressort als Instrument der Irreführung und Manipulation und betreiben aktiv die Verbreitung und Verstärkung von Katastrophentheorien sowie die Falschinformation der Bevölkerung als Mittel der Politik. So enthält die BMU-Broschüre von 2006 „Atomkraft: Ein teurer Irrweg“ auf 15 Seiten zehn Argumente gegen die Kernkraft, von denen neun falsch und eins irreführend sind. Beim Thema Klima veröffentlichte das Ministerium niemals eine vollständige und ausgewogene Darstellung des intensiven Wissenschaftlerstreits, der alle Teilaspekte dieses Themas umfasst, die fälschlich als geklärt dargestellt werden. Der KGB hat für diese Art der Information den Begriff Desinformation geprägt. Für die meisten Normalbürger ist es aber immer noch schwer vorstellbar, dass sie von einem Ministerium absichtlich falsch informiert werden könnten.

Damit wird es eng für den Normalbürger. Die Wissenschaftler sind unverständlich vorsichtig und an jeder Verlängerung einer Umweltpanik interessiert; in den Redaktionen werden gute Nachrichten zensiert, schlechte verstärkt – zur Waldsterbezeit wurden kritische Fachartikel sogar von Fachzeitschriften abgelehnt –, und in der Regierung wird die Panik noch angeheizt und mit offiziellem Segen versehen.

Nie verschwindende Umweltprobleme

Den Lesern ist sicherlich längst aufgefallen, dass es anscheinend ewig bestehende Umweltgefahren und -probleme gibt, die auch trotz aufwendigster jahrelanger Bekämpfung nicht überwunden werden konnten. Die Liste dieser Dauerbrenner ist lang:

Der Rinderwahnsinn: Die durchaus berechtigte Angst: Infektion mit der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch. Man sollte annehmen, dass nach der Aufdeckung der Quelle – das war die Verfütterung von Tierkadavern an Rinder über den Weg der Tierfuttermittel – und einer angemessenen Wartezeit bis zum Verschwinden der damals gefährdeten Rindergenerationen die Sache ihr Ende finden würde. 2006 gab es in der EU noch 320 BSE-Fälle, davon 16 in Deutschland – bei 1,7 Millionen hier getesteten Tieren. 2008 waren es noch zwei Fälle; beide Tiere vor 2001 geboren. Heute ist die Anzahl vermutlich endgültig null. Aber noch heute wird in den Schlachthöfen mit Millionenaufwand erfolglos nach dem BSE-Erreger gesucht, und das wird so bleiben. Denn alle Politiker fürchten die Medienpanik, wenn diese Untersuchungen eingestellt würden.

Die Baumsatzungen in den Kommunen: Man meinte bei ihrer Einführung ernsthaft, dass die Rettung größerer Bäume vor der Motorsäge der Gartenbesitzer einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen den Untergang der deutschen Wälder darstellen würde. Dieses Argument war bereits damals Unsinn, denn seit vielen Jahrzehnten nimmt der Baumbestand in Deutschland unwiderstehlich zu – nachzulesen in den Forststatistiken. In Mitteleuropa dominiert der Wald derart stark, dass neue Brachen in kürzester Zeit erst durch Pioniergehölze und dann durch Bäume besetzt werden. Nur durch ständigen, aufwendigen Kampf kann man Flächen von Wald freihalten – Beispiel ist das künstliche Ökosystem Lüneburger Heide. Aber auch, als das Märchen vom Waldsterben längst zu einem geläufigen Witzbeispiel für künstlich erzeugte Panik geworden war, blieben die Baumsatzungen unangetastet. Und wer einem sich dem schützenswerten Stammumfang nähernden Baum ans Leben will, erhält Besuch von drei ernst schauenden ehrenamtlichen Ratsmitgliedern, die offiziell sehr besorgt sind.

Die Mülltrennung: Längst gibt es maschinelle Sortieranlagen, die vollautomatisch den Hausmüll wesentlich trennschärfer in seine verschiedenen Bestandteile zerlegen können, als es die menschlichen Mülltrenner können oder wollen – und die auch noch billig arbeiten. Aber ein von Anfang an umstrittenes System – das Duale System – hat sich mit starker politischer Unterstützung bis heute gehalten, obwohl es mitsamt seiner verschieden gefärbten Tonnen eigentlich vom freien Markt längst verdrängt sein müsste.

Die Abgasmessung durch den Schornsteinfeger: Schon immer war klar, dass diese Messungen bei Erdgasheizungen sinnlos sind. Aus dem Kamin kommt CO2, Wasserdampf und sonst nichts. Trotzdem bleiben diese Messungen eine teure Pflichtübung.

Die ASU-Plakette: Seit Anbeginn dieser Zeremonie weiß man, dass diese Messung mit der Realität einer PKW-Nutzung nichts zu tun hat und nur Hausnummern liefert. Sinnlos, aber Pflicht.

Die Feinstaubmessungen in Städten: Man weiß inzwischen, dass der Anteil der PKWs am gemessenen Feinstaub recht gering ist und dass oft natürliche Quellen überwiegen. Hinzu kommt der ökologische Treppenwitz, dass sich ausgerechnet die angeblich so umweltfreundlichen und deshalb auch geförderten Holzpelletheizungen als schlimmste Feinstaubschleudern herausgestellt haben. Verboten wurden sie nicht. Die Messzeremonien gehen weiter, Sperrzonen werden eingerichtet.

Leukämiefälle im Umkreis von Kernkraftwerken: Hierzu gibt es eine nahezu unendliche Folge von Vorwürfen, Widerlegungen, neuen Vorwürfen und ganz endgültigen Entwarnungen. Alles basierte auf Einzelfällen, die vielleicht eine statistisch relevante Aussage ermöglicht hätten, wenn es hundert Mal so viele gewesen wären. Nur: Mit Statistik lassen sich Ängste nicht bekämpfen, weshalb uns dieses Thema noch lange erhalten bleiben wird.

Einen tragisch-absurden Fall, der die extremen Unterschiede zwischen persönlicher Risikobereitschaft und -einschätzung einerseits und Umweltängsten andererseits vorführte, konnte ich vor einigen Jahren in einem TV-Regionalprogramm sehen: Ein durch einen Motorradunfall schwer verletztes junges Paar wurde im Krankenhaus interviewt. Auf die Frage, was sie denn künftig am liebsten täten, antworteten sie: „Wieder Motorrad fahren.“ Und auf die Frage, wovor sie sich denn am meisten fürchten würden, antwortete der gerade beinamputierte junge Mann: „Vor den Benzindämpfen an der Tankstelle.“

Musterfall Handystrahlung

Die Handystrahlung – zu Deutsch: Hochfrequenz-(HF-)-Strahlung von Mobiltelefonen und Sendeanlagen – ist ein Dauerbrenner der Technikangst, und viele Forschungsinstitute leben gut davon. Lang ist die Liste der mehr oder weniger fachkundigen Stellungnahmen:
Am 13. September 2001 billigte die Strahlenschutzkommission ihre Empfehlungen zum Schutz der Bevölkerung vor elektromagnetischen Feldern. Kernsätze: „Die SSK hält das gegenwärtige Grenzwertkonzept … für geeignet und flexibel genug, um vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den im Alltag vorkommenden Expositionen zu schützen.“ Es folgen einige Anforderungen an Produktnormung, Datenveröffentlichung, verstärkte Bürgerinformation und die weitere Verbesserung der Kenntnisse durch Forschung.
Im Mai 2005 berichteten Forscher des FZ Jülich über ein seit 2003 laufendes Projekt, in dem die Themen Krebs, erbgutschädigende Effekte, Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem, Befindlichkeitsstörungen und Blut-Hirn-Schranke bezüglich HF-Belastungen von Mobiltelefonen und Sendeanlagen untersucht wurden. Die 25 Experten aus Deutschland und der Schweiz konnten die Befürchtungen auf gesundheitsschädliche Wirkungen des Mobilfunks nicht bestätigen. Natürlich fehlte nicht das „ceterum censeo“: „In einigen Bereichen bleibt aber Forschungsbedarf.“

Anfang Juli 2005 startete die bayerische ÖDP ein Mobilfunk-Begehren, durch das Sendemasten baurechtlich genehmigt werden sollten, damit die Gemeinden über deren Standorte bestimmen könnten. Staatsregierung, aber auch die SPD und die Grünen lehnten das aus unterschiedlichen Gründen ab. Am 12. Dezember 2005 berichtete eine Bonner Zeitung unter der Überschrift „Kirchen bestrahlen ihre eigenen Kindergärten“ über einen Chemiker im Bonner Wissenschaftsladen, der Sendeanlagen kartiert, in eigener medizinischer Allwissenheit die bestehenden Grenzwerte als „zu niedrig“ (er meinte zu hoch) einschätzt und vor allem Kinder als gefährdet ansieht. Anfang 2006 hat eine „Ärzteinitiative Bamberger Appell“ 27 Fälle „dokumentierter Gesundheitsschäden“ durch HF präsentiert. Eine wissenschaftliche Überprüfung lag nicht bei.

Am 1. März 2006 berichtete die F.A.Z. über ein neues, am Körper zu tragendes Hochfrequenz-Dosimeter, das nun endlich die wahren Belastungen messen könne. In München hat man daraufhin 42 Schulkinder, 57 Jugendliche und 64 Erwachsene, die in der Nähe von Mobilfunk-Basisstationen leben, mit solchen Geräten ausgerüstet. Es war kein Zusammenhang zwischen der Strahlungsintensität und dem Wohlbefinden oder gar Krankheiten nachweisbar. Ende August 2007 veröffentlichte die Europäische Umweltagentur EEA eine Stellungnahme, die sich auf einen Bericht ihrer „Biointiative Group“ bezog und in der 2000 Studien (!) zur Wirkung von elektromagnetischen Feldern ausgewertet wurden. Zentrales Ergebnis war, dass sich das Risiko für Hirntumoren nach mehr als zehn Jahren Handynutzung um 20 bis 200 Prozent erhöht. Das Bundesamt für Strahlenschutz äußerte Zweifel an der Aussagekraft der Studie, die wissenschaftliche Schwächen aufweise. Konsequenzen seien keine zu ziehen. „Jedoch seien gesundheitliche Risiken nicht vollständig ausgeräumt.“ Keine Entwarnung.
Und schließlich eine letzte Meldung aus der unendlichen Geschichte: Am 21. Mai 2010 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Untersuchung, in der die Daten von 13.000 Handynutzern ausgewertet wurden, davon 5200 Patienten mit Hirntumor sowie 7700 gesunde Vergleichspersonen. „Die Ergebnisse erlauben wirklich nicht den Schluss, dass von der Handynutzung ein Risiko ausgeht“, sagte Christopher Wild, Direktor der Internationalen Behörde für Krebsforschung IARC der WHO. Eine Super-Entwarnung – endlich! Leider nein, denn Herr Wild fuhr fort: „Für eine Entwarnung ist es zu früh.“ Denn es erhärteten sich die Hinweise darauf, dass ausgesprochene Vieltelefonierer eher Gefahr laufen, an einem aggressiven Gliom zu erkranken. Ein Zeitungsartikel über diese WHO-Studie trug dann die Überschrift „Krebsrisiko von Handystrahlung weiterhin unklar“.
Dieses Thema ist geradezu ein Musterfall für die Technikangst-Nutzung. Es eignet sich wunderbar für eine buchstäblich unendliche Dehnung mit immer neuen Fragen und Zweifeln für die Forschung, denn es besitzt die fünf wichtigsten Eigenschaften für ein Angst-Dauerthema: Es besteht ein geringes oder auch nicht vorhandenes Risiko – keiner weiß es –, dessen Auswirkungen gerade deshalb nur über riesige Vergleichsuntersuchungen mit Zehntausenden von Personen statistisch signifikant herausgefiltert werden könnten. Wofür auf jeden Fall das Geld fehlt. Weshalb es immer nur Zwischenergebnisse mit neuem Fragezeichen gibt. Es betrifft nahezu jeden. Man merkt es nicht. Es gibt keinen realistischen Schutz, jedenfalls nicht für die Handysüchtigen. Und es geht um die schlimmsten Horrorerkrankungen: Krebs und Hirntumore.
Gut für die Forschung ist ferner, dass die Mobiltelefonhersteller ihre Technik ständig verbessern und vermehrt strahlungsarme Geräte anbieten. Damit werden ältere Studien wertlos, neue müssen begonnen werden, auch wenn das Gesundheitsrisiko – wenn es denn da war – weiter abnimmt und die Ergebnisse vermutlich immer vager werden.

Dankbare Dauerthemen

Die oben genannten Eigenschaften für ein politisch nutzbares, erfolgreiches Angst-Dauerthema besitzen alle Bedrohungsszenarien, die Gefahren über die Luft als Thema haben – z.B. Autoabgase, Feinstaub, Nanopartikel, Formaldehyd aus Spanplatten, Ozon, Radon –, und die Gefahren aus Lebensmitteln oder Strahlungen jeglicher Art wie HF- oder auch schwache radioaktive Strahlung betreffen. Also alles, was man nicht merkt, was uns aber eventuell langsam umbringt, wobei auch bereits der starke Glaube daran krank macht.
Wie viele Menschen leben inzwischen davon, diese Themen zu pflegen und aktuell zu halten, und wie viele haben ihre politische Karriere darauf aufgebaut? Es handelt sich um einen bedeutenden Teil der deutschen Volkswirtschaft, leider um einen bremsenden. Die ihr in diesem Lande lebt, lasset alle Entwarnungshoffnungen fahren!

Es geht um Erziehung

Hinter alledem steckt ein Prinzip: Es geht nur vordergründig um die Umwelt, was man ja daran sieht, dass beim Verschwinden eines Umweltproblems oder bei der Feststellung, dass es gar keins gab, dennoch verbissen an den Regularien und den Zwängen für die Bürger festgehalten wird. Denn es geht in Wahrheit um Erziehung. Der Mensch soll durch das regelmäßige Absolvieren bestimmter Rituale sowie deren Bezahlung lernen, dass er ein Umweltsünder ist, der ständig Buße zu tun hat. Man hat das der katholischen Kirche abgeschaut, die dieses Prinzip seit vielen Jahrhunderten erfolgreich anwendet: Man definiert Sünden, die der schwache Mensch zwangsläufig begeht. Dann bietet man ihm aber einen Weg zur Erlösung an: Beichten, gewisse Pflichtübungen wie Rosenkränze-Beten, auch Geldspenden – früher Ablass. Das Hauptziel bei den aufgeführten Umwelt-Hand-und-Spanndiensten ist somit ein politisches: Da es kaum noch ernste Umweltprobleme in diesem Land gibt, muss man die Menschen zu künstlichen Umweltritualen zwingen, damit sie das Thema überhaupt noch ernst nehmen und bei der nächsten Wahl, als Umweltsünder erzogen, die richtigen Parteien wählen. Gleichzeitig leben viele Amtspersonen, Müllmänner, Schornsteinfeger, Veterinäre, KFZ-Handwerker und weitere Leute von diesem Erziehungssystem, was eine zusätzliche Lobby schafft. Logisch, dass jede Form der Entwarnung, die eines dieser Büß- und Erziehungsrituale abzuschaffen droht, bei den politischen Profiteuren sehr unerwünscht ist.
Die Rolle der Medien in diesem politischen Geschäft ist einfach: Angst verkauft sich gut, also selektiert man Angst abbauende und verstärkt Angst erzeugende Meldungen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Tabu-Schreddermaschine NovoArgumente nimmt aus ihrem Erdbunker heraus die Angstmacher unter Feuer. Das ist notwendig und ehrenvoll, aber nicht hinreichend. Für eine Entwarnung ist es jedenfalls noch zu früh.