05.10.2010

Kinder brauchen altes Wissen

Kommentar von Frank Furedi

Wenn man Kindern schmeichelt, sie seien „Eingeborene der digitalen Welt“, für die die Vergangenheit bedeutungslos sei, verraten wir eine lebenswichtige Erwachsenenpflicht: die Weitergabe von tradiertem Wissen.

In praktisch jeder westlichen Gesellschaft haben Bildung und Erziehung mit Problemen zu kämpfen. Unglücklicherweise neigen die Entscheidungsträger dazu, sich auf die Symptome des Problems zu beschränken: unbefriedigende Bildungsstandards, das Heranwachsen einer ganzen Masse von wenig gebildeten „Minderleistern“ oder der Verlust von Disziplin im Klassenzimmer. Der Hauptgrund, warum Bildung nichts mehr mit Bilden und Erziehen zu tun hat, liegt in der Schwierigkeit, der menschlichen Existenz eine Bedeutung beizumessen. Immer wieder lassen uns Lehrplanexperten wissen, dass die Traditionen und Herangehensweisen der Vergangenheit heute nichts mehr taugen, da wir in einer sich immer schneller verändernden Welt leben. Modeerscheinungen in Sachen Bildung gehen davon aus, dass das intellektuelle Erbe der Vergangenheit und die Erfahrung von Erwachsenen in der Erziehung von Kindern kaum mehr eine Rolle spielen dürften, da wir ja in einer neuen Gesellschaft leben, die stets nah am Puls des digitalen Zeitalters zu sein hat.

Die darin enthaltene Annahme, dass Erwachsene Kindern kaum etwas beizubringen haben, wird nur selten ausdrücklich so formuliert. Aber es gibt eine zunehmende Tendenz, Kindern insofern zu schmeicheln, als man davon ausgeht, dass ihre Wertvorstellungen aufgeklärter seien als die der Älteren. Daher werden Kinder oft als die „Eingeborenen des digitalen Zeitalters“ dargestellt, die einen Vorsprung vor ihren Eltern haben, die nur zurückschauen und gar noch an altmodischen Texten oder Büchern hängen.

Obwohl Bildung und Erziehung gemeinhin als die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen und Funktionen gepriesen werden, gibt es eine ganz beiläufige Missachtung der Inhalte, die den Kindern vermittelt werden. Lehrplanmacher zeichnen sich oftmals durch eine Geringschätzung, wenn nicht gar Verachtung abstrakten Gedankenguts und des Wissens der Vergangenheit aus. Sehr häufig wird eine Betonung der intellektuellen Inhalte von Schulfächern als überholt abgestempelt. Bildungspolitiker stellen oftmals den Wandel als eine allgewaltige Macht dar, die vorherrschende Formen des Wissens und des Lehrens überflüssig macht. Unter solchen Umständen muss Bildung zwangsläufig mit der Zeit gehen, um noch irgendwie mithalten zu können.

Da die Bildungspolitik mit hoher Wahrscheinlichkeit von äußeren Ereignissen überholt wird, müssen Innovationen im Klassenzimmer per Definition etwas Kurzfristiges und Provisorisches an sich haben. Die Instabilität, unter der das Bildungssystem leidet, wird zur Normalität für eine Institution, die eigentlich in der Lage sein sollte, in einer Zeit Antworten zu geben, in der alles im Fluss der Ungewissheit ist. Das beständigste Merkmal der heutigen Wegwerf-Pädagogik ist eine tief sitzende Feindseligkeit gegenüber der Vermittlung akademischer Fächer an junge Menschen, insbesondere wenn sie aus sozial schwachen Familien kommen. Sogenannte Modernisierer sehen einen faktenorientierten Lehrplan als viel zu starr an für ein Schulsystem, dass sich doch ständig an eine sich wandelnde Welt anpassen müsse. Die Dramatisierung des Wandels im Bildungsdiskurs in der anglo-amerikanischen Welt lässt die Vergangenheit bedeutungslos werden.

Leider hält die diese Vorstellung die Menschen davon ab zu verstehen, dass das Erbe der menschlichen Entwicklung einen Einfluss auf unser aller Leben hat. Das ständige Reden vom unaufhörlichen Wandel führt dazu, diesen zu einer allgewaltigen, unkontrollierten Macht zu stilisieren, die Menschen ihrem Willen unterwirft. Von diesem Standpunkt aus gesehen sind Menschen nicht mehr in der Lage, ihre Zukunft zu bestimmen, sondern sich nur noch an Mächte jenseits ihrer eigenen Kontrolle anzupassen. In der Weltsicht des Bildungsestablishments hat der Wandel einen sakralen Charakter erlangt, der darüber entscheidet, was zu unterrichten ist. Er erschafft neue Anforderungen und führt neue Vorstellungen über das Lernen ein. Und er fördert die Massenproduktion einer Wegwerf-Pädagogik. Bildungsverantwortliche übernehmen die Rhetorik der „Brüche“ und „Risse“ und behaupten, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war, und dass die Gegenwart von der Vergangenheit losgelöst sei. Ihre Ansichten sind geprägt von einer Vorstellung, die so sehr davon überwältigt ist, dass das Alte vom Neuen ersetzt wurde, dass darüber oft vergessen wird, wie sehr historische Erfahrung möglicherweise noch immer von Bedeutung ist.

Die Diskussion über das Verhältnis von Bildung und Wandel wird häufig von den jüngsten Modetendenzen überlagert und von vergleichsweise oberflächlichen Symptomen neuer Entwicklungen. Darüber wird oft die Erkenntnis vergessen, dass die grundlegenden Bildungsbedürfnisse von Schülern sich nicht automatisch verändern, nur weil wieder einmal eine neue Technologie das Leben beeinflusst. Mit Sicherheit behalten Fragen, die in der griechischen Philosophie, der Dichtung der Renaissance, der Wissenschaft der Aufklärung oder den Romanen der Weltliteratur aufgeworfen wurden, ihre Bedeutung für Schüler und Studenten von heute.

Oftmals werden Wandel und gesellschaftliche Veränderungen so dargestellt, als ob sie einzigartig für unsere Zeit wären. Der Guru der Innovation, Bill Law, sagt hierzu: „Möglicherweise wissen wir nicht genau, wie unsere Zukunft aussehen wird, aber wir wissen sehr wohl, dass die Zukunft der Schüler von heute nicht viel mit der der Schüler der Vergangenheit gemein haben wird.“ Aber wann haben wir tatsächlich zuletzt gedacht, dass die Zukunft unserer Kinder so aussehen würde wie unsere eigene? Weder im Jahre 1969, noch im Jahre 1939 und schon gar nicht im Jahre 1909 war dies der Fall. Die Vorstellung, dass wir in einer qualitativ anderen Welt leben, dient als Voraussetzung für die Behauptung, dass Wissen und die Einsichten der Vergangenheit von nur noch geringer Bedeutung seien. In Fragen der Bildung und Erziehung wird gerne behauptet, dass unsere Lehrmethoden rückständig seien, allein deshalb, weil sie alt sind. Wissen an sich wird infrage gestellt, da es in einer Welt, die unaufhörlich im Fluss ist, stetig von neuen Ereignissen überholt wird. Die Bildungspolitik richtet ihren Blick so sehr darauf, mit dem Wandel mithalten zu können, dass sie darüber vergisst, der Bildung einen tieferen Sinn zu verleihen.

Da der Wandel an sich zum Fetisch geworden ist, kann dies als ein Symptom intellektuellen Unwohlseins betrachtet werden. Vorstellungen von Wahrheit, Wissen und Bedeutung haben hierbei nur noch provisorischen Charakter. Wandel verändert sich so in ein einziges Spektakel, das die Gesellschaft davon ablenkt, sich auf Wahrheiten und Einsichten zu besinnen, die in den Sternstunden der Geschichte der Menschheit erworben wurden. Und je mehr sich die Welt verändert, desto mehr müssen wir uns wieder auf unser kulturelles und intellektuelles Erbe besinnen.

Wenn das Vermächtnis von Errungenschaften der Vergangenheit nicht mehr für die Bildung der jungen Menschen von heute bedeutsam ist, was soll dann noch der Sinn und Zweck von Bildung sein? Denker aus allen politischen Lagern waren sich schon immer darüber im Klaren, dass Bildung eine Vermittlerfunktion zwischen den Generationen hat. Der italienische Marxist Antonio Gramsci schrieb: „In Wirklichkeit erzieht jede Generation die neue Generation.“ Aus konservativer Sicht kam der englische Philosoph Michael Oakeshot zu dem Schluss, dass „Bildung in ihrer am weitesten gefassten Relevanz als eine besondere Wissensvermittlung angesehen werden mag, die zwischen den Generationen menschlicher Lebewesen stattfindet und in der die Neuankömmlinge in die Welt eingeführt werden, die sie bewohnen“. Die liberale Philosophin Hannah Arendt sagte, Bildung sei dafür da, der Gesellschaft die Gelegenheit zu bieten, ihr intellektuelles Erbe zu erhalten und durch ein Gespräch zwischen den Generationen auch zu erneuern.

Eine der zentralen Aufgaben von Bildung und Erziehung ist es, Kindern etwas über die Welt, wie sie ist, beizubringen. Obwohl die Gesellschaft den Mächten des Wandels unterworfen ist, muss Bildung die jungen Leute mit dem Erbe der Vergangenheit vertraut machen. Die Phrase „aus der Vergangenheit lernen“ wird oft als Gemeinplatz verwendet. Nichtsdestoweniger ist es unmöglich, sich der Zukunft zu stellen, wenn man nicht aus den Erfahrungen aus Jahrhunderten der Menschheitsgeschichte schöpft. Individuen gelangen zu einem Verständnis ihrer selbst durch die Vertrautheit mit den Entstehungsprozessen ihrer menschlichen Umwelt.

Der Übergang von einer Generation zur nächsten verlangt von Bildung, ein Verständnis für die Lehren zu vermitteln, die die Menschheit in allen Epochen gezogen hat. Folglich ist die wichtigste Aufgabe von Bildung, die Vergangenheit zu bewahren, sodass junge Menschen das kulturelle und intellektuelle Rüstzeug mitbekommen, um sich den Herausforderungen zu stellen, die auf sie zukommen. Dieses Verständnis von Bildung als einem Erneuerungsprozess steht in diametralem Gegensatz zur gegenwärtigen Vorliebe, Lehrpläne nur auf die Zukunft hin auszurichten. In Großbritannien und in den USA ist es zu einer Leitidee von Lehrplanentwicklern geworden, Lehrpläne zukunftsgerichtet und möglichst flexibel zu gestalten. Natürlich ist Anpassungsfähigkeit ein hoch einzuschätzender Wert. Aber diese Fähigkeit in die Praxis umzusetzen, verlangt ein tiefes Verständnis für die Welt, in der wir leben. Die Frage der Balance, die die Bildung zwischen einer Orientierung an der Vergangenheit und an einer sich wandelnden Welt erreichen sollte, sollte im Zentrum aktueller Bildungsdebatten stehen. Heutzutage jedoch, während Politiker so sehr auf die Gegenwart versessen sind, dass sie versuchen, Bildung weit weg von der Vergangenheit zu denken, ist es von grundlegender Bedeutung, die Wichtigkeit einer traditionellen humanistischen Bildung zu unterstreichen.

Der Impuls, Bildung von ihrer Vergangenheit zu befreien, wird von einem Vorurteil gegenüber Vorstellungen beeinflusst, die nicht dem Jetzt entspringen und somit als altmodisch und irrelevant gelten. Das Projekt, die Vergangenheit durch Bildung zu bewahren, bedeutet nicht, die Welt ganz unkritisch so zu akzeptieren, wie sie ist. Vielmehr bedeutet es, die Verantwortung der Erwachsenen für eine Welt anzuerkennen, in die Jugendliche hineinwachsen sollen. Das Ziel dieser Vorgehensweise ist es, die Jugendlichen mit der Welt in ihrem jetzigen Zustand vertraut zu machen, sodass sie das intellektuelle Rüstzeug besitzen, um diese zu erneuern.

Bildung muss die Vergangenheit bewahren. Gemäß der Argumentation Arendts ist Konservatismus, im Sinne von Bewahrung, der Kern von Bildung. Ihr Ziel war es nicht, aus reiner Nostalgie heraus zu bewahren, sondern dies zu tun, weil sie erkannte, dass die Bewahrung des Alten die Grundlage für Erneuerung und Innovation bereitstellte. Bewahrung als den Kern von Bildung zu charakterisieren, kann leicht als Aufruf missverstanden werden, der aufgrund einer rückwärtsgerichteten oder reaktionären politischen Zielsetzung erfolgt. Das Argument für Bewahrung ist jedoch in dem Verständnis begründet, dass in einer Weitergabe von Generation zu Generation die Erwachsenen die Verantwortung für die Welt, wie sie ist, übernehmen und deren kulturelles und intellektuelles Erbe an junge Menschen weitergeben müssen. Eine Einstellung, die Bewahrung zum Ziel hat, ist insbesondere im Kontext der Weitergabe dieses Erbes von Generation zu Generation notwendig. Bis vor Kurzem verstanden führende Denker jeglicher Couleur die Bedeutung der Weitergabe von Wissen aus der Vergangenheit an junge Menschen. Der konservative Denker Matthew Arnold sprach davon „das Beste, das auf der ganzen Welt gedacht und gesagt worden ist“, weiterzugeben, was praktisch identisch ist mit Lenins Beharren darauf, dass Bildung den „Vorrat menschlichen Wissens“ weitergeben muss.

Eine liberale, humanistische Bildung beruht auf der Annahme, dass Kinder die rechtmäßigen Erben der Hinterlassenschaften der Vergangenheit sind. Es bedarf eines hohen Maßes an Verantwortungsbewusstsein, um sicherzustellen, dass dieses Erbe an die Jugend weitergereicht wird. Gerade weil Bildung der menschlichen Erfahrung Sinn verleiht, muss sie um ihrer selbst willen geschätzt werden. Eines der Hauptmerkmale von Bildung ist, dass sie kein Interesse an einem anderweitigen Zweck in sich trägt. Das bedeutet wiederum nicht, dass sie desinteressiert wäre an den Entwicklungen, die Kinder und die Gesellschaft betreffen. Vielmehr bedeutet es, dass sie die Weitergabe der kulturellen und intellektuellen Errungenschaften der Menschheit an die Kinder als ihren sinngebenden Zweck erachtet.
Sobald die Gesellschaft in der Lage ist, ein Bildungssystem voll und ganz zu unterstützen, das sich selbst und den Erwerb von Wissen schätzt, können Bildungspolitiker und die Öffentlichkeit die Maßnahmen ins Auge fassen, die nötig sind, um sich den praktischen Herausforderungen zu stellen, die im Klassenzimmer bewältigt werden müssen.