21.10.2010

Die Bundesliga für Investoren öffnen!

Kommentar von Stefan Chatrath

Der Profifußball braucht starke Investoren. Die wichtigste Voraussetzung hierfür ist die Abschaffung der 50+1-Regel.

Schon kurz nach der Weltmeisterschaft war zumindest in Hamburg die Sommerpause beendet. Am 13. Juli stellte der Hamburger SV in seiner Spielstätte, der Imtech Arena, seinen Mitgliedern ein Investorenmodell vor, das in der Fußball-Bundesliga seinesgleichen sucht: Als Gegenleistung für 15 Millionen Euro, die er dem Verein ab sofort zur Verfügung stellt, erhält der Unternehmer Michael Kühne einen Teil der Erlöse, die künftig bei einem Verkauf von HSV-Spielern eingenommen werden.

So wie dem HSV geht es derzeit vielen Erstligaklubs: Man sucht nach neuen Quellen der Finanzierung. Den Vereinen steht dabei eine große Hürde im Weg: die sogenannte „50+1-Regel“. Sie ist aus heutiger Sicht antiquiert: Im Profifußball ist es Kapitalanlegern nicht gestattet, die Stimmenmehrheit in von Vereinen gegründeten Kapitalgesellschaften zu übernehmen. Sie dürfen maximal 49,9 Prozent der Anteile erwerben – eine Begrenzung, die sich natürlich für die Vereine bei ihrer Suche hemmend auswirkt: Wer viel Geld mitbringt, möchte auch derjenige sein, der sagt, wo es langgeht – vielleicht nicht im Tagesgeschäft, aber zumindest, wenn es um das Große und Ganze geht. Die 50+1-Regel gehört daher abgeschafft. Auch die Bundesligisten sollten das Recht haben, sich dem Kapitalmarkt gegenüber so zu öffnen, wie sie es für richtig erachten.

Möglich wäre eine Deregulierung – theoretisch – durch einen Beschluss der Gesellschafterversammlung der Deutschen-Fußball-Liga (DFL), in der alle 36 Profivereine organisiert sind. Die Befürworter von „50+1“ führen folgende Gründe dagegen an: Behauptet wird erstens, dass die Ziele eines Vereins und die eines Investors nicht unbedingt kompatibel seien. Der Investor habe eine Renditeerwartung, die er erfüllt wissen möchte, der Verein hingegen wolle sportlichen Erfolg und allenfalls finanzielle Stabilität. Hier wird ein Interessengegensatz aufgebaut, der einer näheren Betrachtung nicht existiert: Wer langfristig sportlich erfolgreich sein will, der muss auch wirtschaftlich solide handeln. Beides geht Hand in Hand. Das hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt. Insofern wäre die Möglichkeit der Übernahme durch einen Dritten zu begrüßen. Das würde die Vereine zwingen, noch professioneller als bisher zu arbeiten – um im Wettbewerb um das Kapital am Anlagemarkt überhaupt eine Chance zu haben. Professionalität wäre somit dann erstmals – über die unbedingte Öffnung zum Kapitalmarkt – institutionalisiert. Anders als bisher: Der Grad der Professionalisierung in den Vereinen ist bis heute stark abhängig von den handelnden Personen und ihren Berufserfahrungen in der freien Wirtschaft. So steht z.B. der frühere IBM-Deutschland-Chef Erwin Staudt seit 2003 dem VfB Stuttgart als Präsident vor. Es ist daher auch kein Zufall, dass der VfB einer der ersten Vereine war, der ein Kundenbindungsprogramm eingeführt hat. Als wegweisend gilt auch die VfB-Fankarte. Sie ist mehr als „nur“ eine Eintrittskarte für VfB-Spiele: Sie ist gleichzeitig eine EC-Karte, mit der der Inhaber weltweit bezahlen kann. Als erfahrener Businessmann verstand Staudt, das Geschäft sinnvoll voranzutreiben.

Als ein weiterer Grund, „50+1“ nicht abzuschaffen, gilt zweitens die Gefahr, dass sich Vereine in die wirtschaftliche Abhängigkeit eines unseriösen Investors begäben, jemand, der den Verein vielleicht nur als Spekulationsobjekt sieht und ihn daher nach kurzer Zeit wieder abstoße. In einem solchen Fall stünde der Verein vor der Insolvenz, sofern er kurzfristig keinen adäquaten Ersatz findet. Auszuschließen ist so etwas natürlich nicht, doch könnte dem ein Riegel vorgeschoben werden: Eine Liberalisierung muss natürlich vorab genau durchdacht werden. Die DFL könnte z.B. eine bestimmte Mindestzahl an Investoren vorschreiben, sodass die Abhängigkeit von einem einzigen begrenzt wäre. Möglich wäre auch eine Mindesthaltedauer, wie sie von Martin Kind, dem Präsidenten von Hannover 96, einem vehementen Verfechter der Deregulierung, vorgeschlagen wird. Sie würde Spekulanten vom Erwerb der Anteile abhalten und nur diejenigen anlocken, die auch Interesse an einer mittel- bis langfristigen Entwicklung des Vereins haben.

Die Möglichkeit, sich dem Kapitalmarkt gänzlich zu öffnen, hätte außerdem den Vorteil, dass die Vereine bestehende Abhängigkeiten verringern könnten. Sie könnten ihre Finanzierung nun auf eine breitere Basis stellen. So sagte z.B. der HSV-Präsident Bernd Hoffmann dem Hamburger Abendblatt, das Investorenmodell mit Kühne sei eine Alternative zur vorzeitigen Verlängerung des bis 2015 laufenden Vertrags mit dem Sportrechtevermarkter Sportfive. Sportfive verkauft im Auftrag des HSV dessen VIP-Logen, Business Seats und Sponsoring-Pakete und erhält 20 Prozent der Einnahmen, die dabei erzielt werden. Bei Vertragsverlängerung wäre eine „Signing fee“ fällig geworden: ein einmaliger Betrag, den Sportfive direkt nach Vertragsunterzeichnung gezahlt hätte. Der HSV hätte sich damit noch einmal für weitere fünf Jahre an Sportfive gebunden – aus der Not heraus, vorzeitig weiteres Kapital zu beschaffen zu müssen, und nicht, weil der Verein es der Sache wegen unbedingt gewollt hätte.

Drittens besteht die Befürchtung, dass mit der Öffnung zum Kapitalmarkt der Wettbewerb in der Liga leiden würde. Die „großen“ Vereine kämen an mehr Kapital als die „kleinen“, und so würde sich der Abstand vergrößern, der Wettbewerb würde darunter leiden und damit auch die Spannung. In letzter Konsequenz blieben dann die Zuschauer weg. Die Argumentation überzeugt nicht, zumal es viele Gründe gibt, sich ein Spiel der Bundesliga anzuschauen – Spannung ist nur einer. Manche suchen ein Gemeinschaftserlebnis und Geselligkeit, andere wiederum wollen unterhalten werden, der Besuch eines Spiels soll ihnen also vor allem Spaß und Freude bringen. Außerdem könnte auch das Gegenteil behauptet werden: Eine Öffnung würde gerade den Vereinen helfen, die nicht regelmäßig international spielen, also den „kleinen“. Wer nicht international spielt, hat national – gegenüber den „großen“ wie Bayern München oder Werder Bremen – einen klaren Wettbewerbsnachteil. Ihm fehlen die Einnahmen, die die Teilnahme am internationalen Wettbewerb mit sich bringt. Bayern München z.B. hat letzte Saison allein fast 60 Millionen Euro dadurch eingenommen, dass man in der Champions League bis ins Finale gekommen ist.

Durch eine Abschaffung der begrenzten Kapitalanlagemöglichkeit wäre es den „kleinen“ Vereinen möglich, den Rückstand zu den „großen“ zu verringern. Vereine, die sich durch eine starke Fanbasis auszeichnen, können z.B. Fanfonds auflegen. Bei diesen kaufen die Fans Anteile und wählen aus ihrer Mitte einen Vertreter für die Gesellschafterversammlung, der entsprechend der Anteile Mitspracherechte hätte. Gut denkbar wäre auch, dass Geldgeber, Unternehmen und vermögende Privatpersonen, die in der Region ansässig sind und sich dem „kleinen“ Verein daher besonders verbunden fühlen, investieren. Eine solche regionale Lösung wäre auch insofern von Vorteil, weil sie den Fans gegenüber einfach zu kommunizieren wäre: Einem solchen Investorenkreis würde man es unmittelbar abnehmen, dass er ein ernsthaftes Interesse daran hat, dass der Verein sich positiv entwickelt.

Fakt ist: Die „50+1-Regel“ ist nicht mehr zeitgemäß. Fußball-Bundesligisten sind Wirtschaftsunternehmen. Sie machen im Jahr Umsätze in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe. Warum sollten sie sich nicht frei am Kapitalmarkt bewegen dürfen, wie jedes andere Unternehmen auch? Die aktuelle Regelung zementiert die Ordnung in der Liga und verhindert eine weitere Professionalisierung des Marktes. Sie sollte deshalb abgeschafft werden. Zum Wohle des Profifußballs in Deutschland.