10.12.2011

Tschernobyl vom Mythos befreien

Kommentar von Rob Lyons

Das ukrainische Atomkraftwerk gilt als Symbol für die Unkontrollierbarkeit der Atomtechnologie. Zu Unrecht.

Am 26. April jährte sich der Unfall im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl zum 24. Mal. Beständig werden wir von Umweltaktivisten dazu aufgefordert, Tschernobyl nicht zu vergessen. Das sollten wir in der Tat nicht! Aber wir sollten uns an das erinnern, was wirklich passiert ist, und nicht an den Alptraum, der von vielen nach wie vor heraufbeschworen wird.

Die tragische Ironie des Unfalls von Tschernobyl besteht darin, dass er durch einen Sicherheitstest ausgelöst wurde. Man wollte herausfinden, was bei einer Unterbrechung der externen Stromzufuhr passieren würde. Denn dies würde die Pumpen, die die großen Wassermengen zur Kühlung des Reaktors bereitstellten, anhalten, und Sicherheitsbeauftragen war aufgefallen, dass die Dieselgeneratoren zur Notstromversorgung nicht schnell genug „ansprangen“. Mit dem Test wollte man prüfen, ob eine andere Energiequelle während dieser kritischen Minute genutzt werden könnte, um die elektrischen Pumpen mit Strom zu versorgen. Verzögerungen, Fehler und technisches Versagen während und unmittelbar nach dem Test führten jedoch dazu, dass sich der Reaktor Nummer vier massiv überhitzte und explodierte.

Laut eines Zeitungsberichts zum 20. Jahrestag des Unfalls verketteten sich in diesem Reaktor auf tragische Weise „lasche Arbeitsabläufe, die die Jahre der Stagnation der Sowjetunion hervorgebracht hatten, ungeschicktes Management, schlechtes Design und eine grobe Missachtung von Regeln“. Kurz vor 1.24 Uhr durchschlugen mehrere Explosionen den gigantischen Stahlbetondeckel des Reaktors und legten den Kern frei. Enorme Mengen radioaktiver Strahlung traten aus. In den nächsten Tagen kämpften Kraftwerkmitarbeiter und Feuerwehrleute heldenhaft, um den Reaktor abzudichten, und viele von ihnen starben einen schrecklichen Tod infolge der Verstrahlung. „Wären wir den Anweisungen gefolgt“, sagte ein Feuerwehrmann, „wären wir niemals auch nur in die Nähe des Reaktors gekommen. Aber es gab eine moralische Verpflichtung. Es war wie Kamikaze.“

Tschernobyl war bei Weitem der schlimmste nukleare Unfall weltweit. Offizielle Studien belegen jedoch, dass er nicht so apokalyptischen Ausmaßes war, wie uns in den letzten Jahren weisgemacht wurde. Einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – die, wie an anderer Stelle dieses Magazins dargelegt, nun wahrlich nicht zur Untertreibung von Katastrophenszenarien tendiert – und der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) aus dem Jahre 2005 zufolge hätten „4000 Menschen an Strahlenvergiftung“ sterben können. Tatsächlich konnten „weniger als 50 Todesfälle direkt auf radioaktive Strahlung zurückgeführt werden – allesamt Rettungskräfte, die ihr in hohem Maße ausgesetzt waren. Viele von ihnen starben binnen weniger Monate nach dem Unfall, andere erst 2004“.

Andere Stimmen behaupten, dass der WHO-IAEA-Bericht eine grobe Untertreibung darstellt. Wen überrascht es, dass Greenpeace 2006 einen Bericht veröffentlichte, demzufolge mehr als eine Viertelmillion Fälle von Krebserkrankungen, 100.000 davon mit tödlichem Ausgang, sowie Zehntausende frühzeitige Todesfälle dem Unglück anzurechnen seien. Dennoch gibt es gute Gründe dafür, davon auszugehen, dass die von der WHO und IAEA benannte Ziffer von 50 eher den Tatsachen entspricht. Abgesehen von den Menschen, die unmittelbar vor Ort den Schaden zu beheben versuchten, waren die Bevölkerungen der Länder rund um das Kraftwerk einer verhältnismäßig geringen Strahlendosis ausgesetzt. Tschernobyl war ein schwerer Unfall, aber die Explosion hatte nur einen Bruchteil der Stärke der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.

Das Bild, das die meisten Leute von Tschernobyl haben, ist das einer Mondlandschaft. Weit gefehlt! Zwar wurden die Menschen, die rund um das Kraftwerk lebten, umgesiedelt, aber Paul Seaman beschreibt das 30 km breite Sperrgebiet als eine grüne und ansprechende Landschaft, bevölkert von nur ein paar Verweigerern. Es ist zu einem gigantischen Naturschutzgebiet geworden. Die London Times berichtete 2009 sogar von Urlaubsreisen in die Region: „Das ist der Weltuntergang, und der Weltuntergang ist grün.“

Es mag unglaublich erscheinen, dass das Atomkraftwerk bis 2000 in Betrieb war. Im Reaktor Nummer vier war zwar durch die Explosion eine große Menge an Strahlung freigesetzt worden, aber er wurde relativ schnell gesäubert und ummantelt. Die drei benachbarten Reaktoren blieben unversehrt, und Tausende Menschen arbeiteten hier weiterhin, um Strom zu erzeugen. Es war ein schwerer Unfall, aber die Explosion hatte nur einen Bruchteil der Stärke der Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Wäre es nach der ukrainischen Regierung gegangen, wären die Reaktoren sogar noch länger am Netz geblieben; es war der Westen, der auf deren Schließung drängte.

Der Versuch, die Tschernobyl-Diskussion mit diesen Fakten auszubalancieren, soll den Vorfall nicht verharmlosen. Aber die Lehre, die wir aus Tschernobyl ziehen sollten, lautet nicht, dass Kernkraft an und für sich gefährlich ist. Die einzigen anderen Vorfälle, an die sich die Öffentlichkeit überhaupt erinnern kann, waren ein Unfall auf Three Mile Island in Pennsylvania 1979 und ein Feuer im Kernkraftwerk von Sellafield (früher Windscale) in Nordengland 1957. Keiner der beiden Unfälle forderte Todesopfer. Die Strahlenbelastung für die Bevölkerung von Three Mile Island entsprach etwa der einer Röntgenuntersuchung. In Sellafield wurden in den Jahren danach indessen ca. 200 Krebsfälle als Unfallfolgen eingestuft.

Was in Tschernobyl passierte, ist auf eine fehlerhafte Reaktorkonstruktion, menschliches Versagen und eine für die Sowjetunion typische Nachlässigkeit in Bezug auf Sicherheit und Qualitätskontrollen zurückzuführen. Hätte der von jeher in Kernkraftwerken übliche dicke Betondeckel den Reaktor versiegelt, wäre wahrscheinlich nie Strahlung in nennenswertem Ausmaß ausgetreten. Die Tatsache, dass viele andere Kernkraftwerke rund um den Globus ohne jegliche Zwischenfälle betrieben werden, stimmt indes zuversichtlich.

Ironischerweise haben sich in der letzten Zeit zahlreiche grüne Politiker in Europa für die Ausweitung der Kernenergie ausgesprochen, darunter James Lovelock, Mark Lynas und Stephen Tindale, der ehemalige Leiter von Greenpeace in Großbritannien. Ein anderer grüner Veteran, Stewart Brand, spricht in seinem Buch Whole Earth Discipline: An Ecopragmatist Manifesto ein „mea culpa“ für seine langjährige Ablehnung der Kernenergie aus: „Meine Haltung in Bezug auf die Kernenergie hat sich ins Gegenteil verkehrt. Heute frage ich mich, ‚Warum hast du so lange gebraucht?‘ Ich hätte mich mit den Realitäten der Kernenergie schon vor vielen Jahren auseinandersetzen können, wäre ich nicht so träge gewesen.“ Brand ist besorgt, dass Grüne genau das verhindern, was er als sichere, CO2-freie Energie ansieht: „Die Gefahr ist, dass die Minderheit fundamentalistischer Anti-Atom-Umweltaktivisten die Entwicklung einer noch sichereren Kernenergie behindern könnte, sodass Energieversorger weiterhin gezwungen sind, Kohle zu verbrennen, damit das Licht nicht ausgeht. Damit ist die Katastrophe programmiert.“

Während die Windenergie jede nur erdenkliche Form der Unterstützung – von Subventionen bis Schmiergelder – bekommt, hängt die Kernenergie in der Luft. Wir sollten sobald als möglich neue Kernkraftwerke bauen. Dass die Nuklearenergie so lange ablehnt wurde und immer noch argwöhnisch betrachtet wird, hat eine ganze Menge mit den Mythen von Tschernobyl zu tun, die bis heute die Wahrnehmung der zunehmend risiko- und investitionsscheuen politischen Führer in Europa prägt und trübt.