10.12.2011

Trauernde Affen? Dass ich nicht lache!

Kommentar von Helene Guldberg

Eine Handvoll Schimpansenmütter, die ihre toten Babys herumtragen, sind kein Beweis für „menschenähnliche“ Eigenschaften.

„Schimpansen empfinden den Tod wie Menschen“, berichtete die BBC Ende April. Und der Scientific American legte nach: „Wie Werkzeuggebrauch und Selbsterkenntnis könnten deutlicher Kummer und Trauer nur eine Sache mehr sein, die wir mit unseren engsten Verwandten teilen.“ Diese Behauptungen stützen sich auf zwei Studien, die vor Kurzem in der Zeitschrift Current Biology veröffentlicht wurden. Laut der ersten Studie haben Forscher der Stirling University beobachtet, wie drei Schimpansen im Blair-Drummond-Safari-Park auf den Tod eines älteren Weibchens namens Pansy reagierten. „Wochen danach war es im Gehege unheimlich ruhig und der Appetit der Schimpansen vermindert. Sie waren eindeutig am Trauern“, sagte Alasdair Gillies, leitender Wächter im Safari-Park und Co-Autor der Studie.

In der zweiten Studie wurden zwei Schimpansenmütter nach dem plötzlich Tod ihrer Jungen beobachtet. Ein Atemwegsvirus hatte sich 2003 in einer kleinen Schimpansenkolonie in Bossou in Guinea ausgebreitet und fünf Schimpansen getötet, darunter zwei Junge. Am nächsten Morgen stellten die Forscher fest, dass die Mütter wie üblich ihren Geschäften nachgingen – Futtersuche und mit der Kolonie herumziehen –, während sie die Leichen ihrer toten Jungen auf dem Rücken trugen. Die eine Mutter trug den ausgedörrten Leichnam ihres Jungen fast drei Wochen mit sich herum, die andere sogar länger als zwei Monate.

Die Biologin an der Universität Oxford und leitende Autorin des Zeitschriftenartikels, Dora Biro, hat darauf hingewiesen, dass das Verhalten der Schimpansenmütter ein Bewusstsein vom Tod ihrer Jungen zeigen könnte. Den Leichnam nah bei sich zu behalten, könnte ihre Art gewesen sein, mit dem unerträglichen Verlust umzugehen; auf dieselbe Weise können Menschen manchmal nach dem Tod eines Lieben nicht loslassen.

Aber ebenso könnte das Verhalten der Schimpansenmütter evolutionär erklärt werden: Es könnte ein Indiz für eine sehr starke Bindung zwischen Schimpansenmüttern und Schimpansenjungen anzeigen, da Letztere hilflos geboren werden, ebenso wie Menschen. Tatsächlich ist Biro ehrlich, wenn sie zugibt, dass man eigentlich nicht sagen könne, was in den Köpfen der Mütter vorgehe und ob sie irgendeine Ahnung davon hätten, dass ihre Jungen gestorben seien. [1]

Und doch wurde von diesen beiden Studien – die das Verhalten einer Handvoll Affen beschreiben – weithin berichtet, sie würden darauf hinweisen, dass Affen Menschen näher stünden, als wir vielleicht bisher gedacht hatten. James Anderson, Leiter des Forschungsteams der Stirling University, sagte: „Viele Phänomene wurden von Zeit zu Zeit als Beispiele für die große Distanz zwischen Mensch und Tier gehalten, wie etwa die menschliche Fähigkeit zu Vernunft, die Sprachfähigkeit, der Werkzeuggebrauch, die kulturelle Variation sowie die Selbsterkenntnis. Die Wissenschaft hat aber schlagende Beweise dafür geliefert, dass die Grenzen zwischen uns und anderen Arten bei Weitem nicht so klar und eindeutig sind, wie wir früher geglaubt haben.“ Meiner Meinung nach ist tatsächlich das Gegenteil der Fall. Wie ich in meinem in Kürze erscheinenden Buch Just Another Ape? darlege, hat die Wissenschaft eindeutige Beweise dafür geliefert, dass der Unterschied zwischen uns und anderen Arten tatsächlich sehr groß ist.

Das Problem ist, dass nicht nur der Journalismus, sondern zunehmend auch wissenschaftliche Literatur mit Anthropomorphismus übersät ist – der Zuweisung menschlicher Eigenschaften auf Tiere. Dies kann sehr irreführend sein. Zugegebenermaßen ist es für Menschen schwierig, tierischem Verhalten keine menschlichen Emotionen und menschlichen Motivationen zuzuschreiben, da es der einzige Weg ist, wie wir uns einen Reim auf die Handlungen anderer Wesen machen können. Aber genau aus diesem Grund müssen wir sicherstellen, dass unsere Vermutungen korrekt überprüft werden.

Es ist nachlässig, menschliche Eigenschaften und Motive einfach auf Tiere zu übertragen. Nehmen wir die Frage von Kummer und Trauer. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Schimpansen ein Verständnis vom Tod haben. Sie haben keine Rituale, die mit dem Tod in Zusammenhang stehen. Der Nachweis menschlicher Beerdigungen vor etwa 100.000 Jahren ist der erste Hinweis auf eine Spezies, die ein Bewusstsein für den Tod entwickelt hat. Viele Wissenschaftler weisen jede Behauptung, dass Tiere und Menschen hochgradig verschieden seien, weit von sich. Dies zu tun, so befürchten sie wohl, würde Kreationisten und Spiritualisten Munition liefern. Der Wissenschaftsredakteur von der Daily Mail, Michael Hanlon, argumentiert, dass es Menschen unmöglich sei, im Tierreich einzigartig zu sein: „Dass die Gehirne von Säugetieren, Reptilien, Vögeln, Amphibien und sogar Fischen gemeinsame Strukturen und genetische Hintergründe haben, deutet ziemlich stark darauf hin, dass unsere Selbsterkenntnis fast sicher nicht einzigartig ist. Zöge man diese Schlussfolgerung nicht, so bedeutete dies, dass man etwas wirklich sehr Seltsames annimmt, etwas in der kartesischen Richtung – dass irgendwie, an irgendeinem Punkt in der Evolution des Homo sapiens, und nur des Homo sapiens, im Pleistozän etwas Magisches in unsere Schädel einmarschiert ist und sich dort häuslich niedergelassen hat.“ [2]

Wir müssen uns nicht spirituellen oder „magischen“ Erklärungen zuwenden, um zu verstehen, dass der Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren eher ein fundamentaler ist als ein gradueller. Wie ich in Just Another Ape? darlege, sind während des letzten Jahrzehnts einige faszinierende Theorien vorgelegt worden, die das evolutionsbedingte Auftreten einzigartiger menschlicher Fähigkeiten sehr gut erklären. Wir wissen zwar nicht genau, wie oder wann, aber es muss Genmutationen vor Zehntausenden von Jahren gegeben haben, die uns mit der einzigartigen Fähigkeit ausgestattet haben, an kollektiver Wahrnehmung teilzunehmen. Mit anderen Worten: Weil wir als Individuen fähig sind, uns auf das kollektive Wissen der Menschheit zu stützen – in einer Weise, in der sich kein anderes Tier auf die Errungenschaften seiner Artgenossen oder vorheriger Generationen stützen kann –, sind unsere individuellen Fähigkeiten weit jenseits dessen, womit uns die Evolution ausgestattet hat. Wir sind nicht länger durch unsere Biologie beschränkt.

Wie Derek Penn und seine Kollegen von der Cognitive Evolution Group an der Universität von Louisiana und dem UCLA Reasoning Lab anführen: „Menschliche Tiere – und keine anderen – machen Feuer und bauen Räder, diagnostizieren einander die Krankheiten, kommunizieren, indem sie Symbole verwenden, navigieren mit Karten, riskieren ihre Leben für Ideale, arbeiten miteinander zusammen, erklären die Welt in Form von hypothetischen Ursachen, bestrafen Fremde, wenn sie Regeln brechen, stellen sich unmögliche Szenarien vor und bringen sich gegenseitig bei, wie man all das oben Genannte tut.“ [3]

Wenn wir nicht daran festhalten, an unsere außergewöhnlichen Fähigkeiten zu glauben, werden wir nie in der Lage sein, uns eine bessere Zukunft vorzustellen oder zu schaffen – dann könnten wir ebenso gut auch Affen sein.