10.12.2011

Warum uns das Wasser auf dem Mond schnuppe ist

Kommentar von Sean Collins

Die Entdeckung der Nasa ist spektakulär, wird aber weitgehend ignoriert.

Im November 2009 gab die US-Raumfahrtbehörde Nasa eine erstaunliche Entdeckung bekannt: Es gibt Wasser auf dem Mond. „Wir haben nicht nur ein bisschen gefunden, sondern eine erhebliche Menge“, sagte der begeisterte Leiter des Nasa-Projekts, Anthony Colaprete. Diese Entdeckung könnte sich in der Raumfahrt als eine der wichtigsten aller Zeiten erweisen, als ein Wendepunkt in unserem Verständnis des Mondes und unseres Sonnensystems. Mit dem Nachweis von Wasser auf dem Mond werden die Träume und Hypothesen Wirklichkeit, die schon die frühesten Astronomen und Schriftsteller beschäftigt haben. Im ersten Jahrhundert n. Chr. ging der griechische Historiker und Essayist Plutarch davon aus, die dunklen Bereiche des Mondes seien Meere. Als Galileo Galilei vor etwa 400 Jahren mit seinem Teleskop den Mond beobachtete, meinte auch er, in den dunklen Bereichen Ozeane zu erkennen. Diese Idee hielt sich bis ins 19. Jahrhundert, als etwa der Science-Fiction-Autor Jules Verne (in Von der Erde zum Mond, 1865) den Mond als einen wasserreichen Planeten darstellte. [1]

Mit der Zeit wurden die Teleskope besser, und mittlerweile verfügt man auch über Gesteinsproben und andere direkten Beobachtungen. Diese führten zu dem Konsens, dass der Mond ein trockener Planet sei. Dennoch ließ die Möglichkeit, es könnte Wasser auf dem Mond geben, den Wissenschaftlern keine Ruhe. Im Jahr 1999 ermittelte der „Lunar Prospector“ der Nasa Spuren von Wasservorkommen an den ständig im Schatten liegenden Mondpolen. Und im September 2009 wurden kleine Wassermengen von einem von der Nasa gebauten Instrument an Bord der indischen Sonde Chandrayaan-1 entdeckt.

Mit dieser Entdeckung kommen wir der Verwirklichung kollektiver Fantasien einen Schritt näher, von denen wir bisher nur im Rahmen von Science-Fiction zu träumen wagten: Menschen, die fernab des Planeten Erde leben. Diese Möglichkeit galt bisher als zweifelhaft, nicht zuletzt wegen der unerschwinglichen Transportkosten (100.000 US-Dollar pro Pfund Gewicht). Aber die Nutzung des neu entdeckten Wassers könnte die Erzeugung von Trinkwasser, Atemluft und von Lebensmitteln ermöglichen. Nun ist es viel wahrscheinlicher, dass der Mond irgendwann als Basis für bemannte Missionen zum Mars und zu anderen Teilen des Sonnensystems genutzt werden kann. Das dort gefundene Wasser kann in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten werden und würde so die Komponenten für Raketentreibstoff liefern.

Noch wichtiger ist vielleicht die sich aus der Entdeckung ergebende mögliche Erweiterung unseres Wissenshorizontes. „Wenn das eingelagerte Wasser Milliarden von Jahren alt ist, dann enthält es vielleicht einen Schlüssel zur Geschichte und Evolution des Sonnensystems, ähnlich den Eiskern-Stichproben auf der Erde, die uralte Daten enthüllen“, heißt es bei der Nasa. [2] Die vom Radiorauschen der Erde vollständig abgeschirmte erdabgewandte Seite des Mondes wäre außerdem ein hervorragender Ort, von dem aus man das Universum mittels Radioastronomie untersuchen könnte. [3] Das Aufregendste jedoch ist, dass wir nicht wissen, was wir entdecken werden. Umso bemerkenswerter ist, wie wenig öffentliche Beachtung diese Entdeckung findet.

Das gilt insbesondere für die Mainstream-Medien: In den USA gab es zu den Wasserfunden gerade einmal drei Zeitungskommentare – zwei in der New York Times und einen im Wall Street Journal – von externen Autoren, jedoch keinen einzigen Leitartikel. In Großbritannien war es noch schlimmer: Keiner der führenden Zeitungen war das Thema einen Kommentar wert. Auch in der ansonsten lärmenden Blogosphäre war es relativ ruhig.

Liegt das daran, dass sich die Gesellschaft im Allgemeinen mehr für andere Themen interessiert? Vielleicht. Aber ich war überrascht, als ich herausfand, dass laut Yahoo „Water on the Moon“ 2009 das am sechsthäufigsten gesuchte Stichwort in den UK News war (nach Michael Jackson, Barack Obama, Jade Goody, Jordan and Peter und Madeleine McCann). [4] Dies wäre ein Hinweis darauf, dass sich die Öffentlichkeit mehr dafür interessiert als die Intellektuellen der Expertokratie.

Vor fünf Jahren gab George W. Bush Pläne bekannt, 2020 wieder Amerikaner auf den Mond und danach zum Mars schicken zu wollen. Als Bush aus dem Amt schied, gerieten die Pläne jedoch aus dem Blick, und Präsident Obama verordnete bei seinem Amtsantritt sogleich die Prüfung dieser Vorhaben. Die entsprechende Prüfungskommission hatte zwar die Vergabe von zusätzlichen 3 Milliarden US-Dollar jährlich für das Raumfahrtprogramm empfohlen, aber die Obama-Regierung sträubt sich dagegen. So muss sich die Nasa nunmehr peinlicherweise auf das russische Raumschiff Sojus verlassen, da die eigenen Raumfähren stillstehen – während China Menschen auf den Mond schicken will. [5]

Aber die mangelnde Aufmerksamkeit für die Wasserfunde auf dem Mond zeigt mehr als nur den Mangel an Vertrauen der amerikanischen Autoritäten, den Job bis zum Ende durchzuziehen. Bereits seit Jahrzehnten ist die Begeisterung für die Erkundung des Weltraums gering. Wie James Woudhuysen in Sp!ked rekapitulierte, wandte sich die öffentliche Meinung in den 70er-Jahren zunehmend gegen das Raumfahrtprogramm, und in den 80er-Jahren lieferten die Strategic Defence Initiative von US-Präsident Ronald Reagan und Filme wie Der Stoff, aus dem die Helden sind Raum für konservative Kritik an den verschwenderischen Ausgaben. „Im Jahr 2009 ist angesichts des Endes von Links und Rechts sowie der Technikfeindlichkeit und Risikobewusstseinsideologie der Umweltschützer die Ablehnung der Raumfahrt größer denn je“, schrieb Woodhuysen treffend. [6] Heute dominieren ein grundsätzlicher Skeptizismus bezüglich der Notwendigkeit von Fortschritt, ein Herunterspielen menschlicher Errungenschaften und eine Unfähigkeit, die Erkundung als einen Wert an sich zu sehen, unsere Welt(raum)sicht. Besorgt um den Erhalt unseres Planeten, gilt es heute als angemessen, maßvoll zu sein und Ziele und Visionen herunterzuschrauben. Die Erforschung des Weltraums passt nicht in dieses Denken: Sie bedeutet Expansion statt Rückzug.

Die Befürworter der Weltraumforschung hoffen, dass die Entdeckung von Wasser auf dem Mond die Obama-Administration (und andere Regierungen) veranlassen wird, mehr Mittel und Aufmerksamkeit zu investieren. Die Entdeckung von Wasser auf dem Mond selbst wird den Streit zwischen Befürwortern und Gegnern nicht zugunsten der Forschung entscheiden – hierzu müssten wir die niedrigen Erwartungen der Menschen überwinden. Seit jeher war der Mond eine Inspirationsquelle für Wissenschaftler und Dichter; nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern weil wir in Auseinandersetzung mit ihm unsere Ansprüche und unsere Fähigkeit artikulieren können, uns selbst mit unseren Entdeckungen zu überraschen. Lassen sie uns gemeinsam dafür eintreten, dass der Mond wieder unser Denken beflügelt.