22.07.2010

Denksport: eine Gesellschaft ohne „Doping“

Analyse von Matthias Heitmann

„Eine Gesellschaft, die einen sinnvollen und aufgeklärten Umgang mit dem eigenen Körper, mit Medikamenten und mit dem menschlichen Streben nach Fortschritt wünscht, sollte sich vom mystifizierenden Doping-Begriff verabschieden“, argumentiert Matthias Heitmann in seinem jüngst erschienenen Buch Mythos Doping. NovoArgumente dokumentiert dessen letztes Kapitel, das sich der Frage widmet, wie eine Gesellschaft ohne den Begriff „Doping“ auskommen kann und wie sie sich dafür entwickeln muss.

„Doping für die Haare“ – so lautet der Werbeslogan der Marke Alpecin, mit dem der Bielefelder Kosmetikhersteller Dr. Kurt Wolff GmbH seit 2005 sein Koffein-Shampoo anpreist. Im Jahr 2006 geriet der Slogan angesichts der Vielzahl der bei der Tour de France aufgetretenen Doping-Fälle in die Kritik. Sogar der Deutsche Werberat wurde wegen der Verwendung des Begriffs angerufen, da die Alpecin-Kampagne aus Sicht der Beschwerdeführer das Doping-Problem verharmlose. Der Werberat sah jedoch keinen Grund, die Kampagne zu stoppen. „Zu Recht“, ließ sich Volker Nickel, Sprecher des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft, im Juni 2006 im Handelsblatt zitieren, denn man könne „davon ausgehen, dass der lebenskompetente Bürger die Aussage richtig einordnet“. (1)

Im August 2006 wurden die Ergebnisse einer von Infratest durchgeführten repräsentativen Umfrage zum Alpecin-Slogan bekannt gegeben: Von über 1000 Befragten hatten sich 64,3 Prozent (in der Gruppe der 19- bis 29-Jährigen sogar 86 Prozent) gegen ein Verbot des Werbeslogans ausgesprochen. (2) Dennoch erhitzt „Doping für die Haare“ – zeitweise ergänzt um den Zusatz „Nur für die Haare“ – bis heute die Gemüter von Anti-Doping-Aktivisten. Erst im Oktober 2009 kritisierte der Verein „Sport Transparency e.V.“, dass Alpecin mit dem Claim auf fussball.de, einem Internetangebot von DFB und Telekom, werbe. „Im Hinblick auf die großenteils jugendliche Zielgruppe und die gesellschaftliche Verantwortung von Telekom und DFB halten wir die Unterstützung eines mit dem Begriff ‚Doping‘ werbenden Unternehmens auf fussball.de für fragwürdig und unangebracht“, ist auf der Website des Vereins zu lesen. (3) Dass Werbung für ein koffeinhaltiges Haarwaschmittel, die sich – durchaus geschickt – des aufmerksamkeitsstarken „Doping“-Begriffs bedient, tatsächlich in Aktivistenkreisen genau diese Reaktion hervorruft, zeigt zweierlei: zum einen, wie stark der „Doping“-Begriff zu einer Metapher geworden ist, die ohne Sinnzusammenhang ihre Wirkung entfalten kann, zum anderen ist hier mit Händen zu greifen, wie sehr eine Entzauberung dieses Schlagwortes not tut.

Eine Gesellschaft, die sich vom mystifizierenden „Doping“-Begriff löst, wäre in jedem Fall eine, in der sich die oben zitierte Lebenskompetenz der Bürger einer weit größeren Wertschätzung erfreut, als dies momentan der Fall ist. Denn nur, wenn den Bürgern die Fähigkeit zuerkannt wird, eigene und vollwertige Werturteile und Handlungsentscheidungen zu fällen, ohne dabei auf die Kanalisierung durch bevormundende Instanzen angewiesen zu sein, entsteht auch die intellektuelle Stabilität, die es möglich macht, über einen Werbeslogan wie „Doping für die Haare“ zu schmunzeln. Erst die misanthropische Sichtweise, man müsse die Menschen generell von allen nur denkbaren Gefährdungen und Versuchungen fernhalten, lässt eine Gesellschaft entstehen, die tatsächlich der Bevormundung bedarf. Sie verhindert, dass ihre Mitglieder lernen, ihr Leben selbstbewusst zu gestalten, denn sie bietet ihnen keinen Raum, Erfahrungen mit wirklicher Eigenverantwortung zu machen. Um ihren Mitgliedern diesen Freiraum aber gewähren zu können, muss sich eine Gesellschaft in ihren Sphären der Politik, des Rechts und der Moral darauf konzentrieren, breite Korridore sozial verträglichen Handelns festzulegen, anstatt konkrete „Handlungsanweisungen“ zu erteilen.

Ein gutes Beispiel dafür, dass dies kaum mehr geschieht, liefert nicht zuletzt der Doping-Diskurs selbst. Nach Ansicht vieler Anti-Doping-Experten liegt bereits dann ein Verstoß gegen Regularien vor, wenn ein Sportler leistungssteigernde Substanzen in einer zulässigen (!) Dosis einnimmt. Im Juli 2008 sorgte die Nachricht, dass ein spanisches Labor an der Universidad de Extremadura in Caceres Radsport-Profiteams interne Doping-Kontrollen angeboten haben sollte, für große Aufregung. Das Labor habe verschiedenen Radsport-Teams angeboten, „durch Urin-Analysen ein komplettes Steroid-Profil der Radfahrer der Profiteams durchzuführen“, hieß es in einer Pressemitteilung. David Howman, der Generalsekretär der Welt-Anti-Doping-Agentur, bezeichnete diese Meldung als „besorgniserregend“. Sportler könnten sich mit den Steroid-Profil-Analysen gezielt an Grenzwerte „herandopen“, positiv getestete Fahrer könnten zudem rechtzeitig vor einer offiziellen Doping-Kontrolle aus dem Rennen genommen werden, so die Begründung. (4)

Hier wird deutlich, dass offenbar nicht mehr nur illegales Handeln – die Einnahme leistungssteigernder Substanzen in verbotenen Dosen –, sondern inzwischen auch der Versuch, legale Spielräume auszunutzen, dem moralischen Anti-Doping-Kodex zuwiderläuft. Wer das Nutzen legaler Handlungsspielräume zu kriminalisieren versucht, hat nicht das körperliche und geistige Wohl von Athleten im Sinn, sondern die Abschaffung persönlicher Freiheit – sowohl im Handeln als auch im Denken. Wir können heute tagtäglich beobachten, dass zwar einerseits individuelle Gestaltungsräume geschätzt werden und Menschen verstärkt Zuflucht in ihnen suchen, dass aber andererseits persönliche Freiheiten zunehmend als potenzielle Gefahr angesehen werden. Teilweise kommt dieses Misstrauen in Form direkter Beschneidungen von Freiheitsrechten „zum Schutze der Bevölkerung“, teilweise aber auch als wohlmeinende Hilfsangebote zur Entwicklung gesellschaftskonformer Überzeugungen und moralisch einwandfreier Handlungsformen daher. Beiden Strategien liegt ein Menschenbild zugrunde, demzufolge das Individuum der Kontrolle sowie der Belehrung bedarf, um das als fragil wahrgenommene Sozialgefüge nicht zu sprengen.

Dass Menschen willens und imstande sein können, aus sich heraus rationale Entscheidungen zu treffen, welche die individuelle Ebene transzendieren und mithin sozial im eigentlichen Sinne sind, ist in dieser Weltsicht geradezu unvorstellbar. Dies gilt erst recht für die Annahme, dass Menschen nur durch das Nutzen von Freiräumen lernen können, mit eventuell neuen Freiheiten konstruktiv umzugehen. So erklärt sich auch, warum beinahe automatisch der Ruf nach Verboten, Einschränkungen und strikteren Kontrollen laut wird, wann und wo auch immer ein Problem auftritt. Dieser Impuls ist vor allen Dingen im Hinblick auf die künftige Entwicklung der Gesellschaft problematisch: Er verhindert, dass Menschen ihre Potenziale nutzen und sich weiterentwickeln. Er sperrt sie ein in einer immer enger werdenden Gegenwart, die sich ihrer Vergangenheit entledigt hat und sich gleichzeitig vor der Zukunft fürchtet.

Eine Gesellschaft ohne „Doping“ wäre eine, die ihren Mitgliedern nicht nur zutraut, sondern von ihnen erwartet, einen freien Umgang mit leistungssteigernden Substanzen sowie insgesamt mit modernen Technologien zu erlernen, und die zugleich das notwendige Selbstvertrauen aufbringt, diesem Prozess die Zeit einzuräumen, die er benötigt. Das beliebte und in vielen Bereichen angewandte „Dammbruch-Argument“, demzufolge alles im Keim erstickt werden soll, was eventuell schiefgehen könnte, speist sich nicht nur aus dem Misstrauen gegenüber den heutigen Menschen, sondern auch aus der Vorstellung, dass Menschen auch in Zukunft nichts dazulernen werden. Diese sehr entwicklungsfeindliche Haltung manifestiert sich zwar häufig in Diskussionen über neue Technologien, ist aber in den meisten Fällen keine Kritik an der Technologie selbst, sondern eine Kritik am Menschen, von dem ausgegangen wird, er könne mit ihr – ebenso wie mit Freiheiten und legalen Spielräumen – nicht angemessen umgehen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch in einer Gesellschaft ohne „Doping“ würden weiterhin leistungssteigernde Präparate eingenommen. Dies würde aber anders bewertet, da man sich der Tatsache bewusst wäre, dass Leistungssteigerung kein moralisches Verbrechen, sondern seit jeher ein Grundprinzip zivilisatorischen Fortschritts war und ist. Heute hingegen befindet sich der Einsatz leistungssteigernder Mittel und Methoden im Sport in einer legalen Grauzone und steht moralisch in der Defensive. Dass mittlerweile sogar ausdrücklich legale Bemühungen, die eigene Leistung zu steigern, als quasi kriminelle Handlungen angesehen werden, wie die zuvor dargestellte Anekdote zeigt, lässt erahnen, in welchem Dilemma sich der Leistungssport befindet.

Eine Gesellschaft ohne „Doping“ hätte die Möglichkeit, nicht nur offen und rational über die verschiedenen Wege der Leistungssteigerung zu diskutieren, sondern diese Wege auch legal zu beschreiten. Schon heute führen hochtechnisierte Trainingsmethoden, bessere Kenntnisse über biodynamische Prozesse, Fortschritte in der Ernährungswissenschaft, in der Sportmedizin oder auch in der Entwicklung von Sportgeräten dazu, dass auf ganz „legalem“ Wege neue und schier unglaubliche sportliche Meilensteine gesetzt werden. Aktuell ist dies besonders im Schwimmsport zu beobachten. Anstatt den Einsatz moderner Schwimmanzüge, der zu einem großen Teil für die Leistungsexplosionen der letzten Jahre verantwortlich ist, zu verbieten, sollten der Sport wie auch die Öffentlichkeit diese Innovationen offensiv begrüßen und deren Einsatz durch Anpassung seiner Regelwerke ermöglichen, wie er es seit Jahren in vielen Disziplinen tut. Warum ausgerechnet Schwimmanzüge verboten werden, das Optimieren von Skisprunganzügen oder permanente Veränderungen der Vorschriften für Formel-1-Rennwagen jedoch gängige Praxis ist, erscheint nicht nachvollziehbar.

Die Entwicklung und Einnahme leistungssteigernder Substanzen und Methoden endgültig aus der legalen Grauzone zu befreien, hätte auch positive Konsequenzen für die Sportler selbst. Öffentliche und somit transparente Forschung an Methoden zur Leistungssteigerung wäre nicht nur erheblich effektiver, sondern auch deutlich ungefährlicher. Der offene Wettbewerb innerhalb des Wissenschaftsbetriebs kann jedoch seine selbstreinigenden Kräfte nur dann entfalten, wenn er offen und in einem rechtlich abgesicherten Rahmen stattfindet. Dasselbe gilt im Übrigen für die reinigenden Kräfte des Marktes: Kein seriöses Unternehmen würde sich in Forschungsbereichen engagieren, die rechtlich und moralisch unter Quarantäne stehen. Die dennoch in diesen Bereichen in Zukunft zu erwartenden Forschungsresultate sollten im Interesse des Sports wie auch der Gesellschaft nicht Quacksalbern und Giftmischern überlassen werden.

Auch der frühere Hammerwerfer Edwin Klein argumentiert, dass dann die „Zeit des ‚wilden‘ Dopens“ vorbei wäre: „Es würde nicht weniger gedopt werden, aber qualitativ besser und vor allem auch gesünder.“ (5) Anstatt „Doping“ pauschal zu verteufeln, braucht eine Gesellschaft, die ein aufgeklärtes Verhältnis zu modernen Technologien im Bereich der Leistungssteigerung entwickeln will, eine offene und informierte Auseinandersetzung über die konkreten Vor- und Nachteile konkreter Präparate und Methoden. Genau eine solche Auseinandersetzung wird aber durch die zuweilen inquisitorische Ablehnung des Leistungsstrebens im Sport verhindert.

Offenheit und Aufgeklärtheit im Umgang mit modernen Methoden der Leistungssteigerung würde nicht zuletzt auch im Breitensport das Problem des uninformierten und gesundheitsgefährdenden Konsums dubioser Substanzen lösen helfen. Ein auf diesem Wege erreichbarer aufgeklärter Umgang mit leistungssteigernden Präparaten und Methoden bietet selbstverständlich keine Gewähr dafür, dass in Zukunft kein gefährlicher Medikamentenmissbrauch mehr stattfindet. Dieser hat, wie am Beispiel des Breitensports bereits dargestellt wurde, häufig gesellschaftliche Ursachen, die nicht durch gesundheitliche Aufklärungskampagnen aus der Welt zu schaffen sind. Jedoch würde eine Gesellschaft, die ein positiveres Verhältnis zu persönlicher Freiheit, zum individuellen Experimentieren und zum kreativen menschlichen Potenzial entwickelt, genau die Enge und Orientierungslosigkeit überwinden, vor der viele Menschen mit dem Rückzug ins Privatleben flüchten. Die moralische Abwertung des Strebens nach „mehr Muskeln“ ist jedenfalls keine wirksame Strategie. Verbote, ethisch-moralische Verurteilungen sowie die Einengung von individuellen Spielräumen tragen hier nicht zur Lösung des Problems bei, sondern leisten ihm eher Vorschub.

Eine Gesellschaft ohne „Doping“ wäre selbstbewusst genug, um sich nicht davor fürchten zu müssen, dass ihre Grundfesten durch das Verhalten Einzelner ernsthaft gefährdet würden. Sie könnte darauf vertrauen, dass ihre Mitglieder Probleme lösen und Herausforderungen meistern können. Denn ebenso wenig, wie ein Dieb die gesellschaftliche Relevanz der Kategorie „Eigentum“ grundsätzlich gefährdet, hebelt das unvernünftige Verhalten individueller Sportler die Regeln des sportlichen Wettbewerbs oder gar die öffentliche Moral aus. Verstöße gegen Regeln und Gesetze wird es immer geben. Eine selbstbewusste Gesellschaft ist in der Lage, damit entschlossen umzugehen, und sie ist dafür weder auf Dramatisierungen noch auf Panikmache angewiesen.

Eine „Beruhigung“ und Versachlichung der öffentlichen Diskussion wäre für die Menschen, für die Politik und nicht zuletzt auch für den Sport eine wohltuende Entwicklung. Sie würde die moralische Überfrachtung des Sports verringern und gleichzeitig dazu beitragen, dass konstruktivere Debatten über die Zukunft unseres Gemeinwesens an die Stelle der heute vorherrschenden Angstdiskurse treten, die den Menschen jede Perspektive rauben. Ohne Perspektiven ist es für Menschen schwer, Prinzipien zu vertreten, sei es im öffentlichen Raum oder im privaten. Noch schwerer ist es, Prinzipien an Kinder weiterzugeben, wenn Erwachsene wie unmündige Kinder behandelt und bevormundet werden. Das beste Vorbild für Kinder sind daher mutige Erwachsene, die bewusste und wohlinformierte Entscheidungen treffen, zu diesen stehen und die Konsequenzen tragen.

Letztlich wäre eine Gesellschaft, die in der Lage ist, sich des „Mythos Doping“ zu entledigen, eine wesentlich angenehmere, optimistischere und freiere. Nicht dadurch, dass es gelungen wäre, ein eigentlich sportinternes Thema wieder auf seine eigentliche Relevanz zurückzuführen, sondern dadurch, dass ihr dies auch bei vielen anderen Themen gelingen kann, die heute alarmistisch, emotional und irrational diskutiert werden, und die Gesellschaft somit ihre Konzentration wieder auf die entscheidenden Fragen des Lebens richtet. Die Entmystifizierung von „Doping“ macht die Welt nicht automatisch zu einer besseren, aber eine Welt, die zur Entmystifizierung von „Doping“ fähig ist, ist eine bessere.