17.03.2010

Forschung und mentale Prostitution

Essay von Günter Ropohl

Wissenschaften sind verführbar. Gerade deshalb ist ihre Unabhängigkeit so wichtig.

„Warum verachtet man Menschen, die ihren Körper verkaufen? Wo es doch offenbar niemand anstößig findet, dass andere ihren Geist verkaufen!“ Das sagte, vor mehr als 50 Jahren, mein damaliger Deutschlehrer vor versammelter Klasse im christkatholischen Köln. Diese seinerzeit höchst provokante Äußerung habe ich mein Leben lang nicht vergessen. Gewisse Entwicklungen in der Wissenschaft nähren in mir den Gedanken, dass heute immer mehr Forscher ihren Geist verkaufen, also gewerbsmäßig der mentalen Prostitution nachgehen. Dieser Verdacht drängt sich immer dann auf, wenn Wissenschaftler ein bestimmtes Fachproblem, das bei nüchterner Betrachtung keineswegs gelöst ist, in der Öffentlichkeit so darstellen, als hätten sie die endgültige Antwort darauf gefunden; und wenn sie abweichende Minderheitsmeinungen mit allen nur denkbaren Manipulationstaktiken als unseriös und abwegig zu diskreditieren und zu unterdrücken versuchen, als müssten sie befürchten, die „Hure von nebenan“ mache ihnen die Kunden abspenstig. Aus der Vielzahl von Beispielen greife ich drei aktuelle Fälle heraus, die längst aus der innerwissenschaftlichen Debatte herausgetreten sind und einen leidenschaftlichen Streit um politische Interventionen ausgelöst haben. Das sind der „Cholesterin-Fall“, der „Tabak-Fall“ und der „Klima-Fall“. Gegenwärtig scheint sich überdies der Schweinegrippen-Fall abzuzeichnen, der freilich noch zu jung ist, als dass er schon abwägend beurteilt werden könnte.
Es ist natürlich kein Zufall, dass diese Fälle allesamt die Werte der Gesundheit und der Umwelt berühren. Diese Werte sind zum ersatzreligiösen Fetisch verweltlichter Zeitgenossen geworden, die gleichwohl erziehungsbedingt an ideologische Fixpunkte glauben wollen. (1) Ist es ansonsten die Lust, mit der die gewöhnliche Prostitution ihre Geschäfte macht, kann die mentale Prostitution auf die Angst bauen, die sich als Grundbefindlichkeit moderner Menschen seuchenhaft verbreitet hat. In knappen Zügen will ich die drei Fälle skizzieren.

Der Cholesterin-Fall

Mitte des vergangenen Jahrhunderts kommt die Vorstellung auf, Cholesterin habe besondere Bedeutung für die Gesundheit und Lebenserwartung. Bestimmte Arten der Nahrung (besonders Fett, Fleisch und Eier) bewirken, so die Hypothese, einen überhöhten Cholesterinspiegel im Blut. Das führe zur Verstopfung bestimmter Blutbahnen, der Arterien, und die daraus folgende Störung des Blutkreislaufs könne Herz- und Gehirndefekte auslösen. Später erkennt man zwar, dass es zwei verschiedene Arten von Cholesterin gibt, die nun getrennt gemessen werden, doch ist nach wie vor die Ansicht verbreitet, dass zumindest das „schlechte“ Cholesterin bei erhöhtem Vorkommen gefährlich sei. Den Betroffenen raten Ärzte und Gesundheitsfunktionäre noch immer, die Ernährung umzustellen und cholesterinsenkende Medikamente zu nehmen.

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben Tausende von Medizinern und Ernährungswissenschaftlern eine Fülle von Untersuchungen angestellt, um die skizzierte Hypothese zu beweisen, und „Studien“, die das mit allen möglichen Statistiken scheinbar leisten, finden im Gesundheitssystem (Fachveröffentlichungen, Fachgesellschaften, Ärzte, Apotheken, Gesundheitspolitiker, Ernährungsberater) überragende Beachtung. Auch die amerikanisch dominierte Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich dieser Auffassung angeschlossen. Gleichwohl gibt es Kritiker, die an der Aussagefähigkeit der „Studien“ zweifeln und auf andere Untersuchungen verweisen, in denen die Hypothese widerlegt wird. (2) Solche kritischen Stimmen aber werden von den Vertretern der herrschenden Meinung kaum zur Kenntnis genommen und nicht selten regelrecht unterdrückt, indem ihnen beispielsweise die Publikation in führenden Zeitschriften versagt wird. Eine wissenschaftliche Hypothese, die sich offenbar noch längst nicht bewährt hat, wird zum Dogma der Ernährungs- und Medikationsberatung erklärt, und die Hüter der „reinen Lehre“ bekämpfen die „Abweichler“ mit allen nur denkbaren Mitteln, statt sich in offener und fairer Diskussion mit ihnen auseinanderzusetzen.

Der Tabak-Fall

Ein zweites Beispiel ist die Hypothese vom Passivrauchen. Nach einem zunächst folgenlosen Vorspiel im nationalsozialistischen Deutschland wird in den USA um 1970 von Tabakgegnern die Behauptung aufgegriffen, die Rauchpartikel, die beim Abbrennen von Tabakwaren an die Umgebungsluft abgegeben werden, würden bei Nichtrauchern, die diesen Rauch unfreiwillig einatmen, zu erheblichen Gesundheitsgefährdungen führen. Offensichtlich haben die Tabakgegner diese Annahme bloß deswegen in die Welt gesetzt, um die Nichtraucher gegen die Raucher aufzuwiegeln und damit Mehrheiten für eine umfassende Tabakprohibition zu gewinnen. (3)
Erst später sind dann zahlreiche statistische Untersuchungen angestellt worden, die nach Ansicht der Tabakgegner die Gefährlichkeit des „Passivrauchens“ beweisen. Auch die bereits erwähnte Weltgesundheitsorganisation hat derartige „Studien“ finanziert und auf dieser Grundlage zum weltweiten „Kreuzzug gegen das Rauchen“ aufgerufen. Skeptiker dagegen zweifeln aus guten Gründen an der Seriosität der Statistiken(4), aber sie werden nicht selten mit dem Vorwurf diskreditiert, sie ständen im Sold der Zigarettenindustrie. Doch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Es sind die alarmistischen Tabakforscher und Gesundheitsfunktionäre, die sich für ihre Kassandrarufe mit Unsummen öffentlicher (und möglicher Weise auch privater) Gelder aushalten lassen. Auch hier ist ein Dogma aufgestellt worden, das gegen alle Einwände hartnäckig verteidigt wird und die Politik inzwischen weltweit zu drakonischen Rauchverboten veranlasst hat.

Der Klima-Fall

Das dritte Beispiel handelt vom menschengemachten Klimawandel. Hatte es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur vereinzelte und wenig beachtete Hinweise gegeben, verbreitete sich nach 1950 die Auffassung, die erdnahe Atmosphäre werde immer wärmer, weil die Menschen mehr und mehr Gase, besonders CO2, freisetzen, die eine Abstrahlung der Sonnenwärme in den Weltraum behindern und damit den sogenannten Treibhauseffekt verursachen. Von der globalen Erwärmung werden katastrophale Auswirkungen erwartet: Die bisherigen Klimazonen veränderten sich, Wirbelstürme und Unwetter vermehrten sich dramatisch, der Meeresspiegel steige an, und zahlreiche teilweise dicht bevölkerte Küstenregionen würden überflutet.
Hatte es um 1950 weltweit nur ein paar Hundert Klimaforscher gegeben, sind es heute Tausende, die, von gewissen Politikern mit ansehnlichen Finanzmitteln versehen, immer neue Statistiken und Vorhersagen hervorbringen, mit denen sie das Horrorszenario der „Klimakatastrophe“ heraufbeschwören. Seit 1988 haben sich diese Berufspessimisten in einem „Zwischenstaatlichen Ausschuss über den Klimawandel“ (IPCC) zusammengeschlossen, der vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gemeinsam mit der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) eingerichtet wurde. Mit solcher internationalen Unterstützung beherrscht dieser Weltklimarat internationale Konferenzen, hat große Teile der Medien und der Politik für sich eingenommen und gebärdet sich wie weiland das Heilige Offizium der katholischen Kirche, das bekanntlich auch das Wahrheitsmonopol für sich in Anspruch genommen hatte. So behaupten Anhänger des IPCC, es gäbe keine ernst zu nehmenden Gegenmeinungen, weil sie ja sonst in anerkannten Fachjournalen zu lesen wären; dabei verschweigen sie, dass sie selbst mit ihren Gutachtermehrheiten dafür sorgen, dass Texte von Dissidenten bei diesen Zeitschriften durchweg abgelehnt werden. Tatsächlich aber gibt es zahlreiche Wissenschaftler, die dem Dogma von der Klimakatastrophe energisch widersprechen. (5)

Strukturwandel der Wissenschaft

Diese drei Beispiele – denen weitere hinzugefügt werden könnten – zeigen deutliche Gemeinsamkeiten:

  • Man behauptet eine Bedrohung für Mensch und Natur.
  • Man rüttelt damit Geldgeber auf und lässt sich zahlreiche statistische Untersuchungen finanzieren, um die Bedrohung zu beweisen (obwohl statistische Zusammenhänge überhaupt keinen Beweis für tatsächliche Ursachen liefern können).
  • Man schafft Meinungsmehrheiten in der Fachwelt und besetzt damit die öffentliche Meinung, der dann alsbald die Politiker folgen.
  • Man erzeugt unentwegt neue Unheilsprognosen, um die Politiker auf weitere Förderung und auf drastische Präventionsstrategien einzuschwören.
  • Man diskreditiert und unterdrückt abweichende Stimmen von Gegenexperten.

Dieses immer wiederkehrende Muster verweist auf einen historischen Strukturwandel in der Wissenschaft. In idealtypischer Stilisierung: An die Stelle der akademischen Wissenschaft tritt nun die postakademische Wissenschaft. Die akademische Wissenschaft, vorwiegend von den Universitäten gepflegt, war ein Kennzeichen der Neuzeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Ihre Funktionsbedingungen hat Wilhelm von Humboldt in die einprägsame Formel „Einsamkeit und Freiheit“ gefasst, und selbstverständlich war ein gemeinwohlorientierter Staat dafür zuständig, die notwendigen Kosten zu bestreiten. Der einzelne Gelehrte, frei von finanziellen und ideologischen Zwängen, folgt allein seiner theoretischen Neugier, wenn er Beobachtungen erklären, Zusammenhänge deuten und das Wissen in Theorien systematisieren will.
Dieser Prototyp hat sich in vielen herausragenden Persönlichkeiten verkörpert. Statt langer Listen, mit denen die Wissenschaftsgeschichte sich schmücken kann, nenne ich beispielhaft bloß zwei: Albert Einstein und Max Weber. Beide, das ist schon mehrfach festgestellt worden, hätten in der gegenwärtigen Forschungslandschaft einen schweren Stand und kämen heute angesichts fortwährender Antrags- und Bewertungsprozeduren womöglich gar nicht mehr dazu, ihre genialen theoretischen Entwürfe zu entwickeln. Liegt es wirklich nur an einer zeitperspektivischen Täuschung, wenn derart überdurchschnittliche Figuren, die ja schon zu Lebzeiten große Anerkennung fanden, in der aktuellen Wissenschaftsszene kaum mehr auszumachen sind?
Seit rund 50 Jahren verbreitet sich, was man als postakademische Wissenschaft ansehen kann. Es gibt Wissenschaftsforscher, die stattdessen von einer „post-normal science“ (post-normale Wissenschaft) oder „knowledge production in MODE 2“ (Wissenserzeugung vom Typ 2) sprechen und dafür die verschiedensten Kennzeichen heranziehen. (6) Besondere Merkmale der postakademischen Wissenschaft sind in meiner Einschätzung:

  • Die Organisation der Forschung in Form auftragsabhängiger, zeitlich befristeter Projekte.
  • Ein beträchtlicher finanzieller und personeller Umfang sowie die ausgeprägte Arbeitsteiligkeit der Forschungsvorhaben.
  • Die disziplin- und institutionsübergreifende Zusammenarbeit der Wissenschaftler.
  • Ein ausgeklügeltes Schema von vorbereitenden, begleitenden und abschließenden Beurteilungsverfahren („Evaluationen“) für eine wie immer verstandene Qualitätskontrolle.

Betriebsamkeit und Zwang

Wissenschaft arbeitet nicht mehr unter Bedingungen der Einsamkeit und Freiheit, sondern verkörpert Betriebsamkeit und Zwang. Betriebsamkeit äußert sich in den verschiedensten Formen der Kollektivierung. Es gibt nicht mehr den selbstständigen einzelnen Denker, sondern fach-, orts- und länderübergreifende Arbeitsgruppen („cluster“), die sich unter der Ägide von Koordinatoren unentwegt in Werkstattgesprächen („workshops“) und Präsentationskonferenzen austauschen. Das führt zu einer ausgeprägten „Taylorisierung“ der wissenschaftlichen Arbeit: Projektleiter planen und steuern den Forschungsprozess, Mitarbeiter erledigen abgegrenzte Teilaufgaben, und Gutachter überwachen Termineinhaltung und Produktausstoß. Wie jeder andere Betrieb unterliegt auch die Wissensproduktion der Ökonomisierung: Erkenntnis wird nicht mehr um ihrer selbst willen gesucht, sondern nur noch, um weitere Ressourcen in den Forschungsbetrieb zu lenken. Und der Einsatz von Zeit und Geld lohnt sich nur dann, wenn dadurch verwertungsfähige Erträge hervorgebracht werden.
In diesen Organisationsprinzipien sind etliche Zwänge begründet. Da ist zunächst der Vernetzungszwang, der die mitwirkenden Personen kaum zu eigenen Ideen anregt, sondern sie in die Konformität des Arbeitskollektivs einpasst und überdies zu fortgesetzten Reiseaktivitäten veranlasst. Statt sich auf Fachprobleme zu konzentrieren, vertut man viel Zeit mit „angewandter Verkehrsmittelforschung“. Dann gibt es den Legitimierungszwang, weil sich jeder Arbeitsschritt und jedes Resultat vor den Kontrollinstanzen der Projektorganisation als „ertragreich“ ausweisen muss. Ferner unterliegt man dem Akquirierungszwang, weil man nur forschen kann, wenn man dafür Geldgeber gewinnt, die meist schon im Voraus wissen wollen, welche Forschungsergebnisse man zusagen kann und wofür die gut sein werden.
Da die Projekte zeitlich befristet sind, muss man schon vor Ablauf des einen Projektes das Konzept eines neuen Vorhabens entwerfen und dafür wieder Finanzmittel einwerben, um die weitere Beschäftigung der Mitarbeiter sicherzustellen. Für die systematische Entwicklung und Verfeinerung umfassender Theoriezusammenhänge lässt die Projektgeschäftigkeit einfach keine Zeit mehr. Schließlich steht man unter dem Verifikationszwang, jedes Arbeitsergebnis als unbezweifelbare Wahrheit hinstellen zu müssen: Was viel Geld und Zeit gekostet hat, darf doch nicht mehr bestreitbar sein! Mit jedem öffentlich geäußerten Selbstzweifel würde man die eigene Glaubwürdigkeit bei den Geldgebern untergraben und die Chancen für weitere Projektaufträge verringern.

Drittmittelwerbung statt Kreativität

Diese Zwänge aber führen zur strukturellen Käuflichkeit der Wissenschaft. Wenn man, um Wissenschaft treiben zu können, fortgesetzt „Drittmittel“ akquirieren muss, dann erforscht man nicht, was nach eigenem wissenschaftlichen Urteil interessant scheint, sondern bloß noch das, was zahlungskräftige Käufer zu finanzieren bereit sind. Mit dem Unwort „Drittmittel“ bezeichnet man Gelder, die nicht der Forscher selbst – wie könnte er das auch?! – und nicht der Staat als interesseloser Garant des öffentlichen Gutes Wissenschaft aufbringen, sondern gewisse „Dritte“ aus irgendwelchen Gründen beisteuern. Das reicht von vordergründig neutralen Förderorganisationen, in denen durch das Begutachtungswesen normalerweise die „herrschende Lehre“ dominiert, über politische Agenturen, die Partialinteressen verfolgen, bis hin zu Auftraggebern aus der Wirtschaft, denen altruistische Motive ohnehin nicht unbedingt zu unterstellen sind.
Die Betonung der „Drittmittel“ signalisiert, dass sich der Staat aus seiner Verantwortung für die Wissenschaft zurückgezogen hat. Inzwischen werden kaum noch Professorenstellen ausgeschrieben, in denen nicht verlangt würde, dass die Bewerber die erfolgreiche „Einwerbung von Drittmitteln“ nachweisen müssen. Nicht länger qualifiziert die ungewöhnliche Kreativität den Hochschullehrer, sondern seine Beflissenheit in mentaler Prostitution. Forschung ist mithin nicht länger selbstbestimmt wie weiland in der akademischen Wissenschaft, sondern weitgehend fremdbestimmt, gesteuert von fremden Interessen und fremden Mehrheitsmeinungen.
Wer, außer ein paar Fossilien aus der akademischen Wissenschaft, würde es schon noch wagen, die Irrelevanz des Cholesterinspiegels, die Unbedenklichkeit des „Passivrauchens“ oder die Folgenlosigkeit geringfügiger Klimaschwankungen beforschen zu wollen? Niemand würde das finanzieren, niemand würde ungewöhnliche Resultate veröffentlichen, und niemand würde solche Abweichler für eine Professur in Erwägung ziehen. Hier ist nachzutragen, dass die enorme Vermehrung des wissenschaftlichen Nachwuchses einen mörderischen Konkurrenzkampf um die knappen Karrierechancen ausgelöst hat, in dem natürlich diejenigen belohnt werden, die opportunistisch im breiten Strom der herrschenden Meinung mitschwimmen. Der mentalen Prostitution sich zu verweigern, kommt dem wissenschaftlichen Selbstmord gleich, und wer wollte schon ableben, bevor er gelebt hat?

Krise der Wissenschaft

In den Fehlentwicklungen, von denen ich nur einige skizzieren konnte, äußert sich eine dramatische Krise der Wissenschaft. Ich will nicht behaupten, allein die akademische Wissenschaft wäre der Königsweg. Selbstverständlich gibt es Forschungsprobleme, die nicht vom einsamen Gelehrten zu lösen sind, sondern fach- und institutionsübergreifende Zusammenarbeit erfordern. Gleichwohl müssten auch in der postakademischen Wissenschaft schöpferische und kritische Freiräume verankert werden, in denen die Forscher von ihrem geschäftigen Treiben gelegentlich Abstand nehmen und über die Grundlagen der Wissenschaft reflektieren könnten. Es müsste den Forschern schon in der Ausbildung und dann immer wieder in den Wissenschaftsorganisationen eingeschärft werden, dass sie nur mit kritischer Selbstreflexion ihrem Berufsethos gerecht werden.
Wissenschaft ist auf der Suche nach Wahrheit, gewiss, aber herausragende Wissenschaftsphilosophen – ich nenne Thomas S. Kuhn, Karl R. Popper, Hans Albert oder Paul Feyerabend – haben darüber aufgeklärt, dass „Wahrheit“ keine unfehlbare Errungenschaft ist, die der Forscher zum Dogma erheben dürfte, sondern ein regulatives Prinzip, dem man sich mit immer neuen Versuchen lediglich annähern kann. Alle Wissenschaft steht unter dem Vorbehalt der Fehlbarkeit, und darum bedarf sie fortgesetzt der kritischen Prüfung. Dazu gehört einerseits das mögliche Scheitern an der Erfahrung: Sobald ein empirischer Test bekannt wird, der eine ursprüngliche Vermutung nicht bestätigt, muss die Hypothese erneut zur Disposition gestellt werden. Und andererseits ist es die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Theorien, die ein Forscher nicht einfach darum ignorieren darf, weil sie seinem eigenen Ansatz oder der „herrschenden Lehre“ widersprechen. Die Wissenschaftsgeschichte ist gespickt mit Fällen, in denen sich die „abweichende“ Theorie auf lange Sicht als der wirkliche Erkenntnisfortschritt erwiesen hat. Wissenschaftliche Tugend bedeutet, offen zu sein für empirische und theoretische Korrekturmöglichkeiten. Doch mentale Prostitution hat ihre Tugend ohnehin längst verloren.
Es ist an der Zeit, dass endlich auch die Medien und die Politik die grundsätzliche Fehlbarkeit der Wissenschaft zur Kenntnis nehmen und die Öffentlichkeit darüber aufklären. Man darf nicht länger einem blinden Aktionismus verfallen, bloß weil eine zufällig einflussreiche Wissenschaftlerlobby irgendwelche Katastrophenszenarien an die Wand malt. Angesichts offenkundiger Meinungsverschiedenheiten in der Wissenschaft kann sich die Politik nicht auf die „Einschätzungsprärogative“ berufen, hier willkürlich Partei zu ergreifen. (7) Und das Bundesverfassungsgericht müsste, statt solcher Willkür freien Lauf zu lassen, feststellen, dass es grundgesetzwidrig ist, wenn die Politik mit einem derartigen Präjudiz in den wissenschaftlichen Meinungsstreit eingreift. (8) Es ist schlimm genug, wenn eilfertige Forschungsfunktionäre selber die Freiheit der Wissenschaft untergraben. Es ist unerträglich, wenn sich Politiker und selbst Verfassungsjuristen dazu hergeben, derartige Angriffe auf die Freiheit der Wissenschaft ihrerseits zu missbrauchen oder gar zu legitimieren.