01.04.2010

Experten – Totengräber der mündigen Gesellschaft?

Essay von Frank Furedi

Ja, moderne Gesellschaften sollten auf Vernunft und Rationalität basieren. Doch in seiner heutigen Funktion trägt das Expertentum vielfach dazu bei, Diskussionen im Keim zu ersticken, anstatt für eine möglichst breite Aufklärung zu sorgen. Von Frank Furedi

Eine der einflussreichsten kulturellen Mythen der Gegenwart besagt, dass wir uns dem Ende der allgemeinen Autoritätsgläubigkeit nähern. Kommentatoren interpretieren den abnehmenden Einfluss traditioneller Autorität und Institutionen als Beweis dafür, dass die Menschen weniger autoritätsgläubig sind und kritischere Haltungen einnehmen, als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen sei. Man vergisst dabei jedoch oftmals, dass die Autoritätsgläubigkeit gegenüber traditionellen Autoritäten der Unterwürfigkeit gegenüber den Experten Platz gemacht hat.

Die westliche Kultur basiert auf der Vorstellung, dass sich ein selbstbestimmtes Individuum der Meinung des Experten beugt. Politiker erinnern uns immer wieder daran, dass ihre Entscheidungen auf Fakten basieren, was gemeinhin bedeutet, dass sie sich auf den Rat von Experten stützen. Diese haben bei Themen öffentlichen Interesses und zunehmend auch in Bereichen, die das Privatleben der Menschen betreffen, das letzte Wort. Man legt uns nahe, den Rat von beunruhigend vielstimmigen Experten zu suchen und zu beachten – Erziehungsspezialisten, Ratgeber in Lebensfragen, Beziehungsgurus, Paartherapeuten, Super-Nannys und Sextherapeuten, um nur einige zu nennen –, die ganz offensichtlich über die Autorität verfügen, uns in allen nur denkbaren Bereichen des Lebens zu instruieren.

Freilich gilt grundsätzlich, dass jede zivilisierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in der Regel den Rat von Experten ernst nimmt. Das Funktionieren einer modernen Gesellschaft hängt zu einem beträchtlichen Ausmaß von der Qualität der Beiträge solcher Experten ab. Ein Kranker oder jemand mit einem fachlichen Problem wird sich an einen Experten wenden. Zur Diskussion steht hier nicht der Status des Experten, sondern dessen Politisierung. Sehr häufig beschränken sich Experten nicht darauf, ihren Rat in die öffentliche Diskussion einzubringen. Viele beharren darauf, dass ihr Expertenwissen das letzte Wort in politischen Entscheidungen haben solle. Jüngste Studien zeigen, dass diejenigen, deren Ansichten in der öffentlichen Debatte dem Tenor wissenschaftlicher Experten zuwiderlaufen, es nicht leicht haben, wenn sie ihren Überzeugungen Gehör verschaffen wollen. Von Zeit zu Zeit missbrauchen Experten auch ihre Autorität, um Gegner mundtot zu machen und eine Debatte zu beenden. Das wahre Motiv hinter der Beendigung der Klimadebatte zeigt sich in den Angriffen auf den australischen Geologen Ian Plimer, als dieser in seinem Buch Heaven and Earth Fragen an den vorherrschenden Konsens über den Klimawandel stellte. Plimer, so stellte man mit dem Ton der Endgültigkeit fest, sei kein Klimaexperte.

Die kulturelle Bekräftigung der Autorität des Expertenwissens hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert. Historisch bezeichnet „Experte“ jemanden mit Erfahrung. Nach dem Oxford English Dictionary ist ein Experte „geschult durch Erfahrung oder Praxis“, „qualifiziert“ oder „geschickt“. Obwohl der Begriff häufig mit einer speziellen Begabung assoziiert wurde, konnte er auch mit persönlichen Eigenschaften in Verbindung gebracht werden. So beschrieb man einen Monarchen des 18. Jahrhunderts als „Experten für die Kunst der Kriegsführung und der Friedenssicherung“. Diese generelle Definition von Expertenwissen trat angesichts einer damit einhergehenden Sichtweise, die damit Spezialkenntnisse oder technisches Können verband, schon bald in den Hintergrund. Die heute gängige Definition eines Experten als „jemand, dessen Spezialwissen oder -fähigkeiten ihn als Autorität gelten lassen“, ist unmittelbar mit der Rolle des Spezialisten und der Spezialisierung verbunden. Wie der Soziologe Michael Schudson 2006 im Magazin Theory und Society bemerkte, ist der Experte „jemand, der über ein Spezialwissen verfügt, das von der Mehrheit einer Gesellschaft als fundiert erachtet wird“.

Das Aufkommen des Expertentums war untrennbar mit der Krise der traditionellen Autoritäten im Europa des 19. Jahrhunderts verknüpft. Seit der Aufklärung werden die wichtigen Fragen der Menschheit der Macht der Vernunft untergeordnet. Es genügt seitdem nicht mehr, sich auf Autoritäten aus der Vergangenheit zu berufen. Die Philosophin Hannah Arendt sprach dies in ihrer Schrift Between Past and Future (Erstveröffentlichung 1954) deutlicher aus, als sie erklärte, dass jegliche Autorität verschwunden sei. Das Verschwinden von Tradition bedeutete jedoch letztlich die Wiedereinführung von Autorität in neuem Gewand. In einer Ära des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts wurde die Wiedereinführung von Autorität unweigerlich in den Bereich des technischen Wissens und der Spezialkenntnisse verlegt. Im Gegensatz zur traditionellen Autorität, die jede Dimension menschlicher Erfahrung betraf, hat man die Autorität des Experten auf die Bereiche beschränkt, die von der Vernunft erfasst werden konnten.

Wie der Rechtsphilosoph Joseph Raz in seinem Buch Authority von 1990 zeigte, kann man die Autorität des Experten als „theoretische Autorität“ bezeichnen, da es eine Autorität im Bereich dessen sei, was man „glauben“ müsse. Raz bemerkte dazu, dass die „theoretische Autorität“, im Gegensatz zur politischen Autorität, die „Vernunftgründe zum Handeln“ bereitstelle und Vernunftgründe zum „Glauben“ liefere. Während es jedoch legitim ist, einen konzeptionellen Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Autorität zu postulieren, legt die historische Erfahrung nahe, dass Expertenwissen schnell politisiert werden kann. Im Laufe der Zeit verwischt sich jedoch die Grenze zwischen diesen beiden Formen der Autorität. Überdies begünstigt die Brüchigkeit der politischen Autorität einen Prozess, der Politiker dazu verführt, ihre Macht an Experten zu übertragen. Der Sozialwissenschaftler Stephen Hilgartner schreibt dazu: „Regierungen erachten Expertenrat als eine unverzichtbare Basis für die Formulierung und Rechtfertigung ihrer politischen Entscheidungen und sogar für die Umwandlung mancher politischer Fragen in Fragen reiner Formsache.“

Der Politologe Terence Ball sieht eine Erklärung für das Potenzial der Politisierung des Expertentums in der Unterscheidung zwischen epistemischer und epistemokratischer Autorität. Epistemische Autorität sei, „was man dem Träger von Spezialwissen, also Fähigkeiten oder Expertenwissen, zuschreibt“. Diese Form von Autorität komme zur Geltung, wenn wir einem Arzt in medizinischen oder einem Rechtsanwalt in juristischen Fragen Respekt zollen. Im Gegensatz dazu spricht man von epistemokratischer Autorität, wenn eine Klasse, Gruppe oder Person beansprucht, über eine andere aufgrund der Tatsache zu bestimmen, dass sie über Spezialwissen verfüge, das den Letzteren abgehe.

Ball argumentiert deswegen, dass „epistemokratische Autorität von der Sache her parasitär gegenüber der epistemischen Autorität“ sei. Anders formuliert: Epistemokratische Autorität versucht, die politische Autorität der unpolitischen epistimischen Autorität des Technikers oder Experten anzugleichen. Nach Ball sind die Grenzen der konzeptionellen Unterscheidung von politischer Machtausübung und der Autorität von Experten in der modernen Gesellschaft „verschwommen, wenn nicht sogar bedeutungslos“ geworden. Der epistemokratische Imperativ weitet seinen Anspruch auf Expertenwissen auf das Gebiet des politischen und öffentlichen Lebens aus. Er gleicht moralische und politische Fragen dem „Paradigma von epistemischer Autorität“ an und behauptet, „Politik und Ethik sind Tätigkeiten, in denen wir Experten sind“. Den Einfluss, den die epistemokratische Autorität heute ausübt, sieht man an der ständigen Verringerung des Abstandes zwischen wissenschaftlichem Rat und politischer Zurechtweisung in so unterschiedlichen Bereichen wie der globalen Erwärmung oder der Kindererziehung.

Im 19. Jahrhundert wurde das epistemokratische Ideal ausdrücklich von positivistischen Denkern wie Saint-Simon und Comte unterstützt. Sie forderten nicht nur den Primat technokratischer Autorität, sie beharrten auch auf der Verpflichtung, ihm Folge zu leisten. Obwohl eine derartige explizite Unterstützung einer technokratischen Autorität heute selten zum Ausdruck gebracht wird, spielt sein antidemokratischer Impuls doch immer noch eine einflussreiche Rolle. Der Einfluss von technokratischen Idealen auf das öffentliche Leben verdeutlicht, dass das epistemokratische Ideal, wie Ball formuliert, „der politischen Realität zunehmend entspricht“.

Der Status von Experten braucht deren öffentliche Anerkennung als maßgebende Autorität. Wie der Historiker Thomas Haskell zeigt, überließ Mitte des 19. Jahrhunderts der wissenschaftlich denkende Mensch seinen Platz dem Wissenschaftler und signalisierte damit eine Verschiebung von einer vornehmen Berufung hin zu einer Profession. Haskells Buch Die Anfänge der professionellen Sozialwissenschaften aus dem Jahr 2000 zeichnet nach, wie man „professionelle Autorität auf eine solidere Basis stellte und professionelles Agieren in neuen Gebieten“ vorantrieb. Er schreibt, dass das Wort „wissenschaftlich“ damals die Grundidee des Professionellen beschrieb: die institutionell verbürgte Autorität des Experten. Obwohl von Eigeninteresse beeinflusst, verkörperte die Professionalisierung des Expertenwissens auch den Versuch, auf die Krise der traditionellen Autorität zu reagieren. Haskell sieht den Trend zur Professionalisierung als Teil einer „breiten Bewegung, Autorität angesichts der äußerst beunruhigenden Veränderungen bei der Begriffsbestimmung von Wahrheit wiederherzustellen“. Haskell fügt hinzu, dass die Professionalisierung im 19. Jahrhundert nicht nur eine pragmatische und im Grunde ich-zentrierte Taktik war, um das eigene Ansehen zu heben, wie dies heute oftmals der Fall ist; sie schien damals als eine groß angelegte kulturelle Reform, eine Maßnahme, um Autorität auf festem Boden zu etablieren, sodass die Wahrheit und ihre Befürworter auch die Anerkennung der breiten Öffentlichkeit gewannen, von der die Gefahr ausging, dass sie allen Menschen, jeder Tradition und sogar den höchsten Werten die Gefolgschaft verweigerte.

Man kann also die Professionalisierung des Expertentums um 19. Jahrhundert als den Beginn einer Fokussierung der öffentlichen Autoritätsgläubigkeit interpretieren. In einer Zeit starker Veränderungen und moralischer und intellektueller Verwirrung gab der professionelle Experte, der Vernunft und Wissenschaft personifizierte, geistigen Halt. Er war eine Form von Autorität, die den Anspruch erhob, objektive wissenschaftliche Wahrheit zu besitzen und damit einen überlegenen moralischen Status innezuhaben. Haskell sieht dies so: „Eben weil es Wahrheiten gab, die man nicht abstreiten konnte, musste die Entscheidungsgewalt in die Hände von Experten gelegt werden, deren Autorität auf speziellem Wissen beruhte und nicht auf bloßem Durchsetzungsvermögen oder der Mehrheit der Inkompetenten.“ Haskell fragt weiter: „Woher kommt es, dass die moderne Gesellschaft zunehmend professionellen Rat sucht? Woher kommt es, dass der Mensch glaubt, dass sein Urteil, basierend auf gesundem Menschenverstand und überliefertem Wissen, nicht mehr adäquat ist?“ Die Suche nach professionellem Rat gründet auf dem Verlust der Glaubwürdigkeit traditionellen Führungsanspruchs. Die Grundvoraussetzung für das Aufkommen der Experten war die Aufweichung traditioneller Autorität.

Die abnehmende Bedeutung von Tradition und traditionellen Wahrheiten erweckte das Bedürfnis nach Führern und Ratgebern. Der Bedarf an Experten wurde durch ein kulturelles Klima, in dem man kaum etwas als selbstverständlich betrachten konnte und in dem die Menschen ohne intellektuelle Fähigkeit, der Welt einen Sinn zu geben, auskommen mussten, verstärkt. Zu einer Zeit, in der die westliche Gesellschaft mit einer Krise der Kausalität konfrontiert wurde, war die Öffentlichkeit mehr als bereit, sich denen zuzuwenden, die die Autorität wissenschaftlicher Wahrheit beanspruchten. Im 19. Jahrhundert erschien die Welt immer komplexer zu werden. Unter solchen Umständen konnten traditionelle Vorstellungen von Ursache und Wirkung wenig dazu beitragen, in eine von Industrialisierung, rapiden sozialen Veränderungen und dem Aufkommen einer Weltwirtschaft geprägte Welt Licht zu bringen. Unsicherheit in der Beurteilung der Welt ermutigte das Entstehen der Sozialwissenschaften, was wiederum zur Ausweitung des Expertenimperiums führte. Unter solchen Umständen war eine Gesellschaft, die sich nur allzu sehr der Grenzen des Laienwissens bewusst war, bereit, sich dem Anspruch des Expertentums zu beugen.

Seit dem 19. Jahrhundert gedieh das Expertenwissen in der Krise der Kausalität. So sehen Experten im Bereich der Sozialwissenschaften ihre Existenzberechtigung darin, dass sie vorgeben, die Welt sei viel zu komplex, als dass sie von Normalbürgern verstanden werden könnte. Wie der Historiker David Haney zeigte, haben sich die Soziologen damit legitimiert, dass sie die Aufmerksamkeit auf die Komplexität der modernen Gesellschaft lenkten. Dieser Gedanke wurde sehr wortgewandt von Talcott Parson gepflegt, dem wohl einflussreichsten Soziologen der Nachkriegszeit. Nach Haney bestand Parson darauf, dass die „Komplexität und die daraus resultierende Verunsicherung der Moderne die Expertise des Sozialwissenschaftlers erforderlich“ macht. Die Neigung, die Realität als komplex darzustellen, ist eine der typischen Merkmale der Politisierung des Expertentums. Kritiker des Technokratentums, besonders dessen Anfälligkeit für eine elitäre, antidemokratische Ausrichtung öffentlicher Themen, werden oft als naive, eindimensional denkende Menschen bezeichnet, die die Komplexitäten des alltäglichen Lebens nicht verstehen oder ausblenden. Der Soziologe Michael Schudson weist den naiven Romantizismus der Kritiker zurück, die befürchten, dass die Abhängigkeit von Experten mit der Demokratie nicht vereinbar sei. Ein derartiges Denken übersehe „nicht nur die Komplexität der Demokratie, sondern auch die Demokratie der Komplexität“. Schudson fügt hinzu, dass es „in einer Welt, die zu komplex ist, als dass irgendeine Einzelperson oder eine Organisation sie alleine verstehen kann, ein Regieren ohne Berater und Komitees und ohne Kompromisse nicht geben kann“.

Die Kehrseite des Expertentums ist die Unterstellung einer inkompetenten Öffentlichkeit. Geschichtlich gesehen führte die zweifelhafte Beziehung zwischen Demokratie und dem Sich-Verlassen auf Expertenwissen viele Denker zu pessimistischen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Fähigkeit der Öffentlichkeit, die Rolle einer verantwortungsvollen Bürgerschaft wahrzunehmen. Der Amerikaner Walter Lippmann vertrat diese Sichtweise mit Nachdruck in seinem 1922 erschienenen Klassiker Public Opinion. Lippmann konstatierte hier, dass der Anteil völlig ungebildeter Wähler wesentlich größer sei als vermutet und dass sich diese Menschen „geistig auf dem Niveau von Kindern oder Barbaren“ bewegten. Der Glaube an eine von infantilen Emotionen geleitete Öffentlichkeit war in der Literatur der Sozialwissenschaften in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen weit verbreitet. Oft vermittelte sie die herablassende Annahme, dass die öffentliche Meinung nicht wisse, was für sie am besten sei. Für Lippmann war der Fortbestand der Demokratie von Experten mit der Macht der Einflussnahme auf die Öffentlichkeit abhängig. Der liberale amerikanische Philosoph John Dewey stimmte zwar der pessimistischen Einschätzung Lippmanns zu, was die Unfähigkeit der Menschen hinsichtlich der Beurteilung der Komplexität des politischen Lebens betraf, war aber dennoch besorgt, dass sich die Experten zu einer Oligarchie entwickeln könnten. Sein Lösungsansatz ging davon aus, den Einfluss der Experten auf die Bereitstellung von Fakten zu beschränken, sie aber von der politischen Entscheidung fernzuhalten. Obwohl Lippmann und Dewey häufig als Gegenspieler angesehen werden, ist es wichtig festzuhalten, dass beide den Experten als jemanden betrachten, der einen intellektuellen, moralischen und politischen Status hat, der dem der Öffentlichkeit qualitativ überlegen ist.

Die öffentliche Meinung tendenziell als Gefangenen der Irrationalität zu betrachten, prägte größtenteils die Haltung der Elite gegenüber der öffentlichen Demonstration von Emotionen im 20. Jahrhundert. Regierungsbeamte und Meinungsmacher waren äußerst besorgt angesichts der Macht radikaler Ideologien und deren Wirkung auf politische Emotionen. Die Leidenschaft und den Zorn von Protesten sah man als Antithese zur vernünftigen und aufgeklärten politischen Meinungsbildung. Man nahm darüber hinaus an, dass eine irrationale Emotionskultur die Kräfte des Rationalismus besiegen könnte. Deswegen forderte etwa der Ökonom Joseph Schumpeter, den Zugang zu öffentlichen Angelegenheiten zu beschränken. Schumpeter war der Überzeugung, dass eine „utilitaristische Vernunft schlichtweg kein adäquate Gegenkraft für die außerhalb der Vernunft angesiedelten Determinanten des Verhaltens“ sei. Die Sozialwissenschaften, allen voran die Soziologie, artikulierten stets Misstrauen gegenüber den Ansichten und Meinungen der Öffentlichkeit. Haney vermerkt, dass im Amerika der Nachkriegszeit ein „tiefes Misstrauen gegenüber dem Charakter und den Neigungen der amerikanischen Öffentlichkeit“ vorhanden war.

Indem sie die Vorstellung von der Komplexität der Wirklichkeit auf die persönlichen Beziehungen ausgedehnt haben, beschlagnahmten die Experten auch die Privatsphäre. Eines der typischen Merkmale der modernen Zeit ist der Umstand, dass der Verlust von Selbstverständlichkeiten im Handeln die Ansicht hervorgebracht hat, dass das Individuum nicht mehr in der Lage sei, die wichtigen Dinge des Lebens ohne professionellen Ratschlag zu bewältigen. Häufig werden Routineabläufe sozialer Interaktion als etwas Kompliziertes dargestellt, und so wird die Erziehung von Kindern zur Wissenschaft. Man spricht deswegen auch von Erziehungskompetenzen, sozialen Kompetenzen, kommunikativen Fähigkeiten und Beziehungskompetenzen. Der Glaube, dass die Bewältigung des täglichen Umgangs miteinander besondere „Skills“ erfordert, stellt für die Experten eine gute Gelegenheit dar, den Bereich der persönlichen Beziehungen als Teil ihres Handlungsbereichs anzusehen.

So behaupteten moderne Erziehungsexperten, ihre Wissenschaft berechtige sie, den Anspruch auf Autorität in Bereichen zu stellen, die bisher als ausschließlich privat galten. Eine 1994 veröffentlichte Studie mit dem Titel „Troubling Children“ vermerkt hierzu: „Die maßgebliche Stimme der ‚wissenschaftlichen Experten‘ auf dem Gebiet der Entwicklung von Kindern wies wiederholt darauf hin, dass die kindgemäße Förderung Heranwachsender ein Fachwissen erfordert, das nur wenige heutige Eltern besitzen.“ Die moderne Experten-Kohorte vertritt die Ansicht, dass Kindererziehung und Beziehungspflege mit den neuesten Ergebnissen der Forschung in Einklang gebracht werden müssten. Sie kämpfen mit einem mächtigen Bekehrungsethos und beschränken sich keineswegs auf die Bereitstellung von Forschung. So schrieb der Psychologe William Kessen in der Fachzeitschrift American Psychologist: „Die kritische Untersuchung von Eltern- und Kindverhalten ging nahezu unbemerkt über in die Erteilung von Ratschlägen hinsichtlich elterlichen und kindlichen Verhaltens. Die wissenschaftliche Aussage wurde zum ethischen Imperativ, der beschriebene Sachverhalt zur Verhaltensnorm. Bei all dem entstanden irritierende Situationen, in denen Bruchstücke von Wissen, angesammelt mit damals für wissenschaftlich gehaltenen Methoden, eine unglaubliche Bedeutung im Vergleich zum bewährten Wissen des Durchschnittsmenschen erhielten.“ Diese Experten konnten, oftmals mit der Unterstützung offizieller Institutionen, ihre Sichtweisen den Schulen aufdrängen und die Gestaltung des Familienlebens beeinflussen. Bei einer Gegenüberstellung mit wissenschaftlicher Autorität konnten die Einsichten und Werte der Bevölkerung wenig ausrichten.

Dennoch hat in einer Zeit, in der die Autorität der Erwachsenen in der Defensive steht, der wissenschaftliche Experte einen zunehmenden Einfluss auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen den Generationen. Typischerweise behaupteten Erziehungsexperten, dass aufgrund des objektiven wissenschaftlichen Fundaments ihrer Ratschläge nur Vorurteile dazu führen könnten, diese abzulehnen. Pädagogische Techniken wurden mit der Begründung vorangetrieben, dass sie auf den neuesten psychologischen Studien zur Entwicklung der Kinder sowie auf neuen objektiven Lerntheorien beruhen würden. Was Dewey betraf, so konnte in seinen Augen nur ein unverbesserlicher, abergläubischer Traditionalist der neuen wissenschaftlichen Pädagogik widersprechen. Dewey konnte nicht begreifen, wie irgendjemand die neuesten Entdeckungen der Individualpsychologie und die damit verbundene Lerntheorie ablehnen konnte. Er verglich dies im Journal The Philosopher mit einer Ablehnung des Radios, da es ja offensichtlich eine „absurde Idee [sei], Schall über riesige Entfernungen zu übertragen“. Und mit einem Anflug von Ungeduld meinte er, dass trotz der Tatsache, dass diese psychologischen Entdeckungen heute ebenso unangreifbar wie das Radio seien, sie immer noch von sehr vielen Lehrern und Eltern als etwas per se Abschreckendes empfunden würden.

Obwohl die Professionalisierung des Alltagslebens bereits seit Begin der Moderne zu beobachten war, hat sie sich seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts mit atemberaubender Geschwindigkeit entwickelt, was es Experten ermöglicht, die Reichweite ihres Wirkens systematisch auszudehnen. Heute ist nahezu jeder Aspekt des Lebens, beginnend mit der Geburt über Schulzeit und Berufsleben bis hin zur Eheschließung und zu Trauerbewältigung, zu einer Angriffsfläche professioneller Berater mutiert. Wir leben in einer Zeit des persönlichen Coachings und der Mentoren.

Noch bis vor Kurzem war die Professionalisierung des täglichen Lebens beschränkt durch die Überzeugung, dass die Probleme der privaten Sphäre am besten durch informelle Lösungen seitens der Menschen im persönlichen Lebenskreis bewältigt werden könnten. Obwohl der Anspruch der Experten, die Dinge des Lebens am besten beurteilen zu können, selten infrage gestellt wurde, hatten die Berater in Lebensfragen weniger Gelegenheit, das Privatleben zu erobern. Sie konnten zwar in das Leben der Menschen am Rande der Gesellschaft Einlass finden, aber bis in die 60er-Jahre blieb ihnen das Privatleben der normalen Mittelschicht verwehrt. Eines der aufschlussreichsten Beispiele für den wachsenden Einfluss der Experten ist deren kaum mehr wahrnehmbare Zurückhaltung bei der Erteilung von Lehren hinsichtlich der angemessenen Lebensführung. Sie beschränken sich auch nicht darauf, Rat bereitzustellen. Der Rat von Experten wird dazu benutzt, Regierungspolitik zu legitimieren, die einen signifikanten Einfluss auf das Leben der Menschen ausübt.

Natürlich sind die meisten Experten verantwortungsbewusste und wohlmeinende Individuen, die für das Wohlergehen der Gesellschaft einen wichtigen Beitrag leisten. Aber die Konsolidierung der politischen Rolle der Experten, das blinde Vertrauen der Politiker in ihren Rat und das Misstrauen in die eigene Analyse hat eine Form von Autorität aufkommen lassen, die die fundamentalen Normen demokratischer Rechtfertigungspflicht verletzt.

Das Problem liegt jedoch nicht im Expertenwissen an sich. Die moderne Gesellschaft braucht die Autorität von Experten. Was sie jedoch nicht braucht, ist die Manipulation durch Expertenmeinung als eine Tarnung für politische Intervention, schon gar nicht im Bereich der Privatsphäre. Die Meinung von Experten ist auch kein Ersatz für eigene intellektuelle Reflexion. Man mag sie Literaten, Intellektuelle, Generalisten oder Universalgelehrte nennen. Seit der Renaissance jedenfalls basiert das intellektuelle und kulturelle Leben einer Gesellschaft auf denjenigen, die die Grenzen des Spezialwissens überschreiten und das ganze Bild im Auge haben. Genau dies wurde von den Denkern des 19. Jahrhunderts verstanden, die mit Sorge die Folgen einer ausufernden Spezialisierung auf das öffentliche Leben sahen. G. L. Lewis mahnte schon 1849 an, dass „umfassendes Denken den ganzen Radius wissenschaftlicher Erkenntnisse einbeziehen und deren wechselseitige Beziehungen verstehen muss, [um] den engen Blickwinkel, der durch die Beschränkung des Geistes auf die exklusive Betrachtung eines Faches hervorgerufen wird, zu vermeiden“.

Seit dem 19. Jahrhundert wurde immer wieder auf das Problem der engstirnigen Spezialisierung und die Gefahr einer Erosion des Dialogs zwischen Wissenschaften und Künsten hingewiesen. C. P. Snow hat seine Besorgnis über die Aufspaltung des intellektuellen Lebens in zwei Kulturen, in die der Künste und die der Wissenschaften, deutlich zum Ausdruck gebracht. Wie würde er heute darauf reagieren, dass diese zwei Kulturen einer disziplinären Abgesondertheit innerhalb der Wissenschaften und der Künste Platz gemacht haben, in der Philosophen nicht mit Historikern und Soziologen nicht mit Ökonomen kommunizieren können? Was wir brauchen, sind nicht noch mehr Experten, sondern Denker und Kritiker, die darstellen können, welche Bedeutung verschiedene Denkinhalte für die Gesellschaft haben.