01.04.2010

Modelltheoretische Bildungsmärchen

Essay von Sabine Beppler-Spahl

Führt bessere Bildung tatsächlich zu wirtschaftlichem Wachstum, oder ist nicht eher das Gegenteil der Fall?

Die „Ökonomie hat den Status einer wahrheitsverbürgenden höchsten Instanz. Gelungen ist ihr dies durch die klösterliche Zucht des modelltheoretischen Denkens, dessen Strenge darauf angewiesen sind, dass die soziale Wirklichkeit draußen vor den Toren bleibt“.1 (Richard Münch)

„Die Tatsache, dass in Deutschland etwa jeder fünfte Jugendliche eine nur unzureichende Bildung erhält, zieht volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von rund 2,8 Billionen Euro nach sich.“2 So das Fazit der Autoren einer Studie, die die Bertelsmann-Stiftung Ende letzten Jahres der Öffentlichkeit vorstellte. Prof. Ludger Wößmann und sein Kollege Marc Piopiunik vom Münchener Ifo-Institut haben mithilfe ökonometrischer Modellrechnungen eine Projektionsanalyse erstellt. Sie zeigen auf, um wie viel mehr unsere Volkswirtschaft bis zum Jahr 2090 wachsen könnte, wenn es eine hypothetische Bildungsreform gäbe. Aber wie glaubhaft ist diese vermeintlich präzise Angabe volkswirtschaftlicher Kosten „schlechter Bildung“?

Ausgangspunkt der Analyse ist die Annahme, dass Bildung sich auf die volkswirtschaftliche Wachstumsrate auswirkt und dass diese Auswirkungen genau berechnet werden können. Eine solche Berechnung wird für die Vergangenheit vorgenommen, um diese Zahlen dann für die Zukunftsprojektion einsetzen zu können. Kernstück der Analyse ist eine Regressionstabelle, die das durchschnittliche Wachstum des realen Bruttosozialprodukts pro Kopf von 50 Ländern (Zeitraum 1960 bis 2000) und die durchschnittlichen Leistungen der Schüler dieser Ländern bei Vergleichstests nebeneinander stellt (Zeitraum 1964 bis 2003). Es zeigt sich, dass die Schülerleistungen in Ländern mit hohen durchschnittlichen Wachstumsraten in der Regel besser waren als in anderen Staaten. Doch rechtfertigt dies die Meldung: „Deutschland verschenkt enormes Wachstum durch schlechte Bildung“?

Zugegeben, die Regressionstabelle sieht tatsächlich aus, als könne der Zusammenhang zwischen Pisa-Punkten und Wirtschaftswachstum nicht ganz dem Zufall zu verdanken sein. Bestimmt wäre es aber auch möglich, eine ähnliche Regressionstabelle aufzustellen, die einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand einer Bevölkerung und dem Wirtschaftswachstum nahelegen würde. Dann müssten wir melden: „Gute Gesundheit fördert Wirtschaftswachstum“. Am Wichtigsten ist jedoch, dass die Autoren nicht ausreichend erklären, weshalb der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Bildung, wenn überhaupt, nicht umgekehrt zu begründen ist. Dort, wo sich Wirtschaftswachstum einstellt, werden Ressourcen freigesetzt, die bessere Bildung erlauben. Doch davon wollen die Autoren nichts hören. Sie bezeichnen die „umgekehrte Kausalität von Wachstum und Schülerleistung“ als „wenig wahrscheinlich“. Denn erstens habe sich gezeigt, dass zusätzliche Ressourcen im Schulsystem nicht automatisch mit besseren Pisa-Leistungen einhergingen, und zweitens sehe man auf dem US-amerikanischen Arbeitsmarkt, dass Immigranten, die ihre Bildung in Ländern mit guten Pisa-Ergebnissen erhalten hätten, signifikant mehr verdienten als Immigranten aus den gleichen Ländern mit einer Schulausbildung in den USA.

Überzeugen kann diese Argumentation nicht. Natürlich führt mehr Geld nicht notwendig zu besserer Bildung. Aber eine Situation, die durch wirtschaftliche Dynamik gekennzeichnet ist, gibt mehr Menschen die Möglichkeit des persönlichen Aufstiegs durch Bildung. Da liegt es nahe, dass Eltern in einer solchen Situation eher in die Bildung ihrer Kinder investieren können und wollen. In Deutschland war die Öffnung der Gymnasien eine Folge des Nachkriegsbooms und nicht umgekehrt. Das zweite Argument verkennt ganz offensichtlich die Selektionseffekte der amerikanischen Immigrationsgesetze. Hochqualifizierte Arbeitskräfte aus anderen Ländern werden bevorzugt ins Land gelassen und entsprechend gut entlohnt.

Trotz all dieser offenen Fragen ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum die zentrale Grundannahme der Studie, auf der dann die ominöse Berechnung der Folgekosten unzureichender Bildung basiert. Hier verliert die Studie jeglichen Bezug zur Realität. Die komplexe Frage, was unter „unzureichender Bildung“ zu verstehen ist, wird umgangen: Unzureichende Bildung ist modelltheoretisch alles, was zu Ergebnissen unter einem Schwellenwert von 420 Pisa-Punkten führt. Im Rahmen dieses Modells wird nun angenommen, dass eine wie auch immer geartete Bildungsreform alle Schüler, die bisher unter diesem Wert abschnitten, auf 420 Pisa-Punkte anheben könne. Um den prozentualen Wachstumseffekt einer solchen Reform zu berechnen, wird der verbesserte Pisa-Durchschnitt mit einem Wachstumskoeffizienten, der sich aus der Kausalitätsannahme ergibt, zusammengebracht. Demnach bringen 100 zusätzliche Pisa-Punkte ein jährliches Wachstum von 1,265 Prozentpunkten (S. 21). So wird es in den Computer eingespeist, der dann 2800 Milliarden Euro Gewinn verspricht, wenn entschieden gehandelt und in den nächsten zehn Jahren der Hundert-Punkte-Zuwachs geschafft wird. Wieso ausgerechnet die Förderung der Schwächsten den erwarteten Wachstumsschub hervorrufen würde, wird nicht erklärt. Ebenso wenig, weshalb z.B. der Gabelstaplerfahrer, der bei einem Pisa-Test 380 erreicht hat, seinen Job mit 420 Punkten besser erledigen soll.

Wie konnte es sein, dass die Ergebnisse der Studie, die bestenfalls als Rechenexempel aufgefasst werden können, so kritiklos von den Medien übernommen wurden? Die Autorität des modelltheoretischen Denkens und der Bertelsmann-Stiftung allein erklärt dies nicht. „Eine solche Projektion, die Bildung auf zusätzliche Pisa-Punkte reduziert und im Kern die langfristige Wachstumsrate mit einer Verbesserung um 100 zusätzliche PISA-Punkte korreliert und diese beiden Annahmen dann noch bis ins Jahr 2090 hochrechnet, kann man für problematisch und unzureichend halten, aber immerhin macht die Studie deutlich, dass die volkswirtschaftlichen Kosten einer unzureichenden Bildung horrend sind“ 3, schreibt einer der wenigen kritischen Kommentatoren der Studie. Niemand will offenbar eine Studie in der Luft zerreißen, die einem allgemein akzeptierten guten Zweck dient, und sich dem Vorwurf aussetzen, er lehne bessere Bildung für sozial Schwache ab. Man stelle sich den Aufschrei vor, wenn mit ähnlichen Methoden eine Studie veröffentlicht worden wäre, die den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und dem Ausbau von Atomkraftwerken hergestellt hätte.
Eine konstruktive, offene Bildungsdebatte kann nicht durch eine Modellrechnung ersetzt werden. Für die Bildungspolitik, heißt es in der Studie, müsse das Gleiche gelten, was in der Klimapolitik schon lange selbstverständlich sei. Ganz im Tenor der Klimadebatte ist die Rede von großer „Dringlichkeit“ (S. 15), von der „moralischen Verpflichtung“, an einem „gesellschaftlichen Problem etwas zu ändern“ (S. 12), und von der Notwendigkeit, den „Handlungsdruck“ auf die Politik zu erhöhen (S. 14). Für die Bertelsmann-Stiftung dient die Studie der eigenen Sache. Lobbyisten aber bringt das Bildungssystem, der pädagogisch-soziale Komplex, so gut hervor wie jede andere Industrie.