29.01.2010

Erfolgreicher mit dem Bruttoglücksprodukt?

Kommentar von Alexander Horn

Die Kritik am Bruttosozialprodukt als Parameter bei der Wohlstandsermittlung wendet sich in Wahrheit gegen Wachstum.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verliert bei der Messung wirtschaftlichen Wohlstands immer mehr an Bedeutung. Dies zeigte die breite Zustimmung zu den Ergebnissen eines neuen Berichts, beauftragt vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Darin unterbreiten 22 hochrangige Experten Vorschläge zur zukünftigen Wohlstandsmessung. Sie zielen darauf ab, das Wohlbefinden Einzelner, also etwa Indikatoren wie Einkommen, Konsum, Lebensqualität sowie Gesundheit, Freizeit und die Umweltverträglichkeit des Wachstums zu berücksichtigen. Der „Bericht befürwortet eine Verschiebung der Betonung eines ‚produktionsorientierten‘ Bewertungssystems zu einem, das den Fokus auf das Wohlbefinden der gegenwärtigen und zukünftigen Generation richtet, d.h. zu einem breiter angelegten Messsystem für den sozialen Fortschritt.“ (1)

Auf den ersten Blick scheint es sich allein um die Frage zu drehen, welche die geeigneten statistischen Parameter sind, um den Wohlstand einer Gesellschaft zu ermitteln und internationale Vergleichbarkeit herzustellen. Die geringere Bedeutung, die dabei dem BIP zugeordnet wird, offenbart jedoch ein inzwischen stark verankertes Unwohlsein hinsichtlich Wirtschaftswachstum im Allgemeinen und dem damit verbundenen zunehmendem Massenkonsum. In Anbetracht der Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise betont der Kommissionsbericht, dass man die Gefahren durch verbesserte Wohlstandsindikatoren möglicherweise hätte früher erkennen können. Die Krise zeige uns nach Überzeugung der Kommission, dass „diejenigen, die Wirtschaft und unsere Gesellschaften führen, wie Piloten ohne zuverlässigen Kompass zu steuern versuchen“. (2)

Seit Jahren wird auf internationaler Ebene daran gearbeitet, die Bedeutung des BIP als Gradmesser für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt infrage zu stellen. So kam eine von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unterstützte Konferenz zur „Messung und Förderung des gesellschaftlichen Fortschritts“ im Juni 2007 in Istanbul zum Ergebnis, dass in vielen Ländern an der Abbildung von gesellschaftlichem Fortschritt durch alternative statistische Indikatoren gearbeitet werde. Es gebe einen Konsens, dass diese Indikatoren „über die konventionelle Messung wie etwa des BIP pro Einwohner hinausgehen“ sollten. (3)

Es gibt zahlreiche Beispiele für den anhaltenden Trend zur Abkehr vom BIP und der Hinwendung zu stärker auch am subjektiven Wohlergehen ausgerichteten Indikatoren. Die Deutsche Bank hat mit der Studie „Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts“ dazu beigetragen, das Thema hierzulande auf die Tagesordnung zu setzen. In der Einleitung heißt es: „Die‚glückliche Variante des Kapitalismus‘ hat gezeigt, dass die Länder mit hoher Lebenszufriedenheit der Menschen viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Offen blieb aber, wie ein Land von der ‚weniger glücklichen‘ zur ‚glücklichen Variante‘ des Kapitalismus kommen kann.“ (4) Und im ebenfalls in der Bankenmetropole Frankfurt angesiedelten Verein „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ wird in dieselbe Richtung geforscht. (5)

Dieser Diskurs schlägt sich auch in der akademischen Welt nieder. Bereits in den 40er-Jahren bezweifelte der Nobelpreisträger und Pionier bei der Entwicklung wirtschaftlicher Maßgrößen, Simon Kuznets, den Sinn des BIP als Maß für das Wohlergehen. Ebenso kritische Meinungen vertraten wichtige Ökonomen wie John Kenneth Galbraith, Paul Samuelson und James Tobin. Seit 1990 veröffentlichen die Vereinten Nationen den „Human Development Index“ (HDI), der als Index der „menschlichen Entwicklung“ u.a. Faktoren wie Alphabetisierung, Einkommen und Lebenserwartung berücksichtigt. Der Nobelpreisträger und Autor des einflussreichen Buches Ökonomie für den Menschen, Amartya Sen, stand bei der Entwicklung dieses Index beratend zur Seite. (6) Im Index belegt Frankreich aktuell mit Platz neun einen Spitzenplatz, während Deutschland (auf dem Niveau von Großbritannien, Griechenland und Südkorea) nur auf Rang 22 kommt.

Selbst denjenigen, die dieser Diskussion kritisch gegenüberstehen, erschließt sich nicht unmittelbar, was sich daran als problematisch erweisen könnte. Denn kaum jemand würde ernsthaft behaupten wollen, dass das BIP eine perfekte Maßeinheit zur Bewertung der menschlichen Entwicklung darstellt. Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht mehr als eine Größe zur Bestimmung der in einer Volkswirtschaft erstellten Güter und Dienstleistungen innerhalb eines Jahres. Daher ist es richtig, wenn dargelegt wird, dass Verkehrsstaus oder Krankheiten zwar zur Steigerung des BIP beitragen, weil Benzin und Medikamente verbraucht werden, dass sie aber eben nicht das Wohlbefinden der Menschen verbessern. Zweifelsohne macht es Sinn, eine recht breit angelegte Auswahl an sozialen Parametern heranzuziehen, wie etwa Kindersterblichkeit, Lebenserwartung und Bildungsstand. Auch subjektive Wohlstandsindikatoren wie etwa die Messung von Glück können hilfreich sein.

Bei der näheren Betrachtung der wachsenden Kritik am BIP als Maßgröße zur Wohlstandmessung wird deutlich, dass weniger das Bruttoinlandsprodukt an sich als statistische Maßeinheit infrage gestellt wird. Vielmehr scheinen viele Beiträge darauf abzuzielen, ganz grundlegend die klassische Leitidee „Wachstum“ als Gradmesser für gesellschaftlichen und sozialen Fortschritt abzuwerten. Damit stellt sich die Frage, ob es sich bei der Diskussion im Kern nicht um einen weiteren verschleierten Angriff auf die Wertschätzung gesellschaftlichen Reichtums handelt. Eine nicht unbedeutende Strömung in diesem Diskurs bringt diese Haltung auf den Punkt, indem sie argumentiert, dass sich Gesellschaften nicht mehr länger darauf ausrichten sollten, materiellen Reichtum anzuhäufen. Plädiert wird stattdessen dafür, sich mit dem aktuellen Wohlstandsniveau zufriedenzugeben. Einige Kommentatoren gehen so weit, ein Sparprogramm, also die Senkung des Lebensstandards und der Erwartungshaltungen, einzufordern.

Im Zuge der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise haben solche Vorstellungen an Kraft gewonnen. Hintergrund dafür ist die recht einfältige Zurückführung der Krise auf die ungezügelte Gier von Bankern und auf ein ungehemmtes, nicht „nachhaltiges“ Wirtschaftswachstum. So besteht die Gefahr, dass sich die Beantwortung der Frage nach vernünftiger Wohlstandsmessung zukünftig an einen wachstumsskeptischen Trend andockt, der sich bereits in allerlei direkten und indirekten Angriffen auf Wirtschaftswachstum und Konsumverhalten manifestiert. Wenn es aber bei der Bewertung und der ihr folgenden politischen Ausgestaltung unseres Gemeinwesens nur noch nebensächlich um die reale Stärke der Volkswirtschaft geht, und wenn stattdessen der Konsum und der Wunsch nach höheren Lebensstandards problematisiert werden, dann wird das traditionelle Verständnis von „Fortschritt“ alsbald einer vollständigen Revision in Richtung des alten Mantras „Weniger ist mehr“ unterliegen. Das wäre ein fataler Rückschritt.