01.03.2010

Vom Duft nach Limetten

Essay von Hartmut Schönherr

Über den Zusammenhang von Feinkost und Bundestagswahl.

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Nichts schmeckt mehr nach sich selbst. Angefangen hat es mit dem Wein. Der hatte ja schon immer eine enge Verbindung mit dem Geist, also mit dem, was stets als sein Gegenteil erscheint oder doch zumindest in verhüllendem Gewande. Im Wein erschlossen sich Ende des vergangenen Jahrtausends wie aus dem Nichts ganze Nussplantagen, öffnete sich ein Horizont von Erdbeer-, Himbeer- und sonstigen Gartenfrüchten. Er betörte noch im Abgang nicht mit sich selbst, sondern wahlweise mit Bittermandel oder Aprikosenkernen. Noch nie Aprikosenkerne gegessen? Macht nichts, es reicht ja, Wein zu trinken.

Dann kam die Schokolade. Die plötzlich ganz gut zu Wein passte, ja geradezu die ideale Ergänzung zu Wein wurde. Nix mehr mit Käse. Was insofern verständlich ist, als auch Schokolade nun nach Erdnüssen, Walnüssen, Haselnüssen oder diversen Gartenfrüchten schmeckt. Nach einem schmeckt Schokolade nun nicht mehr: nach Kakao. Wie auch, wo doch Kakao selbst nicht mehr nach Kakao schmeckt. Sondern neuerdings nach „terroir“ und – Sie haben es sicherlich schon erraten – nach Gartenfrüchten. Die ganze Poesie der Schokoladenaromen findet man bei einer schon vor dem Schokohype als Edelschokolade bekannten Marke, wenn der Packungsinhalt aufgegessen ist. Dann erfährt der Kenner auf dem Innendruck des Hüllkartons, was er gerade alles versäumt hat, „zum Beispiel eine Lakritz- oder Tabaknote“.

Und nun riecht auch noch das Bier nach mehr als dem deutschen Reinheitsgebot. Eine neu in Mode gekommene Sorte schmeckt, nein, „duftet“ nach jungen Limetten und Haselnüssen. Der dies festgestellt hat, ist, wen wundert’s, ein Sommelier, ein Weinverkoster, mehr noch, ein „Sommelier des Jahres“. Welchen Jahres ist dabei egal, denn Jahre duften vorläufig noch nicht. Und schon gar nicht nach Haselnüssen oder Gartenfrüchten, aktuell eher nach Blut, Schweiß und Tränen. Vor allem angesichts von Politikern, die nach Abwrackprämien duften.

Und vielleicht liegt es genau daran, dass plötzlich hierzulande alles nach irgendetwas anderem schmeckt und riecht: Die Eigengerüche sind verloren gegangen, die Charaktere. Es floriert die multiple Persönlichkeit – vorzugsweise auf Planstellen und bezahlt nach Bundesangestelltentarif. Morgens werden Autobahnen gebaut, und abends geht es im Mountainbike-Kostüm durch die letzten Reservate. Politiker verströmen den Duft ihres Beraterteams und sind identisch mit ihrer jeweiligen Aussage, die sich so rasch ändert, dass Adenauers Anspruch auf das Recht, heute anderer Meinung zu sein als gestern – verstanden bei ihm noch als Lernprozess – zum Anspruch auf vollendete Beliebigkeit wird. So konnte ein Sigmar Gabriel zum Umweltminister werden, der sich mit gleicher Inbrunst für das Recht aufs Autofahren, für den deutschen Feldhamster und für unterdrückte afghanische Frauen einsetzt.

Damit aber bewegen wir uns auf ein feudales Repräsentationssystem zu, in welchem die politischen Amtsinhaber nur noch als Perückenträger für Ideen und Interessen fungieren, deren Macht auch den unpassendsten Repräsentanten überstrahlt. Wenn Werbestrategen den Ex-Umweltminister in eine Bergsteigerausrüstung zwängen, um sein Image neu zu formatieren, zeigen sie nur eines: Sie haben nicht begriffen, dass so etwas niemanden mehr wirklich interessiert. Doch keineswegs aus einer aufgeklärten Einsicht in die Differenz von Person und Amt heraus, sondern im resignativen Rückzug von Politik als Inszenierung.

Im gleichen Maße, wie die Substanz der Dinge und der Personen sich verflüchtigt, gewinnt ihr Parfum an Bedeutung. Gerhard Schröder roch zuzeiten seiner politischen Anwesenheit wechselweise nach Currywurst oder Cohiba – und der Duft seiner Haarpflege war juristisch geschützt. Gerüche haben schon immer von der Ambivalenz gezehrt, das den Sinnen Flüchtigste zu sein und zugleich das der Psyche Ungeheuerste. Lebenspartner werden danach gewählt, ob man sich riechen kann – womit die Wahl den fatalsten Irrtümern preisgegeben wird, wie Untersuchungen zur Partnerwahl von Frauen, die eine Verhütungspille nehmen, gezeigt haben. Und wie es scheint, verfahren auch Parteienwähler nicht geschickter. Der Eiertanz der Umfragewerte vor der Bundestagswahl spricht die Wahrheit. Und das nun klar entschiedene Unentschieden (im Rahmen zwar wahlentscheidender, inhaltlich jedoch irrelevanter Abweichungen) täuscht eine Aufteilung in zwei Lager vor, die es längst nicht mehr gibt, denn die beiden Lager werden angeführt von den Parteien, die gerade noch in einer großen Koalition vereint waren.

Das Thema wurde schon früh vorgegeben. Ende des vergangenen Jahrhunderts machte ein Buch Furore, dem der programmatische Titel Das Parfum vorsteht. Vielleicht hat es auch den Titel für unser Jahrhundert gegeben. Wir erleben einen beispiellosen Siegeszug des Olfaktorischen, zeitgleich mit dem restlosen Verschwinden jener Geruchswelt, die – in besonders drastischer Ausprägung – den Hintergrund des Süskind’schen Romans liefert. Es ist ja eine alte Geschichte, dass gerade die Dinge eine besondere Beachtung erfahren, die wir zu verlieren drohen.

Nun sind die Misthaufen vor den Häusern bei uns schon lange Geschichte – und wenige werden den Geruch vermissen. Was ist neu? Neu ist, dass wir den Augen und den Ohren nicht mehr so recht trauen wollen. Nicht einmal mehr in der Kunst. Die Medien haben sich dieser Sinne bemächtigt und damit auch die Agenturen, die Medieninhalte beeinflussen oder gar liefern, die Propheten und Propagandisten. Da kommt nun die neue Kulinarik und stürzt sich mit Verve auf die vermeintlich noch freien Sinne, die im genießenden Essen zusammenwirken: tasten, riechen und schmecken – wobei der unschärfste und zugleich differenzierteste das Triumvirat anführt. Der große Semiotiker Umberto Eco hat den Ersatz des Taktilen durch das Visuelle als den Eintritt in die Moderne beschrieben. Wir erleben gerade die Rückkehr des Taktilen in seiner flüchtigsten Form. Ist damit die von Heinrich von Kleist verheißene Rückkehr ins Paradies von der anderen Seite verbunden? Liest man die Ekstasen in den einschlägigen Feinkost-Magazinen, könnte man es befürchten – als Farce.

Die Sommelierisierung der Geschmackswelt bezeichnet auch dies: Die Simulation von Bedeutung im Spiel entleerter Signifikanten. Für die Bemühung, der Geruchswelt eine semiotisch relevante Differenzierung zu schaffen, steht in Süskinds Roman der Lehrer von Grenouille, Baldini. Seine Kunst ist die Kombinatorik. Doch Grenouille will mehr. Er will keinen Austausch, er will Verschmelzung. Will Totalität, kein Zeichen mehr. Damit verweigert er sich jedem Anspruch auf kommunikablen Sinn, auf Deutung. Das ist das eigentlich Skandalöse dieser Figur. Denn als Massenmörder wurde er in der Geschichte wie in der Literatur von anderen weit überboten. Grenouille findet einen Duft, den kein Chemielabor nachzubauen vermag. Insofern ist er Vorbild eines Feinschmeckertums, das nach dem Authentischen sucht, dessen Idee jedoch verrät im Gestus eines Genießens, das seine Herkunft vom Kolonialwarenladen nicht verleugnen kann – und damit seinen Aufenthalt im Keller von Baldini, wo alle Duftschätze der Welt, denen ein Etikett anzuheften ist, lagern.

Die Neuplatoniker des guten Geschmacks reduzieren das, was der Fall ist, auf eine überschaubare Anzahl von Geschmacksnoten, die in unterschiedlicher Mischung die Welt im Innersten zusammenhalten. Wobei zur Not auch Limettenduft und Haselnuss, das Exotische und das Bodenständige also, als Urteilchen genügen, um Wein, Schokolade und Bier – die Rauschmittel der ältesten Kulturen – dem 21. Jahrhundert verständlich zu machen. Parallel dazu wird Politik zur Kochshow, mit rege ausgetauschten Zutaten. Die Aussagen der Parteiprogramme steuern auf einen gemeinsamen sozial-liberal-ökologischen Speiseplan hin. Da kommt eine Piratenpartei gerade recht, um zumindest den einen oder anderen Einheitsbrei kräftig zu versalzen.