01.09.2009

Retter der amerikanischen Seele?

Rezension von Josie Appleton

Das neue Buch von Thomas L. Friedman Hot, Flat, and Crowded (Was zu tun ist) ist symptomatisch für die mittlerweile tiefe Verwurzelung des grünen Denkens in der Psyche der westlichen und speziell der US-amerikanischen Eliten.

Hot, Flat, and Crowded – auf Deutsch erschienen unter dem Titel Was zu tun ist – ist fast so etwas wie die politische Theorie des Green New Deal von US-Präsident Barack Obama. Dieser und andere westliche Politiker sehen im grünen Denken den Ausweg aus der Wirtschaftskrise, und Friedman liefert ihnen die Argumentation für eine „grüne Revolution“ in den USA. Friedman zufolge stehen die USA heute schlecht da: Das Ende des Kalten Krieges nahm Amerika den identitätsstiftenden roten Feind: „[Durch die Sowjetunion] haben wir als Nation Gestalt gewonnen. Ohne sie sind wir ‚selbstgefällig und träge‘ geworden.“ Von der dynamischen Weltmacht zum plumpen Schuldner – das Amerika unserer Tage macht mit seinem Interventionismus und seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit von China keine gute Figur.

Das Buch legt überzeugend dar, dass die amerikanische Industrie ihre innovative Kraft eingebüßt hat. Die meisten Innovationen sind Firlefanz – so produzieren US-Unternehmen etwa massenweise iPhones, aber seit 1979 wurden dort keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut. Die Energie- und ein Großteil der Industrieinfrastruktur der USA sind Friedman zufolge verschwenderisch und leck, und die Wirtschaft verbringt ihre Zeit mit Wetten und Kreditaufnahmen, anstatt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: „Mittlerweile sind wir eine Subprime-Nation, die ihren Wohlstand auf Krediten aufbauen will.“ Der amerikanische Konsumtraum wird mit dem Öl aus Nahost betrieben und mit Cash aus Fernost finanziert. Den Ausweg aus der Krise bietet laut Friedman der „Code Green“, der Amerika „wiederherstellen, revitalisieren“ und zu einer stolzen, disziplinierten sowie vom Osten unabhängigen Nation machen soll. Für Friedman wird die moralische Krise Amerikas verschwinden, wenn das Problem des Klimawandels gelöst wird: „Amerika kann das eigene Problem lösen, wenn es bei der Lösung des zentralen Menschheitsproblems die Führungsrolle übernimmt.“ Wenn Amerika seine Wirtschaft und Gesellschaft auf Sauberkeit und Energieeffizienz ausrichte, dann werde es „seine Identität und sein Selbstbewusstsein wiedererlangen, denn dann wird es wieder an der Spitze der weltweit wichtigsten Mission und Wertproblematik stehen“.

Das Buch ist symptomatisch dafür, wie fest das grüne Denken mittlerweile in der Psyche der westlichen Eliten verwurzelt ist. Diese Elite kann die eigenen Probleme mittlerweile offenbar nur noch mit Blick durch die Umweltschutzbrille verstehen. Und der Umweltschutz ist dabei nicht mehr nur eines von vielen Zielen. Für Friedman ist „grün“ vielmehr die Politik und die Ökonomie selbst. In dem von ihm beschworenen transformierten Kapitalismus wird der Begriff „grün“ daher sogar verschwinden, denn: „Grün wird normal sein – es wird nichts anderes geben und nicht anderes denkbar sein.“ Beim Umweltschutz geht es auch nicht mehr um die Rettung von Tigern oder Regenwäldern. Ziel ist nicht mehr die Bewahrung der Natur, sondern die Reorganisation der Sozialbeziehungen: „Es geht nicht mehr um die Wale, sondern um uns selbst.“

Der New Green Deal beruht jedoch auf einem falschen Verständnis der Probleme der kapitalistischen Gesellschaften des Westens. Die politische Klasse kann die Ursachen für den Verlust der Dynamik – für Dekadenz und Orientierungsverlust – des Westens nicht begreifen. Daher werden diese Probleme auf die Natur und die Atmosphäre projiziert. Und die fossilen Brennstoffe werden zur Wurzel des „falschen Wohlstands“ des Westens sowie der wirtschaftlichen Abhängigkeit Amerikas stilisiert. Alles wird auf Öl reduziert! Weil man die Fehlentwicklung der amerikanischen Werte nicht begreift, wird das Problem Amerikas alternativ auch als Verrat an „Mutter Natur“ verstanden. Die Bedrohung durch den Klimawandel ersetzt mittlerweile die Sowjetunion als Quelle externen Drucks, durch den Amerika zu neuen Höchstleistungen gezwungen werden soll.

Auf dem außersozialen Terrain der Natur können die führenden kapitalistischen Länder die eigenen Beschränkungen begreifen und ergehen sich in Proklamationen über die für ihre Revitalisierung zu leistende Arbeit. Das zeigt sich, wenn Friedman erwägt, dass es möglicherweise gar keinen problematischen Klimawandel gibt. Setzt Amerika die grüne Revolution dennoch um, so ist das wie für Olympia zu trainieren, ohne zu den Spielen zugelassen zu werden: Durch das Training wird man auf jeden Fall „gesünder, stärker und fitter“. In erster Linie geht es also um die Fitness Amerikas; die Bedrohung durch den Klimawandel sorgt lediglich für Anlass und Zeitplan.

Den auferlegten Charakter der ganzen Übung will Friedman mit seinen zahllosen Metaphern und Vergleichen unterstreichen. Mit dem Klimawandel sei es, wie mit einem Auto ohne Bremsen im Nebel auf eine Klippe zuzufahren, oder wie einen 20-seitigen Würfel zu würfeln. Die Zerstörung der biologischen Vielfalt sei wie das Abbrennen einer Bibliothek, bevor man alle Bücher katalogisiert hat, oder wie „die Verbrennung aller Gemälde im Louvre zur Bereitung des Abendessens“. Die Unterschätzung der Bedrohung durch den Klimawandel sei wie die Besteigung des Mount Everest, bei der man den Brandy, der für das Erreichen des Gipfels bestimmt ist, schon in Basiscamp 6 leert. Diese Szenarien sollen Dynamik schaffen – aber es sind zu viele, und sie sind nicht überzeugend.

Der New Green Deal ist gewissermaßen eine Art Verliererjustiz, durch die Amerika – Verlierer des Wirtschaftsspiels – dennoch als Anführer auftreten kann, indem es einfach die Regeln ändert. Mit dem Code Green kann Amerika seine Wirtschaft stärken und Innovation bringen, ohne bei der eigentlichen wirtschaftlichen Produktivität wettbewerbsfähig zu sein. So könnte Amerika China wieder übertrumpfen, auch wenn es das konventionell ökonomisch nicht mehr schafft. „Kann Amerika die grüne Revolution lernen?“, fragt Friedman: „Kann China folgen?“ In dem neuen Spiel geht es nicht mehr darum, mehr zu produzieren, sondern darum, grüner zu sein. In Friedmans grüner Gesellschaft wird nichts verschwendet, jede Autobatterie wird recycelt – im geschlossenen Energiekreislauf geht nichts verloren. Dieses System produziert nicht mehr, sondern macht das, was es macht, besser – Abfall wird minimiert und in geschlossenen Kreisläufen immer wieder verwendet.

Laut Friedman ist die beste Form der Energieerzeugung das Energiesparen – „die beste Energie ist diejenige, die gar nicht erst erzeugt werden muss, weil man sie gar nicht mehr braucht“. So kann die Wirtschaft grundsätzlich mit gleichem Input mehr Output produzieren. Im Rahmen seines ökologischen Utopia wird die Schulküche nachts vom Pizzaservice genutzt: Die Menschen bauen nicht mehr, sondern sie fangen an zu teilen, wiederzuverwerten und zu verfeinern. Wenn Amerika die Regeln entsprechend geändert hat und nicht mehr für „mehr Produktion“ steht, dann muss China nachziehen. Wer nicht produziert, wird belohnt: Elektrizitätsunternehmen würden für sinkende Stromnachfrage belohnt, und „die Behörden würden den Versorger für alle Verluste entschädigen“. Ob China dieser Änderung der Regeln zustimmt, das ist natürlich eine ganz andere Frage.

Hot, Flat and Crowded ist ein spannendes Buch und bietet einen wertvollen Einblick in die Logik der amerikanischen Elite unserer Tage – aber letztlich wird der New Green Deal von Obama wohl dennoch keine große Sache.