05.03.2010

Kulturkrieg im Schatten der Krise

Kommentar von Daniel Ben-Ami

Zwischen den Theorien des „Unter“- und „Überkonsums“ scheint es eine große Diskrepanz zu geben, aber beide Seiten folgen einer gemeinsamen Idee: Sie legen den Schwerpunkt auf das Konsumverhalten und nicht auf die Produktivkräfte.

Paul Krugman ist derzeit der wohl einflussreichste Ökonom der Welt. Er hat nicht nur den Nobelpreis für Ökonomie 2008 gewonnen, sondern er nutzte seine viel beachtete Kolumne in der New York Times auch für Angriffe auf die – wie er meint – unausgegorene freie Marktwirtschaft der Bush-Regierung. [1] Sein jüngstes Werk Die neue Weltwirtschaftskrise wird seinen Ruf noch steigern. Es ist eine auf den aktuellen Stand gebrachte Version des bereits 1999 erschienenen Buches Die große Rezession. Was zu tun ist, damit die Weltwirtschaft nicht kippt, das viele Strömungen und Tendenzen der Wirtschaftskrise 2008 vorherzusagen schien. Hier wie dort legt Krugman dar, dass viele Themen der jetzigen Wirtschaftskrise schon im Rahmen der Finanzkrisen der 90er-Jahre in Lateinamerika, Japan und später ganz Asien deutlich wurden. Immer liege das fundamentale Problem in einer, wie Krugman es nennt, „Liquiditätsfalle“, die sich darin äußere, dass viele Menschen bezüglich ihres Konsums in eine Art Schockstarre fielen, wenn eine „Finanzblase“ platze. Dementsprechend leide die Welt heute besonders an einer zu niedrigen Nachfrage, die auch Auswirkungen auf den individuellen Wohlstand habe. Sein Lösungsansatz liegt in einer Maßnahme, die auch Keynes empfohlen hätte: den Ausbau der Infrastruktur zur Unterstützung der Nachfrage, um die Ökonomie wieder in Gang zu bringen.

In Krugmans Argumentation zeigen sich jedoch einige grundlegende Probleme. Zur vereinfachenden Erläuterung seiner Idee der „Liquiditätsfalle“ zieht er eine Babysitting-Kooperative als Beispiel heran: An jedes Mitglied wurde eine festgelegte Zahl an frei einlösbaren Coupons ausgegeben. Jeder Coupon hatte den Gegenwert von einer Stunde Babysitten. Schon zu Beginn befürchteten einige Paare, dass sie nicht genügend Coupons hätten, wenn sie diese dringend bräuchten. Sie hielten ihre Coupons daher zurück. Da sich immer mehr Paare so verhielten, herrschte bald keine Nachfrage nach Babysitten mehr, der Coupon-Kreislauf kam zum Erliegen, und es folgte eine Rezession. An solcher Art Modellbildung ist im Prinzip nichts auszusetzen. Man kann damit die wichtigsten Faktoren im Ablauf ökonomischer Prozesse isolieren und betrachten, anstatt sich auf Randerscheinungen zu konzentrieren. Problematisch ist jedoch der ahistorische Charakter von Krugmans Annahmen, denn sein neues Buch setzt sich nicht mit der spezifischen Situation der gegenwärtigen Ökonomie auseinander. Und er trifft den Kern des Problems nicht: Größerer privater Konsum kann nicht dauerhaft und in nennenswertem Umfang durch staatliche Infrastrukturmaßnahmen herbeigeführt werden.

So kritikwürdig Krugmans Lösungsansatz auch sein mag, so interessant ist es auch, dass er sich mit seiner „Liquiditätsfalle“, seiner Theorie vom Unterkonsum, erstaunlich nahe am Mainstream der Kritiker der heutigen Wirtschaftskrise bewegt. Viele gehen zwar davon aus, dass Überkonsum an der Misere schuld ist – verantwortungslose Finanzinstitute treffen auf schwache Konsumenten, erzeugen substanzlosen Konsum und einen Immobilienpreis-Boom; die Behörden haben keine Regulierungsmöglichkeiten für dieses Treiben [2] –, doch beide Theorien haben sehr viel gemeinsam: Sie beziehen sich nämlich nur auf den Konsum und weniger auf die Produktion als wahrer Antriebskraft wirtschaftlicher Aktivität. Tatsächlich liegt der Unterschied zwischen Unterkonsum und Überkonsum nur im Timing. Viele Kritiker würden nämlich anführen, dass hemmungsloser Überkonsum zur jetzigen Krise geführt habe, die – so paradox es erscheinen mag – auf Unterkonsum beruhe.

Vertreter beider Richtungen befehden sich daher in einem verlogenen Kulturkrieg. Die „Überkonsumisten“ führen in puritanischer Manier aus, dass der individuelle Konsum gedrosselt werden müsse, um die weltweiten ökonomischen Probleme zu überwinden. [3] Im Gegensatz dazu argumentieren die „Unterkonsumisten“ resp. „Geldverschwender“, dass gerade jetzt die Zeit sei, die Wirtschaft zu unterstützen und dadurch die zurückgehende Nachfrage auszugleichen. Im Moment haben die „Geldverschwender“ Oberwasser, da die Regierungen noch Unterstützungspakete aus Steuergeldern schnüren. [4] Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis die puritanische Sicht der Dinge die Oberhand gewinnt. Denn Geld in eine grundsätzlich schwache Ökonomie zu pumpen, kann die Nachfrage eben nur für eine kurze Zeit ankurbeln. Danach wird es aufgrund der immensen Summen, die von den Volkswirtschaften verkraftet werden müssen, zur Inflation kommen. Dies wiederum wird den Ruf nach größerer Zurückhaltung in allen Bereichen laut werden lassen.

Im Gegensatz zu einem einseitigen Blick auf die Wirtschaftsentwicklung, der lediglich den Konsum berücksichtigt, muss ein funktionierendes Modell der gegenwärtigen Wirtschaft eine kritische Bestandsaufnahme ihrer spezifischen Charakteristika beinhalten. Ich sehe hier, wie ich in meinem Buch Cowardly Capitalism bereits dargelegt habe, zwei Schlüsselfaktoren: Erstens gilt es festzustellen, dass die Produktionstätigkeit und in der Folge die Wachstumsdynamik im Westen stark nachgelassen hat. Diese Schwäche wurde teilweise dadurch verborgen, dass man den Konsum mit einer erheblich erweiterten Kreditvergabe in den letzten Jahren künstlich angeheizt hat. Zudem hat die relative Dynamik Asiens, die den Konsum im Westen mit vielen Milliarden Dollar subventioniert hat, dessen wirtschaftliche Stagnation verschleiert. Die jetzige Finanz- und Spekulationsblase kann daher in der Tat als das Ergebnis des Versuchs angesehen werden, den Tendenzen zur Verkümmerung der westlichen Volkswirtschaften entgegenzuwirken. Solche Maßnahmen waren zwar eine Zeit lang erfolgreich, stießen aber im letzten Jahr an ihre Grenzen. Zweitens geht es auf den Kapitalmärkten heute in erster Linie um Risikovermeidung und weniger darum, den Kapitalfluss in angemessene Bahnen zu lenken. Instrumente wie Hypotheken als Sicherheiten und Kreditderivate sind daher vor allen Dingen Mechanismen, die es den Beteiligten erlauben, Risiken auf andere zu verlagern – und die Ansteckungsgefahr im Rahmen solcher Transaktionen zu erhöhen. Gerade dieser Versuch, Risiko zu streuen, hat paradoxerweise dazu geführt, dass Finanzinstitute immer mehr „Giftanleihen“ halten.

Hinzu kommt, dass in der jüngsten Vergangenheit mit dem „grünen“ Kapitalismus ein weiterer Faktor zentrale Bedeutung erlangt hat. Denn im Namen von Konzepten wie dem der „Nachhaltigkeit“ wird die Ausweitung der Produktion beschränkt. Zusätzlich existiert eine ausgeprägte kulturelle Abneigung gegenüber wirklichen Innovationen und dynamischem Wachstum. Diese weit verbreitete Stimmung hat das Problem der wirtschaftlichen Verkümmerung noch forciert. Grobmodelle, die sich lediglich mit dem Abschwung beschäftigen und diese Faktoren ignorieren, führen unweigerlich zu fehlerhaften Lösungsansätzen. Krugmans Idee, die nachlassende Wirtschaft (staatlich) aufzupeppen, mag zwar der letzte Schrei sein, aber sie wird dem Abstieg in die Depression nichts entgegensetzen können.

image
Paul Krugmann: Die neue Weltwirtschaftskrise, Campus Verlag, 24,90 EUR