01.03.2010

Nieder mit dem „Super-Nanny-Staat“!

Kommentar von Frank Furedi

Gegen die Entmündigung von Eltern.

Einige Jahre, nachdem die erste Ausgabe meines Buches Paranoid Parenting (London 2001, auf Deutsch erschienen unter dem Titel Die Elternparanoia. Warum Kinder mutige Eltern brauchen) herausgegeben wurde, blätterte ich durch einen Forschungsbericht, den die englische Kinderschutzorganisation NSPCC in Auftrag gegeben hatte. Eines der dort genannten Ziele machte mich stutzig: Die Organisation müsse vermeiden, eine zu negative Ausrichtung auf Eltern zu entwickeln oder deren Erziehungsmethoden zu kritisch zu betrachten. Offensichtlich ist es der Kinderschutzorganisation allzu bewusst, dass das von ihr verteilte Material ein verzerrtes Bild von Eltern vermittelt. Nun hat man sich offensichtlich dazu entschlossen, einfach nur negativ statt „zu negativ“ zu sein. Natürlich möchte niemand „zu negativ“ sein, wenn es um Eltern oder Kindererziehung geht. Dennoch scheinen Politiker, Entscheidungsträger und die Kinderschutzindustrie in vielen Ländern immer weniger Zurückhaltung walten zu lassen, wenn es darum geht, Eltern über ihre zahlreichen Fehler aufzuklären und zu belehren.

In den vergangenen Jahren sind Kinder zu einer Obsession der Politik geworden. Probleme, die einst als Ausdruck gesellschaftlichen Versagens gewertet wurden, werden in zunehmendem Maße Eltern in die Schuhe geschoben. Immer wieder werden Eltern für Schulversagen, niedriges Selbstbewusstsein, Drogenabhängigkeit, Dickleibigkeit, Kriminalität oder psychische Probleme verantwortlich gemacht. Vor einigen Monaten sagte David Rogers, Sprecher der UK Local Government Association, dass Eltern, die zuließen, dass ihre Kinder zu viel essen, ebenso der Kindesvernachlässigung bezichtigt werden könnten wie Eltern, die ihren Kindern kein Essen geben. Dort, wo Kinder übergewichtig sind, so seine neue Idee, müssten Kinderschutzmaßnahmen greifen. Alle großen Parteien scheinen unterdessen überzeugt davon zu sein, dass der Staat die Rolle der „Super Nanny“ zu übernehmen habe und Väter und Mütter zu verantwortlichen Eltern heranbilden müsse. Die ehemalige britische Familienministerin Margaret Hodge vertritt diese Meinung ganz offensiv und glaubt, die Regierung habe eine „einflussreiche“ Rolle im Familienleben zu spielen.

Destruktive Folgen

Die Elternschelte beschränkt sich nicht auf den politischen Bereich. Vor einigen Jahren war es noch nicht üblich, aus Elternbelehrung ein Unterhaltungsprogramm für die Öffentlichkeit zu machen und im Rahmen von populären Sendungen Eltern das schlechte Benehmen ihrer Kinder vorzuhalten oder ihnen vorzuwerfen, ihre Kinder ungesund zu ernähren. Fernsehsendungen wie „Super Nanny“, in denen Eltern immer wieder vorgeführt wird, wie unfähig sie sind, gab es da noch nicht. In den vergangenen fünf oder sechs Jahren hat sich jedoch die Vorstellung, dass elterliche Inkompetenz ganz normal und sogar sehr weit verbreitet sei, durchgesetzt.

Die permanente Politisierung der Elternschaft hat zwei destruktive Konsequenzen. Indem Elternschaft ständig mit dem Label „schwierig“ oder „problematisch“ versehen wird, wird das Selbstbewusstsein von Müttern und Vätern untergraben. Obwohl die Zielgruppe dieser Politik eine Minderheit sogenannter dysfunktionaler Eltern ist, hat die frustrierende Botschaft, die uns unsere Meinungsführer über Kindererziehung übermitteln, eine desorientierende Auswirkung auf jeden. Die Konsequenz ist, dass die vielen hilfreichen Initiativen, die dem Zweck dienen sollen, Eltern zu unterstützen, das Gegenteil bewirken – sie bestärken die Öffentlichkeit lediglich in ihrer Paranoia, wenn es um Elternschaft geht. Die zweite bedauernswerte Folge der Politisierung der Kindererziehung ist, dass damit unser Gefühl der Verunsicherung und Angst gestärkt wird. Dieses Gefühl der Angst wirkt sich nunmehr in fast allen Erfahrungs- und Lebensbereichen unserer Kinder aus.

Grenzenlose Paranoia

Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde klar, dass Kinder das Ziel einer obsessiven Erziehungskultur geworden waren. Mein Buch Elternparanoia beschäftigt sich mit der zunehmenden Tendenz, die Beaufsichtigung von Kindern durch Erwachsene auf jeden Lebensbereich auszudehnen. Bereits damals wurde das Spielen im Freien immer weiter eingeschränkt, und die meisten Eltern erlaubten ihren Kindern nicht einmal, alleine zur Schule zu laufen. Die Vorstellung, dass Kinder zu verletzlich seien, um Risiken eingehen zu dürfen, war zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches 2001 schon tief verankert. Viele hofften damals, genau wie ich, dass dieses Kinderschutzregime langsam wieder gelockert und sich eine etwas entspanntere, ausgeglichenere Grundhaltung durchsetzen würde. Sie ahnten nicht, dass diese Paranoia, die den Schutz von Kindern betrifft, noch zunehmen würde. Sie schließt inzwischen fast alles ein, was überhaupt mit Kindern zu tun hat.

Das Misstrauen gegenüber den Motiven anderer Erwachsener hat mittlerweile pathologische Züge angenommen. Zahlreiche informelle Gesetze wurden eingeführt, um zu verhindern, dass Erwachsene in direkten physischen Kontakt mit Kindern kommen. Selbst Erzieher merken, dass ihre Handlungen ständig kritisch beurteilt werden. Manche Erzieher machen sich Sorgen, wenn sie Kindern Sonnencremes auf die Haut auftragen müssen, andere tun nach wie vor, was sie instinktiv für richtig halten. Hinzu kommt zum Beispiel ein in England geltendes informelles Fotografierverbot von Kindern. Fotos zu machen ist zwar noch keine Straftat, aber viele wichtigtuerische Autoritätspersonen haben sich entschieden, die Gesetze selber in die Hand zu nehmen. Als Vater verabscheue ich das Klima der Hysterie, welches es uns Eltern schwer macht, Fotos von unseren Kindern bei Schulkonzerten oder Sportaktivitäten zu schießen. Im letzten Januar wurde einer meiner Bekannten, der seinen Sohn bei einem Fußballspiel an einem Sonntagnachmittag fotografierte, der groben Verantwortungslosigkeit bezichtigt. Er hatte jedoch Glück: Der Schiedsrichter setzte das Spiel fort. Ein anderer Schiedsrichter hingegen beendete ein Spiel von unter 15-Jährigen in Ashford und ordnete an, dass man die Kameras der Eltern konfiszieren solle. „Sie dürfen hier nicht fotografieren. Es geht um Kinderschutz“, belehrte er die Eltern.

Widerstand tut Not

Die Paranoia in Bezug auf das Wohlergehen von Kindern bewirkt genau das Gegenteil von dem, was es bewirken soll. Wenn wir unsere Kinder zu sehr vor Risiken schützen, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, eigene Entscheidungen treffen zu lernen und ihr Selbstbewusstsein sowie ihre Widerstandskraft zu stärken. Wer das Misstrauen gegenüber dem Verhalten anderer Menschen stärkt, untergräbt auf ernsthafte Art und Weise die Möglichkeit, als Außenstehender eine konstruktive Rolle bei der Sozialisation unserer Jugend zu spielen. Die Entfremdung der Erwachsenen von der Welt der Kinder führt zu der perversen Konsequenz, dass die Jugend sich selbst überlassen und ihr die Sicherheit und der Rückhalt der restlichen Gesellschaft genommen wird.

Wir müssen und sollten uns nicht den Regeln selbst ernannter Experten unterordnen und uns einer Kultur fügen, die die elterliche Kompetenz untergräbt und Misstrauen über die Motive von Erwachsenen gegenüber Kindern schürt. Wir können diese Kultur in kleinen Schritten herausfordern, indem wir gegen die vielen idiotischen, aber dennoch heimtückischen Verbote protestieren, die die Freiheit von Kindern untergraben oder den Zugang von Erwachsenen zu Kindern unterbinden. Wir können dies tun, indem wir unsere Kinder ermuntern, die Außenwelt und andere Erwachsene positiv zu betrachten. Vor allem können wir die gegenwärtige Kultur herausfordern, indem wir aktiv zusammenarbeiten, um Kindern mehr Möglichkeiten zu schaffen, die Welt zu erkunden.