01.05.2009

Radikalismus 1968 und heute

Analyse von Maria Grasso

Von den einen als einer der größten Befreiungsmomente der Geschichte begrüßt, von den anderen als Quelle allen modernen Übels verteufelt: 1968 hat ein umstrittenes Vermächtnis. Manche sehen „68“ als Beginn einer neuen Ära, andere als Höhepunkt einer Reihe politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, die bis zum Zweiten Weltkrieg zurückreichen. Eines aber steht fest: Die Politik hat sich in den letzten 40 Jahren stark gewandelt.

Für manche besteht die Veränderung nur darin, dass junge Leute die Fähigkeit zum Protestieren verloren haben. Aber studentische Politik hat immer die größeren Konflikte in der Gesellschaft beeinflusst. Der Ausbruch der Studentenrevolten von 1968 war eng verbunden mit den Unruhen in der Arbeiterklasse; in Amerika begann die Mobilisierung der Studenten mit der Bürgerrechtsbewegung und weitete sich erst später zur Anti-Vietnamkriegsbewegung aus. Sogar im sowjetischen Block ging der verzweifelten Geste von Jan Palach der Reformversuch von Alexander Dub?ek voraus.

Die Vorstellung, dass wir die Welt verändern könnten und sollten, beherrschte die Politik in der Vergangenheit. Und Studenten- oder Arbeiterproteste drückten das auf radikale Art und Weise aus, indem sie Revolution verlangten oder zumindest einen radikalen gesellschaftlichen Umbruch. Diese Form von Politik hat an Bedeutung verloren, und sogenannten Radikalen bleibt nur noch, nach einer extremeren Politik von heute zu rufen. Die Form ist noch da, der Inhalt hat sich jedoch verändert.

Politik ist nicht länger das, was die Menschen tun, sondern ist stattdessen zu einer entfernten Welt geworden, die die Leute von außen beobachten: eine Welt politischer Anführer, die von der Bürgerschaft getrennt ist. [1] Die traditionellen politischen Indikatoren der politischen Beteiligung lassen diese Schlussfolgerung glaubwürdig erscheinen. So verzeichnete man in den 90er-Jahren die geringste Wahlbeteiligung gegenüber allen anderen Nachkriegsjahrzehnten in Westeuropa; 11 von 15 westlichen Demokratien mussten in diesem Jahrzehnt die geringste Wahlbeteiligung überhaupt feststellen. Der langfristige Abschwung der Wählerbeteiligung war in Großbritannien besonders akut, aber die Wahlen von 2001 in Italien und Norwegen sowie die von 2002 in Portugal, Frankreich und Irland waren ebenfalls von fortwährend niedriger Beteiligung geprägt, genauso wie die spanischen Wahlen des Jahres 2000.

Parallel dazu sank die Zahl der Parteimitglieder zwischen 1980 und 2000 signifikant, was einige Theoretiker zu der Auffassung brachte, dass die Parteien seit den 90er-Jahren „ausbluten“. [2] Selbst unter denen, die noch wählen gehen, ist die traditionelle Parteientreue fast verschwunden. [3] Es überrascht daher kaum, dass die Beteiligung an anderen Aktivitäten wie Parteiarbeit, Treffen mit Politikern und der Besuch von politischen Veranstaltungen ebenfalls zurückging. [4] Aber was am bedeutendsten ist, ist nicht nur einfach das Ausmaß, sondern die Universalität des Rückgangs: Die Gleichartigkeit der Trends in so vielen Nationen zwingt uns, über besondere und spezifische Erklärungen hinauszugehen. Wenn Trends in der öffentlichen Meinung sich so übereinstimmend durch alle Nationen ziehen, dann muss sich etwas Weitreichenderes und Tiefergehendes vollziehen.

Mair stellte fest, dass wir Zeugen des gemeinsamen Rückzugs von Volk und Elite aus der Massenwahlpolitik werden. [5] Der Gedanke hierbei ist, dass der neue politische Kontext geprägt wird vom Fehlen radikaler, konkurrierender Visionen über die Ordnung der Gesellschaft, wodurch der politische Wettbewerb real und wahrnehmbar abnimmt. Einer der wichtigsten Aspekte dieser Veränderung im politischen Kontext betrifft die Gestaltung und den ideologischen Gehalt politischer Parteien. Der Wettbewerb nimmt vor allem ab, weil ideologische Unterschiede zwischen den Parteien kleiner werden, da beide Seiten sich für die Mitte entscheiden.

Indem sie sich zum Zentrum bewegen und sich des ideologischen Gehalts und der Artikulation und Repräsentation von soziopolitischen Interessen entkleiden, entfernen sich Parteien immer mehr von sozialen Gruppen. Das führt dazu, dass den Wählern die Wahlergebnisse so vorkommen, als hätten sie nichts mit ihrem täglichen Leben zu tun, und zwar auf zwei Arten: erstens, weil keine der um die Macht kämpfenden Parteien oder Koalitionen die grundlegenden Interessen ihrer Wählergruppe zu vertreten scheint, und zweitens, weil kaum jemand angesichts der schmalen Grenzen zwischen den Wahlplattformen noch glaubt, dass die Wahlergebnisse großen Einfluss auf ihr Leben haben werden.

Als Institutionen, die besondere Interessen der Gesellschaft widerspiegeln, fanden sich die traditionellen Parteien in den komplexen Netzwerken von Gewerkschaften, Kirchen, geschäftlichen Vereinigungen, Versicherungsvereinigungen auf Gegenseitigkeit und gesellschaftlichen Bürgerklubs wieder. [6] Sie waren in der Gesellschaft verankert, und ihre Wählerschaften waren relativ stabil und leicht auseinanderzuhalten. [7] Während die Parteien üblicherweise als diejenigen angesehen wurden, die die Bürgerschaft integrieren und mobilisieren (um gemeinsame Interessen zu artikulieren, diese in öffentliche Politik zu übertragen und die Institutionen der Regierung zu organisieren), betrachtet man ihr Handeln heutzutage nicht als das von Vertretern des Volkes, sondern einfach als Handeln anstelle der Bevölkerung. Sie sind Profis und verwurzelt in Verwaltungs- und Parteistrukturen. Durchtränkt von einer ausgeprägten Eigenkultur, umgeben von Spezialisten und abgeschirmt von der gewöhnlichen Lebenswirklichkeit der Wähler, leben sie nicht nur körperlich, sondern auch geistig „in ihrer eigenen Welt“. [8]

Historisch wurde es als selbstverständlich betrachtet, dass das politische Engagement steigt, wenn es „um lebenswichtige Angelegenheiten geht“. [9] Es galt früher und heute, dass die Bevölkerung sich nur an Politik beteiligt, wenn Politiker den Wahlkampf und die politischen Debatten als grundlegend bedeutsam für die Zukunft der Gesellschaft darstellen. Anders gesagt, wenn in der politischen Welt nicht die Rede ist von „lebenswichtigen Angelegenheiten“, dann ist es nur vernünftig, dass die Leute sich nicht um den Wettstreit zwischen verschiedenen Arten von PR oder Führungsstilen kümmern und im Ergebnis wirklich empfinden, dass der Wahlausgang und (wenn man diesen Gedanken ausdehnt) die aktuelle Politik für ihr Leben ziemlich irrelevant sind.

Viel wurde in den letzten Jahren über die Abwendung der Jugend von der Politik geschrieben. Jugendliche gelten als die Gruppe mit der geringsten Wahrscheinlichkeit der Wahlteilnahme. Interviews mit jungen Leuten lassen auch einen deutlichen Zynismus gegenüber der Politik erkennen: Sie halten Politiker für unehrenhaft und nicht vertrauenswürdig, das Parlament gilt bei ihnen als undurchschaubar und rituell, und die politische Berichterstattung erscheint ihnen unverständlich und langweilig. Ein Autor beschreibt die Jugend als „eine Altersgruppe, die sich besonders durch ihr Desinteresse an traditioneller Politik auszeichnet“. [10] Andere stellten fest, dass für diese Generation „Politik ein Schimpfwort“ geworden ist. [11] Was aber am meisten am Politiküberdruss der Jugend von heute auffällt, ist, dass politische Haltungen und das Abstimmungsverhalten im Laufe des Lebens zumeist beibehalten werden. [12] Während ältere Generationen in einem stark politischen Klima sozialisiert wurden, bedeuteten das Ende des Klassenkampfs und die historische Niederlage der Arbeiterbewegung den Verlust jeder Art von ernsthafter Herausforderung des Systems auf der Basis übergeordneter Interessen der Allgemeinheit. Deshalb werden junge Leute heute in einem apolitischen Klima sozialisiert, das nicht mehr von wettstreitenden radikalen Alternativen zur Art und Weise der Organisation der Gesellschaft geprägt ist.

Manche Theoretiker behaupten jedoch, dass das Engagement besonders der heutigen Jugend in neue Bahnen gelenkt wurde, die mit neuen gesellschaftlichen Bewegungen, Verbraucherpolitik, Fragen der Lebensweise und der Umwelt verbunden sind. [13] Dieses Argument wird oft von einem Ruf nach Ausweitung des Politikbegriffs begleitet, der besagt, dass letztlich alles ein politischer Akt sein könne. In Wirklichkeit ist die Anzahl der Leute, die sich an dieser Art „Bewegung“ beteiligen, unglaublich gering, und eher als neue politische Aktivisten finden wir hier die üblichen Verdächtigen: hochgebildete Mittelständler, die als politische Allesfresser fungieren. Dieselben Leute, die immer noch wählen, sind also die, die sich für ‚neue Politik‘ engagieren. In diesem Sinne ist Protest wie andere Beteiligungsformen einfach zu einem weiteren Weg geworden, die öffentliche Meinung zu mobilisieren und die Regierungspolitik zu beeinflussen.

Außerdem ist diese Art Engagement minimal: Es reicht, auf einer Demo aufzutreten oder Greenpeace ein bisschen Geld zu schicken, um „engagiert“ zu sein, während die Berufsaktivisten, getrennt von der verstreuten Basis, die echte (Lobby-)Arbeit machen. Das unterscheidet sich qualitativ vom Niveau des Engagements, das man traditionell mit Parteien- oder Gewerkschaftsarbeit verbindet. Die größte Veränderung des Politischen spielt sich jedoch auf der inhaltlichen Ebene ab – hier wird das endgültige Ableben des politisch-revolutionären Radikalismus am deutlichsten ausgedrückt. Die Radikalen von heute rufen nicht nach einer radikalen gesellschaftlichen Umwälzung, und deshalb sind sie auch nicht im eigentlichen Wortsinn radikal.

Es gibt heutzutage keinen Ausbruchsversuch aus dem aktuellen Dilemma, der den Traum einer radikal anderen Art von Gesellschaft nähren würde. Die Menschen haben keineswegs den Wunsch nach politischer Aktivität völlig aufgegeben, aber wenn es um das Politikziel Weltveränderung geht, setzen wir unsere Ansprüche höher. Vorstellungen vom Ende der Arbeit, die historisch gesehen immer das Spielfeld radikalen Gedankenguts waren, wurden fast vollständig in den Bereich der Politik übernommen, nicht zu vergessen ihre studentische Variante. Wir sind gemeinschaftlich dabei, das zu verlieren, was C. Wright Mills die soziologische Vorstellungskraft nannte – den Prozess der Verknüpfung individueller Erfahrungen mit gesellschaftlichen Institutionen und dem eigenen Platz in der Geschichte. Stattdessen hängen wir im Vakuum von heute fest, in dem Veränderung nahezu unmöglich erscheint.

In dem Maße, in dem wir riskieren, die 68er zu romantisieren, wird der Kontrast zur heutigen Situation deutlich. In den 70er-Jahren glaubten vier von zehn amerikanischen Studenten, dass eine Revolution notwendig wäre (gemeint ist nicht Obamas nichtssagendes Gerede von „change“). Verglichen mit heute war 1968 eine unvorstellbare Mobilisierung von jungen Leuten, die sowohl von links als auch von rechts gegen das Establishment traten. Die internationale Solidarität war stark, es gab ein Gefühl dafür, dass die Völker sich für ihre eigenen Kämpfe im Land engagierten und trotzdem am gemeinsamen Krieg gegen die wenigen teilnahmen, die über die Massen herrschten. Vietnam war der Auslöser, aber bald dehnten sich die Proteste über die ganze Welt aus – quer durch Asien und Europa gab es ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Zehn Millionen Arbeiter streikten in Frankreich, und in der ganzen Welt fand die Politisierung großer Teile der Bevölkerung in einem kurzen, unruhigen Zeitabschnitt statt. Wir können den Ausverkauf der 68er kritisieren, wie wir wollen, und tatsächlich haben sie ihre Bestrebungen nicht in irgendeiner eigenen dauerhaften Institution kristallisiert, aber am Ende war der Traum von einer anderen Welt geboren.

Nichts dergleichen existiert heute. Heutzutage ist Radikalismus nur insofern radikal, als dass er eine extreme Variante des Mainstream darstellt. So wurden die Irakkriegsproteste erst laut, als die öffentliche Meinung schon gegen den Krieg war. Die Umweltradikalen fordern noch mehr Drosselung des Konsums und Lebensstandards, als die Regierung schon von uns verlangt; denken wir nur an die offensichtliche Feststellung, dass es wenig Sinn macht, eine Bewegung auszurufen, die die Ideen unterstützt, die bereits bei den Radikalen aller drei politischen Hauptparteien populär sind. Der heutigen radikalen Politik geht es weniger um das Stürzen von Regierungen und das Ergreifen der Macht, sondern mehr darum, die Politiker über das Einhalten ihrer eigenen Agenda zur Verantwortung zu ziehen, am offensichtlichsten beim Klimawechsel und bei der Umwelt, aber ebenso bei Fragen der Lebensweise und des Konsums. In dieser Ausdehnung ist Politik zu einem reinen Lobbyspiel geworden. Wir reden darüber, dass die Politik bei der Einbeziehung der Bevölkerung versagt – so, als ob die Politik eigenständig wäre. Aber Politik ist nichts anderes als das Handeln der Menschen, wenn sie ihre Interessen vertreten. In der Vergangenheit brachten sich die Leute von selbst ein. Heutzutage suchen Politiker verzweifelt Kontakt mit der Öffentlichkeit, aber diese interessiert sich nicht für sie. Wir sind weit entfernt von den Zeiten, als die politische Elite solche Furcht vor den Massen hatte, dass sie ihnen nicht einmal formale politische Rechte wie das allgemeine Wahlrecht kampflos einräumte. Jetzt macht man es uns so einfach, dass wir bald vom Handy aus wählen können – in der Hoffnung, dass wir dies dann auch tun.

Die Politiker von heute machen sich Sorgen, dass mit der sinkenden politischen Beteiligung ihre Legitimation bröckeln wird – und das aus gutem Grund. Nur macht für uns die Politikbeteiligung dort wenig Sinn, wo es keinen Katalog von klar formulierten Interessen gibt, für die man kämpfen kann. Es macht für die Leute eher Sinn, sich der Beteiligung zu verweigern, wenn es keine Ideale und keine wirklich bedeutungsvolle Wahl gibt. Vergessen sind die Zeiten von Rot und Schwarz, Politik von heute besteht aus gleichartigen, nicht inspirierenden Schattierungen. Selbst die sogenannten jungen Rebellen wollen heutzutage nicht die Welt verändern, sondern nur kurzlebige Flicken hier und da anbringen. In der Vergangenheit wollten sie den Kapitalismus in seiner Gesamtheit überwinden; heute fordern sie nur kleine Änderungen, um das System humaner zu machen.

Die Zukunft der Politik liegt bei uns und unserer sozialen Vorstellungskraft. Wir selbst müssen anfangen darüber nachzudenken, in was für einer Welt wir arbeiten und leben wollen. Hier wäre ein bisschen Utopia nicht schlecht am Platz. Karl Marx schrieb, dass Menschen Geschichte machen, aber nicht nach ihrem Belieben – vielleicht können wir uns die Umstände nicht aussuchen, aber wir müssen uns trotzdem dafür entscheiden, sie zu gestalten. Diese Aufgabe nicht wahrzunehmen, wäre ein weit ernsteres Problem als die geringe Wahlbeteiligung, über die sich die Politiker Sorgen machen. Wir würden auf die elementare Begabung verzichten, die uns menschlich macht: unsere historische Fähigkeit, unser Leben zu verbessern, indem wir unser eigenes Schicksal formen.