05.03.2010

Ist der Anti-Doping-Kampf am Ende?

Kommentar von Matthias Heitmann

Es kommt Bewegung in die Diskussion über Doping. Doch ohne ein grundsätzliches Hinterfragen des Dopingbegriffs bleibt der öffentliche Protest gegen die zu Jahresbeginn von der Welt-Anti-Doping-Agentur eingeführte Totalüberwachung von Topathleten hohl und stumpf. Von Matthias Heitmann

Sascha Goc ist standhaft geblieben. Bis zuletzt hatten die Funktionäre des Deutschen Eishockey-Bundes versucht, ihn von seiner Entscheidung, aus der deutschen Nationalmannschaft zurückzutreten, abzubringen. Seinen Rücktritt hatte Goc damit begründet, er wolle sich nicht den Meldeauflagen der Nationalen-Anti-Doping-Agentur (Nada) unterziehen. Nicht, wie er betonte, weil er etwas gegen Dopingkontrollen habe: „Sie können mich jeden Tag überprüfen. Aber wenn wegen eines komplizierten Systems mein Beruf auf dem Spiel steht, ist Schluss mit lustig.“ Das „komplizierte System“ ist das „Anti-Doping Administration & Management System“ (ADAMS). Über dieses Online-Programm müssen Topathleten ihr Leben dokumentieren und für drei Monate im Voraus täglich eine Stunde angeben, zu der sie an einem definierten Ort für Kontrollen verfügbar sind. Goc, nach eigenen Worten „kein Internet-Spezi“, hält dies für unrealistisch und nicht praktikabel: „Wir Eishockeyprofis sind immer unterwegs. Da muss ich ständig am Computer sitzen und Änderungen abschicken. Fehler und Versäumnisse sind da fast zwangsläufig.“

Auch andere Sportler äußerten sich in den letzten Wochen kritisch über das neue System der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Viele beschrieben ADAMS als umständlich, nervend, zeitintensiv und mit ihrem Alltag als Leistungssportler schlecht vereinbar. Selbst die mächtigen Fußballverbände Fifa und Uefa machen Front gegen den Wada-Kodex. Doch über diese technische Kritik an der Benutzerfreundlichkeit des Programms gehen nur wenige hinaus. Aussagen wie die von Skirennläufer Bode Miller, der die Dopingfahnder als „Piss-Polizei“ bezeichnete und sich grundsätzlich gegen Dopingkontrollen aussprach, sind die Ausnahme. So kritisiert der Gewichtheber und Olympiasieger Matthias Steiner das Kontrollregime beispielsweise dafür, dass es nicht in allen Ländern gleichermaßen strikt gehandhabt werde.

Auch vonseiten der Politik wurde Kritik am neuen Kodex der Wada geübt. „Der internationale Datenschutzstandard, den die Wada erarbeitet hat, ist nicht mit deutschem und europäischem Datenschutzrecht vereinbar“, erklärte der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph Bergner. In Brüssel befasst sich derweil die EU-Datenschutz-Arbeitsgruppe „Artikel 29“ mit dem Wada-Kodex. Erwartet wird, dass auch hier eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Sportlern festgestellt wird. Tritt dieser Fall ein, dürfte die bisherige Form des Anti-Doping-Kampfes Geschichte sein.

Doch was kommt danach? Mit Sicherheit nicht das Ende des Kreuzzuges gegen Doping. Eher ist davon auszugehen, dass neue Regularien und verbesserte Kontrollinstrumente entwickelt werden. Möglicherweise werden Sportverbände zusätzlich ihre Mitglieder eigenen Kodizes unterstellen. Vorstellbar ist auch, dass Sponsoren in großer Zahl mit dem Rückzug aus dem Leistungssport drohen, wenn nicht schnell neue internationale Kontrollmechanismen geschaffen werden. Es wird also lediglich eine neue Runde im Anti-Doping-Kampf eingeläutet.

Der Debatte um die aktuelle Praxis der Kontrollen fehlt bislang jede inhaltliche Auseinandersetzung mit der Dopingthematik. Sie wurde vielmehr dadurch angefacht, dass sich Topathleten öffentlich als Opfer eines inhumanen Überwachungssystems gerieren – dies allerdings mit eher lauen Argumenten: Dass es „kompliziert“ sei, ein Online-Programm zu bedienen und sein Leben entsprechend zu organisieren, schädigt eher den Ruf von Athleten, als dass es ihren berechtigten Anspruch auf Schutz der Persönlichkeitsrechte unterstreicht. Auch der Verweis darauf, es sei unwürdig, vor Kontrolleuren in ein Röhrchen zu pinkeln, wirkt angesichts der gerade unter Leistungssportlern stark ausgeprägten Neigung, sich in umfassende medizinische Behandlung zu begeben, den eigenen Körper kontinuierlich umfassender Analysen zu unterziehen und dessen Leistungspotenzial optimal auszureizen, wenig überzeugend.

Sowohl diejenigen, die Spitzensportler unter einen Doping-Generalverdacht stellen, als auch diejenigen, die sich gegen Pauschalverurteilungen wehren und für „humanere“ Kontrollmechanismen plädieren, haben eines gemein: Beide akzeptieren „Doping“ als ein klar definiertes Phänomen, das den Sport in seinen Grundfesten gefährdet. Solange dieser Konsens existiert, wird uns diese Debatte erhalten bleiben. Und dennoch bietet gerade die jüngste Diskussion über die „Maßlosigkeit“ des Anti-Doping-Kampfes die Chance zur inhaltlichen Klärung. Denn dieser Kampf ist nicht „maßlos“, sondern lediglich konsequent: Wer einen absolut dopingfreien Leistungssport erreichen will, der kommt gar nicht umhin, Leistungssportler einer Totalüberwachung zu unterstellen. Wenn aber die durch den Zweck geheiligten Mittel mittlerweile sogar von EU-Bürokraten und dem Bundesinnenministerium als rechtswidrig eingestuft werden, wäre es dann nicht ratsam, neu über den Zweck nachzudenken?

Viel wichtiger als die Diskussion über die Art und Weise von Dopingkontrollen wäre eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Dopingbegriff selbst. Dessen wachsweiche „Definition“, die lediglich über eine sich ständig ändernde Liste von „verbotenen“ Substanzen und Methoden zur Leistungssteigerung erfolgt, steht im krassen Kontrast zu den schweren Geschützen, die zur Dopingbekämpfung aufgefahren werden. Dass dieser offenkundige Widerspruch kaum thematisiert wird, offenbart den ideologischen Charakter der Anti-Doping-Argumentation. Sie basiert auf der Annahme, dass die bewusste Anwendung von (warum auch immer) als verboten geltenden leistungssteigernden Substanzen und Methoden mit aller Gewalt aus dem Sport verbannt werden müsse. Tatsächlich aber stellt das Streben nach Verbesserung der eigenen Fähigkeiten gerade auch unter Zuhilfenahme dafür geeigneter Mittel und Methoden ein zentrales Merkmal des menschlichen Wesens sowie der gesamten menschlichen Zivilisation dar. Solange die der Dopingverteufelung zugrunde liegende antifortschrittliche, antiwissenschaftliche Haltung nicht attackiert wird – diese stellt letztlich eine wesentlich größere Gefahr für die Menschenwürde dar als die Verpflichtung zum beaufsichtigten Urinieren –, wird die berechtigte Kritik am orwellschen Eifer der Anti-Doping-Krieger ins Leere laufen.


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Lars Riedel kritisiert Dopingkontrollsystem
Auch nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn kam Lars Riedel, einer der erfolgreichsten deutschen Leichtathleten und u.a. Olympiasieger im Diskuswurf, im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen. Der Grund: In seiner Autobiografie Meine Welt ist eine Scheibe schildert er nicht nur seine großen sportlichen Erfolge und Niederlagen, sondern kritisiert auch erstmals öffentlich das bestehende Dopingkontrollsystem. In seiner Kritik geht Riedel weiter als die meisten Sportlerinnen und Sportler, die sich in den letzten Monaten beschwert haben. Er kritisiert nicht nur, dass das bestehende Dopingkontrollsystem gegen die Grundrechte verstößt. Er formuliert auch eine grundsätzliche Kritik an der Dopingliste der Wada. Sie sei willkürlich zusammengestellt. Warum etwas aufgenommen werde, sei nicht klar. Riedel wehrt sich vehement gegen die Kriminalisierung von Dopern: „Falls ein Sportler dopt, verletzt er kein Gesetz, er begeht keine Straftat, sondern verstößt lediglich gegen eine Regel im Sport“ (S. 199). Warum aber die Kriminalisierung der Sportler heute auf so fruchtbaren Boden in der Gesellschaft stößt, kann Riedel leider nicht erklären. Da Riedel das Thema Doping nicht in einen größeren Zusammenhang einordnet, bleibt seine Kritik immer sehr technisch (siehe hierzu das Interview mit Lars Riedel und Edwin Klein auf der nächste Seite). Schade. Aber immerhin: Endlich hat sich einer getraut, die Probleme offen anzusprechen. (Stefan Chatrath)