30.11.2012

Die Angst des Marktes vor sich selbst

Analyse von Alexander Horn

Nicht mal Manager vertrauen noch in die Kräfte der freien Marktwirtschaft. „Corporate Social Responsibility“ ist alles: Bereitwillig lassen Führungskräfte ihre Konzerne immer stärker durchregulieren. Von Alexander Horn

Spätestens seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise stehen die Unternehmen im Kreuzfeuer der Kritik. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein neuer Beleg für die „Gier“ der Führungsetagen gefunden wird. Die Tatsache, dass sich Unternehmen in erster Linie ihrem Gewinnstreben widmen, erscheint vielen Leuten suspekt. Private Interessenverfolgung scheint in einer Gesellschaft, die sich in erster Linie an allgemeinen Menschheitsfragen wie dem Klimaschutz, Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit zu organisieren sucht, dem gesellschaftlichen Interesse diametral gegenüberzustehen.

Als im Juni die großen Stromkonzerne ankündigten, mittels Verfassungsbeschwerde rund 15 Milliarden Euro als Schadenersatz für die schnelle Stilllegung ihrer Kernkraftwerke einklagen zu wollen, kam eine prompte Reaktion. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Trittin sprach von „dreisten Forderungen“, während der Greenpeace-Atomexperte Münchmeyer meinte, die „Gier und die Frechheit von Eon, RWE und anderen Atomkonzernen kennen keine Grenzen“. 1 Die Konzerne hätten in den letzten Jahrzehnten schon 300 Milliarden an Subventionen und Vergünstigungen abkassiert und wollten nun den Steuerzahler das zweite Mal abzocken. Trotz der reellen Enteignung, die die Unternehmen durch die Stilllegung ihrer Kraftwerke erfahren, erscheint die harsche moralische Verurteilung der Energiekonzerne völlig legitim. Kaum besser steht es um das gesellschaftliche Ansehen der Banken und deren Führungspersonal.

Die moralischen Defizite der Finanz- oder der Energiewirtschaft erscheinen inzwischen aber nur noch als die Spitze des Eisbergs. In allen möglichen Fragen werden Unternehmen und deren Manager für gesellschaftliche Probleme zur Verantwortung gezogen. In diesem Sinne gab es in den vergangen Jahren gesetzgeberische Initiativen, die Diskriminierung in Unternehmen zu verhindern, und nun sollen die Unternehmen für die soziale Gleichstellung der Frau verantwortlich gemacht werden. Wie tief muss das Ansehen der Unternehmen und ihrer Führungseliten inzwischen gesunken ein, wenn der Ifo-Chef Hans-Werner Sinn den Managern bereits vor Jahren attestierte, dass sie zu Sündenböcken der heutigen Zeit geworden seien? 2

Vertrauenskrise

In den Chef-Etagen der Wirtschaft wird durchaus wahrgenommen, dass der Marktwirtschaft immer weniger Vertrauen geschenkt wird. So ermahnten Manfred Gentz, ehemaliger Daimler–Finanzchef, und Klaus-Peter Müller, Commerzbank-Aufsichtsratschef und Vorsitzender der „Kommission für gute Unternehmensführung“, im März die Aufsichtsratsvorsitzenden der DAX-Konzerne in einem privaten Brief, hinsichtlich der Managervergütungsregeln weiteren Schaden abzuwenden: „Wir sollten uns immer wieder klarmachen, dass auch und gerade marktwirtschaftliche Systeme des Verständnisses und der Akzeptanz der Gesellschaft bedürfen.“ Die zunehmende Skepsis gegenüber der Sozialen Marktwirtschaft hat seit November 2010 eine Vielzahl deutscher Top-Manager dazu bewogen, eine Selbstverpflichtung für „verantwortliches Handeln in der Wirtschaft“ zu unterschreiben. Darin heißt es, dass seit längerem „Umfragen eine wachsende Unzufriedenheit mit dem Wettbewerbssystem, den Unternehmen und ihren Entscheidern“ zeigen, und diesem „Vertrauensverlust“ wollen die Unternehmen entgegenwirken. 3

Müller und Gentz, die einen massiven Vertrauensverlust gegenüber den Unternehmen und gegenüber der Marktwirtschaft konstatieren, ist zuzustimmen. Allerdings gehen sie bei ihrer Interpretation der Entwicklung längst nicht weit genug, und sie unterschätzen daher die Problematik. Der Vertrauensverlust, der sich in der alarmierenden öffentlichen Debatte zeigt, ist nämlich nicht auf die „Öffentlichkeit“ beschränkt, noch scheint diese öffentliche Diskussion für den Vertrauensverlust ursächlich zu sein. Der gesellschaftliche Vertrauensverlust ist eher als ein Spiegel dessen zu sehen, was in sich in den Führungsetagen der Unternehmen und in akademischen Kreisen vollzieht.

Einen treffenden Einblick in die Bredouille, in der sich der Kapitalismus befindet, übermittelte der Begründer des Weltwirtschaftsforums auf dem diesjährigen Treffen in Davos. Klaus Schwab meinte, man könne sagen, „dass das kapitalistische System in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige Welt passt“. Dies wurde von den anwesenden hochrangigen Wirtschaftsvertretern weitgehend widerspruchslos so hingenommen. 4 Typisch ist auch der Galgenhumor von David Rubenstein, dem Mitbegründer eines der größten Private-Equity-Fonds, der in Anlehnung an Churchills Ausspruch: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen“, meinte, der Kapitalismus sei „die schlechteste Wirtschaftsform überhaupt – wenn man von allen anderen absieht“. 5 Selbst den vehementesten Verfechtern marktwirtschaftlicher Prinzipien gelingt offenbar nur eine negative und reichlich zynische Begründung derselben.

Die Defensive des Unternehmerlagers zeigt sich demzufolge an der kritischen Auseinandersetzung innerhalb der eigenen Reihen. Relevant ist hier nicht nur die Auseinandersetzung mit den Vergütungssystemen. Auch werden die Aktivitäten der Banken und mit ihnen die gesamte Finanzwirtschaft vielfach im Gegensatz zu den Interessen der Unternehmen der Realwirtschaft gesehen. Die Finanzwirtschaft scheint aus dem Ruder gelaufen, für die Realwirtschaft zunehmend zu einer wirtschaftlichen Belastung zu werden und zudem Instabilität zu erzeugen. Die Regulierung der Finanzwirtschaft – wenn auch in unterschiedlicher Form – wird daher in den Chefetagen der Wirtschaft und sogar von den Banken selbst gefordert und betrieben. Es ist bemerkenswert, dass die gegenwärtige Krise einseitig auf eine unkontrollierte Dynamik im Finanzsystem zurückgeführt wird und daraus die entsprechenden Konsequenzen in Richtung Begrenzung desselben gezogen werden.

Liberalismus und Antikapitalismus

Die Kräfte und Triebfedern der kapitalistischen Entwicklung erscheinen vielen Leuten heute nicht mehr verteidigenswert. Wie aus einer naiven anderen Welt erscheinen klassische Ökonomen wie Adam Smith, wenn sie die wohlstandssteigernden Prinzipien des Kapitalismus beschreiben. Smith etwa hatte keine Zweifel, dass unternehmerischer Eigennutz die allgemeine Wohlfahrt steigert. Doch der persönliche Eigennutz als Triebfeder zur Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstands unterliegt schweren Zweifeln, denn dieser wird in Bezug auf die Unternehmenseigentümer und deren Manager gemeinhin als Gier verstanden. Ambivalent erscheint aber auch die technische Entwicklung, obwohl sie angetrieben durch den Kapitalismus eine nie gekannte Wohlstandsteigerung ermöglicht hat. So haben etwa die großen Energiekonzerne, trotz ihrer hohen Investitionen und dem Wert ihrer bestehenden Anlagen, zuletzt wenig Anstalten gemacht, die Kernenergie als bedeutende Quelle kostengünstiger und sicherer Energie zu verteidigen.

Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit den immer mächtiger werdenden Umweltverbänden und ihrer Übernahme von Positionen in der Politik sind die Unternehmen in eine gesellschaftliche Isolation geraten. Ihnen fehlte zuletzt offenbar die eigene Überzeugung, durch die Nutzung der Kernenergie über eine Technologie zu verfügen, die einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leistet, weshalb es nach dem Fukushima-Unfall nur der plötzlichen Meinungsänderung der Bundeskanzlerin bedurfte, einer gesamten Industrie die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Ohne harte Auseinandersetzung ergab man sich dem Schicksal und passte sich an die Gegebenheiten an, indem man offenbar hofft, die massiven Fördertöpfe der Ökoenergien hinreichend anzapfen zu können und sich darauf beschränkt, den Vermögensverlust einzuklagen.

Aber nicht nur die Energiekonzerne, sondern die gesamte deutsche Wirtschaft hat den seit Jahrzehnten absehbaren Kurs in Richtung Abschaltung der Kernkraftwerke, der eine enorme Vernichtung des gesellschaftlichen Wohlstands mit sich bringt, bereitwillig hingenommen. Statt der Verteidigung einer wichtigen Technologie zur sicheren Bereitstellung günstiger Energie, die für einen Industriestandort wie Deutschland von übergeordneter Bedeutung ist, haben sich die Wirtschaftskapitäne ihrem Schicksal ergeben. Auch in Bezug auf andere technische Entwicklungen, wie etwa der grünen Gentechnik, deren Anwendung den Unternehmen hohe Gewinne aufgrund deutlich produktiverer Verfahren verschaffen würde, zeigt sich eine nur geringe Bereitschaft, offensiv für diesen Fortschritt einzutreten und gesellschaftlichen Widerständen zu begegnen.

Einer der wenigen Wirtschaftsvertreter, die sich öffentlich zu diesen Themen äußerten, war der Vorstandsvorsitzende des Chemiekonzerns BASF, Jürgen Hambrecht. Er adressierte zwar in der Regel die Gesellschaft im Allgemeinen. Eine Portion „Manager-Selbstkritik“ schwang aber mit, wenn er etwa betonte, dass man insbesondere in Deutschland mehr Mut zum Fortschritt benötigt und es eine „ungute Tendenz zu übertriebener Angst“ gibt. Deutschland brauche eine „Dafür-Gesellschaft“, um die wirtschaftlichen Positionen durch Innovationen absichern zu können. 6

Den positiven gesellschaftlichen Effekten, die sich aus dem Gewinnstreben der Unternehmen ergeben, wird in den Chefetagen der Unternehmen immer weniger vertraut. Die gleiche Sinnkrise erlebt gegenwärtig der wirtschaftliche Liberalismus. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise sind dessen Vertreter geradezu besessen davon, die Relevanz des ordnungspolitischen Rahmens zu betonen. In der Krise scheint sich das zu bestätigen, was sie schon immer gefordert haben, nämlich die Erfordernis eines geeigneten Ordnungsrahmens, der die Unternehmen zu einem konformen Verhalten im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zwingt. Das Gebot der Stunde sehen auch sie in einer Beachtung und Justierung des Ordnungsrahmens, also in einer Eingrenzung des Marktes. Da die traditionelle Linke längst von der Forderung zur Überwindung des Kapitalismus Abstand genommen hat und statt dessen eine Kapitalismuskritik offeriert, die auf eine möglichst scharfe Eingrenzung unternehmerischer Freiheit abzielt, hat sich inzwischen eine merkwürdige Allianz zur Begrenzung des Marktes herausgeschält.

Unternehmensethik und CSR

Diese gesellschaftliche Gemengelage hat bereits in den letzten Jahrzehnten zu einem kontinuierlichen Bedeutungsgewinn der Unternehmensethik beigetragen. Insbesondere in den neunziger Jahren des letzten Jahrtausends sind Konzepte wie der „Stakeholder“-Ansatz, „Corporate Social Responsibility“ (CSR), die „Corporate Governance“ und der „ehrbare Kaufmann“ in den westlichen Industrieländern zu großer Popularität gelangt. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich vor allem bei CSR eine neue Dynamik ergeben. Dies ist kein Zufall, denn CSR entspricht einerseits den Bestrebungen der Kapitalismuskritiker, die Unternehmen zu einem Verhalten zu zwingen, das soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt. Anderseits erwarten die Unternehmen, dass die freiwillige Wahrnehmung von sozialer und ökologischer Verantwortung über gesetzliche Normen hinweg die gegenwärtige Legitimationskrise im Verhältnis zur Gesellschaft löst.

Die zugrunde liegende Überlegung von CSR ist, dass Unternehmen soziale Aspekte und Umweltbelange gleichberechtigt neben wirtschaftliche Überlegungen stellen, indem sie dies in ihrer Unternehmensstrategie und damit auch in ihrer Unternehmens-DNA verankern. Unternehmen sollen sich somit selbst über die gesetzlichen Anforderungen hinaus binden und sich im Prinzip als „corporate citizen“ benehmen, also als „Bürger“, der sich durch die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung auszeichnet. Die letzten Bundesregierungen unterschiedlicher politischer Couleur wie auch internationale und EU-Institutionen forcieren diesen Ansatz mit dem Bestreben, die Unternehmen in die Verantwortung für eine „nachhaltige“ Gesellschaft einzubinden.

Im Jahr 2001 wurde von der damaligen Bundesregierung der „Rat für nachhaltige Entwicklung“ ins Leben gerufen. Er berät die Bundesregierung als unabhängiges Expertengremium unter maßgeblicher Beteiligung von Umweltverbänden, Kirchen und Unternehmens- und Gewerkschaftsvertretern in Nachhaltigkeitsfragen und spätestens seit 2006 auch hinsichtlich der CSR-Strategie. In der Formulierung der nationalen CSR-Strategie ist der Rat federführend. 2009 wurde das Nationale CSR-Forum eingesetzt, dem gegenwärtig 44 Experten aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaft angehören. Inzwischen hat die Bundesregierung die „Nationale Strategie zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen“ verabschiedet, deren wichtigstes Ziel es ist, „einen Bewusstseinswandel dahingehend herbeizuführen, dass CSR sich für Unternehmen und Gesellschaft lohnt“. 7

Der Kern des Konzeptes besteht in einer Abkehr vom traditionellen Vertrauen in die unternehmerische Funktion als Motor des Fortschritts und des gesellschaftlichen Wohlstands. Statt die unternehmerische Freiheit zu verteidigen, geht es um eine neue Form des Vertrauens: Dieses soll aus der Selbstbegrenzung der Unternehmen entstehen. Indem diese sich den Nachhaltigkeitsvorstellungen unterordnen, soll sowohl dem Misstrauen der Gesellschaft wie auch dem Vertrauensverlust im Unternehmerlager bezüglich dessen eigener Rolle entsprochen werden. Dieser neue Ansatz ist fernab des Selbstverständnisses vom Unternehmer, wie es der Ökonom Joseph Schumpeter einst formulierte. Er argumentierte, dass sich gesellschaftlicher Fortschritt und Wohlstand im Kapitalismus nur durch die Unternehmerfunktion durchsetzen, da der Unternehmer auch gegen den gesellschaftlichen Widerstand neue Faktorkombinationen etabliert, daraus seinen Profit zieht und damit gleichzeitig den Kapitalismus in Richtung Wohlstandsmehrung vorantreibt.

CSR, Globalisierung und Demokratie

Mit der Popularisierung der Globalisierungstheorien in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hat CSR deutlich an Bedeutung gewonnen. Demnach ist vor allem die Internationalisierung der Unternehmen ursächlich dafür, dass die Nationalstaaten noch weniger als bisher ihrer Rolle als Regelsetzer nachkommen können. Der ohnehin schon nicht perfekte gesetzliche Rahmen, den Staaten zur Regulierung wirtschaftlicher Aktivität setzen können, werde immer löchriger und erfordere deshalb von den Unternehmen eine gewisse Selbstbindung oder Selbstverpflichtung, möglicherweise sogar eine Gestaltungsverantwortung. So soll vermieden werden, dass Defizite im Ordnungsrahmen nicht rücksichtslos ausgenutzt werden können.

Ein wesentlicher Aspekt von CSR ist daher die Forderung, dass Unternehmen sich nicht die Divergenz sozialer Standards in verschieden entwickelten Ländern zu Nutze machen. Stattdessen wird von ihnen erwartet, dass sie selbst dafür sorgen, in ihren weltweiten Aktivitäten und in den Lieferketten gleiche oder ähnliche Standards anzuwenden und durchzusetzen. Unternehmen sollen als Corporate Citizens über den gesetzlichen Rahmen hinaus für die Gesellschaft aktiv werden. Diese Forderung von CSR ist aber bedenklich, denn sie verlangt von den Unternehmen, dass sie eigenständig oder in Zusammenarbeit mit Organisationen, die wie etwa NGOs das „öffentliche Interesse“ zu repräsentieren glauben, soziale sowie wirtschaftliche und Umweltziele definieren.

Der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman etwa kritisierte diese Auffassungen bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Er argumentierte für eine Beschränkung der Unternehmen auf ihre ökonomische Rolle und damit für eine klare formale Trennung von Politik und Wirtschaft. Unternehmen sollten die in der Demokratie gesetzten Regeln beachten und so dem politischen Willen untergeordnet sein. Wenn er gleichwohl dafür eintrat, den Unternehmen eine größtmögliche Freiheit zu gewähren, so war dennoch klar, dass die Politik – also letztlich der Wähler als politischer Souverän – den gesetzlichen Rahmen und die Regeln definiert, in denen sich die Unternehmen bewegen dürfen.

Wenn die Unternehmen selbstständig oder gemeinsam mit nicht demokratisch legitimierten Institutionen einem selbst definierten „gesellschaftlichen Auftrag“ nachgehen, unterminieren sie den demokratischen Prozess. Möglicherweise verwenden sie beispielsweise Gewinne oder Ressourcen für eine von ihnen definierte Aufgabe und entziehen der Politik die Chance, diese Gelder entsprechend dem politischen Willen einzusetzen. Nicht weniger problematisch könnte die Entscheidung von Unternehmen sein, ökologische oder ethische Motive in den Vordergrund unternehmerischen Handelns zu stellen. So könnten etwa Transportunternehmen entscheiden, dass sie aus ethischen Gründen keine medizinischen Versuchstiere transportieren, obwohl dies für die Entwicklung neuer Krankheitstherapien erforderlich und per Gesetz nicht verboten ist. Ebenso könnten Energieversorger die Verbrennung fossiler Kraftstoffe als unethisch empfinden und Strom aus diesen Energieträgern nicht mehr herstellen oder anbieten, obwohl dies möglicherweise die Energieversorgung gefährden würde oder zu einer drastischen Steigerung des Energiepreises führen könnte.

Wenn man von Unternehmen ein über das gesetzliche Maß hinausgehendes Engagement verlangt, sind sie gezwungen, sich die Rolle des politischen Souveräns anzumaßen. Aus diesem Grund ist es äußerst bedenklich, dass Kritik an solchen Entwicklungen, wie z.B. die von Friedman, heute keinerlei Anerkennung mehr finden. So hat die in Deutschland treibende Regierungsinstitution in Sachen CSR, der Rat für nachhaltige Entwicklung, diese Ordnungsvorstellungen mit explizitem Verweis auf Milton Friedman als „neoliberal“ und somit als historisches Relikt beiseitegeschoben. In seinen Empfehlungen zu CSR stellte der Rat, Friedman zitierend, fest: „’The business of business is business’“. Dieses Credo hat sich überlebt. Soziale und ökologische Belange spielen für den Erfolg des Unternehmens eine zunehmend wichtige Rolle.“ 8

CSR und gesellschaftliche Verantwortung

Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung ist der ursprüngliche Kern der historischen Auseinandersetzung über die soziale Verantwortung der Unternehmen im Kapitalismus. Bereits die klassischen Ökonomen wie Adam Smith haben sich mit dieser Fragestellung befasst. Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers ergibt sich nach Smith aus seiner Stellung im Prozess der gesellschaftlichen Produktion. Indem er seinem persönlichen Vorteilsstreben nachgeht, fördert er gleichzeitig das gesellschaftliche Wohl. Er muss möglichst wettbewerbsfähig und immer produktiver tätig werden und schafft so gesellschaftlichen Reichtum, indem unter seiner Regie immer weniger Arbeitskraft zur Herstellung der gleichen Waren eingesetzt wird. Dabei ist er aber durch die menschliche Empathie gegenüber seinen Mitmenschen gebunden, wie Smith in der „Theorie der ethischen Gefühle“ ausführt. Sie bildet gewissermaßen eine moralische Grundlage, die der damals im Entstehen befindlichen warenproduzierenden Gesellschaft den nötigen Halt verlieh. Wesentlich ist also, dass das Wohl der Allgemeinheit von den Unternehmen in einer Marktwirtschaft nicht intentional verfolgt wird, sondern dass es ein „nicht intendiertes Nebenprodukt“ des Gewinnstrebens und des Wettbewerbs in einer geeigneten Rahmenordnung darstellt. 9

Im Rahmen von CSR wird der Widerspruch zwischen den privaten Interessen und dem allgemeinen gesellschaftlichen Interesse anders aufgelöst. Während das wirtschaftliche Interesse des Unternehmens als einseitig privat ausgerichtet interpretiert wird, ergibt sich die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens in erster Linie oder – je nach Argumentationsmuster – ausschließlich aus der Rolle, die dieses neben seiner marktwirtschaftlichen Orientierung spielt. Unternehmen sollen durch ihr soziales und ökologisches Engagement der Gesellschaft etwas zurückgeben, damit sie von dieser die Berechtigung – also gewissermaßen eine „license to operate“ – erhalten, um ihren privatwirtschaftlichen Interessen nachgehen zu dürfen. Der gesellschaftliche Nutzen der Unternehmen speist sich demnach nicht primär aus der Tatsache, dass sie die gesellschaftliche Funktion der Wohlstandsproduktion übernehmen, sondern durch ihr gesellschaftliches Engagement, bei dem die Unternehmensfunktion lediglich als Mittel zur Erfüllung dieses Zwecks erscheint. Befürworter von CSR sehen gerade in dem zusätzlichen Aufwand, den die Unternehmen betreiben, um Unternehmensabläufe konform zu Umwelt- und Sozialzielen zu gestalten, der Freistellung von Mitarbeitern sowie dem Sponsoring von derartiger Projekten den entscheidenden gesellschaftlichen Beitrag zur Förderung des Allgemeinwohls.

Diese ethische Konzeption untergräbt potenziell die marktwirtschaftlichen Prinzipien. Die Übernahme sozialer und umweltbezogener Verantwortung, die im Rahmen von CSR von den Unternehmen erwartet wird, relativiert die konsequente Verfolgung unternehmerischer Gewinne. Auf diese Weise steht auch die wohlstandsteigernde Funktion von Unternehmen zur Disposition. Die gesellschaftliche Kernaufgabe der Unternehmen, im Wettbewerb immer bessere Technologien und Verfahren anzuwenden, wird durch die Selbstbeschränkungen der CSR überlagert. Dies unterminiert die Position der Unternehmen selbst, da diese ihrer gesellschaftlichen Rolle bei der Mehrung des allgemeinen Wohlstands in geringerem Maße gerecht werden können. Ein stagnierendes oder gar rückläufiges Wohlstandniveau stößt möglicherweise nicht auf allgemeines Wohlwollen und gefährdet auch das Vertrauen in die Marktwirtschaft als eine den Wohlstand steigernde Organisationsform.