18.11.2020

Poverty-Bashing am Rande der Volksverhetzung

Von Ulf Heuner

Titelbild

Foto: 3dman_eu via Pixabay / CC0

Carolin Emcke profiliert sich als Kritikerin des Populismus. Dabei argumentiert sie selbst ziemlich populistisch – und extrem elitär. Buchauszug aus „Dummes Denken deutscher Denker“ (Parodos, 2020).

Carolin Emcke mag keine Alkoholiker und betrachtet Erfolg- und Wohnungslose als unsympathisch, sie räumt aber ein, dass diese Menschen trotz ihrer grundsätzlich negativen Eigenschaften auch mal Unrecht erleiden können. Wer eine solche Behauptung über die Friedenspreisträgerin aufstellt, dürfte auf der Seite der zahlreichen Fans von Carolin Emcke einen Entrüstungssturm und auf der Seite ihrer nicht minder zahlreichen Gegner zumindest Stirnrunzeln auslösen. Hat sich Carolin Emcke doch als Publizistin gerade damit einen Namen gemacht, stets für die gesellschaftlich Marginalisierten und Diskriminierten einzutreten. Es wird sich im Folgenden jedoch erweisen, dass diese Behauptung keine infame Verleumdung darstellt, sondern auf den Punkt bringt, was Emcke in Texten unmissverständlich zum Ausdruck bringt.

Kein verquaster elitärer Ausrutscher

In ihrer mit „Böses“ betitelten Kolumne in der Süddeutschen Zeitung vom 10. Juni 2016 macht sich Emcke darüber Gedanken, dass auch Menschen, denen man bzw. sie das nie und nimmer zugetraut hätte, zu abscheulichen Taten in der Lage sind: „Etwas ganz anderes ist es allerdings, wenn eine böse Tat nicht einfach nur moralisch irritiert oder verstört, sondern wenn sie für undenkbar oder unmöglich erklärt wird, weil die Person, der diese Tat zugeschrieben wird, einem nicht wie ein klassischer Täter vorkommt.“ Laut Emcke gibt es also Menschen, die einem wie klassische Täter vorkommen und denen man Böses jederzeit zutraut, und Leute, bei denen so etwas eigentlich unvorstellbar ist. Was von so einem Gedanken zu halten ist, sagt sie dann kurz darauf selbst: „Die Vorstellung, dass jemand Sympathisches oder Hochbegabtes kein Verbrechen begehen könnte, ist verständlich, aber nichtsdestotrotz historisch wie analytisch irgendwo auf einer Skala zwischen naiv und absurd anzusiedeln.“ Nichtsdestotrotz macht Emcke diese naive und absurde Vorstellung dann zur Grundlage ihrer weiteren Schlussfolgerungen.

„Emcke verklammert die Eigenschaften sympathisch und hochbegabt miteinander, als seien Hochbegabte grundsätzlich sympathisch bzw. als seien nur Hochbegabte sympathisch.“

Als mindestens ebenso naiv und absurd erscheint, dass Emcke die Eigenschaften sympathisch und hochbegabt so miteinander verklammert, als seien Hochbegabte grundsätzlich sympathisch bzw. als seien nur Hochbegabte sympathisch. Die Welt der Menschen teilt sich für Emcke in zwei Gruppen: die Hochbegabten, Intelligenten und Sympathischen, denen man nichts Schlechtes zutraut, und die „klassischen Täter“, denen, wie man dann erfährt, „das Böse ins Gesicht geschrieben steht“. Der Skandal besteht für Emcke nun darin, dass die Moral sich nicht an diese von ihr ausgemachte gesellschaftliche Zweiteilung hält: „Es gibt keine Hinweise darauf, dass nur Menschen, denen das Böse ins Gesicht geschrieben steht, zu Verbrechen neigen oder dass Menschen, die Schubert-Sonaten spielen oder Sicherheitstechnik für Computerprogramme entwickeln können, nie jemanden malträtieren könnten. Bislang gibt es leider keinerlei Indizien dafür, dass irgendeine Begabung – die zur bildenden Kunst, zur Mathematik oder auch zur Freundschaft – verhindern könnte, dass ein Mensch einen anderen in einer bestimmten Situation demütigt, missbraucht oder quält. Intelligenz oder Nettigkeit im Allgemeinen schließen die Fähigkeit zu sexueller Gewalt oder Nötigung nicht aus.“

Leider nennt die Autorin kein konkretes Beispiel für eine Person, der „das Böse ins Gesicht geschrieben steht“. Klar ist: Hochbegabte Künstler, Computerspezialisten, also Leute, die „Intelligenz und Nettigkeit“ auszeichnet, gehören ihr zufolge nicht zu dieser Merkmalsgruppe. Sie offenbart hier in aller Naivität ein extrem elitäres Weltbild: In einer idealen Welt nach ihrer Vorstellung wären, wenn das Böse nicht schon grundsätzlich eliminiert werden kann, die Eigenschaften intelligent, begabt und sympathisch gleichbedeutend mit moralisch gut, während zu bösen Taten nur Leute fähig wären, die eben nicht begabt, intelligent und sympathisch, also dumm und unsympathisch sind. Dass Emcke sich selbst zu den begabten, intelligenten und sympathischen Menschen zählt, ist wohl unzweifelhaft.

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Text ist, dass unbegabte, dumme und erfolglose Menschen zu unsympathischen, des Verbrechens verdächtigen Menschen erklärt werden, die, wie dann mit einem gewissen Bedauern festgestellt wird, durchaus auch Opfer von Verbrechen werden können: „Das Umgekehrte gilt allerdings auch: Noch das dummbatzigste, selbstgefälligste Ekelpaket kann unschuldig sein. Nur weil eine Person allerlei widerwärtige Eigenschaften und liederliche Gewohnheiten aufweist, neigt sie noch lange nicht zu krimineller Energie oder zu Gewalt. Auch müssen die Opfer von Verbrechen keineswegs sympathisch oder gänzlich unbescholten sein. Auch Menschen mit einer eher erfolglosen oder turbulenten Lebensgeschichte, auch Menschen, die schon einmal straffällig geworden sind, können Opfer von Gewalt werden. Nur weil jemand drogensüchtig ist oder auf der Straße lebt oder auch nur querulantisch und mühsam daherkommt, heißt das nicht, dass ihm oder ihr nicht Unrecht widerfahren sein könnte.“

„Emcke hat in ihrer Kindheit offenbar zu viele Karl-May- und Edgar-Wallace-Filme geschaut.“

Man darf sich von der dreifachen Negation im letzten Satz nicht irritieren lassen: Emcke stellt hier fest, dass auch Drogensüchtige, Obdachlose, Querulanten oder sogenannte Mühsame  – „mühsam“ ist anscheinend eine Umschreibung für Loser – Opfer von Unrecht werden können bzw. dass ihre prekäre Lebensweise auch aus zugefügtem Unrecht hervorgegangen sein kann, normalerweise erwartet sie von solchen Personen also nichts Gutes. Aus diesen Personengruppen rekrutieren sich demnach die „klassischen Täter“, „denen das Böse ins Gesicht geschrieben steht“.

Da fragt man sich natürlich, ob Emcke beim Verfassen der Kolumne selbst Drogen konsumiert hat. So einen Unsinn kann doch ein hochbegabter, intelligenter und sympathischer Mensch bei klarem Verstand nicht verzapfen. Doch: „Es mag unpraktisch und verwirrend sein, aber die Bilder von Menschen und die von ihren Vergehen sind nicht unbedingt deckungsgleich. Eine dämonische Tat und die dazugehörigen Täter müssen sich nicht ähneln.“ Emcke hat in ihrer Kindheit offenbar zu viele Karl-May- und Edgar-Wallace-Filme geschaut, in denen die Bilder von Menschen und ihren Taten immer deckungsgleich sind und Bösewichtern wie den von Klaus Kinski gespielten das Böse stets bereits ins Gesicht geschrieben steht.

Handelt es sich bei der Kolumne um ein Missgeschick, bei dem Emcke unfreiwillig preisgibt, was sie über Drogensüchtige, Obdach- und Erfolglose wirklich denkt? Doch sie hat den Text auch noch Jahre nach seiner Erstveröffentlichung auf ihrer persönlichen Homepage verlinkt. Sie steht also nach wie vor zu dem Unsinn, den sie da geschrieben hat.

„Emcke diffamiert hier genau die Personengruppen, gegen deren Diffamierung sie sich sonst so stark einsetzt.“

Die Aufteilung in intelligente, begabte und sympathische Menschen, denen man erst mal nichts Böses zutraut, und dumme, erfolglose und unsympathische Menschen, denen auch mal ein Unrecht widerfahren kann, ist allerdings kein verquaster elitärer Ausrutscher im unermüdlichen publizistischen Schaffen Emckes. Der Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer hat Emcke in einer Kolumne „Poverty-Porn“ vorgeworfen. Was Emcke hier betreibt, ist allerdings nicht Poverty-Porn, sondern Poverty-Bashing. Unmissverständlicher als in diesem Text kann man seine Verachtung gegenüber Drogensüchtigen, Obdachlosen oder einfach nur erfolglosen oder gar mühsamen Menschen nicht ausdrücken.

Emcke diffamiert hier genau die Personengruppen, gegen deren Diffamierung sie sich sonst so stark einsetzt. Ganze Personengruppen wie Obdachlose oder Drogensüchtige mit Attributen wie „keineswegs sympathisch“, „liederliche Gewohnheiten“ oder „widerwärtige Eigenschaften“ zu assoziieren, stellt eine Diffamierung dar. Festzustellen, dass solche Personen auch Unrecht erleiden können, was bedeutet, dass man von ihnen eher erwartet, Unrechtes zu tun, grenzt im Grunde an Volksverhetzung. Wer meint, es sei unpraktisch und verwirrend, dass eine dämonische Tat und die dazugehörigen Täter sich nicht quasi naturgemäß ähneln, dass also hässliche Taten nicht nur von hässlichen, dummen und erfolglosen Menschen verübt werden, wer Menschen in begabt, intelligent, leistungsstark, sympathisch und demgegenüber in erfolglos, obdachlos, drogensüchtig, querulantisch, mühsam, unsympathisch einteilt, denkt in den gleichen Kategorien wie Thilo Sarrazin, der Menschen stets nach guter und schlechter Qualität sortiert und entsprechend seine Sympathiepunkte verteilt. Die Kolumne Emckes hätte, drei Monate vor der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an sie, einen Skandal auslösen müssen.

Würde man Emcke mit dem Inhalt ihrer Kolumne konfrontieren, würde sie wahrscheinlich ähnlich wie Sarrazin reagieren und meinen, man habe sie komplett falsch verstanden, eine Diffamierung und Diskriminierung von Personengruppen wie Obdachlosen oder Drogensüchtigen sei eine böswillige Unterstellung, um sie als Autorin zu diskreditieren. Deshalb habe ich das Ganze in etwas redundanter Weise aufgedröselt, damit auch Hochbegabte die entscheidenden Punkte mitbekommen.

„Wer Menschen in begabt, intelligent, leistungsstark, sympathisch und demgegenüber in erfolglos, obdachlos, drogensüchtig, querulantisch, mühsam, unsympathisch einteilt, denkt in den gleichen Kategorien wie Thilo Sarrazin.“

Durchweg Argumente ad personam

Elitäre Einstellungen offenbart Emcke ebenso in anderen Texten, in denen sie z. B. deutlich macht, dass sie von Alkoholikern nicht viel hält, oder einem Teil der Menschheit schlicht die Fähigkeit abspricht, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Letzteres gilt beispielsweise für mehr als die Hälfte der britischen Wähler, die für den Brexit gestimmt haben. Diese haben Emcke zufolge keine eigenständige politische Entscheidung getroffen, sondern sind allesamt manipulativen Populisten auf den Leim gegangen.

In ihrer mit „Torheit“ betitelten SZ-Kolumne vom 8. Juli 2016 wettert sie gegen den Populismus der britischen Politiker Boris Johnson und Nigel Farage. Diesen Populismus belegt sie jedoch keineswegs mit Zitaten, deren populistischen Kern sie dann analytisch freilegen würde, sondern sie bedient sich rhetorischer Mittel, die selbst zum populistischen Repertoire gehören. Es handelt sich durchweg um sogenannte Argumente ad personam, d. h., sie argumentiert gar nicht zur Sache, sondern setzt den Populismus von Farage und Johnson einfach voraus und argumentiert zur Person, was letztlich nur eine Umschreibung von Beleidigung ist.

So schreibt sie über Johnson: „Wie es gelingen konnte, dass sich ausgerechnet jemand wie Boris Johnson als Sprecher der einfachen Leute erfindet, ist ein zynisches Lehrstück rhetorischer Manipulation. Mit Johnsons Abgang von der politischen Bühne ist die Unaufrichtigkeit eines sprachmächtigen Egomanen sichtbar geworden, der kaum weniger authentischer sein könnte: Eton-Schüler, Oxford-Absolvent, Brüssel-Korrespondent des Daily Telegraph, aber aus nichts als obszöner Freude an der eigenen Macht gegen eine Elite hetzen, der er selbst angehört.“ Dafür, wie Johnson sich als Sprecher der einfachen Leute inszenierte, wird leider kein Beleg gegeben.

„Für ihre eigenen Widersprüche und Populismen sind linksliberale Publizisten genauso blind wie rechte Populisten.“

Nun gehört Emcke als Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung, ehemalige Harvard-Studentin, Yale-Dozentin, Auslandskorrespondentin des Spiegel etc. selbst zu dem, was man gesellschaftliche Elite nennt. Und als Mitglied der gleichen gesellschaftlichen Elite wie Johnson hat sie sich als Sprecherin der gesellschaftlichen Außenseiter und Marginalisierten erfunden. Emcke auf diesen kleinen performativen Widerspruch aufmerksam zu machen, wäre wohl vergebliche Mühe. Für ihre eigenen Widersprüche und Populismen sind linksliberale Publizisten genauso blind wie rechte Populisten.

Zynisches Lehrstück rhetorischer Manipulation

Emckes Kolumne über den Populismus ist selbst ein zynisches Lehrstück rhetorischer Manipulation, in dem sie einen populistischen Anti-Populismus zelebriert, der sich nicht einmal zu schade ist, den vermeintlichen Alkoholismus eines politischen Gegners ins Spiel zu bringen, um diesen zu diskreditieren: „Bei Nigel Farage waren die Mittel der anti-elitären Maskierung als Politiker der Abgehängten und Überflüssigen der Gesellschaft noch erbärmlicher als bei Boris Johnson: Als ehemaliger Privatschüler und Rohstoffhändler in der Londoner City beschränkte sich der verlogene Gestus des ‚Ich bin einer von euch‘ primär aufs Bier-Trinken. Allerdings ist notorisches Saufen nicht unbedingt ein Beleg für Volksnähe, sondern womöglich nur schlicht für Alkoholismus.“

Auch hier wird kein konkretes Beispiel für die „Hetze“ des Populisten gegeben, von der sie in der Kolumne fortwährend spricht. Man muss sich die Hetze wohl ungefähr so vorstellen, wie Emcke hier mit Schaum vor dem Mund gegen Farage und Johnson geifert. Solche rein persönlichen Invektiven sind übrigens nicht unbedingt ein Beispiel dafür, wie man laut Emckes Buch „Gegen den Hass“ ebendiesem begegnen sollte: „Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt. Wer dem Hass mit Hass begegnet, hat sich schon verformen lassen, hat sich schon jenen angenähert, von dem die Hassenden wollen, dass man es sei. Dem Hass begegnen lässt sich nur durch das, was dem Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel.“1

„Mal eben mehr als die Hälfte der britischen Wähler zu uninformierten Dummköpfen zu erklären, wirkt ehrlich gesagt nicht sehr intelligent und sympathisch, eher etwas querulantisch.“

Wenn man sich die wenig differenzierte und von Selbstzweifeln gänzlich ungetrübte Kolumne über den Populismus von Leuten wie Johnson und Farage anschaut, muss man feststellen, dass Emcke die Einladung des Hasses, „sich ihm anzuverwandeln“, selbst doch nicht ausschlagen konnte. Ihre Kolumne zum Populismus von Johnson und Farage ist im selben Jahr wie ihr Buch „Gegen den Hass“ veröffentlicht worden. Man fragt sich, wieso jemandem wie Emcke nicht selbst die riesige Diskrepanz zwischen den hehren Worten zum bedachtsamen und reflektierten Umgang mit Hass in ihrem Buch und ihren Worten voller Hass auf Leute wie Farage und Johnson in ihrer Kolumne auffällt.

Auch in Emckes SZ-Kolumne „Der Brexit ist eine populistische Farce“ vom 17. März 2019 sucht man nach Differenzierung und Selbstzweifeln vergeblich. Dort behauptet sie wiederum, dass es aufseiten der Brexit-Befürworter nur Hetze und Populismus gegeben habe. Brexiteers wie z. B. die Labour-Politikerin Gisela Stuart, welche die Vote-Leave-Kampagne organisiert hat, kommen bei Emcke schlicht nicht vor. Betrachtet Emcke Stuart auch als populistische Hetzerin, oder wird Stuart von Emcke ignoriert, um den Lesern ihrer Kolumne bewusst eine gemäßigte, rational argumentierende Stimme aufseiten der Brexit-Befürworter vorzuenthalten? Dann hätte Emcke selbst genau das praktiziert, was sie dem politischen Prozess des Brexit-Referendums insgesamt zum Vorwurf macht: „Eben das fehlte: die Möglichkeit für die Bürgerinnen und Bürger, sich mit ausreichend substantiellen Informationen zu versorgen, die politischen Behauptungen auf ihre Rationalität hin zu prüfen, die abstrakten Szenarien in konkrete Erfahrungen zu übersetzen – und dann zu entscheiden, ob und wie sie darin vorkommen wollen.“

Mal eben mehr als die Hälfte der britischen Wähler zu uninformierten Dummköpfen zu erklären, wirkt ehrlich gesagt nicht sehr intelligent und sympathisch, eher etwas querulantisch. Hätte Emcke dasselbe über die Uninformiertheit der britischen Wähler geschrieben, wenn diese sich mit knapper Mehrheit für den Verbleib in der EU entschieden hätten? Wohl kaum. Ein Beleg dafür, dass vor dem Referendum keine Möglichkeiten der Information und eigenständigen Meinungsbildung für die britischen Wähler bestanden, wird nicht angeführt, Emcke behauptet einfach mal wieder. Gibt es eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, dass Journalisten in Kolumnen ihre Behauptungen nicht belegen müssen?

„Gibt es eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, dass Journalisten in Kolumnen ihre Behauptungen nicht belegen müssen?“

Mit Zitaten geht Emcke in ihren Kolumnen generell sehr sparsam um, und wenn sie welche bringt, dann handelt es sich zumeist um solche von Philosophen und Wissenschaftlern, mit denen sie ihren eigenen Argumenten ein seriöses Fundament geben möchte. Ihre Argumentation zur Uninformiertheit der britischen Brexit-Wähler untermauert sie z. B. mit einem blumigen Zitat des Soziologen Bernhard Peters: „Eine argumentierende Öffentlichkeit fungiert zugleich als […] normativer Maßstab zur Kritik realer Verhältnisse wie als real wirksames Medium von kollektivem Lernen.“

Bereits „argumentierende Öffentlichkeit“ ist ein hübscher Nonsense, die Öffentlichkeit argumentiert ja nicht, sondern es wird in der Öffentlichkeit argumentiert, bzw. die, die da z. B. auf dem Marktplatz, im Parlament oder in den Medien argumentieren, konstituieren etwas, das man Öffentlichkeit nennt. Eine „argumentierende Öffentlichkeit“ kann auch nicht „als normativer Maßstab zur Kritik realer Verhältnisse“ fungieren. Da hat einer seinen Habermas falsch gelesen, so verquast drückt selbst dieser sich nicht aus. Allenfalls in der öffentlichen Diskussion ausgetauschte Argumente bzw. die Ergebnisse einer solchen Diskussion können als normativer Maßstab von was auch immer fungieren. Und nach Habermas können z. B. die in der Öffentlichkeit ausgetragenen Diskurse sogenannter verständigungsorientierter Akteure normativen Einfluss auf das politische System nehmen. Vielleicht hat Peters das gemeint.

Zu fragen wäre noch, was eine Kritik nicht realer Verhältnisse im Unterschied zu einer Kritik realer Verhältnisse wäre und wie Medien auch nicht real wirken können. Aber lassen wir das, es ist ja klar, dass „real“ in Peters kurzem Zitat nur ein prätentiöses Füllwort ist, um Flachsinn tiefsinnig erscheinen zu lassen. Kurz gesagt: Das Zitat ist soziologischer Bullshit, aber Emcke gefällt’s: „Allein die Formulierung ‚argumentierende Öffentlichkeit‘ stimmt schon melancholisch, ruft man sich die hysterisch-verlogenen Auseinandersetzungen über den Brexit in Erinnerung, von ‚kollektivem Lernen‘ einmal ganz abgesehen.“ Ehrlich gesagt pflege auch ich einen gewissen Elitismus, spätestens wenn jemand bei einer soziologischen Bullshit-Phrase wie „argumentierende Öffentlichkeit“ melancholisch gestimmt ist, kann ich ihn nicht mehr ernst nehmen.