24.08.2012

Physiker als „Friedens“-Forscher

Analyse von Frank Odenthal

In Jordanien entsteht der erste Teilchenbeschleuniger des Nahen und Mittleren Ostens. Friedlich und aus freien Stücken arbeiteten dort Wissenschaftler aus allen Konfliktstaaten der Region zusammen.

Der Blick schweift über karges Land. Staubtrockene Hügelketten, nur vereinzelt sind grüne Farbtupfer aus Pinien und Gestrüpp zu erkennen, der Horizont scheint unendlich weit entfernt. Der Nordwesten Jordaniens ist ein malerischer Flecken Erde. Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Jordantal und hinüber ins Westjordanland und nach Israel.

Am Rande von Allaan, einem emsigen Provinzstädtchen vor den Toren der Hauptstadt Amman, ist ein Gebäude zu erkennen, das inmitten der Einöde so futuristisch anmutet, als probe die NASA hier für eine erste Marsmission. Beim Näherkommen sieht die leuchtend blaue Dachkonstruktion jedoch eher wie die eines Discount-Supermarktes oder einer schwedischen Möbelkette aus. Über dem Portal, einem antiken Tempel nachempfunden, glänzt eine Marmortafel in der morgendlichen Sonne: „SESAME – International Research Center“.

Auch Professor Mohammed Yasser Khalil kann von seinem Büro aus hinüber zu den Hügellandschaften des Westjordanlands schauen. „Eigentlich eine wunderschöne Aussicht“,sagt er, „von hier scheint alles ganz friedlich. Dabei ist man vom Frieden so weit entfernt wie eh und je.“ Khalil ist Teilchenphysiker und seit 2008 administrative director des SESAME-Projektes, was man – in freier Übersetzung – mit Geschäftsführer übertragen kann. Dort drüben, sagt er, versage eine Generation Politiker nach der nächsten dabei, endlich Frieden in der Region zu schaffen, und zwar auf beiden Seiten. Er selbst sei in Alexandria in Ägypten geboren und aufgewachsen, habe dann die Universität von Alexandria und die Penn State University in den USA besucht. Und auf ägyptischer Seite, versichert er, sähen es die Menschen ganz genauso. „Vielleicht muss der Impuls zum Frieden von anderer Seite kommen. Vielleicht von uns Wissenschaftlern.“

Tatsächlich war es eine Initiative von Physikern, denen gelang, woran Politiker und Diplomaten seit Jahrzehnten beständig scheitern: Die Länder der Region, auch jene, die sich seit langer Zeit in offener Feindschaft und sogar als Kriegsparteien gegenüberstehen, für ein gemeinsames Projekt zu begeistern und als Kooperationspartner und in friedlicher Absicht an einen Tisch zu bringen. Das SESAME-Projekt. Die Liste der teilnehmenden Länder liest sich wie eine Aufzählung des Weltsicherheitsrates aktueller und potentieller Krisenherde: Israel, Iran, die palästinensische Autonomiebehörde, Pakistan, Bahrain, Jordanien, Ägypten, Zypern und die Türkei. Ein Beitritt des Irak steht unmittelbar bevor, zudem hat China Interesse signalisiert.

Das Besondere dabei: Das Engagement der Wissenschaftler wird von den Regierungen der Mitgliedsländer ausdrücklich gebilligt, die Forschungsministerien sind geradezu Feuer und Flamme für das SESAME-Projekt. Doch worum geht es bei SESAME überhaupt? – Das Akronym steht für „Synchrotron Light for Experimental Science and Applications in the Middle East“. Es handelt sich – einfach gesagt – um einen Teilchenbeschleuniger. Eine Quelle für Synchrotronlichtstrahlen, wie sie in vielen westlichen Industrieländern und inzwischen auch in einigen Schwellenländern betrieben werden. Allerdings ist SESAME der erste seiner Art im gesamten Nahen und Mittleren Osten.

Die Idee eines Teilchenbeschleunigers inmitten der arabischen Welt geht auf CERN zurück, die Mutter aller Teilchenbeschleuniger, den größten und teuersten, der je gebaut wurde. Ein Team von Wissenschaftlern, angeführt von dem italienischen Physiker Sergio Fubini, wies dort 1997 auf einem Workshop auf das Fehlen einer Synchrotronstrahlenquelle im gesamten Vorderen Asien hin und schlug eine internationale Initiative, ähnlich einer solchen, aus der auch CERN im Jahre 1954 hervorgegangen war, vor. Just zu dieser Zeit beschloss man in Deutschland, die in Berlin betriebene Synchrotronanlage BESSY 1, die bereits etwas in die Jahre gekommen war, durch eine neue, leistungsstärkere Anlage zu ersetzen. Fubini hatte mittlerweile in den deutschen Physikern Herwig Schopper, dem ehemaligen Generaldirektor von CERN, sowie in Gus Voss vom Hamburger DESY („Deutsches Elektronen Synchrotron“)zwei prominente Mitstreiter für seine Idee gewonnen. Deren Fürsprache erbrachte, dass sich die Bundesregierung zu einer Schenkung des BESSY 1-Moduls – immerhin ein Aggregat mit einem geschätzten damaligen Wert von 60 Millionen US-Dollar – als Basiskomponente für einen Teilchenbeschleuniger im Nahen Osten bereiterklärte. 1999 wurden die inzwischen konkreten Pläne zum Bau von SESAME der UNESCO vorgelegt, unter deren Schirmherrschaft das Projekt durchgeführt werden sollte. Keine drei Jahre später, im Mai 2002, beschloss der Exekutivausschuss der UNESCO den Baubeginn des SESAME-Centers in Allaan, nordwestlich der jordanischen Hauptstadt Amman. Noch im selben Jahr wurde das BESSY 1-Modul in den Nahen Osten verschifft.

Bislang strahlen in der weiten, hellen Halle, die ein wenig an den Neubau eines Schwimmbades erinnert, allerdings nur die Neonröhren von der Decke. Gerade einmal ein Drittel der Anlage sei eingebaut, erklärt Prof. Khalil. BESSY 1, sagt er, sei ein Glücksfall; doch müsse man die Module modernisieren, aufrüsten, wie er sich ausdrückt, wenn man später konkurrenzfähig sein wolle. 2015 solle SESAME in Betrieb genommen werden, sofern bis dahin alles reibungslos verlaufe. Ein pünktlicher Start sei allerdings keineswegs gesichert, so Khalil. Schon einmal habe man einen Starttermin verschieben müssen, damals, in 2010, als sich abzeichnete, dass der geplante Starttermin 2011 nicht eingehalten werden könne.

Dabei erfreut sich das Projekt von Beginn an der Unterstützung einer Vielzahl von Organisationen und Instituten weltweit. Neben dem BESSY 1-Modul wurden weitere zentrale Bestandteile für den neuen Teilchenbeschleuniger gespendet, allein die Daresbury Laboratories aus Großbritannien stifteten Komponenten im Wert von über zwölf Millionen US-Dollar. Hinzu kamen Beiträge der UNESCO, der Europäischen Union, der USA. Der Staat Jordanien stellte das Grundstück in Allaan kostenlos zur Verfügung und übernahm den Bau des Gebäudes und der nötigen Infrastruktur sowie die Kosten zur Modernisierung von BESSY 1. Und zur Ausbildung von Fachkräften, die zum Betrieb und zur Instandhaltung unerlässlich sind, werden von Hochschulen und Instituten weltweit großzügige Stipendien vergeben. „Über Unterstützung aus der globalen Wissenschaftsgemeinde können wir uns nicht beschweren“, fügt Prof. Khalil hinzu.

Und die fiebert dem Start von SESAME entgegen, vor allem in den Mitgliedsländern. „Seitdem die Ausrichtungen der ersten drei Strahlenmessstationen feststehen, die 2015 in Betrieb genommen werden sollen, sind bereits eine Vielzahl von Anträgen auf Forschungszeit bei uns eingegangen“, verrät Khalil. Darüber werde dann im SESAME-Council, einer Art Verwaltungsrat, zu dem jedes Mitgliedsland zwei Abgesandte abstellen darf und der über die Nutzung der Anlage entscheidet, beraten. „Die Forscher der Region, aber auch die vielen Studenten der Universitäten müssen demnächst nicht mehr nach Europa oder in die USA ziehen, um an einem Teilchenbeschleuniger arbeiten zu können. Wir wollen die talentiertesten Köpfe bei uns behalten.“

Tatsächlich gilt das Phänomen des brain drain längst als eines der schwerwiegendsten Probleme vieler Entwicklungsländer überall auf dem Globus. Die Länder wenden ihre knappen Mittel auf, um einer möglichst großen Zahl der Bevölkerung eine gute Schulbildung zu ermöglichen, doch verlieren sie die gut ausgebildeten Menschen anschließend an die finanzstarken Firmen und Institute in den Industrieländern, die ihnen zu einer guten Bezahlung noch exzellente Perspektiven für ein berufliches Fortkommen bieten können. „Bislang konnten wir da nicht mithalten“, sagt Khalil, „doch SESAME könnte den jungen Leuten ganz neue Anreize bieten.“

Dr. Maher Attal von der nahe gelegenen Al-Balqa Universität von Amman leitet den Einbau der hochsensiblen technischen Gerätschaften. Auf einem Rundgang durch die Halle erklärt er den Stand der Arbeiten. Der Raum wird von einem großen weißen Klotz dominiert, der an ein überdimensioniertes Schneckenhaus aus Styropor erinnert. An manchen Seiten führen Gänge hinein, an anderen sind runde Auslassungen zu sehen. „Hier sollen einmal Elektronen beschleunigt werden“, erklärt Attal, während er sich einem der Eingänge des Schneckenhauses nähert, „und zwar auf eine Geschwindigkeit von 99,998 Prozent der Lichtgeschwindigkeit.“

Dann, hinter einer der vielen weißen Wände, taucht unvermittelt das Herzstück der Anlage auf, wie Attal die kreisförmige Anordnung von roten, metallischen Kästen, jeder einzelne so groß wie ein Arztkoffer, die mit dicken Kabeln miteinander verbunden sind, nennt: BESSY 1. „Dies ist der booster. Hier werden die Elektronen auf 0,8 GeV beschleunigt, wenn sie aus der Teilchenquelle, dem microtron, kommen.“ GeV, das bedeute Gigaelektronenvolt, eine Maßeinheit für die Energie von Elementarteilchen. „Je größer das Elementarteilchen, desto mehr Energie müssen Sie aufwenden, um es zu beschleunigen.“ Dr. Attal redet langsam; es scheint ihm wichtig, von seinen Zuhörern verstanden zu werden. „Dann gelangen die Elektronen auf die äußere Bahn, den storage ring. In dieser 133 Meter durchmessenden, ringförmigen Röhre werden sie auf bis zu 2,5 GeV beschleunigt.“ Zum Vergleich: Beim großen Bruder CERN sollen Protonen, die um ein Vielfaches größeren Bestandteile von Atomkernen, auf bis zu 14 Teraelektronenvolt (TeV) beschleunigt werden, einem annähernd zehntausendfachen Wert.

Auf dem storage ring wechseln sich gerade Abschnitte mit leicht gekrümmten Abschnitten ab. „Die Elektronen“, so Attal, „geben bei jeder Richtungsänderung Energie in Form von hochenergetischem Licht ab, das Synchrotronlicht oder -strahlung genannt wird.“ Es ist eine Strahlung mit einer sehr hohen Frequenz, was nichts anderes bedeute, als dass sehr viele Lichtteilchen, Photonen genannt, pro Sekunde abgegeben werden. Damit, erklärt Attal, könne man Materialstrukturen in viel kleineren Dimensionen erkunden als mit herkömmlichen Mikroskopen und auch sehr viel detailreicher darstellen. Die Anwendungen reichen von der Molekularbiologie und Medizin, der Chemie und Physik, über Materialforschung bis hin zum Energiesektor, etwa bei der Entwicklung effizienterer Solarmodule. „Sogar in der Archäologie kann Synchrotronstrahlung hilfreich sein, etwa bei der Altersbestimmung prähistorischer Funde oder bei der Wiederherstellung in kleinste Einzelteile zerfallener antiker Kostbarkeiten.“

Interdisziplinär soll es zugehen bei SESAME. Und international. Die Institute und Universitäten, erklärt Dr. Attal, würden ihre Forschungsteams für ein bis zwei Wochen schicken, die hier auf Forscher aus anderen Ländern treffen, um sich auszutauschen. Auch die konkreten Arbeiten an den Messstationen, so Attal, sollen im ständigen Austausch miteinander und natürlich über Ländergrenzen hinweg stattfinden. „Die Teams werden gemischt sein, Israelis werden mit Palästinensern, Türken mit Zyprioten, Iraner mit Pakistanern zusammenarbeiten. Alle Beteiligten profitieren.“ Und wenn es nach dem Willen der jordanischen Regierung geht, werden sich Unternehmen aus aller Welt, vor allem aber aus der arabisch-muslimischen Welt, rund um Amman ansiedeln. Unter dem Stichwort „Clusterbildung“ kann man die Pläne hierzu in den Hochglanzbroschüren, die am Eingang des Gebäudes ausliegen, nachlesen. Bald, sagt Attal, bestehe dann kein Grund mehr, den Teilchenbeschleunigern in Europa, Japan oder den USA nachzureisen. Grundlagenforschung werde fortan auch in der Region möglich sein.

Die Frage nach seiner eigenen Herkunft, seinem Geburtsort, man spürt es, behagt Dr. Attal weniger. Er sei mit sechs Jahren nach Jordanien gekommen, besitze den jordanischen Pass. Doch geboren wurde er in Palästina, in der Westbank, wie er sagt, in einem kleinen Ort bei Ramallah. Also sei er Palästinenser. Was in ihm vorgehe, wenn er daran denke, bald mit israelischen Forschern zusammenzuarbeiten? Für einen Moment verharrt Attal schweigend. Dieses Projekt, SESAME, sei doch einem großen Haus vergleichbar, sagt er dann; sollte es plötzlich in Flammen stehen, würden dann nicht alle, die darin wohnen, hinauslaufen und gemeinsam versuchen, das Feuer zu löschen?

Auf der anderen Seite des Jordan, in einem geräumigen Büro im Weizmann-Institute in Rehovot bei Tel Aviv, überblickt Professor Irit Sagi das östliche Mittelmeer. Hier hat sie einen Lehrstuhl für Molekulare Biophysik inne, erforscht die Strukturen von kristallinen Proteinen und Enzymen. Sie gehört der israelischen Delegation des SESAME-Projekts seit Planungsbeginn an und war bis 2009 Mitglied des scientific advisors board, des wissenschaftlichen Beratergremiums. Über das Projekt, sagt sie, könne sie nur Positives berichten. „Bislang mussten wir regelmäßig in die USA oder nach Frankreich reisen, um unsere Forschungen voranzubringen.“ Bald eine Quelle für Synchrotronstrahlen vor Ort zu haben, sei daher einfach wunderbar. Ihre Vorfreude auf die Fertigstellung der Anlage in Jordanien ist ihrer Stimme anzuhören; und ebenso euphorisch klingt sie, wenn sie von ihren Erfahrungen mit den anderen Forschern spricht, mit denen sie im scientific advisors board und bei den jährlichen Treffen der SESAME-Mitgliedsländer zusammenkommt. „In all den Jahren seit Beginn der Bauarbeiten hat es nie Probleme mit den Kollegen aus den anderen Ländern gegeben.“ Auch nicht mit der palästinensischen Delegation, ergänzt sie, als wolle sie der Nachfrage vorweggreifen. „Zwar wurden wir anfangs am Grenzübergang nach Jordanien mit Argusaugen beobachtet und unsere Papiere mit großer Hingabe kontrolliert und unser Gepäck durchleuchtet.“ Doch auch das habe sich inzwischen gelegt. Die Visa werden von den jordanischen Behörden inzwischen pünktlich und anstandslos erteilt. Und auch auf der Allenby-Brücke über den Jordan, dem Grenzübergang auf der direkten Landverbindung zwischen Jerusalem und Amman, gebe es nun keine Probleme mehr. „Dort kennt man uns schon, wir werden im Schnelldurchgang verarztet“, lacht Sagi.

Ob sie sich um das SESAME-Projekt Sorgen mache wegen der unruhigen politischen Verhältnisse? Ach, sagt sie, das sei doch nichts Neues. In Israel sei man daran gewöhnt, in einem Umfeld zu arbeiten, das ständig zwischen den Extremen schwankt, up and down, so sei es doch seit Jahrzehnten hier im Nahen Osten. Und dieses Projekt, SESAME, glaubt sie, trage vielleicht sogar ein wenig zur Normalisierung bei.

In Shafa Badran, einem der neu erschlossenen Stadtteile im Nordosten der Millionenstadt Amman, hat Professor Khaled Toukan, der Generaldirektor von SESAME, sein Büro bezogen. Noch ist der Vorort nicht an das städtische Busnetz angeschlossen, und auch den Taxifahrern der Hauptstadt sind die neu entstandenen Stadtteile noch kein Begriff. Daher unterhält das SESAME-Projekt einen eigenen Shuttle-Service, einen voluminösen Pick-up mit einem hauseigenen Fahrer, der die internationalen Besucher bei Bedarf zum Amtssitz des Generaldirektors hinausfährt.

Die Sekretärin, eine junge Frau, die den Hitschab trägt, die bei muslimischen Frauen weltweit verbreitete Form der Verschleierung, die das Gesicht ausspart, aber das gesamte Haupthaar verbirgt, meldet den „Besuch aus Deutschland“. Prof. Toukan wirkt auf den ersten Blick nicht wie die anderen Wissenschaftler des Projekts; weniger hemdsärmelig, eher wie ein Staatsmann, gewohnt zu repräsentieren. Er hat an der University of Michigan und am Massachusetts Institute of Technology Kernenergietechnik studiert. Neben seiner Forschertätigkeit setzt er sich schon seit Jahren für die Belange der Wissenschaft in der Politik ein. Von 2001 bis 2002 war er jordanischer Forschungsminister, später dann Bildungsminister (2002 bis 2008) und seit 2011 ist er Minister für Energie und Bodenschätze. Inzwischen hat er neben der Leitung des SESAME-Projekts auch den Vorsitz der Jordanischen Atomenergiekommission inne.

Die erste Frage scheint sich daher wie von selbst zu stellen: Ist der neue Teilchenbeschleuniger auch zur Entwicklung von Nukleartechnik geeignet? – „Sie wollen wissen, ob wir eine Atombombe bauen wollen?“ Er lacht schallend, sozusagen entwaffnend, und die Spannung, die sich für die Dauer eines Augenblicks aufzubauen drohte, ist wie weggeblasen. „Da kann ich Sie beruhigen. Neue Erkenntnisse zur Nutzung von Kerntechnik sind bei SESAME nicht zu erwarten.“

Es sei bedauerlich, ergänzt Toukan, dass jeder zunächst an eine missbräuchliche Nutzung der Anlage denke, sobald er von dem Projekt und den teilnehmenden Staaten höre. Dabei sei die Initiative zu SESAME von Beginn an von Wissenschaftlern ausgegangen. Und Wissenschaftlern, behauptet er, gehe es vornehmlich um die Sache, nämlich darum, die Forschung voranzutreiben. Ob damit auch Begehrlichkeiten in der Politik geweckt werden, darauf hätten die Forscher nur geringen Einfluss. „Wir haben hier bei SESAME eindeutige Statuten, die einen Missbrauch ausschließen. Jeder, der die Anlage nutzen möchte, muss dies beim SESAME-Council, dem Kontrollgremium des Projekts, beantragen und seine Pläne erläutern. Militärische Forschung ist von vornherein ausgeschlossen, daran bestand nie ein Zweifel.“ Außerdem, so Toukan weiter, gebe es das Bekenntnis aller Staaten, das gewonnene Wissen mit allen anderen Mitgliedsstaaten teilen zu wollen. Und es gebe die Pflicht zur Veröffentlichung. Jedes Forscherteam müsse die Protokolle und die Ergebnisse seiner Arbeit offenlegen; so könne die gesamte wissenschaftliche Welt die Forschung bei SESAME einsehen und überwachen. „Dass sich ein paar delinquente Wissenschaftler in einem unbeobachteten Moment an den Bau einer Atombombe machen, ist also sehr unwahrscheinlich.“ Wieder dieses schallende Lachen, und auch beim Fragesteller verfliegen allmählich die Bedenken.

Bei aller Euphorie, schiebt Toukan nach, blieben bis 2015 noch einige Hindernisse zu umschiffen. Vor allem die Frage der Finanzierung. Ursprünglich habe man mit jährlichen Unterhaltskosten von eine Millionen US-Dollar gerechnet, sobald die Anlage in Betrieb gehe. Inzwischen rechne man mit bis zu fünf Millionen Dollar pro Jahr. Außerdem seien Zusagen der EU und der USA zur Aufstockung der Mittel noch nicht umgesetzt worden. „Ein bürokratisches Problem“, so Toukan. Trotzdem sei er zuversichtlich, die fehlenden Mittel zusammen zu bekommen. „Denn inzwischen haben wir ja auch die Politik auf unserer Seite, zumindest in den Wissenschaftsministerien.“ Das, behauptet er, lasse sich auch an den Mitgliedsbeiträgen ablesen, die regelmäßig und pünktlich überwiesen würden.

Es sind ausgerechnet die Staaten, die auf der politischen Bühne ansonsten kaum Willen zur Zusammenarbeit erkennen lassen, die die höchsten Beiträge leisten. Allein die Türkei und Israel haben im Zeitraum von 1999 bis 2009 823 Millionen bzw. 793 Millionen US-Dollar zum Budget des Projekts beigetragen; es folgen Ägypten mit 555 Millionen und der Iran mit 500 Millionen US-Dollar. Der Palästinensischen Autonomiebehörde wurde wegen knapper Mittel ein wohl eher symbolischer Beitrag von bislang 50 Millionen US-Dollar zugestanden.

Doch die hohen Beiträge ebendieser Staaten, auf die Prof. Toukan als Zeichen des Willens zur Zusammenarbeit und des Engagements für SESAME verweist, sind es, die sich als die Achillesferse des Projekts erweisen könnten. Bereits heute, drei Jahre vor Ende der Bauphase, steht das Projekt auf finanziell wackeligen Beinen. Welche Folgen hätte es, würde die Türkei oder ein anderer der zahlungskräftigen Mitgliedsstaaten seine Beiträge einfrieren mit dem Verweis auf geänderte politische Rahmenbedingungen? Welche Konsequenzen wird die Anerkennung Palästinas als Vollmitglied der UNESCO, immerhin Schirmherr und wichtiger Geldgeber des Projekts, und der daraufhin verkündete Zahlungsstopp Israels und der USA an die UN-Organisation haben? – Prof. Toukan beruft sich für einen solchen Fall auf die Zusagen aller Mitgliedsländer, die eigenen Beiträge gegebenenfalls aufzustocken, um Budgetlöcher zu stopfen. Doch wie belastbar sind solche Versprechungen in unruhigen politischen Wetterlagen?

Prof. Toukan jedenfalls bleibt optimistisch. „Wir haben die Golfkriege und die zweite Intifada überstanden, ohne dass sich am Willen der Staaten zur gemeinsamen Forschung etwas geändert hätte. Immer waren es die Wissenschaftsgemeinden in den Ländern, die auf eine Zusammenarbeit gedrungen haben.“ Doch was wäre, wenn es sogar zum Krieg unter den Mitgliedsstaaten käme, wie der Konflikt zwischen Israel und dem Iran befürchten lässt? Es sind solche kritischen Prognosen, die das SESAME-Projekt als ein recht tollkühnes Unterfangen und Prof. Toukans sympathischen Optimismus als etwas blauäugig erscheinen lassen.

Zurück im Zentrum Ammans zeigt sich, wie schnell sich die politische Weltkugel mitunter weiterdreht. Das Staatsfernsehen meldet einen israelischen Luftschlag auf Ziele im Gazastreifen. Menschentrauben haben sich vor den Bildschirmen der Teehäuser der Altstadt gebildet, die Stimmung ist angespannt, manche gestikulieren wild, erhitzen sich. Es scheint wie ein Wunder, dass Jordanien, obwohl inmitten einer Weltregion gelegen, die seit Jahrzehnten als Pulverfass bezeichnet wird, als Hort des Friedens und der Stabilität gilt. Immerhin wird der Anteil der jordanischen Bevölkerung, die als Flüchtlinge aus den besetzten palästinensischen Gebieten herüberkamen, auf über 50 Prozent geschätzt. Die Bilder vom Arabischen Frühling andernorts hatten zwar auch in Amman einige hundert Menschen auf die Straßen getrieben, doch der Protest verebbte, bevor er sich zu einem Flächenbrand auswachsen konnte. Man ist zufrieden mit dem jordanischen König Abdullah II.

Doch der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist nur einer der Krisenherde der Region. Welche Auswirkungen hätte es, sollte im Nachbarland Syrien – Damaskus liegt nur eine halbe Tagesreise von Amman entfernt – ein offener Bürgerkrieg ausbrechen? Wie entwickelt sich der Streit zwischen Israel und dem Iran nach dem jüngsten Bericht der internationalen Atomenergiebehörde zum iranischen Atomprogramm? Wie geht es mit den jungen Demokratien des Arabischen Frühlings weiter? Wie stabil ist das saudische Königshaus, der südliche Nachbar Jordaniens?

Wer in solchen Zeiten von einer gemeinsamen, einer freundschaftlichen Partnerschaft aller Länder der Region erzählt, läuft Gefahr, als Utopist abgetan oder als Träumer verlacht zu werden. Dabei, so scheint es, könnte sich die Welt ein Beispiel nehmen an den Wissenschaftlern in der jordanischen Wüste. Bleibt zu hoffen, dass sich deren Pläne für den ersten Teilchenbeschleuniger im Nahen Osten nicht doch als auf Sand gebaut erweisen.