09.06.2015

Paternalismus: Bewusstsein wecken durch Verbote

Essay von Frank Furedi

Fast täglich erklingen neue Verbotsforderungen. Mit deren Hilfe wollen zahlreiche Kampagnen Bewusstsein für ihre Botschaften wecken. Um welche Ziele es dabei geht, wird im großen Verbotsreigen beliebiger denn je, analysiert der Soziologe Frank Furedi

Verbote gegen bestimmte Publikationen oder Traditionen oder subversive Äußerungen zu fordern, war früher Westentaschendiktatoren, religiösen Fanatikern, illiberalen Richtern oder schreckenerregenden Inquisitoren vorbehalten. Im 21. Jahrhundert sind Verbotsforderungen jedoch Allgemeingut geworden: Nun kann buchstäblich jeder mit einem Internetzugang ein Verbot verlangen – und tut dies vielfach auch.

In Großbritannien geben Studentenvereinigungen nur Lebenszeichen von sich, indem sie die Zensur anstößiger Dinge fordern. Online- und Offline-Kampagnen rufen zu Verboten auf, um ihre „Botschaft“ zu propagieren. Einfallslose Politiker verlangen Verbote, um damit feste Überzeugungen nachzuweisen. Regierungen wiederum wollen mit Verboten verdeutlichen, dass sie es ernst meinen. Der starke Drang, diverse menschliche Tätigkeiten oder Ideen verbieten zu lassen, lässt sich anhand der Vielfalt und der Zahl der Dinge erkennen, die da verboten werden sollen. Allein in einer kleinen Zeitspanne von ein paar Wochen werden so viele Verbotsforderungen erhoben, dass man sie hier gar nicht alle auflisten kann.

Eine besonders faszinierende Eigenschaft unserer heutigen Verbotskultur ist das Selbstverständnis der Möchtegern-Zensoren. Sie führen ihr Verhalten als Beleg für ein erwecktes „Bewusstsein“ an. Tatsächlich ist das „Schaffen von Bewusstsein“ zum Synonym für eine Verbotsforderung geworden. Man nehme den jüngsten Versuch des französischen Parlaments, per Gesetz das Verbot unterernährter Models durchzusetzen. Models sollen anhand von medizinischen Gutachten einen Body-Mass-Index von mindestens 18 gegenüber ihren Agenturen nachweisen. Die Modelagenturen sind wiederum verpflichtet, den BMI ihrer Models gegenüber dem Staat nachzuweisen. Die Gesetzesbefürworter sind froh, ein „Bewusstsein schaffen“ zu können. Im Januar hat Israel untergewichtigen Models – mit einem BMI unter 18,5 –, ihre Berufsausübung verboten [1] – wieder im Namen des zu kreierenden Bewusstseins.

„Prohibitionisten haben nichts gelernt, aber auch nichts verlernt“

Grundsätzlich ist die Verbots-Industrie viel mehr an der Abschaffung der Fettleibigkeit interessiert, als dass sie sich um magere Menschen sorgt. Aus diesem Grund forderten Ernährungswissenschaftler kürzlich die Verbannung „ungesunder“ Lebensmitteln aus dem Kassenbereich von Läden. Die Verbotslobbyisten des staatlichen Gesundheitswesens können der Versuchung nie widerstehen, ihren jeweiligen Verbotsgegenstand mit Zigaretten zu vergleichen. „Wie Zigaretten“ ist ihre liebste Phrase. Deswegen war es unausweichlich, dass der Hauptvertreter der britischen Kampagne für das Verbot ungesunden Essens im Kassenbereich von Geschäften folgendes Argument anführte: „Da Zigaretten im Kassenregal verboten sind, ist es an der Zeit, dass dieselben Richtlinien für ungesunde Snacks gelten“. Schließlich ist das Knabbern eines Kit-Kat-Riegels genauso gefährlich wie das Rauchen einer ganzen Packung Zigaretten vor dem Frühstück, oder? Die Gleichsetzung eines Schokoriegels mit einer Schachtel Kippen erfolgt natürlich zur „Schaffung eines Bewusstseins“.

Wieso sollte man jedoch die Übel nur vom Kassenbereich fernhalten? Vor ein paar Wochen wurde im medizinischen Fachmagazin The Lancet berichtet [2], dass internationale „Experten“ für ein Totalverbot des Tabakverkaufs bis 2040 plädieren. In Australien fordert man per Kampagne die Regierung auf, ein Verkaufsverbot für Alkoholpulver, das auch unter dem verführerischen Namen „Palcohol“ bekannt ist, durchzusetzen. [3] Dahinter steckt die Flüssigalkohol-Industrie, der zufolge das bizarre Produkt Alkoholpulver „nicht mit dem verantwortungsvollen Genuss von Alkohol in der australischen Gesellschaft vereinbar“ ist. Derweil plädierte ein Bericht der Lobbygruppe „Nationaler Ausschuss des walisischen Gesundheits- und Sozialkomitees“ für ein Verbot legaler Suchtstoffe. Diese Kampagne zur Umwandlung legaler in illegale Suchtstoffe [4] legt nahe, dass Drogenpolitikfunktionäre seit den Tagen von Reefer Madness nichts gelernt, aber auch nichts verlernt haben. Das ist der berüchtigte Anti-Cannabis-Film von 1936, in dem brave Highschool-Schüler nach dem Cannabis-Konsum zu wahnsinnigen Vergewaltigern mutieren und sich umbringen.

Während ich diesen Absatz schreibe, erhalte ich per E-Mail die Information, dass sich in Westminster der parlamentarische Gesundheitsausschuss für das Verbot von Fast-Food-Filialen in Krankenhäusern des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS (National Health Service) ausgesprochen hat. [5] Angeblich soll die Hälfte aller 1,4 Millionen Angestellten des NHS selbst übergewichtig oder fettleibig sein! Was wird wohl die nächste Verbotsforderung der Gesundheitsapostel sein?

„Ideen zu verbieten, liegt bei Moralaposteln voll im Trend“

Wissenschaftliche Innovationen und Medizin sind ebenfalls beliebte Themen im Handbuch der Verbotshändler. So hat sich die Interessengruppe „Public Citizen“ für ein Verbot eines beliebten Statins Rosuvastatin eingesetzt [6], weil es vermeintlich das Risiko von Typ-2-Diabetes erhöht. In Deutschland beschäftigen sich Politiker mit einem bundesweiten Verbot Grüner Gentechnik. [7]

Eine Gruppe von Biologen forderte ein weltweites Moratorium – ein vorübergehendes Verbot – einer neuen gentechnischen Methode, die menschliche DNS verändern könnte. [8] Mit dieser Methode könnte der Mensch vererbbare Krankheiten bis zu einem gewissen Grad in den Griff bekommen. Aktivisten hoffen, dass das Verbot dieser wunderbaren Technik ihnen Zeit verschafft, um die Öffentlichkeit mit den „ethischen Problemen“ der Sache zu konfrontieren. Sie wollen also Zeit, um Bewusstsein zu wecken.

Personen und Ideen zu verbieten, die sie nicht mögen, liegt bei Moralaposteln voll im Trend. In den USA rief der sehr amüsante Komiker Will Ferrell ernsthaft zum Verbot von Studentenverbindungen auf. [9] Studentenverbindungen sind zur gängigen Zielscheibe von Verbotsrufen verschiedener Gruppierungen avanciert. Und zurzeit globalisiert sich die anglo-amerikanische Verbotskultur. Eine Studentenorganisation an der Universität Delhi will nun ihre amerikanischen und britischen Kommilitonen nachahmen. Sie bat den Präsidenten der „Tegh Bahadur Khalsa“-Hochschule, ein Theaterstück zu verbieten, da es gegen Hindus sei. Beunruhigender Weise ist Intoleranz auf dem Universitätsgelände kein rein anglo-amerikanisches Phänomen.

„Im Land des moralischen Analphabetismus sind Verbote das einzige, was noch übrig geblieben ist“

Bei so vielen Verbotsforderungen ist es nicht verwunderlich, dass viele ihre individuellen Anliegen einbringen. Mein Lieblingsverbotsvorschlag aus jüngster Zeit stammt von einer Mutter, die Hunde vom Strand im britischen Clacton verbannen wollte, nachdem ihr dreijähriger Sohn von einem Welpen verletzt worden war. [10] Die Mutter bestätigte, dass dies nur ein kleiner Zwischenfall war und ihr Sohn nur „harmlose Kratzer im Gesicht“ abbekommen hatte. „Der Besitzer des Welpen entschuldigte sich in aller Form und versicherte, dass dies vom Welpen nur scherzhaft gemeint und kein Angriff oder Zeichen aggressiven Verhaltens war“, berichtete die Frau. Obwohl sie Verständnis für das Verhalten des Welpen hatte, fühlte sie sich dazu gezwungen, ein Verbot zu fordern. Warum? Vielleicht deswegen, weil solch ein Verlangen zur gesellschaftlich akzeptierten Standardreaktion auf jegliche Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geworden ist.

Noch im 15. Jahrhundert war das Wort „Bann“ mit einer formalen kirchlichen Denunziation verbunden. Es vermittelte den Eindruck eines Fluchs, einer Untersagung oder einer Exkommunikation. In der heutigen Welt impliziert das Wort „Ban“ (engl. für Verbot) ebenso eine Art von Exkommunikation. Im Gegensatz zu früher sind die heutigen Ziele viel beliebiger. Das liegt daran, dass die zeitgenössischen „Bewusst-Macher“, anders als die moralisch zielgerichteten Exkommunikatoren der Vergangenheit, keine eindeutigen moralischen Vorstellungen oder Ideen zu kommunizieren haben. Im Land des moralischen Analphabetismus sind Verbote das einzige, was noch übrig geblieben ist.

P.S. Als ich gerade dabei bin, meinen metaphorischen Füller wegzulegen, erhalte ich eine weitere Nachricht. Es geht darum, die Interaktion zwischen den Generationen zu verbieten. [11] Wenn Erwachsene mit fremden Kindern irgendetwas zu tun haben, gilt das bereits als verdächtig. Dieser Ruf nach einem „Belästigungsverbot“ erinnert ein wenig an die Forderung, im Supermarkt Süßigkeiten vor den Augen kleiner Kinder zu verbieten; beides soll angeblich Schaden von Kindern abwenden. Aber bei der ganzen Verbieterei heutzutage drohen besorgniserregende Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben.