01.01.2006

Osama bin Laden: mehr Medienstar als Gotteskrieger

Rezension von Brendan O’Neill

Al Qaida hat mehr mit modernen Globalisierungsgegnern gemein als mit alten nationalistischen Befreiungsarmeen, behauptet der Autor eines neuen, erfrischenden Buches. Brendan O’Neill hat das Buch gelesen und stimmt ihm zu.

„Es ist schlicht unaufrichtig, die jüngsten Ereignisse in alte politische Schablonen und Raster zu pressen.“ Faisal Devji, Autor von Landscapes of the Jihad, hält nichts davon, die Umtriebe Osama bin Ladens und seiner Getreuen als Ausdruck politischer oder gar nationaler Motive darzustellen.
Aber welches Ziel verfolgen bin Laden & Co.? Am häufigsten hört man, es ginge ihnen um ein freies Palästina, oder sie wollten die Amerikaner aus Saudi-Arabien vertreiben und der Regentschaft des korrupten saudischen Königshauses ein Ende bereiten. Andere sagen, Irak und Afghanistan sollten von US-amerikanischer und britischer Besatzung befreit werden. Man geht also davon aus – und darin sind sich offensichtlich „rechte“ wie auch „linke“ Denker einig –, dass al Qaida territoriale Ziele verfolge. Nicht selten kommen linke Erklärungsversuche der Schwärmerei über die Effektivität von al Qaida und ihrer versprengten Sympathisanten gefährlich nahe. So sieht der Filmemacher und Publizist Tariq Ali in den Aufständen im Irak Parallelen zur französischen Résistance gegen das faschistische Vichy-Regime. Den 11. September begreift er als Rache der „Sklaven und Bauern“ am „amerikanischen Empire“[1], großzügig darüber hinweg sehend, dass die „Bauern“ des 11. September in Wahrheit frustrierte Mittelklassestudenten waren.


Auf der Rechten wird al Qaida als „islamistisch-faschistische Bewegung“ betrachtet, die ein islamisches Großreich errichten wolle. Kürzlich war auf der Website „Open Democracy“ sogar zu lesen, al Qaida sei eine „klassisch imperialistische“ Organisation, die danach trachte, das nächste Kapitel der Menschheitsgeschichte zu dominieren.[2] Eine absurde Behauptung, sind doch diese „imperialistischen Kräfte“ nicht einmal in der Lage, die nordpakistanischen Berge zu verlassen, geschweige denn, die Welt zu erobern.


Während den Konservativen die angeblichen territorialen und politischen Ambitionen der Islamisten als Rechtfertigung für die fortgesetzte Präsenz westlicher Truppen im Nahen Osten dienen, sind sie für die Friedensbewegung der Grund, den Rückzug aus der Region zu fordern. Mitten hinein in diese ermüdende und wenig überzeugende Argumentenschlacht platzt nun ein faszinierendes Buch. In Landscapes of the Jihad zeigt Faisal Devji, Lehrer für Geschichte an der New School University von New York, dass die Ziele von al Qaida weder in traditionellen territorialen noch in politischen oder strategischen Kategorien zu fassen sind. Anstatt die Mannen um bin Laden fälschlicherweise in Schubladen wie „nationalistisch“, „imperialistisch“ oder gar „klassisch terroristisch“ zu zwängen, kommt Devji nach intensiven Studien von Originalstatements und Aktivitäten von al Qaida zu einigen überraschenden Schlussfolgerungen: So ist die Selbstdarstellung der Gruppe mehr ethisch denn politisch motiviert; ihr Hauptschlachtfeld sind nicht die Städte von Afghanistan, Palästina oder Tschetschenien, sondern die Medien; und auch ansonsten offenbaren sie Parallelen zu anderen „modernen“ Bewegungen wie etwa der Umwelt- oder der Antikriegsbewegung.
 

„Al Qaida hat die Chaostheorie zu seinem Organisationsprinzip erhoben und wendet diese nun im globalen Maßstab an.“



Devji beschreibt al Qaida als eine Gruppe, die mit den veralteten Formen der Politik, die an Staaten und deren Bürger gebunden waren, gebrochen hat.4 Dies zeigt sich bereits an grundlegenden Eigenschaften des Netzwerkes: Seine Mitglieder und Unterstützer stammen aus aller Herren Länder, ohne sich jemals zu treffen. Im Gegensatz zu geschichtlich oder national inspirierten Bewegungen wie der PLO, der IRA oder den internationalistischen Bewegungen sind al Qaida-Sympathisanten nicht durch die Geschichte, die Geografie, eine klare politische Ausrichtung oder eine Zukunftsvision miteinander verbunden. Vielmehr ist al Qaida für Devji eine neue und besonders globalisierte Form von „Bewegung“. Ihre Anhänger und Mitglieder kommen aus Riad, Paris oder Bochum, sprengen Menschen in London oder Madrid in die Luft, um Tote aus Grozny oder Ramallah zu rächen, und sie behaupten von sich, im Interesse der Moslems im Irak, Palästina oder Tschetschenien zu handeln, ohne jemals dort gewesen zu sein. Sie können scheinbar sogar Zeitreisen unternehmen und historische Sprünge vollführen, wie es bin Laden tat, der Rache für die Vertreibung der Mauren aus Spanien vor über 500 Jahren üben wollte. Es scheint, als habe al Qaida die Chaostheorie zu seinem Organisationsprinzip erhoben und wende diese nun im globalen Maßstab an. Die Vorstellung, ein im britischen Yorkshire aufgewachsener Mann könne in London Menschen umbringen, um die Ermordung seiner „Brüder und Schwestern“ in Bagdad oder Bethlehem zu sühnen, erinnert stark an die alte Mär vom Schmetterling, dessen Flattern am anderen Ende der Welt einen Hurrikan auslöst.


In Landscapes of the Jihad legt Devji anschaulich dar, dass die Kontakte, die Mitglieder oder angebliche Mitglieder von al Qaida untereinander knüpfen, weder auf gemeinsamen Ideen, Erfahrungen, Lebensumständen oder persönlichen Interessen fußen, noch eine Konstanz und Tiefe aufweisen, wie man sie aus anderen „Bewegungen“ kennt. Vielmehr sind die Kontakte untereinander nur flüchtig und beschränken sich in der Regel auf das Organisieren einmaliger Aktionen. Hieran wird deutlich, dass es al Qaida nicht um das Erobern von Staaten oder eines islamischen Territoriums gehen kann. Die Islamisten der Vergangenheit – von der iranischen Revolution von 1979 bis zu den Taliban, die 1996 Afghanistan unter ihre Kontrolle brachten – verfolgten durchaus das Ziel, einen ideologischen Staat zu errichten. Im Vergleich dazu, sagt Devji, erinnern die Aktionen von al Qaida an „ethische Gesten, die nichts weiter sind als Ausrufezeichen“.


„In der Zeit vor al Qaida“, berichtet Devji, „operierte der radikale Islam in der Form des Fundamentalismus, die direkt aus der kommunistischen Vorstellungswelt abgeleitet worden war. Diese Bewegungen wurden gegründet, um durch Umstürze und Revolutionen ideologische Staaten zu errichten. Die Fundamentalisten übernahmen die entsprechenden Begriffe: Revolution, Ideologie, ideologischer Staat, sogar Arbeiterräte. Und sie integrierten die Kritik am Kapitalismus in unterschiedlichen Abstufungen in ihre Programme. Derlei existiert heute nicht mehr. Al Qaida funktioniert völlig anders.“


Devji zeigte mir einen Brief von Ayman al-Zawahiri, bin Ladens ägyptischem Stellvertreter, an Abu Musab al-Zarqawi, den mysteriösen Jordanier, der im Namen von al Qaida zahlreiche Massaker im Irak angerichtet haben soll. „In diesem Brief – und es wird davon ausgegangen, dass er echt ist – schreibt Zawahiri, er befürchte, der irakische Aufstand werde zu einer normalen nationalen Bewegung degenerieren. Der Dschihad ist für ihn kein irakisches Thema, vielmehr soll der Krieg weitergehen bis zum Tag der Erlösung. Meiner Ansicht nach ist der Dschihad für al-Zawahiri ein ethisch-moralischer Akt, der im Leben eines jeden Moslems eine zentrale Rolle spielen soll – in welcher Form auch immer. Eine solche Lesart taugt nicht zum Aufbau islamistischer Ordnungen.“ Jedoch auch nicht als Anlass zur Hoffnung, der Terror würde aufhören, wenn die westlichen Truppen den Irak verließen.
 

„Die Medienwelt ist der eigentliche Adressat der Selbstmordattentate.“



Die Verweise von al Qaida auf Palästina sind in den Augen von Devji rein symbolischer Natur und höchst opportunistisch. So ist auffällig, dass in den Verlautbarungen des Terrornetzwerkes Palästina erst genannt wurde, nachdem westliche Politiker und Kommentatoren den dortigen Konflikt als mögliche Ursache des Terrors ins Spiel gebracht hatten. Devji zitiert in seinem Buch al-Zawahiris sehr instrumentelle Sicht auf Palästina: „Es muss anerkannt werden, dass die Palästinafrage wie keine andere in den letzten 50 Jahren die Gefühle der islamischen Welt von Marokko bis Indonesien hoch kochen ließ. … Palästina ist ein Thema für alle Araber, egal, ob gläubig oder ungläubig.“[3] Anders formuliert: Wenn Du Einfluss haben willst, sprich über Palästina. Bush und Blair tun genau dasselbe.


Für Devji ist al Qaida ein Produkt des Zerfalls der traditionellen internationalen Politik. „Die Spuren von bin Laden und al-Zawahiri lassen sich bis zum Ende des Kalten Krieges zurückverfolgen“, sagt er. „Al Qaida versteht sich selbst als globales Netzwerk, das im Kollaps der Sowjetunion und dem mit ihr verbundenen internationalen Kommunismus seinen Ursprung nahm.“ In unserer postpolitischen Gegenwart trägt al Qaida seine Kämpfe in erster Linie in und für die Medien aus. Devji geht sogar soweit, die Medienwelt als eigentlichen Adressaten der Selbstmordattentate anzuführen. Ein dem amerikanischen Time Magazine zugespieltes Video, auf dem Märtyrer beim Verlesen ihres letzten Willens und beim Beten zu sehen waren, bevor sie sich in unterschiedlichen Regionen des Irak in die Luft sprengten, beschreibt Devji als eine Kombination aus Dschihad und Reality-TV: „Das Video erinnert zuweilen an Hollywoodstreifen.“ Dass einer der Kämpfer sich von seiner Gattin vor laufender Kamera mit heftigen Küssen – durch ihren Schleier – verabschiedet, zeigt die Ausrichtung des Videos auf westliche Beobachter – eine derartige öffentliche Szenerie widerspricht jeder muslimischen Tradition.[4]


Nicht nur hinsichtlich der Ausrichtung auf die Medien gibt es nach Ansicht von Devji durchaus Parallelen zwischen al Qaida und modernen Bewegungen. Auch die moralische Absolutheit, die die Rolle rationaler politischer Überzeugungen übernommen hat, kennt man aus anderen Zusammenhängen. Devji schreibt: „Die Motivationen und Gesten der heiligen Krieger entspringen derselben Quelle wie die vieler Antikriegsaktivisten: nicht aus der persönlichen Erfahrung von Unterdrückung und Krieg, sondern aus der Beobachtung des Leids und des Elends anderer. Diese unpersönlichen oder sogar Ersatzmotivationen ziehen ihre Kraft vor allem aus dem Gefühl des Mitleids. Und vielleicht ist Mitleid sogar das gewalttätigste Gefühl überhaupt, denn es ist selbstlos genug, um unglaublich große Opfer zu bringen oder in Kauf zu nehmen.“[5]


Natürlich setzt Devji nicht al Qaida mit Greenpeace gleich. „Die einen wenden mörderische Gewalt an, die anderen nicht!“, sagt er. Dennoch fordert er, die neuen politischen und sozialen Kräfte und Strömungen, die das Entstehen von al Qaida erst ermöglicht haben, genauer zu untersuchen. Einfache Lösungen wie „Raus aus Palästina!“ helfen uns nicht weiter, denn sie verhindern, dass sich unsere Gesellschaften ernsthaft mit dem Phänomen des islamischen Terrorismus und seinen Ursachen beschäftigen.