01.04.2001

ORTNERS ODYSSEEN

Balla Balla?

Warum Fußball – dieses im Grunde dämliche Spiel, bei dem 22 erwachsene Männer einer Lederkugel nachrennen – alle so begeistert, darüber zerbrechen sich seit Generationen schlaue Menschen den Kopf. Plausible Erklärungen sind nicht bekannt. Nur so viel ist sicher: Alles, was in unseren Seelen so heftig brodelt, darf hier nach Herzenslust ausgetobt werden. Wut, Kampf, Trauer oder Freude, Euphorie, Glückseligkeit – nirgendwo liegen sie so nah zusammen wie im Fußball. Manchmal entscheidet darüber ein läppischer Fehlpass. »Flach spielen, hoch gewinnen«, so weise brachte es der große deutsche Volksphilosoph Sepp Herberger dereinst auf den Punkt. Ein weiser Spruch für den grünen Rasen und eine Metapher fürs Leben – und das findet nun mal hinter der Stehtribüne statt.
Neulich war es wieder so weit: Anstoß zur Bundesliga-Rückrunde. Sportive Berufsoptimisten verkünden wie jedes Jahr auch diesmal wieder die stärkste Saison in der Bundesliga-Historie: noch mehr Zuschauer, noch berauschendere Zweikämpfe, noch heißere Spiele, noch mehr TV-Übertragungen, noch mehr Geld. Ach ja – und noch mehr Tore! Die Bundesliga ist eine generationsübergreifende Longtime-Soap. Millionen sind dabei, fiebern mit. Nicht trotz so illustrer Volksschauspieler wie Daum, Hoeness & Meyer-Vorfelder, sondern wegen ihnen. Keine Frage: der deutsche Michel liebt die Kickerposse.
Schwarzgeld-Affäre, Arbeitslosenzahlen, BSE? Bitte, bitte nicht schon wieder. Flanke, Kopfball, Toooor – darum geht’s. Fußball ist ein wunderbarer Mythos. Einer, der funktioniert, wo Politik versagt. Es ist die Rache des Publikums an der Demokratie. Was es dort aushalten muss, kann es hier ausleben. »Zieht den Bayern die Lederhosen aus…!« – unten gegen oben, Malocher gegen Millionarios. Klassenkampf zweimal fünfundvierzig Minuten. Wer die Fankurve freilich mit der Arbeiterklasse verwechselt, muss ziemlich balla balla sein.