01.09.2000

ORTNERS ODYSSEEN

Gott vergibt, Dyba nie! Von Helmut Ortner

Seine Kritiker schimpften ihn den »Ajatollah von Fulda«, seine frömmelnden Anhänger sahen in ihm die »Speerspitze des Katholizismus«, die unerbittlich und treffsicher gegen allerlei weltliche Verwirrte und Verirrte wie Lesben, Schwule und Pazifisten ficht. Johannes Dyba, Erzbischof von Beruf und aus Berufung, war von rechtem Schrot und Korn. Sein Kampfauftrag: Der Sünde keine Chance. Jetzt ist Gottes Elitekämpfer tot. Dyba starb im Alter von 70 Jahren in Fulda an Herzversagen.
Ein Mann für alle Fälle: ein römisch-katholischer Agitator, ein Medienmann, ein Teufelsaustreiber mit Witz und Angrifflust: Homosexualität war für ihn eine »entehrende Leidenschaft und widernatürliche Verirrung«, Aids das Kainsmal für einen »Abfall von Gott«, der »nicht unbestraft« bleibe. Schwangerschaftsabbrüche nannte er einen »Kinder-Holocaust«, die Abrechnung auf Krankenschein ein »staatlich finanziertes Tötungsgeschäft«. Ob in Talkshows oder auf Kirchentagen, überall dort, wo ihm Mikrophone entgegengehalten wurden, gab sich der Hardliner kompromisslos und scharfzüngig, getreu seinem Credo: Gott vergibt, Dyba nie. Er sei ein »leidenschaftlicher Kämpfer für die Wahrheit und Klarheit des Glaubens« gewesen, verkündet sein Mainzer Bischofs-Kollege Karl Lehmann in einem Nachruf; ein Gottesmann, der in der Öffentlichkeit gerne als liberal missverstanden wird.
Dybas Einsatz für die Wahrheit trug mitunter mittelalterlichen Züge. So ließ er alljährlich – zum 28. Dezember, dem »Fest der unschuldigen Kinder« – die Glocken seines Bistums als Mahn- und Versöhnungsgeläut für die Frauen läuten, was diese aber zum Kummer des Oberhirten nicht als freundliche Geste verstehen wollten. Gegen das Töten in einem gerechten Krieg freilich hatte der Glöckner von Fulda keine moralischen Bedenken. Jahrelang betreute er als Militärbischof die Bundeswehr-Truppe und in dieser Eigenschaft habe er – so Lehmann – »die seelsorgerische Begleitung der Soldaten bei den oft riskanten Auslandseinsätzen unterstützt«.
Aus. Vorbei. Die klerikale Rasselbande namens Deutsche Bischofskonferenz hat ihren besten Entertainer verloren. Zum Abschied ins Himmelreich freilich gab es noch einmal einen pompösen Abgang: Der Trauergottesdienst wurde auf dem Fuldaer Domplatz via Großbildwand übertragen, danach der Sarg in einer Prozession von der Michaeliskirche in den Dom getragen – und eine Bundeswehrkapelle spielte dazu die Nationalhymne. Ob Johannes Dyba, der alte Kamerad, im Sarg noch einmal salutiert hat?