01.05.2000

ORTNERS ODYSSEEN

TV total. Von Helmut Ortner

Ich kann das Klagegeschrei gegen das Fernsehen nicht teilen. Mal unter uns:  Nur das Fernsehen zeigt uns doch unverblümt und ungeschönt das Ausmaß des ganz normal waltenden Schwachsinns. Das fängt schon bei den infantilen Begleitmelodien an, setzt sich fort beim Auftritt dauergeföhnter und -lächelnder Ansagerinnen und Ansagern, die ihre Sätze und Botschaften vortragen, als sprächen sie zu Kleinkindern oder Hirnamputierten, und findet einen seiner Höhepunkte in allerlei bunten Werbeclips, in denen uns gnadenlos gut gelaunte Menschen mit debiler Offenheit demonstrieren, wie angenehm es sich mit Frühstücksmarmelade, Rasierwasser und Allways ultra leben lässt. Immer wieder ein telegener Genuss: unsere politische Elite. In den üblichen Palaver-Runden präsentiert sie sich so, wie wir es erwarten: dumm, dreist und verlogen. Schäuble, Rühe, Stoiber, Westerwelle und Konsorten – auf allen Kanälen das bildschirmgroße falsche Grinsen unserer Volksvertreter. Spenden-, Steuer-, Flugaffären: eine Soap, die Quote bringt, aber selbst beim tv-gestählten Zuschauer mitunter schlechte Laune verursacht. Doch das Fernsehen, das sie groß macht, wird sie später zur Strecke bringen, und darin liegt etwas Tröstliches – oder? Seine große Qualität entfaltet das Fernsehen indes erst in den nachmittäglichen Talkshows: Von “Meine Freundin ist eine Lügnerin” und “Du bist mir viel zu fett” über “Ich bin nicht der Vater deiner Kinder” bis hin zu “Hilfe, mein Mann will immer” wird da nichts ausgelassen, was die Erosion herkömmlicher Scham- und Moralvorstellungen aufhalten könnte. Hinter einer transparenten Wand darf Tierliebhaber Andy bei Arabella vor einem Millionenpublikum von den ”großen, weichen Geschlechtsteilen des Pferdes” schwärmen. Frage der smarten Moderatorin: “Sag mal, hast du eigentlich Sex mit wechselnden Pferden oder bist du einer Stute treu?” Die Banalität der Perversion ist unerschöpflich. Die Shows leben von dem Wahn, lieber mit dem eigenen Versagen als mit gar nichts berühmt zu sein. Lieber eine bekannte Sau als ein integres Nichts. So demokratisch kann Fernsehen sein.