16.11.2017

„Optimismus verbessert die Welt“

Interview mit Matt Ridley

Titelbild

Foto: InfraServ Knapsack via WikiCommons / CC BY-SA 3.0

Wir haben allen Grund, auf weiteren Fortschritt zu hoffen, sagt Matt Ridley. Der britische Wissenschaftsautor erteilt Schwarzmalern und Innovations-Blockierern eine Absage.

Marco Visscher: Sie sind ein Optimist. Sogar in Sachen Klimawandel?

Matt Ridley: Der Klimawandel erfolgt offenbar nicht so schnell, wie man immer gedacht hat. Und er bringt auch nicht ausschließlich negative Folgen mit sich. So führt er nicht zu nachweislich mehr Naturkatastrophen, sondern zu einer Ergrünung der Erde. Satellitenbilder zeigen, dass in den vergangenen 30 Jahren 14 Prozent der Erdoberfläche grüner geworden sind, vor allem in trockenen Gebieten armer Länder. Das sollte eigentlich eine große Schlagzeile wert sein.

Aber könnte nicht ein plötzlicher Wendepunkt eintreten, der eine Reihe gefährlicher Entwicklungen in Gang setzt?

Ich gehe nicht das von aus, dass der Klimawandel wirklich gefährlich wird.

Und wenn Sie Unrecht haben?

Dann können wir davon ausgehen, dass mehr als genug Zeit bleibt, uns dem anzupassen.

Warum sind Sie in allem so optimistisch?

Wegen der Beweislage. Statistiken zeigen einen nie dagewesenen Fortschritt. Als ich geboren wurde, lebten zwei Drittel der Menschen noch unterhalb der Armutsgrenze. Obwohl die Weltbevölkerung danach schneller denn je gewachsen ist, ist dieser Prozentsatz auf heute ungefähr zehn Prozent gesunken. Entsprechend ist in meiner Lebenszeit die Kindersterblichkeit – das schlimmste Elend, das man sich vorstellen kann – um drei Viertel zurückgegangen.

„Wir sind heute reicher, glücklicher, gesünder, klüger und netter denn je.“

Haben wir denn wirklich Anlass, zufrieden zu sein? Armut und Kindersterblichkeit sind doch nicht verschwunden.

Das stimmt, aber wir dürfen doch wohl aus diesen außerordentlichen Leistungen Vertrauen schöpfen. Wir sind heute reicher, glücklicher, gesünder, klüger und netter denn je, unsere Gesellschaften waren früher nie so friedlich, frei und gleich wie heute.

Das ist keine Garantie für die Zukunft.

Auch da haben Sie Recht. Vielleicht wird ab morgen alles anders. Vielleicht bin ich wie der Mann, der vom Dach fällt und beim Sturz auf Höhe der 2. Etage ruft: „Bisher läuft alles gut!“ Aber das glaube ich nicht. Diese positiven Entwicklungen folgen nämlich keinem von oben diktierten Plan, sondern spontanen Innovationen, entstanden aus kreativen Interaktionen von Menschen, die sich Lösungen ausdenken. Genau dieser freie Ideenaustausch sorgt für zunehmenden Fortschritt und Wohlstand. Und es gibt keinerlei Grund zur Annahme, dass dieser Austausch zu einem Ende kommt. Wir können sogar erleben, dass sich an der Innovation, die früher westlichen Ländern vorbehalten war, nun auch Länder wie China und Indien beteiligten. Das kann nur gut werden.

Die Wirtschaft befindet sich schon seit zehn Jahren in einer Krise. Experten zufolge hält diese Stagnation noch eine Zeit an.

Die Wirtschaftskrise betrifft primär Europa und Nordamerika. Ein Land wie Italien hat sich im letzten Jahrzehnt in der Tat wirtschaftlich verschlechtert, aber ein Land wie Mosambik hat während der Wirtschaftskrise das Pro-Kopf-Einkommen fast verdoppeln können. Für den bei Weitem größten Teil der Weltbevölkerung waren die letzten zehn Jahre fantastisch – besser als frühere Jahrzehnte.

„Vielleicht gilt Pessimismus als respektabler.“

Ihr Gebrauch von Statistiken könnte Argwohn hervorrufen. Vielleicht stellt sich die Frage: Stimmt das überhaupt?

Das liegt vor allem daran, dass wir die Statistiken nicht kennen. In einem populären TED-Vortrag hat der schwedische Statistiker Hans Rosling mal ein Experiment vorgestellt. Er hatte große Personengruppen gefragt, ob sie davon ausgingen, dass der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt, sich in den vergangenen Jahren in etwa verdoppelt oder fast halbiert hat oder gleich geblieben ist. Nur 5 Prozent der Befragten wussten, dass die Armut sich fast halbiert hat und ganze 66 Prozent waren der Auffassung, dass sie sich verdoppelt habe. Ein Schimpanse als Befragter hätte durch reines Raten sechs Mal besser abgeschnitten. Wir sind bewusst unwissend.

Warum wollen wir keine guten Nachrichten hören?

Da habe ich keine Ahnung. Vielleicht gilt Optimismus als naiv, während eine pessimistische Haltung angemessener und respektabler erscheint. Unsere Neigung zum Pessimismus und dazu, immer das Schlimmste zu erwarten, hat freilich auch einen evolutionären Nutzen. Wer im Pleistozän kein bisschen gefahrenbewusst agiert hat, konnte nicht überleben. Also stammen unsere Gene von Vorfahren, die sich sehr wohl der Gefahren, etwa von Tieren angefallen zu werden, bewusst waren.

Insbesondere aber springen schlechte Nachrichten stärker ins Auge. Ihre Zeitung, Herr Visscher, hätte seit 20 Jahren täglich berichten können, dass 137.000 Menschen der extremen Armut entronnen sind. Das hätte der Wahrheit entsprochen, aber ich wette, dass diese Schlagzeile nie in Ihrer Zeitung erschienen ist.

Die Trends, auf die Sie verweisen, betreffen hauptsächlich den Zeitraum der letzten Jahrzehnte oder höchstens der letzten 150 Jahre. Weist nicht gerade das darauf hin, dass Fortschritt eine Ausnahme in der Menschheitsgeschichte bildet?

Das ist möglich. Wenn mir jemand erzählt, dass wir in einer Zeit nie gekannter, rapider technologischer Veränderung leben, entgegne ich gerne, dass ich jüngst mit einer Boeing 747 in die Vereinigten Staaten geflogen bin, einem in den 1960ern entworfenen Flugzeug. Mittlerweile fliegt die Maschine etwas sparsamer und die Unterhaltungselektronik an Bord hat sich etwas verbessert, aber das Ding ist kaum schneller geworden. Auch unsere Autos sind heute sparsamer, haben bessere Klimaanlagen, aber der altmodische Verbrennungsmotor hat sich kaum verbessert.

Anders ausgedrückt: Die Verkehrsmittel der letzten 50 Jahre taugen nicht gerade als Beispiel für atemberaubend schnelle Veränderung. Das war für meine Großeltern anders. Als sie kurz nach 1900 geboren wurden, bewegte sich fast jeder per Pferd fort, mit einer Geschwindigkeit von vielleicht acht Stundenkilometern. Zu ihren Lebzeiten wurde das Auto massentauglich und sie erfuhren von der bemannten Raumfahrt. Sie und ihre Zeitgenossen gingen davon aus, dass es im Jahr 2000 fliegende Autos und regelmäßige Trips ins Weltall geben würde.

„Die großen Durchbrüche der kommenden 50 Jahre werden sich nicht bei der Kommunikation abspielen.“

Wollen Sie damit ausdrücken, dass Innovation ab einem bestimmten Zeitpunkt zum Stillstand kommt?

Nein, ich will damit sagen, dass Innovation immer wieder auf andere Gebiete wechselt. Denn während Sie und ich zu unseren Lebzeiten keine immensen Veränderungen im Verkehrsbereich erlebt haben, begegnen diese uns im Kommunikationsbereich, besonders durch das Aufkommen des Internets. Davon haben meine Großeltern wiederum nichts mitbekommen. Als sie zur Welt kamen, hatte man Telefon, und als sie starben, hatte man Telefon. Die großen Durchbrüche der kommenden 50 Jahre werden sich daher meiner Meinung nach nicht bei der Kommunikation abspielen, wie viele glauben, sondern auf einem ganz anderen Gebiet. Nicht jede Art des Fortschritts findet gleichzeitig statt.

Ist Ihr Optimismus nicht in Wahrheit eine Ausrede, um nichts zu tun?

Die Ausrede fürs Nichtstun kommt von den Pessimisten. Ihnen zufolge würde man die Welt verschlechtern, wenn man gentechnisch veränderte Pflanzen erlaubt, also widersetzen sie sich dieser Technologie, obgleich sie zu einer besseren und umweltfreundlicheren Nahrungsmittelproduktion, vor allem in armen Ländern, beitragen kann. Wir Optimisten finden hingegen, dass wir etwas Gutes tun könnten, indem wir sie zulassen.

Sie sind Ex-Banker, besitzen Land, auf dem ein Steinkohlebergwerk betrieben wird und sitzen als Konservativer im britischen Oberhaus. Ist Ihr Optimismus nicht nur ein konservatives Deckmäntelchen?

Im Gegenteil! Nicht Pessimismus, sondern Optimismus verbessert die Welt. Es sind immer die Optimisten, die andere zum Handeln inspirieren. Innovation, Fortschritt – das kommt nie von Schwarzmalern.

Finden Sie es nicht paradox, von Innovation zu schwärmen, während Sie gleichzeitig mit der uralten Steinkohleindustrie zusammenhängen?

Windenergie ist 800 Jahre alt und niemand würde dazu eine vergleichbare Frage stellen. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass Innovation vor allem in Hochtechnologiesektoren stattfindet. Auch der Steinkohlebergbau macht andauernd Fortschritte, die zu einer höheren und sichereren Produktion führen. Ich bin stolz auf die Arbeitsplätze, die ich schaffe, die Vorteile für die örtliche Bevölkerung und den blühenden Lebensraum für Wildtiere auf unseren Familienländereien.

„Die globale Entwaldung ist fast völlig zum Stillstand gekommen.“

Solcher Äußerungen wegen sind Sie schon als Lobbyist der Bergbauindustrie bezeichnet worden.

Wenn ich über Steinkohle spreche oder schreibe, vermerke ich immer meine finanziellen Interessen. Im Übrigen trifft diese Anschuldigung nicht zu; in den letzten Jahren habe ich in Kolumnen und Berichten durchgängig für Schiefergas plädiert – und das ist der größte „Kohlenkiller“ überhaupt.

Sie kritisieren die Schwarzmalerei. Aber es sind doch Pessimisten, die vor Umweltschäden warnen und dadurch die Öffentlichkeit und die Politik aufrütteln.

Das mag manchmal so sein und ich erkenne die Bedeutung von Naturschützern an. Aber letztlich wird Umweltpolitik erst möglich, wenn ein Land über die Mittel verfügt, sich um die Natur kümmern zu können. Die weltweite Entwaldung wird meines Erachtens weniger von Aktivisten und Politikern gebremst, sondern durch die sinkende Notwendigkeit, Bäume zu fällen, um die eigene Hütte zu heizen und Essen zu kochen.

Sind nicht statt der lokalen Bevölkerung Agrarkonzerne verantwortlich für die großflächige Entwaldung?

In Haiti führt die Abhängigkeit von Holzkohle zur fast totalen Entwaldung. Im Nachbarland, der Dominikanischen Republik, bleibt der Wald hingegen größtenteils intakt, weil dort Propangas als Brennstoff zum Kochen subventioniert wird. Ja, industrielle Tätigkeit ist an einigen Orten eine wichtige Ursache der Entwaldung, aber das gilt nur für die ärmsten Länder. Der wichtigste Grund dafür, dass die globale Entwaldung beinahe völlig zum Stillstand gekommen ist (nur noch 0,08 Prozent per Jahr), besteht nach Aussage der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) darin, dass sich dieser Trend in Schwellen- und reichen Ländern – als Folge ökonomischer Faktoren – umgedreht hat.

Gut, die Menschheit prosperiert und die Entwaldung ist größtenteils gestoppt, aber geht es denn der Umwelt allgemein nicht immer schlechter?

Nun, in Wirklichkeit können wir auf vielerlei Gebieten Umweltverbesserungen feststellen. Die Luft ist sauberer geworden, das Wasser ist sauberer geworden, die Verschmutzung nimmt an vielen Stellen ab und weniger Öl landet im Meer.

„Unser Fortschritt wird durch Bürokratie und Aberglauben bedroht.“

Kann Sie in Ihrem Optimismus denn gar nichts bremsen?

Doch, doch. So beteiligt sich China zwar stark an Innovation, nicht aber an der Verbreitung von Freiheit. Die Europäische Union arbeitet daran, Innovation abzubremsen, was mein wichtigstes Argument ist, den britischen EU-Austritt zu befürworten. Diese Unterdrückung von Innovationen sehen wir bei gentechnisch veränderten Pflanzen, Digital- und Biotechnologie, aber auch bei der strengen Regulierung von elektronischen Zigaretten, die nun wirklich Menschenleben retten können. Ständig werden die Interessen großer, etablierter Branchen vor Startups geschützt. Man darf wohl sagen, dass unser Fortschritt durch Bürokratie und Aberglauben bedroht wird.

Durch welchen Aberglauben?

Ich mache mir Sorgen um den Einfluss des Islam. Wir haben in Europa Menschen aller möglichen Glaubensrichtungen integrieren können, haben aber enorm mit der Integration von Moslems zu kämpfen. Meiner Meinung nach liegt das am Bestehen einer fundamentalistischen islamischen Strömung, die auf heiligen Schriften basiert und sich in aller Deutlichkeit gegen westliche Werte wie freie Meinungsäußerung, Gleichheit von Frauen und Toleranz gegenüber Homosexuellen wendet. Wir neigen zu einem Übermaß an Respekt gegenüber Religionen. Wenn Religionen intolerant sind, müssen wir sie deswegen kritisieren und verspotten, in bester Voltaire‘scher Tradition.

Über den Islam wird durchaus gespottet, aber das endet nicht immer gut...

Einverstanden. Aber um weiter Innovation in unserer Gesellschaft zu stimulieren, müssen wir uns doch gegen die Intoleranz-Prediger einsetzen, egal ob es sich dabei um Islamisten handelt oder um Vereine wie Greenpeace. Diese haben auf jeweils unterschiedliche Weise die Diskussionen über den Islam und das Klima gekapert. Jede Widerrede wird als „Islamophobie“ bzw. „Klimaleugnung“ abgestempelt und soll wegzensiert werden, durch empörte Briefe an Redaktionen oder Blockadeaktionen gegen Redner, deren Auffassungen sie nicht akzeptieren. Beide Gruppen wollen die Sünde der Blasphemie wieder einführen. Wer aber Blasphemie zu einem Verbrechen erklären will, greift unsere offene, tolerante und aufgeklärte Gesellschaft an.

Setzen Sie Umweltaktivisten auf eine Stufe mit islamistischen Extremisten?

In der Tat... aber selbstverständlich ohne den Terrorismus. Ups, da habe ich mich jetzt in die Nesseln gesetzt, oder?