16.12.2016

„Linke Politik wendet sich rückwärts“

Interview mit Matt Ridley

Titelbild

Foto: Krzysztof Puszczyński via Tookapic

Statt Steuerung von oben lieber Evolution von unten, findet Matt Ridley, Lord im britischen Oberhaus. ‚Großen‘ Männern der Geschichte sollten wir nicht huldigen, außer Ludwig Erhard.

Marco Visscher: In Ihrem Buch „The Evolution of Everything: How Ideas Emerge” vertreten Sie die Auffassung, dass zentrale Steuerung und Planung, auf welchem Gebiet auch immer, schlechter funktioniert als spontane Evolution von unten.

Matt Ridley: In der Tat. Die wirklich wichtigen gesellschaftlichen Veränderungen erfolgen oft unbeabsichtigt, ungesteuert und ungeplant. Erfolgreiche staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen begreifen das. Sie legen nicht alles fest, sondern öffnen sich für einen Prozess von Versuch und Irrtum.

Kommen wir denn durch den Brexit Ihres Landes diesem Ideal näher? Wir sitzen gerade in Whitehall, im britischen Regierungsviertel. Hier wird die britische Politik doch auch von oben bestimmt.

Das stimmt. Whitehall ist nicht viel besser als Brüssel. Überall neigen Nationalstaaten neigen immer noch zur zentralen Steuerung durch genau beschriebene Pläne und detaillierte Gesetze. Ich erliege nicht der Illusion, dass der Austritt aus der EU uns ins Nirwana befördert, aber er ist jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung.

Sie widersetzen sich einer hartnäckigen Vorstellung zielgerichteter Steuerung. Hat diese Vorstellung eigentlich einen evolutionären Ursprung?

Freilich. Stellen Sie sich vor, Sie wären vor 500.000 Jahren beim Gang durch die afrikanische Savanne Ihrem schlimmsten Feind begegnet. Dann plötzlich bricht ein Unwetter los und der Blitz schlägt in Ihren Widersacher ein, der sofort stirbt. Sie wäre mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die Knie gegangen und hätten einem Gott gehuldigt, als dass Sie dies als puren Zufall abgetan hätten. So hat sich tief in unserer Psyche ein Mechanismus eingenistet, der uns glauben lässt, dass mehr Dinge gesteuert sind, als realistischer Weise anzunehmen wäre.

„Keine einzige technologische Innovation wäre ohne ihren Erfinder nicht zustande gekommen“

Können Sie dafür ein etwas aktuelleres Beispiel nennen?

Nehmen wir nur die digitalen Riesen des Silicon Valley, die aus einer neuen Technologie spontan entstanden sind. Die Veränderungen durch das Internet mussten einfach zu diversen neuen Großunternehmen führen, die demokratisch geleitet werden, mit flachen Hierarchien, mit jungen Mitarbeiter in Jeans, die veganen Salat essen und 20 Prozent ihrer Arbeitszeit nach Belieben verbringen dürfen. Das hat sich zwangsläufig aus der neuen Technologie und Kultur ergeben. Wer das aber in der Rückschau erklären möchte, verweist gerne auf Figuren wie Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg und verneigt sich vor ihnen, als seien es brillante Köpfe, die diese Veränderungen herbeigeführt haben. Aber wenn es sie nicht gegeben hätte, wären andere da gewesen, die denselben Kulturumschwung in Gang gebrächt hätten.

Hätte Alexander Bell sein Patent für ein Telefon nicht eingereicht, hätte Elisha Gray dies getan, der exakt am gleichen Tag zum Patentamt gegangen war.

Richtig. Wäre Bell auf dem Weg dorthin unter ein Pferd geraten, hätte die Geschichte genau denselben Verlauf genommen. Dieses Muster treffen wir immer wieder an. Hätte Einstein die Relativitätstheorie nicht entwickelt, hätte Hendrik Lorentz das eben getan. Hätte Darwin die Evolutionslehre nicht verfasst, hätte Alfred Russell Wallace diese Aufgabe übernommen. Es gibt keine einzige technologische Innovation oder wissenschaftliche Entdeckung, die ohne ihren Erfinder nicht zustande gekommen wäre.

Was ist an Ihrer Idee nun so revolutionär Neues?

Nun, neu ist sie nicht. Ich führe sie auf Lukrez zurück, einen römischen Dichter aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. Lukrez hat mal in einem Gedicht geschrieben, dass es überhaupt keine Götter gibt. Eigentlich kam er einer ersten Beschreibung der Evolutionstheorie schon relativ nahe. Diese Idee besteht also schon sehr lange. Spinoza griff sie wieder auf und beeinflusste damit andere Denker der Aufklärung, wodurch die Allmacht der Kirche eine Delle nach der anderen bekam und neue Vorstellungen über Politik und Wirtschaft aufkamen. Somit ist diese Idee zwar revolutionär, aber nicht neu.

„Linke Denker sahen den zuvor so verachteten Staat auf einmal als geeignetes Mittel, ihre Lösungen durchzusetzen“

Und dennoch landen wir immer wieder beim Top-Down-Denken.

Ja, die Vorstellung, dass sich die Welt von oben nach unten entwickelt, ist so tief verwurzelt, dass wir noch viel darüber lernen müssen, wie die Dinge wirklich funktionieren. Ab und zu gibt es großartige Figuren wie Ludwig Erhard oder John Cowperthwaite, die der spontanen Evolution ungeahnte Möglichkeiten eröffnen – mit fantastischen Ergebnissen. Aber danach bewegt man sich doch wieder ein bisschen zurück.

Vor allem die linke Politik wendet sich rückwärts. Im 18. und weit ins 19. Jahrhundert hinein war es progressiv, gegen den Staat zu sein, aber nach Marx kehrte sich das um. Linke Denker sahen den zuvor so verachteten Staat auf einmal als geeignetes Mittel, ihre Lösungen durchzusetzen. Also wurde die Linke autoritär, was die Rechte natürlich vorher schon war.

Und so etwas mündet dann schließlich in die Europäische Union…

Ja, das ist der jüngste Höhepunkt auf diesem Gebiet, aber die EU ist natürlich längst nicht so schlimm wie die Extreme, Stalinismus, Nazismus und Maoismus.

Stalin, Hitler und Mao waren Einzelpersonen, die den Lauf der Geschichte verändert haben. Widerspricht das nicht Ihrer Theorie?

Über die Rolle starker Anführer für die Geschichte wird schon seit Jahrhunderten diskutiert. Wenn man auf das 20. Jahrhundert zurückschaut, kann man schwerlich leugnen, dass starke Anführer zu einigem in der Lage sind, siehe die drei genannten Beispiele. Aber wie Lord Acton schon sagte: „Great men are almost always bad men.” An negativen Entwicklungen sind zumeist die Mächtigen schuld, positive Entwicklungen wiederum gehen meistens auf das Konto nicht-intendierter Ergebnisse von sich über die Zeit entwickelnden Zufällen. Was schlecht läuft, hat man sich in der Regel vorher ausgedacht, was gut läuft, war überwiegend unbeabsichtigt.

„Je freier der Markt, desto weniger Ungleichheit“

Führt es nicht zu zunehmender Ungleichheit, wenn wir den Staat stärker außen vor lassen und mehr Angelegenheiten dem Markt anvertrauen?

Nein. Je freier der Markt, desto weniger Ungleichheit. Wenn man sich anschaut, wie Ungleichheit entsteht, ist sie nicht selten die Folgen von zu viel staatlicher Politik, nicht von zu wenig staatlicher Politik. Die strenge Regulierung von Wohnungsbau z.B. bevorteilt die Hauseigentümer gegenüber denjenigen, die kein Haus besitzen.

Es gibt ja ein progressives Steuersystem, wo die stärksten Schultern die schwersten Lasten tragen.

Ja, aber da hat man so viele Schlupflöcher und Ausweichmöglichkeiten, dass das System in der Praxis gar nicht so progressiv wirkt. Außerdem besteht ein ganzes Geflecht an Subventionen, die stark degressiv wirken. Die Subventionen bei nachhaltiger Energie etwa, die teils auf den Stromrechnungen und Nebenkostenabrechnungen landen, treffen Arme viel härter, während Investoren, Aktionäre und Grundeigentümer die Nutznießer sind.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin absolut der Meinung, dass wir ein System brauchen, das Gelder der Reichen auf die Armen umverteilt, aber unsere derzeitigen Mechanismen greifen zu kurz.

Und doch lässt sich Ihr Buch als konservatives Plädoyer lesen: Wir sollten keine großen Ambitionen haben und keine großen Pläne durchführen.

Da bin ich anderer Meinung. Manche Kapitel meines Buches finde ich sogar sehr links: Gegen den Staat, gegen Religion. Ich bin kein fundamentalistischer Konservativer, sondern ein Libertärer. Aus irgendwelchen Gründen wird der Libertarismus oft mit dem Konservatismus assoziiert, weil die Idee des Laissez-faire – eigentlich progressiven Ursprungs – von der politischen Rechten gekapert wurde, vor allem in den USA.

Ich sage Ihnen: Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wäre mein Buch zweifellos als radikales und progressives Manifest anerkannt worden. Aber im Laufe der Zeit hat sich die Vorstellung, dass Laissez-faire konservativ sei, in unseren Köpfen verankert – und ich weigere mich, dies als richtige Interpretation anzuerkennen. Konservatismus bedeutet, dass man Autoritäten, Gott, Großkonzerne wertschätzt, eine Obrigkeit, die sogar bestimmt, was man in seinem Schlafzimmer zu tun und zu lassen hat. Mein Buch ist eine Abrechnung mit diesen ganzen Ansätzen. Wie kann man jemanden wie mich dann für konservativ oder rechts halten?