01.04.2001

Ohne Fakten bleibt dem Menschen nur Religion

Kommentar von Helene Guldberg

Wie Horrormärchen über BSE, genetisch veränderte Pflanzen, Luftverschmutzung oder ölverseuchte Strände zu einer neuen Ökoreligion mutieren.

Fakten, scheint’s, sind heute zweitrangig. So ist es wahrscheinlicher, dass Kinder vom Blitz getroffen, als dass sie entführt und ermordet werden. Heute fallen nicht mehr Kinder Mördern zum Opfer als vor hundert Jahren. Was sich geändert hat, ist die Art, wie wir dies wahrnehmen. Die Fakten zählen wenig. Was überwiegt, ist das auch von den Medien beständig geschürte Gefühl, Gefahrenquellen lauerten überall, in immer größerer Zahl.
Dies gilt nicht nur für Gefahren, denen wir unsere Kinder ausgesetzt glauben. Alltäglich sind die Horrormeldungen über ölverschmutzte Strände, schmelzende Polkappen, gentechnische Monster, Hirnkrebs bescherende Handys oder Rinder, die wahnsinnig werden. So weit die Schlagzeilen. Die Fakten sehen anders aus. Nehmen wir BSE: Selbst in Großbritannien, wo die Seuche Rinder in hoher Zahl befiel, beläuft sich die Wahrscheinlichkeit, durch den Verzehr von Rindfleisch an Creutzfeld-Jakob zu erkranken, auf 1:600.000.000. Um einiges höher ist die Wahrscheinlichkeit auf einen Sechser im Lotto.
Wie verhält es sich mit der Klimakatastrophe? In den letzten hundert Jahren ist die Temperatur weltweit um nicht mehr als 1,8 Grad angestiegen, der Meeresspiegel stieg im selben Zeitraum um 15 cm. In Europa und Amerika ist die Waldfläche seit den 50er-Jahren gewachsen. Und trotz Abholzungen ist heute mehr Landfläche von Regenwald bedeckt als vor 10.000 Jahren. Die Luftverschmutzung? Auch sie ist zurückgegangen. Heute entsprechen die Schadstoffe, die 20 neue Autos ausstoßen, denen, die noch vor wenigen Jahren ein Auto allein in die Luft pustete. Wir sind heute gesünder, wir leben länger und unser Wohlstand ist größer denn je.

“Die Wahrscheinlichkeit auf einen Sechser im Lotto ist um einiges höher als an Jakob-Creutzfelder zu erkranken.”

Diese Tatsachen sind aber nicht der Stoff, aus dem eine gute Predigt gemacht wird. Da heute viele Journalisten predigen, statt nachzuforschen und zu berichten, fallen Fakten oft unter den Tisch. Ähnlich wie eine Anzahl von Religionen arbeiten die journalistischen Predigten mit Furcht, Sünde und Buße. Und ähnlich wie die alten Religionen toleriert der neue Glaube keine abweichenden Meinungen.
Das erste Dogma der neuen Religion lautet: Natur gut, Mensch böse. Die Angstmache vor Gentechnik und das Hohelied der Naturkost zeigen es. Gentechnik steht für die Überheblichkeit des Menschen, während organische Landwirtschaft als eine Art Gottesdienst an der Natur gilt. Das kann man so sehen. Allerdings nur, wenn man davon absieht, dass Landwirtschaft weder so noch so ein irgendwie “natürlicher” Vorgang ist.
Neben der Gentechnik gelten auch Düngemittel und Pestizide als besonders unnatürlich und gefährlich. Immer wieder wird behauptet, sie dezimierten nicht nur Arten, sondern führten auch zu Krebs. Zwar ist die Zahl der Krebsfälle in der westlichen Welt in den vergangenen drei Jahrzehnten tatsächlich gestiegen. Dies lag aber vor allem an der gleichfalls gestiegenen Lebenserwartung.
Die Sterblichkeit bei Krebs hingegen ist im selben Zeitraum, dank der Fortschritte bei der Krebstherapie, um einiges gesunken.Auch mit dem notorischen Umweltgift DDT ist es etwas komplizierter als gemeinhin behauptet. Starben in den 40er-Jahren jährlich weltweit noch ca. vier Millionen Menschen an Malaria, sank die Zahl nach dem Einsatz von DDT gegen Stechmücken in den 60er-Jahren auf etwa eine Million. Seit dem Verbot von DDT ist die Todesrate wieder auf 2,7 Millionen angestiegen. Diese Opfer scheinen die Umweltaktivisten wenig zu interessieren.

Die Behauptung, organischer Landbau sei nachhaltig, steht gleichfalls auf tönernen Füßen. Durch moderne Anbautechniken, Düngung und Pestizide ist die landwirtschaftliche Produktion seit den 70er-Jahren weltweit um 26% gestiegen – und das, ohne dass die landwirtschaftlich genutzte Fläche sich vergrößert hätte. Wollte man die Bevölkerung der Welt durch organischen Landbau ernähren, müssten große, bisher ungenutzte Flächen bewirtschaftet werden.

“Es ist eine Religion gegen den Menschen und alles Menschgemachte.”

Genetisch veränderte Nahrungsmittel gehören zu den am meisten auf ihre Sicherheit getesteten Produkten. Zwischen 1986 und 1997 wurden in 45 Staaten 25.000 Feldversuche mit genetisch veränderten Pflanzen vorgenommen. Negative Nebeneffekte konnten dabei nicht festgestellt werden. Genetisch verändertes Soja wird bereits seit Jahren von Millionen Menschen in Amerika und Europa verzehrt – ohne dass seither jemand dadurch erkrankt wäre. Dessen ungeachtet schüren Lobbygruppen und Teile der Presse immer wieder Ängste gegen solche Produkte.Die neue Religion der Verzagtheit basiert nicht auf realen Umwelt- oder Gesundheitsgefahren. Es ist eine Religion gegen den Menschen und alles Menschgemachte. Wir sind die Sünder, wir zerstören den Planeten, und wir sollen uns der weisen Natur unterordnen. Der Natur werden heute allerlei göttliche und sonst wie spirituelle Eigenschaften zugeschrieben. Besonders betont wird dabei stets die “Harmonie” der Natur. Sie ist so harmonisch, dass seit der Entstehung des Lebens auf der Erde 99,9 Prozent aller Arten wieder ausgelöscht wurden – von der Natur, wohlgemerkt, ganz ohne Zutun des Menschen.
Der Öko-Moralismus erklärt den Menschen zum vorlauten Tunichtgut und menschliche Errungenschaften bestenfalls zu einem schlechten Nachbau der Natur, schlimmstenfalls zur Todsünde. Menschliches Handeln wird so generell entwertet – es sei denn, wird werden fromm, demütig und bescheiden, ernähren uns organisch und fahren ein wenig mehr mit dem Rad. In diesem Fall können uns die Öko-Apostel, möglicherweise, doch noch die Absolution erteilen.