01.01.2007

„Ohne das neue Bergwerk wird unser Dorf sterben“

Reportage von Kirk Leech

In Rosia Montana, einem rumänischen Dorf in Transsylvanien, kämpfen Umweltorganisationen gegen ein neues Bergwerk, das die Einwohner sich nur zu sehr wünschen. Eine Reportage.

Das rumänische Dorf Rosia Montana, im Apuseni-Gebirge gelegen, ist Schauplatz einer Auseinandersetzung um ein Goldbergwerk. Dieser lokale Konflikt könnte Auswirkungen auf den für 2007 geplanten EU-Beitritt Rumäniens haben.
Ihren Anfang nahm die Geschichte im Jahr 1997, als die kanadische Firma Gabriel Mining Resources (GMR) damit begann, mögliche Standorte für eine neue Goldmine zu prüfen, die ein altes, mittlerweile stillgelegtes Bergwerk würden ersetzen können. Die rumänische Niederlassung von GMR, Rosia Montana Gold Corporation (RMGC), will Gold im Tagebau fördern. Dies war und ist der Anlass eines erbittert geführten Streits. Gegen das Projekt stellten sich eine Gruppe örtlicher Grundeigentümer (die sich unter dem Namen Alburnus Maior – so hieß die einst von den Römern an dieser Stelle gegründete Bergbaustadt – zusammengeschlossen haben), internationale Umweltgruppen sowie eine Reihe von Berühmtheiten. Mehrheitlich für das Projekt ist hingegen die örtliche Bevölkerung, die sich vom Abbau des Goldes Investitionen und Arbeitsplätze verspricht.


EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn sagte unlängst in einem Interview mit BBC Rumänien, eine Reihe von Gründen könne dazu führen, dass sich der EU-Beitritt Rumäniens weiter verzögere – darunter das Goldbergwerk in Rosia Montana. In Folge dieser Äußerung schlossen sich weitere Prominente der Kampagne gegen das Bergwerk an, und Umweltgruppen bekamen Aufwind. Dennoch stellt sich die Frage: Ist der Abbau von Gold für Rumänien und für die Umwelt in jedem Fall schlecht? Und was sagen diejenigen dazu, die in Rosia Montana und Umgebung leben?


„Von Schönheit allein kann keiner leben“, sagt Niculina Bulearca, 53, mit der ich mich in Rosia Montana unterhalte. Niculinas Leben ist nicht leicht. „Ich habe aufgehört, im Bergwerk zu arbeiten, ich musste mich um Mutter kümmern – das war hart.“ Das ganze Dorf hat eine harte Zeit hinter sich. Minvest, der vom rumänischen Staat subventionierte Goldförderer, hatte lange schon Stellen abgebaut – schließlich schloss er das Bergwerk ganz. Nach nur zwei Wochen Kündigungsfrist standen 400 Arbeiter und Angestellte auf der Straße.
Ich frage Niculina, ob nicht Tourismus oder Landwirtschaft, wie manche sagen, die neuen Arbeitgeber sein könnten. Sie lacht: „Im Winter haben wir minus 28 Grad, und der Winter dauert hier fünf Monate. Außer der Pension meiner Mutter (50 Euro pro Monat) haben wir nichts. Ohne das neue Bergwerk wird das Dorf sterben.“


RMGC zufolge könnten in der Gegend 314 Tonnen Gold und 1617 Tonnen Silber abgebaut werden. Die Einkünfte daraus wären beträchtlich: 1,95 Mrd. Euro insgesamt, um die 120 Mio. Euro pro Jahr – wovon ein nicht geringer Teil der rumänischen Wirtschaft und auch der Region zugute kommen würde.
Das Tal war nicht immer so ruhig wie heute. Gold wurde hier schon unter den Römern abgebaut. Corina Bors, Umwelt- und Kulturschutzbeauftragte von RMGC, erläutert: „Bevor die Kommunisten an die Macht kamen, hörte man hier im Tal den Krach Tausender Stanzen. Aus gutem Grund nannte man es das ‚Tal der Verdammnis‘.“ Ende der 40er-Jahre wurden die Maschinen beschlagnahmt und die Schürfstellen verstaatlicht. Auch der Staatsbetrieb Minvest ist mittlerweile Geschichte, und im Tal ist es still geworden. Es ist die Stille eines Industriefriedhofs.


„So Gott mir beisteht, werde ich – hoffentlich – eine Stelle im neuen Bergwerk bekommen“, sagt Avram Chicidea. Der spindeldürre, 57 Jahre alte Mann verdient derzeit 120 Euro im Monat als Wächter dessen, was von der alten Mine übrig ist. Mitten durch seinen Arbeitsplatz sprudelt ein knallroter Bach – vom Bergbau verschmutztes Abwasser (was hier im Übrigen kein neues Phänomen ist – Rosia Montana bedeutet „roter Bach“).
Ana Vadan hingegen könnte sich schwarz ärgern. Solange nicht klar ist, ob das neue Bergwerk genehmigt wird, kauft die Gesellschaft kein Land mehr auf. „Die Firma zögert das hinaus. Wir wollen die Zukunft unserer Enkelkinder sichern – wenn der Preis gut ist, dann verkaufe ich sofort“, so Ana.


Ich steige bergan zum Goldbergwerk. Vor mir erstreckt sich eine Einöde wie aus T.S. Eliots Das wüste Land: „Gehäuf zerbrochner Bilder unter Sonnenbrand“. Kaum zu glauben – vor nicht einmal einem Monat dienten diese Maschinen noch dazu, Gestein zu zerstoßen, zu befördern. Sie wirken wie Überreste irakischer Panzer; keine Geschosse, der Rost hat ihnen den Rest gegeben.
Mit der Schließung von Minvest ist die Arbeitslosigkeit auf 90 Prozent gestiegen. Nur in der Hälfte der Wohnungen gibt es Trinkwasser, und auch das häufig nur für 90 Minuten am Tag. Über 70 Prozent der Häuser haben Außentoiletten. Das durchschnittliche Einkommen in Rosia Montana beläuft sich auf ein Drittel des rumänischen Durchschnitts, und jeder Zehnte muss mit nur 1,90 Euro pro Tag auskommen. Wie viele andere Gegenden Rumäniens entvölkert sich das Tal; die Jungen suchen anderswo ein besseres Leben. Niculinas Tochter ist nach Italien ausgewandert.


Das neue Bergwerk wird für die Zeit des Aufbaus 1200 Stellen schaffen und über 600 während des laufenden Betriebs, der wenigstens 16 Jahre andauern wird. „Für jede Stelle, die wir schaffen, wird es zehn weitere bei Zulieferbetrieben geben. Für die Häuser zahlen wir den Wiederbeschaffungswert, nicht den Marktwert, und den Leuten bieten wir an, sie an einem Ort ihrer Wahl neu anzusiedeln oder in der neuen Stadt, Piatra-Alba, die wir bauen werden. Für die Menschen hier ist es eine Chance, ihr Leben von Grund auf zu verändern“, sagt Yani Roditis, der Geschäftsführer von RMGC.
Für die Menschen in Zlanta, 40 Kilometer von Rosia Montana entfernt, wäre das eine gute Sache. Der größte Arbeitgeber, ein Kupferbergwerk, schloss 2004. Zlanta hat eine bessere Ausgangsposition als Rosia Montana – es gibt ordentliche Straßen, einen Bahnanschluss, und auch die Gas-, Wasser- und Stromversorgung funktioniert. Alle, die wissen wollen, was Deindustrialisierung in Rumänien bedeutet, sollten einmal nach Zlanta kommen.


In Zlanta treffe ich Nicole Colda, einen arbeitslosen Metallurgen. Von der Regierung erhält er, nachdem die Bergwerksgesellschaft die Rentenzahlungen nach nur wenigen Monaten einstellte, Sozialhilfe in Höhe von 21 Euro pro Monat. Seinen Lebensunterhalt – wenn man es so nennen will – verdient er sich damit, dass der die Betonwände der Zechengebäude abreißt, Restmetall einsammelt und es verkauft. „Meine Seele leidet“, sagt er. „Es ist mir unendlich peinlich. Die Leute nennen mich verächtlich einen ‚Müllmann‘. Aber was soll ich machen? Ich habe Frau und Kinder. Ich muss Geld verdienen. Und hier gibt es nichts.“ Nach seiner knochenbrecherischen Arbeit verkauft er das Altmetall für etwa 18 Cent das Kilo.
Nach meinem Besuch in Zlanta und Rosia Montana, nach allem, was ich dort gehört und gesehen hatte darüber, wie es jetzt aussieht und was Investitionen auf die Dauer von wenigstens 16 Jahren dort bewirken könnten, konnte ich mir schwer vorstellen, warum es Widerstand gegen das neue Bergwerk gibt.


Stephanie Roth ist Sprecherin von Alburnus Maior, der Organisation, die die Proteste gegen das Bergwerk anführt. Sie ist energisch und erfahren im Umgang mit Medien, und sie hat gute Verbindungen – eine typische Vertreterin der internationalen Umweltlobby. Die 35-jährige gebürtige Schweizerin hat vormals in London für die Zeitschrift Ecologist gearbeitet. 2005 erhielt sie den mit 125.000 US-Dollar dotierten Goldman-Preis für Umweltaktivismus.
Seit einiger Zeit lebt sie nun schon in Rosia Montana, nachdem sie zuvor in Sighişoara (ebenfalls in Transsylvanien) erfolgreich eine Kampagne gegen einen Dracula-Freizeitpark und die damit verbundenen Touristenströme geführt hatte. Kaum war das erledigt, stürzte sie sich auf das Thema Bergbau.
„Ich habe mit Eugene David [dem Vorsitzenden von Alburnus Maior] gesprochen. Was er sagte, klang einleuchtend, und also bin ich geblieben“, erzählt sie. Die Kampagne gegen das Bergwerk hat prominente Unterstützer gefunden, darunter die Oscarpreisträgerin Vanessa Redgrave. In aller Welt unterstützen Umweltaktivisten den Widerstand, und einige sind sogar, wie Roth, nach Rosia Montana gezogen.


Roth hat einen ganzen Katalog von Einwänden gegen das Bergwerk parat und glaubt, dass es Alternativen gibt: „Über 900 Häuser würden zerstört werden, neun Kirchen, zehn Friedhöfe – die Heimat vieler Menschen, ihre Geschichte, Traditionen, Zukunftshoffnungen“, erklärt sie. „Der Wald wird verschwinden, die Berge auch.“ Sie wettert gegen die Bergwerksgesellschaft: „Sie vertreiben die Menschen … Es gibt mehr als Bergbau. Man kann auch vom Land leben, vom Tourismus.“
Die Rettung sieht Roth in der EU: „2007 wird Rumänien der EU beitreten. Dann gibt es finanzielle Anreize für Bauern, ihre Weiden mit der Sense zu mähen, anstatt mit Maschinen – das ist gut für die Biodiversität.“ Ob das heiße, dass sie für Fronarbeit und Subsistenzwirtschaft ist? „Nein, für Menschen wie Eugene ist das die Art, wie sie leben möchten. Aus westlicher Sicht ist das vielleicht schwer zu begreifen. Aber für ihn besteht der Sinn des Lebens nicht darin, ein reicher Landeigner zu werden – er will einfach nur seinen Bauernhof betreiben.“


Eugene David ist ein großer Mann mit viel Land, einem neuen Haus und Hotel. Mit 30 Hektar Eigentum ist er einer der größten Grundbesitzer im Tal. Er ist gelernter Bergbauingenieur. Aber selbst sein Grundbesitz würde ihm zum Auskommen nicht genügen, weshalb er zur Hälfte seiner Arbeitszeit auch im Bergbau tätig ist. Einen Teil seines neuen Hauses will er als Hotel nutzen und dort Ortsansässige beschäftigen. Ob er den Problemen der Menschen im Tal, der Armut und Not, nicht allzu gleichgültig gegenüberstehe, frage ich ihn. „Dass die Leute im Tal keine Arbeit haben, davon will ich nichts hören“, sagt er. „Was sind schon 400 Arbeitsplätze? Das Land muss bearbeitet werden, hier muss man produzieren. Dann gibt es genügend Arbeit für alle.“
Alburnus Maior behauptet, die Bergwerksgesellschaft betreibe „psychologische Kriegsführung“, sie zwinge die Menschen dazu, ihre Häuser zu verkaufen – was zu Stress und Depressionen führe. Calin Capros von Alburnus Maior erklärt mir: „Meine Mutter arbeitet in der Apotheke, hier am Ort. Der Verkauf von Antidepressiva ist ungeheuer angestiegen.“ Für diejenigen, die umgezogen sind, sieht es anscheinend noch schlechter aus: „Die Psychiatrie hier ist voll von Leuten, die umgezogen sind, die damit nicht zurechtkommen, und die das jetzt bedauern“, erzählt Capros.


Mit meinen Eindrücken aus Rosia Montana passt das nicht zusammen. Die Menschen dort sind keine Opfer, sie bemühen sich, ihre Lebensumstände zu verbessern, ihre alten, baufälligen Häuser zu verkaufen und neue, bessere Wohnungen in der Nähe von Schulen, Krankenhäusern und Arbeitsplätzen zu finden.
Der 73-jährigen Ana Bar ist es schwergefallen, das Tal zu verlassen, aber für sie hat es sich gelohnt. „Wir haben lange darüber nachgedacht und uns mit Leuten in unserem Alter unterhalten, die schon umgezogen waren. Ich bin froh, dass wir es getan haben. Normalerweise hätten wir uns so ein Haus nicht leisten können.“ Nicht nur ihr geht es so. Der 46-jährige Marius Balea, ein bedächtiger Mann, zeigt mir stolz sein neues Haus. „Dieses Haus ist gar kein Vergleich zu dem, das wir im Dorf hatten. Es ist neu, sauber und groß. Von meinem Lohn hätte ich mir so etwas nie leisten können. Ich habe mich meiner Kinder wegen entschieden, und es war die richtige Entscheidung.“ Von Trauer keine Spur.


Beim Streit um das Bergwerk geht es meist um Cyanid, das eingesetzt wird, um Gold und Silber aus erzarmem Gestein herauszulaugen. Dabei entstehen giftige Abwässer, die zu Umweltkatastrophen führen können, wie in Rumänien bei dem Dammbruch von Baia Mare im Januar 2000 geschehen. Yani Roditis von RMGC erklärt hierzu: „Die Technik hat sich erheblich weiterentwickelt. Die Cyanidlaugerei ist in über 400 Bergwerken in Europa eingesetzt worden, und man hat große Fortschritte gemacht. Statt die Leute ins Bockshorn zu jagen, sollte man sich die Fakten anschauen.“
Die Einwände von Roth und Alburnus Maior sind nichts als Beiwerk. Dahinter steht die grundsätzliche Ablehnung jeder Art von Industrie. Was sie als Alternative zum Bergbau anpreisen – Tourismus und Landwirtschaft – ist eine romantische, fehlgeleitete Fantasie, die die Menschen ans Land binden und ihnen jede Möglichkeit nehmen wird, ihr Leben, ihren Lebensstandard zu verbessern.


Die Gegend um Rosia Montana ist hübsch, aber sie ist nichts Besonderes. Das alte Bergwerk ist nur wenige Hundert Meter vom Dorf entfernt, fast alle Bäche und Flüsse in der Umgebung sind verschmutzt (was sich allerdings ändern könnte, da die Betreiber des neuen Bergwerks versprochen haben, die Altlasten zu beseitigen). In jedem Fall werden die Touristen nicht scharenweise in dieses abgelegene Tal kommen. Der Versuch, die Zukunft des Tals und seiner Tausenden von Einwohnern an das unsichere Tourismusgeschäft zu knüpfen, muss in die Katastrophe führen. Subsistenzwirtschaft mag eine hübsche Idee sein, aber nur so lange, bis man versucht, damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Niculina hat dazu nur so viel zu sagen: „Ich habe versucht, in meinem Schuppen Pilze zu züchten. Es war ein Flop. Wie hätte ich davon leben sollen? Wie viele von uns sollen denn Pilzzüchter werden?“


Als ich im Zwielicht noch einmal durch Rosia Montana gehe, wird mir klar: Den Gegnern des Bergwerks geht Umweltschutz über alles. Stephanie Roth hat in diesen Bergen ihren Frieden gefunden; Eugene David möchte sein Land behalten und ein kleines Hotel betreiben; Vanessa Redgrave und die Ökoaktivisten wollen die Natur um ihrer selbst willen schützen. Stellt man das Land über die Leute, wird jede Art von Fortschritt sabotiert; man hindert die Menschen im Tal daran, ihre Existenz zu verbessern.
Bergarbeiter mag für viele nicht eben ein Traumjob sein. Es ist ein harter Beruf, keine Frage. Dennoch wird ein neues Bergwerk vielen Menschen in diesem abgelegenen, ländlichen Teil Rumäniens die Chance geben, etwas Besseres zu tun als für ihren kargen Lebensunterhalt auf einem kleinen Acker zu schuften oder illegal in Westeuropa Dreckarbeit zu verrichten. Denen, die bereits gegangen sind, mag es sogar Anreiz bieten, zurückzukehren.
Niculina sagt: „Die Ökologen sind so unnachgiebig. Ich finde, die Menschen im Tal sollen entscheiden, was hier passiert, und nicht die in Bukarest, Washington oder Brüssel.“