22.07.2013

Ökoszene: Fremder in einem fremden Blog

Von Hans-Jörg Jacobsen

Die Diskussionskultur in vielen gentechnikkritischen Blogs entbehrt aller Sachlichkeit und verfolgt abweichende Meinungen vehement. Hans-Jörg Jacobsen, Professor für Molekulargenetik, hat sich mit ironischer Distanz in eine ihm fremde Welt gewagt und viel Skurriles zu berichten.

Vor einiger Zeit las ich einen Artikel über den Import von Obst aus Übersee. Die Autorin behauptete, dass durch den Import von Äpfeln aus Neuseeland jede Menge CO2 „verbraucht würde“ und dass das nicht gut sei für das Klima. Diese Aussage machte mich stutzig, weil ich als Naturwissenschaftler bislang der Meinung war, dass nach der vom IPCC verordneten Meinung eher die Produktion von CO2 das Problem beim Klimawandel sei, nicht der Verbrauch. Aber „verbrauchen“ ist ja in gewissen Kreisen ohnehin negativ besetzt. Das wissen wir seit dem ersten Bericht des Club of Rome, der gerade in seiner neuesten Ausgabe diesmal zwar nicht vor dem Weltuntergang warnt – das Datum musste ja bereits mehrfach verschoben werden –, sondern einen veränderten und zunehmend ausgeplünderten Planeten prophezeit. [1]

Da in dem besagten Artikel einer gewissen Claudia Langer auch ein Verweis auf eine Internet-Plattform enthalten war, habe ich mir die mal angesehen und mich auch als Nutzer (wie dort üblich unter einem Pseudonym) registriert. Es war einfach zu verlockend, den dort verbreiteten Unfug zu lesen und zu kommentieren. So war da unter anderem ein Artikel über Grabsteine erschienen, die angeblich aus Kinderarbeit stammten, was man natürlich nicht für wünschenswert halten darf. Diese Debatte wurde dann immer diffuser und wendete sich schließlich der Begräbniskultur im weiteren Sinne und der Nachhaltigkeit von Beerdigungen im Besonderen zu. Ich habe aus Jux die Frage gepostet, wie man ausschließen kann, dass die biologisch abbaubare Urne, in der die eigene Asche beigesetzt werden soll, aus „Genmais“ hergestellt wurde (Öko-Urnen müssen sich im Wasser oder im Boden zersetzen und bestehen daher oft aus Maisstärke). Diese Frage wurde tatsächlich aufgegriffen und umfänglich mitfühlend diskutiert: Es war schlichtweg nicht zu fassen!

„Wie kann man ausschließen, dass die biologisch abbaubare Urne, in der die eigene Asche beigesetzt werden soll, aus ‚Genmais‘ hergestellt wurde?“

Konsterniert über den von mir ausgelösten Humbug habe ich mich einige Zeit von dieser Plattform ferngehalten und entschlossen der Versuchung widerstanden, mich bei ähnlichen Aktionen aktiv einzuschalten, das Publikum war einfach zu schlicht. Dann wartete ich aber auf die Gelegenheit zu einem kleinen sozialpsychologischen Experiment bezüglich Netzverhalten und Datensicherung dieser Gutmenschen-Plattform anlässlich eines Themas, bei dem ich wirklich mitreden kann. Ich wollte herausfinden, wieweit man da gehen kann, welche absurden Meinungen zu provozieren sind. Vor einigen Wochen wurde ich dann fündig, als auf der Plattform eine Petition eingestellt wurde, mit der gegen die Pläne der EU vorgegangen werden sollte, gehandelte Sorten landwirtschaftlich genutzter Kulturen oder alte Gemüsesorten verpflichtend zu registrieren. Die Biodiversität sei in Gefahr! Das Ganze ging (vermutlich) zurück auf den vor dem EuGH verhandelten Streit zweier französischer Saatgut-Klitschen, den „Kokopelli-Fall“, über den Georg Keckl so treffend auf NovoAgumente online aufgeklärt hatte. [2] Ich habe, bei all meiner sonstigen massiven Skepsis gegenüber der Brüsseler Regulierungswut, ein begründetes Verständnis für diesen Vorschlag der Kommission geäußert und den Link zu dem Artikel von Keckl dann in einem Kommentar eingestellt.

„Weißt Du nicht, wo Du hier bist?“

Ich hatte allerdings nicht geahnt, welchen Sturm der Entrüstung ich mit diesem Versuch einer Versachlichung entfachen würde: Da wurde sehr schnell der für die Blogger irritierende Wikipedia-Eintrag über die Ausrichtung von Novo herangezogen, vermutlich, um damit deutlich zu machen, wie wenig seriös der Beitrag von Keckl doch im Vergleich zum Gutmenschen-Blog sei. Selbstverständlich wurde auf keines der Argumente eingegangen, denn: Wer eine wie auch immer herbei-delirierte Meinung hat, den stören Informationen nur. Alles, was von den auf Plattform-Linie liegenden Foristen behauptet wurde, wurde wohlwollend bestärkend kommentiert. Ich, als jemand mit einer anderen Meinung, wurde beschimpft. Einer Mit-Foristin, die sich auf meine Seite gestellt hatte (sie hatte dafür plädiert, sich mal mit den Argumenten zu beschäftigen), wurde klar gemacht, sie solle gefälligst alle duzen („Weißt Du nicht, wo Du hier bist!“). Sie verstummte alsbald. Allerdings wurden derartige Beschimpfungen vom „Blogwart“ – natürlich – nicht gerügt. Erst ein Beitrag von mir wurde gelöscht. Auf Argumente wurde dabei selbstverständlich nicht eingegangen. Ich vermute auch, dass die zur Verfügung gestellten Informationen komplett ignoriert wurden.

Aber dann passierte es: Ich wurde geoutet! Oje, schlugen die Wellen hoch, als ich als vermeintlicher „Gentechnik-Lobbyist“ identifiziert werden konnte! Alle hatten dabei das ursprüngliche Thema sofort völlig aus den Augen verloren (man erinnere sich: Es ging um Biodiversität in der Landwirtschaft und die Frage, ob alte Gemüsesorten, die in den Handel kommen sollten, zu registrieren seien). Es ging nur noch um „Lobbyisten“-Bashing. Dabei hatte ich mich selbst schon zum Thema „Lobbyismus“ geäußert. [3] In einem Artikel hatte ich die Frage diskutiert, wie unabhängig eigentlich die Gentechnik-Gegner seien und war zu einem eher nachdenklich stimmenden Urteil gekommen, denn die Gegner der grünen Gentechnik stecken in einem Dilemma: Sie behaupten seit Jahrzehnten auf der Basis obskurer Daten eine Gefährdung von Mensch und Umwelt durch die neuen Züchtungsmethoden. In der seriösen Wissenschaft werden diese Tatarenmeldungen regelmäßig als nicht nachvollziehbar enttarnt, nur erreichen diese Meldungen nie das verunsicherte Publikum. Die andere Seite muss solche Meldungen jedoch kontinuierlich produzieren, denn ansonsten sinkt das Spendenaufkommen bei den entsprechenden Organisationen und die Existenz der berufsmäßigen Gegner der grünen Gentechnik ist gefährdet. Ein Teufelskreis, aus dem herauszukommen eine Menge Mut gehört. Mark Lynas hatte diesen Mut. [4]

Ich befasse mich aktiv seit mehr als 25 Jahren – als von den Ländern Nordrhein-Westfalen und (seit 1991) Niedersachsen alimentierter Hochschullehrer – aktiv mit der Entwicklung transgener Pflanzen. Wir arbeiten an der Verbesserung der Resistenz von Leguminosen wie Erbse oder Ackerbohne gegen Pilzinfektionen, Insektenbefall oder Wassermangel. All unsere Projekte sind mit öffentlichen Mitteln finanziert. Ich werde häufig als Berater für öffentliche Programme zur grünen Gentechnik in Entwicklungsländern eingeladen oder führe dort Kurse durch. Mich entsetzen daher die Ignoranz und die Faktenresistenz unserer Gutmenschen-Foren, die offenbar von keinerlei eigener Erfahrung gespeist werden, sondern sich durch die selbst ernannte „Öko-Feministin“ Vendana Shiva oder die bereits als Plagiatorin entlarvte Aktivistin Suman Sahai [5] hinreichend informiert fühlen, um sich zur öffentlichen Meinungsäußerung berechtigt zu fühlen – natürlich anonym.

Zurück in die zuweilen unergründlichen Weiten des Internets: Nun kennt man derlei ja auch aus den Debatten um die herrlichen Kommentare von Jan Fleischhauer auf Spiegel-Online (ich verstehe nun seine diebische Freude darüber, mit gekonnt formulierten Provokationen die Thermik in den virtuellen Gutmenschen-Soziotopen hochgehen zu lassen). Ich habe mich allerdings auch gefragt, inwieweit hinter den anonym agierenden Foristen wirklich Individuen mit zweifelhaften Überzeugungen stehen oder ob sich hinter den Pseudonymen nicht letztlich als Soziopathen getarnte Lohn-Blogger verbergen, wie sie von einigen NGOs beschäftigt werden, um im Netz Stimmung zu machen. Das Experiment hat allerdings auch die potentielle Humorlosigkeit und Engstirnigkeit der Blogs in diesem Milieu demonstriert. Das spricht eher für Lohn-Blogger mit verdi-Mitgliedschaft.