01.09.2002

Ökochonder vergiften Lebensmittel

Analyse von Walter Krämer

Walter Krämer dreht sich angesichts der falschen Lehren aus dem Nitrofen-Skandal der Magen um.

Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Kaum zwei Jahre, nachdem mehrere hundert Millionen Euro öffentlicher Steuergelder zur Ruhigstellung ausgeflippter BSE-Hysteriker verschwendet wurden, wurden schon wieder unnötigerweise Tiere notgeschlachtet, Futtervorräte vernichtet und einwandfreie Lebensmittel zu Sondermüll gemacht.

Nicht, dass der in Öko-Eiern und Öko-Geflügel nachgewiesene Unkrautvernichter Nitrofen ungefährlich wäre. Keine Mensch käme auf die Idee, damit sein Butterbrot zu besprühen. Was aber in der Nitrofen-Hysterie vergessen wurde, und was grundsätzlich in fast jedem Medienrummel um fast jedes Gift vergessen wird, ist: Die reine Existenz eines Giftes sagt nicht das geringste über dessen Gefährlichkeit. „Was das nit gifft ist?“, fragte schon vor 500 Jahren der große Paracelsus, und er stellte fest: „Alle ding sind gifft und nichts ist ohn gifft. Allein die Dosis macht, das ein ding kein gifft ist.“

Ratten, denen man reines Nitrofen unter die Haut spritzt, entwickeln häufig Krebs und bringen missgestalteten Nachwuchs zur Welt. Vermutlich würde das bei Menschen, äßen sie Nitrofen zum Frühstück, auch passieren. Aber die in Lebensmitteln entdeckten Nitorfenmengen lagen um den Faktor 1000 bis 10.000 unterhalb der kleinsten Dosen, für die bislang in Tierversuchen Krebsgefahr bewiesen werden konnte.

„Alle ding sind gifft und nichts ist ohn gifft.“

Doch das schreckt Berufshysteriker nicht ab. „Nitrofen hat in der Nahrungskette nichts zu suchen“, meinte etwa Thomas Isenberg vom Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin. Genauso gut hätte er fordern können, dass der Rhein in Zukunft bergauf zur Schweiz zu fließen habe. Denn eine Substanz, ganz gleich welche, aus unserer Nahrung oder Kleidung, aus dem Trinkwasser, der Atemluft oder den Mauern unserer Häuser völlig zu verbannen, ist in aller Regel gänzlich ausgeschlossen. Natürlich können wir Asbest verbieten, bleifrei Auto fahren, das Amalgam aus unseren Zähnen entfernen – aber damit können wir weder Asbestfasern noch Bleiverbindungen noch Quecksilber aus der Atemluft verbannen; wir können nur die Konzentration vermindern. Aber diese simple Botschaft ist bei vielen deutschen Ökochondern noch nicht angekommen.

Was forderte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), als man in Baby-Fertignahrung erstmals Pestizide fand? „In Zukunft muss gelten: Babynahrung hat frei von jeglichen Pestiziden zu sein.“ Was forderten selbst ernannte Umweltschützer, nachdem in Sporthemden gewisser Firmen das giftige Schwermetall Tributylzinn (TBT) nachgewiesen wurde? Ein totales Produktionsverbot. Was verkündeten die Grünen auf einer Bundeshauptversammlung: „Grüne Chemiepolitik zielt also darauf (...), dass Produktionsziele der chemischen Industrie, die an sich lebensfeindlich sind, ersatzlos aufgegeben werden müssen.“

Ersatzlos aufgeben, total verbieten, völlig frei von Pestiziden. Das ist die „Null-Prozent-Strategie“: eine einmal erkannte Gefahrenquelle ist ohne Rücksicht auf Verluste komplett zu beseitigen. Das ist weder theoretisch zu begründen noch praktisch durchzuführen. Denn „Null Prozent Schadstoffgehalt“ kann niemals heißen: Der Stoff ist nicht vorhanden. Null Prozent heißt nur: Der Stoff liegt unterhalb der Nachweisgrenze. Genauso wenig, wie bleifreies Benzin bleifrei oder alkoholfreies Bier alkoholfrei ist (man kann sich mit alkoholfreiem Bier betrinken; in Saudi-Arabien hat es deswegen schon Prozesse vor Gericht gegeben), kann man von pestizidfreier Marmelade oder rückstandsloser Bohnensuppe sprechen. Mit einer Null-Prozent-Forderung machen wir uns damit zu Sklaven der chemischen und physikalischen Analysemethoden, die täglich ausgefeilter werden und mittlerweile den Nachweis auch mikroskopisch kleiner Mengen aller möglichen Substanzen erlauben, die früher als „nicht vorhanden“ angesehen worden wären.

Würden Himbeeren künstlich hergestellt, müssten sie laut deutschem Lebensmittelrecht verboten werden.

Anfang der 1960er-Jahre war man in der Lage, Messungen im ppm-Bereich durchzuführen, also eine zu untersuchende Substanz in ihre Millionsten Teile zu zerlegen, etwa ein Milligramm eines Pflanzenschutzmittels in einem Kilo Rindfleisch zu entdecken. Lag die Konzentration darunter, wurde sie auf Null gesetzt. Bis zu den 80er-Jahren wurden die Analyseverfahren um den Faktor 1000 feiner; jetzt konnten schon Konzentrationen von 1:1 Milliarde nachgewiesen werden. Vorher nicht vorhandene Schadstoffe begannen, in den Schlagzeilen der Zeitungen den Menschen Angst zu machen. So konnten z. B. mit Hilfe moderner Analyseverfahren in Himbeeren die folgenden natürlich produzierten Chemikalien nachgewiesen werden: 34 verschiedene Aldehyde und Ketone, 32 verschiedene Alkohole, 20 verschiedene Ester, 14 verschiedene Säuren, 3 Kohlenwasserstoffe und 7 Verbindungen anderer Stoffklassen, darunter das für die Leber gefährliche Cumarin. Würden Himbeeren, statt in der Natur zu wachsen, künstlich hergestellt, müssten sie laut deutschem Lebensmittelrecht verboten werden. Und heute hat sich die analytische Nachweisbarkeitsgrenze bis zu einem Trillionstel Gramm verschoben. Ein im Starnberger See aufgelöster Zuckerwürfel wäre inzwischen ohne Zweifel nachzuweisen.

Von dieser Nachweisproblematik abgesehen ist die Null-Risiko-Strategie aber auch theoretisch kaum zu begründen. Denn nur allzu häufig treibt uns das Vermeiden des einen Risikos einem anderen überhaupt erst in die Arme. Wir trinken Fruchtsaft, denn das bringt Vitamine, und verätzen uns dabei die Zähne. Wir vermeiden Hallenbäder, weil das Chlor im Wasser unseren Lungen schadet, und vergiften uns an Blaualgen im Baggersee. Wir installieren einen Trinkwasserfilter in der Küche, um Blei und Kupfer von uns fernzuhalten, und installieren damit eine Brutstätte für Keime. Oder wir lassen Schulgebäude von Asbest befreien, und treiben die Schüler dadurch Tausenden von anderen Gefahren in die Arme. Die Zeitschrift Science hat für die USA errechnet, dass dort höchstens ein Mensch von 10 Millionen jährlich durch erhöhte Asbestbelastung in den Schulen stirbt. Dagegen kommen unter 10 Millionen Schülern mehr als 300 jährlich als Fußgänger durch Verkehrsunfälle um. Science schließt daraus, dass die durch die Asbestsanierung der Schulgebäude oktroyierten Zwangsferien weit mehr Schülern das Leben gekostet haben, als durch Asbest auch unter schlimmsten Annahmen jemals zu befürchten gewesen wäre.

Das Abwägen von Risiken ist eine in modernen Industriegesellschaften nicht sehr häufig geübte Tugend. Wir würden gerne A haben, ohne B zu missen, wollen lange leben, ohne alt zu werden, die Segnungen des Fortschritts genießen, ohne einen Preis dafür zu zahlen. Wir betrachten es als selbstverständlich, vor den Risiken des Verhungerns oder Erfrierens geschützt zu sein, und geraten in Panik wegen der Mini-Gefahren, die bei der Gewährleistung dieses Schutzes entstehen. Wir denken kaum noch über die gewaltigen Errungenschaften des modernen Verkehrs- und Transportwesens nach, wenn wir heute innerhalb eines Tages von unserer Haustür aus jeden anderen Punkt der Welt erreichen, machen uns aber in die Hosen wegen der dabei auftretenden Gefahren, die jene Gefahren, denen sich Weltreisende wie Kolumbus oder Magellan gegenübersahen, bei weitem nicht erreichen. Wir verlangen nach Heilung von Krebs und Herzkrankheiten, nach Medikamenten gegen Bluthochdruck und Kreislaufschwäche, Diabetes, Zahnschmerzen und Alzheimer, aber wenn wir den Beipackzettel lesen, wollen wir die aufgeführten Nebenwirkungen nicht ertragen.

Die in vielen deutschen Medien zelebrierten Gefahren, die uns tatsächlich oder auch nur vermeintlich bedrohen, wären unseren Vorfahren wie Verheißungen erschienen. Die Beschäftigung damit ist ein Luxus, den sich nur reiche Europäer leisten können, die sich um sauberes Trinkwasser, vernünftige Schulen für ihre Kinder und eine trockene und im Winter geheizte Wohnung nicht mehr kümmern müssen. Nur ein Gemeinwesen, das Hungersnöte und Seuchen, Analphabetismus, Kriegsgefahr und Wohnungsnot erfolgreich überwunden hat, kann sich gut bezahlte Soziologen leisten, die dicke Bücher über Strahlenrisiken verfassen, kann Milliarden von Euro für die Reduktion von Lärm an Autobahnen, die Asbestsanierung von Schulturnhallen, das unnötige Keulen unschuldiger Kühe oder den Auf- und Abbau ungenutzter Atomkraftwerke ausgeben, die in einem weniger reichen Land für solche Zwecke niemals zur Verfügung stünden.

Die Wartezimmer unserer Ärzte sind voll von eingebildeten Umweltkranken, die nur deshalb, weil sie viel Zeit und Geld und Muße haben, dem Hobby der Hypochondrie frönen können. Wie viele Menschen, die über Amalgam in ihren Zähnen klagen, findet man in Bangladesh? Wie viele Patienten, die meinen, holzschutzmittelvergiftet zu sein, sieht ein Landarzt in der hinteren Türkei? Solche Wehwehchen können nur Menschen entwickeln, die sich um die elementaren Überlebensbedürfnisse nicht mehr kümmern müssen. Wenn unsere Medien im Sommer den alljährlichen Ozon-Alarm auslösen, leiden auch solche Menschen unter ozontypischen Symptomen wie Augenreizung, Schluckbeschwerden, Kopfschmerzen und Atemnot, die in Gegenden mit völlig normalen Ozonwerten wohnen; sie kopieren unbewusst und ohne es zu wollen die Symptome, die in den Medien verbreitet werden (ein in der Medizin als „negativer Placebo-Effekt“ bekanntes Phänomen). Als eine Tübinger Ärztin in den 80er-Jahren eine Reihe nicht näher genannter Krankheitssymptome an sich verspürte und in einer sensationellen Report-Fernsehsendung dafür ein Insektizid verantwortlich machte, meldeten sich kurz darauf über 150 Betroffene mit ähnlichen Symptomen. Diese Episode ist auch als „Tübinger Krankheit“ in die Annalen der Medizingeschichte eingegangen. Nachdem die Ärztin aus Tübingen weggezogen war, trat auch die Tübinger Krankheit nicht mehr auf.

Wie viele Menschen, die über Amalgam in ihren Zähnen klagen, findet man in Bangladesh?

Statt „Tübinger Krankheit“ kann man auch „die deutsche Krankheit“ sagen. Wir sind Zeugen einer beispiellosen Desinformationskampagne, die unsere Umwelt kaputtredet, unsere Gesundheit als ständig gefährdet ansieht und ein ganzes Volk zu Opfern des Fortschritts, zu Kranken und Hilfsbedürftigen zu machen sucht. Nirgendwo auf der Welt ist die Angst vor gentechnisch veränderten Pflanzen und daraus gewonnenen Lebensmitteln größer als in Deutschland. Laut Umfragen sind nur 30 Prozent der deutschen Konsumenten bereit, Produkte zu kaufen, die gentechnisch gegen Insektenbefall geschützt sind, nicht reflektierend, dass sie selbst, dass alles, was wir essen oder trinken, das Ergebnis eines riesigen gentechnischen Experimentes ist, das vor Hunderten Millionen Jahren in der Ursuppe der Weltmeere begonnen hat.

„Angst essen Seele auf“, sagt eine Figur in dem gleichnamigen Film von Rainer Werner Faßbinder. Bei vielen frisst sie vorher den Verstand.