10.06.2013

Occupy: Die Verstarbuckisierung des Protests

Von Brendan O’Neill

Brendan O’Neill, Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazins Spiked, erklärt, wieso sich die Demonstranten in der Türkei keinen Gefallen damit tun, das Occupy-Label für ihren Protest zu proklamieren. Die Occupy-Bewegung steht für eine neue Form westlichen Kulturimperialismus.

Die Occupy-Bewegung ist durch folgende Ironie gekennzeichnet: Einerseits verabscheuen die Betreiber die Globalisierung und kritisieren den Kapitalismus dafür, dass er weltweit zu gleichförmigen Lebensbedingungen führt. Andererseits wirkt die Bewegung mittlerweile selbst als globalisierende Kraft, die den jeweils lokalen Protesten den individuellen Charakter nimmt und Einförmigkeit verbreitet.

Die Occupy-Bewegung ist das Starbucks radikaler Politik. Sie verschlingt die lokalen Konflikte und Aufstände, nur um sie dann in abgewandelter Occupy-Form wieder auszuspucken. Neben Occupy Athen, Occupy Melbourne, Occupy Dublin gibt es jetzt auch noch Occupy Taksim-Platz im türkischen Istanbul: Mit ihrer weltweiten Expansion, vor der selbst erfolgreiche Konzernchefs erblassen, haben die reichen weißen Kids der ursprünglich westlichen Occupy-Bewegung eine Situation geschaffen, in der sich praktisch jeder radikale Aufstand weltweit als Occupy-Franchise und damit als Abkömmling dieses politischen Monolithen gerieren muss. 

„Statt die politischen Besonderheiten des brisanten historischen Augenblicks zu analysieren, ergehen sich auswärtige Beobachter lieber im bloßen Spiel mit Namen“

Die Türkei ist ein gutes Beispiel dafür, wie allgegenwärtig das Occupy-Label mittlerweile ist. Die überwiegend von jungen und urbanen Mittelschichtsangehörigen aus Istanbul und anderen türkischen Städten getragenen Aufstände haben viele Ursachen. Zunächst ging es bei dem Konflikt wohl nur um einen relativ unbedeutenden Protest, mit dem man die Bebauung des Gezi-Parks boykottieren wollte. Die harte Reaktion der Autoritäten auf die Proteste und die heftigen Ausschreitungen zwischen Protestlern und Ordnungskräften zeigen jedoch, dass es in der Türkei um weitaus mehr geht als nur um einen Park. Die Aufstände offenbaren tiefe Kluften in der modernen türkischen Gesellschaft, insbesondere zwischen der moderat-islamistischen Regierung und der laizistischen Jugend sowie der städtischen und ländlichen Bevölkerung. Statt aber die politischen Besonderheiten dieses für die moderne Türkei brisanten historischen Augenblicks zu analysieren, die ja den Nährboden für die Aufstände liefern, ergehen sich auswärtige Beobachter lieber im bloßen Spiel mit Namen und versehen die Proteste mit dem Label „Occupy“, so eine treffende Analyse des amerikanische Magazins Foreign Policy.

Der kritische Hinweis von Foreign Policy auf das „Name Game“ türkischer und ausländischer Beobachter ist durchaus gerechtfertigt. Selbst Präsident Abdullah Gül spielte mit und insistierte, die Proteste entsprächen „eher der Occupy-Bewegung als dem arabischen Frühling“. Laut Foreign Policy lassen sich die türkischen Proteste jedoch nicht einfach in eine politische Schublade stecken und mit einem vorgefertigten radikalen Label abstempeln. Vielmehr sei die Dynamik der Proteste kennzeichnend für die gegenwärtige gesellschaftliche Situation in der Türkei – oder sie könnten eine solche Dynamik entwickeln, wenn man es zulassen würde. Das Magazin widerspricht denjenigen, die behaupten, dass die türkischen Proteste dem „Mai 1968“ in Frankreich ähneln, sowie jenen die von einem „türkischen Frühling“ oder von einer „Rückkehr der Occupy-Bewegung“ sprechen. Aber der Erfolg der letzteren im Name-Game um die Bezeichnung der Proteste in der Türkei – als „Occupy Istanbul“ bleibt erstaunlich.

„Die Protestler ahmen die Occupy-Bewegung immer bewusster nach“

Nicht nur Präsident Gül – der ein Verständnis der Proteste als „türkischer Frühling“ analog zu den Ereignissen in Ägypten vehement ablehnt – behauptet andererseits, der türkische Aufruhr ähnele den Occupy-Protestaktionen. Immer mehr Medienbeobachter und Protestler sehen in den Aufständen „eine weitere Occupy-Bewegung“. Türkische Zeitungen berichten von „Occupy Taksim“ oder „Occupy Istanbul“. Westliche Beobachter verkünden, die Begegnung mit den Protestlern hätte sie sofort an die Occupy Wall Street Bewegung von 2011 erinnert (die erste echte Occupy-Aktion). Und es ist durchaus nicht überraschend, wenn dieser Zusammenhang hergestellt wird, denn die Protestler selbst ahmen Wall Street Occupy und deren Nachfolger immer bewusster nach. Sie bauen „Zeltstädte“ mit Outreach-Einsatzorten, Beratungsstellen und LGBT-Zonen auf und werben für das Verweilen auf dem Taksim Platz, denn allein damit könne man Standhaftigkeit gegenüber der Obrigkeit beweisen und letztlich zum Erfolg kommen: Eine eindeutige Parallele zur Occupy-Bewegung.

Seit der ersten richtigen Occupy-Aktion auf der Wall Street vereinnahmt das Occupy-Label mit bemerkenswertem Erfolg praktisch jede Art von Aufstand. Initiiert wurde die Bewegung von dem hochnäsigen anti-kapitalistischen Magazin Adbusters, das in den westlichen Konsumgesellschaften eine verachtenswerte Armee gieriger Zombies sieht. Occupy-Wallstreet erklärte in der Anfangsphase 2011: „Was ist unser einzige Forderung? Nehmt die Wall Street in Beschlag. Bringt eure Zelte“. Und der gleiche Mangel an politischer Artikulation bei gleichzeitiger Überschätzung der Bedeutung des Kampierens als Zeichen der Rebellion infiziert jetzt andere Protestbewegungen weltweit. Selbst solche Aufstände, die bereits vor Occupy-Wallstreet da waren – etwa die Aufstände in Ägypten und die Indignados Bewegung in Spanien – haben die Sichtweise und Sprache von Occupy übernommen und nennen sich mittlerweile Occupy Tahrir Platz und Occupy Madrid. Auch zahllose andere Protestaktionen – vom Aufstand gegen die Euro-Sparpolitik bis hin zur Rebellion der arabischen Bevölkerung gegen ihre Diktatoren – verleugnen ihren eigenen Charakter und reihen sich stattdessen in die gestaltlose Occupy-Bewegung ein. Westliche Unterstützer der Occupy-Bewegung behaupten, Proteste wie die Ausschreitungen in London und die Tumulte in Ägypten würden sich nicht in der Sache selbst, sondern lediglich graduell unterscheiden. Das ist ganz offensichtlich absurd. Die verschiedenen Protestaktionen überall in der Welt sind durch zahllose charakteristische Unterschiede, große Gedankenvielfalt und die verschiedensten Intentionen gekennzeichnet. Aber Occupy als politische Ausgabe von McDonalds ist mit dem Gedanken der Vielfalt offenbar nicht vereinbar und muss daher alles zwanghaft vereinheitlichen.

Wie konnte es dazu kommen? Zum Teil zeugt Occupy von einer intellektuellen Krise des radikalen Denkens in der heutigen Zeit. Die Protestler können nicht mehr definieren, wofür sie eigentlich eintreten oder in was für einer Gesellschaft sie gerne leben würden, und verlassen sich daher lieber auf vorgefertigte Labels, um ihren Frust abzulassen. „Wir sind ein Teil von Occupy“, behaupten sie, „dafür stehen wir ein“. Und zum Teil spricht Occupy viele Protestgruppen an, die es natürlich auch ernst genommen werden wollen. Das Auffälligste an der westlichen Occupy-Bewegung ist ihre Beliebtheit bei der Elite – bei den Medien, der Kirche und sogar bei bestimmten Politikern. Einige ausländische Protestgruppen streben nach Ansehen im Westen, weil sie darauf hoffen, westliche Politiker und Beobachter könnten ihren Einfluss geltend machen, um sie in ihrem lokalen Kampf mit dem Tyrannen oder der korrupten Polizei zu unterstützen. Daher meinen sie, wenn sie sich bei Occupy einreihen, würden sie in der Gunst der Amerikaner deutlich höher stehen. 

„Die unaufhaltsame Verbreitung des von wohlhabenden, konsumfeindlichen Westlern erdachten Labels verweist eher auf einen neuen Kulturimperialismus denn auf eine universelle Solidarität mit den Menschen anderer Länder“

Occupy selbst behauptet, die Verbreitung des Labels beruhe auf Solidarität oder gar einer Form des Universalismus. Tatsächlich jedoch bedeutet Solidarität nicht, dass man jede radikale Bewegung der gleichen Denkrichtung und Handlungsweise zuordnen muss. Die unaufhaltsame Verbreitung dieses von wohlhabenden, konsumfeindlichen Westlern erdachten Labels scheint doch eher auf eine neue Form des Kulturimperialismus denn auf eine universelle Solidarität mit den Menschen anderer Länder zu verweisen. Die Entwicklung von Occupy zu einem globalen Label wirkt tatsächlich sehr zersetzend auf radikale Protestbewegungen. Vor allem verhindert sie ein grundsätzlich eigenes Nachdenken und die deutliche Definition der eigenen Überzeugungen und Ziele und verleitet stattdessen vielmehr dazu, diese zu verleugnen und sich stattdessen den Occupy-Hut aufzusetzen. Außerdem konzentrieren sich die Protestgruppen viel zu sehr darauf, den einflussreichen Occupy-Sympathisanten im Westen und den Medien zu gefallen. Stattdessen sollten sie lieber bei der Bevölkerung ihres jeweiligen Landes um Unterstützung werben. Die aggressive Ausbreitung des Occupy-Labels à la Starbucks behindert die beiden wichtigsten Elemente einer jeden Protestbewegung – nämlich ein deutliches Verständnis der eigenen Ziele und den Kampf um die Unterstützung der Bevölkerung vor Ort.