14.12.2010

Novo als Hort der Leugner, oder: „Haltet den Dieb!“

Von Christoph Lövenich

Stehen Autoren von Artikeln und Leserbriefen in Novo auf einer Stufe mit Evolutions- und gar mit Holocaustleugnern?

Stehen Autoren von Artikeln und Leserbriefen in Novo auf einer Stufe mit Evolutions- und gar mit Holocaustleugnern? Genau das scheint ein Artikel von Martina Pötschke-Langer, Leiterin des tatsächlich so benannten „WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle“, und einer ihrer Mitarbeiterinnen zu behaupten, der in diesem Jahr in einer Gesundheitszeitschrift erschien. Dort ist vom einem „‘Denialism‘“ die Rede, der sich gegen die „Tabakprävention“ richtet. Es geht also um ‚Leugnung‘. Den Heidelberger Damen zufolge handelt es sich bei diesem ‚Denialism‘ um „eine rhetorische Argumentation unter dem Anschein einer legitimen Debatte mit dem Ziel, Erkenntnisse zu¬rückzuweisen, die als wissenschaftlich bestätigt gelten“. ‚Denialisten‘ finden also Debatten über vermeintliche Wahrheiten und das Beziehen von Gegenpositionen legitim.


Als Beispiele hierfür werden ein Novo-Beitrag von Günter Ropohl sowie ein Leserbrief von Werner Paul (Novo99, 3-4 2009, S. 49-50), u.a. Betreiber einer interessanten Website zum Passivrauchen und langjähriger Kritiker von Pötschke-Langer, zitiert. Vorher heißt es: „Beispiele aus anderen Bereichen sind die Holocaustleugnung und die Evolutionsleugnung“.


Welcher schlimmen Behauptungen haben sich die beiden Angeklagten also schuldig gemacht? Paul wird mit der These referiert, über 80 Prozent der epidemiologischen Studienergebnisse seien „möglicherweise korrumpiert“ und gilt den Autoren daher als übler Verschwörungstheoretiker. Diese Aussage stammt übrigens vom amerikanischen Statistikprofessor Stanley Young und bezieht sich nicht spezifisch auf Tabak. Young hat sogar für die Pharmaindustrie gearbeitet, die bekanntlich Anti-Tabak-Maßnahmen und -studien mitfinanziert. Ropohl wird in den Augen der Autorinnen zum ‚Denialisten‘, weil er kritisiert, wenn „Gesundheitsobsessionen einer fundamentalistischen Minderheit zum allgemeinen Gesetz erhoben werden“ sollen.


Nun mag es empören, dass man die beiden Herren deshalb in dreister Weise in einem Atemzug mit Holocaust- und Evolutionsleugnern nennt. Zu überraschen vermag es jedoch nicht. Wie Frank Furedi in Novo schrieb, bezogen auf ‚Klimaleugner‘, deren „Benehmen mit dem antisemitischer Holocaustleugner gleichgesetzt“ wird und weit darüber hinaus: „Diejenigen, die die vorherrschenden kulturellen Glaubensgrundsätze hinterfragen, werden nicht selten wie unmoralische oder schlechte Menschen behandelt. Ihre Vorstellungen werden als eine moderne Form der Häresie dargestellt. […] Wer herkömmliche Wahrheiten infrage stellt, wird als ‚Leugner‘ bezeichnet, und die Leugnung gilt allzu häufig als eine kriminelle Tat, die bestraft werden muss.“


Bei der Vereinigung „Pro Rauchfrei“, die als besonders militant gilt, fordert ein Internetuser folgerichtig (wenn auch mit eigenwilliger Interpunktion), „Passivrauchleugner ebenso zu verfolgen und hart zu bestrafen, wie Holocaustleugner“, jedenfalls sollen sie, wie anderswo im Netz zu lesen, „schreibverbot bekommen“ (was sich wohl nicht nur auf Großschreibung beziehen soll).


Etwas zurückhaltender verhält sich da der Hauptverbreiter des ‚Passivrauchleugner‘-Etiketts im deutschsprachigen Raum, Joseph Kuhn . Dieser hat in Novo einen Leserbrief platzieren können und scheute sich auch nicht vor einer Debatte in den Online-Kommentaren zu einem Novo-Artikel . Statt sich allerdings damit zu begnügen, mit anderen auf Augenhöhe wissenschaftlich zu diskutieren, wie es einer freien Gesellschaft würdig ist, beharrt er darauf, dass Auffassungen zum Passivrauchen, die von seiner abweichen (etwa die Günter Ropohls), in der Öffentlichkeit nicht als Wissenschaft akzeptiert werden dürften. Nun ist er, mit einigen Kollegen am bayerischen Landesamt für Gesundheit, genauso wie die oben erwähnten Holocaustleugner-Vergleicherinnen Mons und Pötschke-Langer Teil der deutschen Tabakkontroll-Community und hat auf deren Jahrestreffen in Heidelberg jetzt gerade einen Vortrag über „Denialismus“ gehalten. Pötschke-Langer kann als deutsche Anti-Tabak-Päpstin kein Muster an Objektivität sein, ihr WHO-Kollaborationszentrum dient keinen wissenschaftlichen, sondern lobbyistischen Zwecken, und auch Kuhn publiziert wissenschaftlich eingekleidete Begleitmusik zur Tabak-Regulierung. Wenn er „pseudowissenschaftliche Argumentationen im Dienste außerwissenschaftlicher Interessen“ beklagt, so sitzt er im Glashaus. Wir wissen, wer am lautesten „Haltet den Dieb!“ schreit und warum.


Offenbar werden die ‚Denialisten‘ in Deutschland und anderswo zum Risiko, ihre Stimmen zu laut. Sogar die Autorinnen des „Passivrauchleugner = Holocaustleugner‘-Artikels müssen zugeben, dass immer mehr Kritik an ihren Behauptungen von Personen und Einrichtungen kommt, die mit der Tabakindustrie nichts zu haben.


Dazu passend wiederum Furedi: „Die Argumentationslinien der Moralapostel legen nahe, dass das Leugnen die gleiche Funktion erfüllt wie die Ideen, die von der Religion einst als sündig oder gefährlich eingestuft wurden. […] Die heutigen Inquisitoren […] bestehen darauf, dass die Unterdrückung anderer Meinungen ein Ausdruck verantwortungsbewussten Verhaltens sei, da die Öffentlichkeit vor dem Unglauben geschützt werden müsse.“ Das Leugnen in seiner ursprünglichen Bedeutung und im besten Sinne zeichnet hingegen den kritischen Geist aus.


Nur Scheiterhaufen gibt es heute nicht mehr in ihrer klassischen Form. Sie würden zu viel Passivrauch verbreiten.