17.11.2009

Neues aus Hessisch-Auenland

Von Johannes Richardt

Die scheinbar unendliche Posse über den Ausbau der A44 wäre amüsant, ginge es nicht um das wirtschaftliche Überleben von Nordhessen.

Wenn das Licht stimmt, also vor allem an einigen ausgesuchten Tagen im Spätsommer, hat meine nordosthessische Heimat ein wenig vom Auenland aus J.R.R. Tolkiens Weltbestseller „Der Herr der Ringe“. Sanfte Hügel, verwunschene Wälder, grüne Wiesen, goldenes Getreide, das sich freundlich im Wind wiegt, und dazu eine gutmütig lächelnde Sonne, die die heimelige Landschaft in einen goldenen Schleier idyllischster Behaglichkeit hüllt. Auch der Eingang zur Anderswelt der Frau Holle – bekannt aus Grimms Märchen – soll dort auf dem Hohen Meißner zu finden sein.

Fürwahr ein romantisches Fleckchen Erde, dieses Nordosthessen! Und wirtschaftlich leider ziemlich am Boden: Ein Unternehmen nach dem anderen wandert ab oder schließt für immer die Tore. Langsam veröden die Innenstädte. In den Dörfern verfallen zunehmend leer stehende Häuser und immer mehr Bewohner – auch solche, die eigentlich bleiben wollen – suchen aus Mangel an Jobperspektiven ihr berufliches Glück irgendwo anders in der Welt. Man hat sich im Laufe der Jahre so sehr an die nicht abreißende Schwemme ökonomischen Hiobsbotschaften aus der strukturschwachen Mitte Deutschlands gewöhnt, dass inzwischen sogar die kleinste positive Meldung einen freudig überrascht aufhorchen lässt. 

Solch eine gute Nachricht drang vor wenigen Tagen an mein Ohr. In meiner ökonomisch arg gebeutelten Heimat darf nach jahrelangem Baustopp laut Gerichtsbeschluss ein Abschnitt der A44 zwischen Kassel und dem thüringischen Eisenach nahe dem kleinen Städtchen Hessisch-Lichtenau weiter gebaut werden. „Oh Wunder! Es geht vorwärts. Endlich können die Bagger wieder rollen“, dachte ich mir, der diesbezüglich doch bereits alle Hoffnung hatte fahren lassen. Für alle Nicht-Nordhessen: Die 67 km (!) lange Autobahn wurde bereits 1993 (!), also vor 16 (!) Jahren geplant. Seither wurden allerdings erst sage und schreibe 4,37 km (!) der Autobahn fertig gestellt.

Das kleine 500-Seelen Dörfchen Walburg verfügt jetzt immerhin über eine der am besten ausgebauten Dorfumgehungsstraßen dieser Republik; mit sechs Spuren, einem ganztags beleuchteten Tunnel und einem elektronischen Verkehrsleitsystem. Ansonsten ist aber reichlich wenig passiert. „Wie kann das sein?“, mag man sich fragen. Eigentlich sollte es doch jedem halbwegs einsichtigen Menschen sofort einleuchten, dass ein Autobahnneubau –gleichwohl kein ökonomisches Wundermittel – gerade für eine wirtschaftsschwache Region ohne nennenswerte infrastrukturelle Anbindung an die Hauptverkehrsadern durchaus positive Wachstumsimpuls generieren kann und deshalb im Sinne der Bevölkerung ist.

Wie sich der eine oder andere vielleicht schon gedacht hat, sehen diverse Umweltschutzverbände, allen voran der BUND, die Sache ein wenig anders. Seit Anfang der 90er-Jahre sabotieren sie mit immer bizarrer anmutenden Klagen und offensichtlich recht erfolgreich dieses für den Werra-Meißner-Kreis so ungemein wichtige Infrastrukturprojekt. Im Namen einer als Naturliebe getarnten fortschrittsfeindlichen Misanthropie, die allen Errungenschaften unserer technischen Zivilisation zutiefst misstraut, mobilisieren sie vor Gericht immer wieder aufs neue vorgeblich schützenswerte Naturgüter, von denen zuvor nicht einmal Einheimische je etwas gehört hat. Mal ist die Pfeiffengraswiese besonders schützenswert, einmal der Ameisenbläuling, dann wieder die Kalktupfquelle usw. usw. Kein Tier oder Gewächs ist den Wald-und-Wiesen-Robin-Hoods des BUND exotisch genug, um den Autobahnbau immer wieder aufs Neue zu blockieren.

Soviel ist klar: Weder die Interessen der vom Durchgangsverkehr der hiesigen Bundesstraßen geplagten Dorfbewohner, die sich durch den Autobahnbau Lärm- und Abgasentlastung versprechen, spielen für die Naturfreunde des BUND eine Rolle, noch die Hoffnungen auf wirtschaftliches Wachstum vieler Menschen durch die verbesserte Verkehrsanbindung. Vor allem auch durch die hohen Umweltauflagen und die permanenten Baustopps gelten die 67 km zwischen Kassel und Eisenach mit 1,4 Mrd. Euro Kosten inzwischen als die teuerste Autobahn der Welt. Immerhin rollen die Bagger jetzt erst einmal wieder, und das hessische Wirtschaftsministerium hat vor kurzem das hoffnungsfrohe Ziel gesetzt, die Autobahn bis zum Jahr 2016 fertig stellen zu wollen.

Wenn allerdings in der bisherigen Geschwindigkeit weitergebaut und geklagt wird, wäre die 67km lange A44 meinen Berechnungen zu Folge tatsächlich erst im Jahr 2187 fertig gestellt. Meine nordhessische Heimat wäre bis dahin wahrscheinlich endgültig deindustrialisiert, wirtschaftlich völlig am Ende und weitestgehend entvölkert. Sie hätte dann wahrscheinlich eine noch größere Ähnlichkeit mit Tolkiens märchenhaftem Auenland, als dies ohnehin bereits der Fall ist. Ob solche eine Entwicklung für die Bewohner Nordosthessens allerdings begrüßenswert wäre, sei einmal dahingestellt. Das Leben ist kein romantischer Fantasieroman, und die Bewohner Nordosthessens sind keine Hobbits. Vielleicht sollte das endlich mal jemand den Herrschaften vom BUND sagen.