01.07.2004

Neue olympische Disziplinen: Weitfürchten und Dauerschwarzsehen

Kommentar von Josie Appleton

Vom olympischen Geist ist in den Diskussionen rund um die Olympischen Spiele in Athen im August nicht viel zu spüren.

Ursprüngliches Ziel der Spiele waren eigentlich das Erbringen sportlicher Höchstleistungen sowie die Völkerverständigung. Heute gewinnt man jedoch immer mehr den Eindruck, es ginge darum, einen Katastrophenfilm zu inszenieren. Die olympischen Anlagen in Athen würden nicht fertig, Terroristen planten Anschläge und Smog vergifte alles. Der griechische Minister für Kultur, Evangelos Venizelos, beschwerte sich denn auch darüber, dass künstlich Bedrohungsszenarien herbeigeredet würden.

Die Befürchtung, Terroristen könnten die Spiele angreifen, ist nicht neu. Griechenland hat eine Milliarde Euro für Sicherheitsmaßnahmen ausgegeben. Über 50.000 Sicherheitskräfte, darunter 16.000 Soldaten, werden die Landesgrenzen und Athen bewachen. Griechische und amerikanische Truppen führten unter dem Codenamen „Schild des Herkules“ ein dreiwöchiges Manöver durch mit dem Ziel, auf Szenarien wie den Angriff mit einer „schmutzigen Bombe“ oder auf Entführungen vorbereitet zu sein. Die Hafenstadt Piräus, in der Besucher der Spiele auf Kreuzfahrtschiffen untergebracht sein werden, wird in eine Festung verwandelt. Ganz Athen wird zur Flugverbotszone erklärt werden, für Notfälle warten US-Truppen vor der Küste auf ihren Einsatzbefehl, und auch die Nato steht Gewehr bei Fuß, falls die griechische Regierung sie um Unterstützung bittet.

Je mehr sich Griechenland auf die Spiele vorbereitet, umso mehr wachsen die Bedenken. Reporter durchstreifen das Land auf der Suche nach Sicherheitslücken. Eine Journalistin berichtete, es sei ihr gelungen, ungehindert auf Baustellen zu gelangen, und sie merkte an, Sicherheitsfachleute befürchteten, dass Terroristen dort Bomben verstecken könnten.[1] Andere Sorgen gelten Griechenlands allzu durchlässigen Grenzen, im Norden zu Albanien und Mazedonien, im Süden zu den zahllosen Inseln.

Auch Sportler sorgen sich um ihre Sicherheit. Die Tennisspielerin Serena Williams erklärte im März, sie wolle möglicherweise die Spiele auslassen: „Meine Sicherheit und mein Leben sind wir etwas wichtiger als Tennis.“[2] Die amerikanische Regierung hat ihre Sportler davor gewarnt, außerhalb des Olympischen Dorfs ihre Landesfarben zu tragen, da sie sonst zum Ziel von Anschlägen werden könnten. Britische Offizielle sind über die griechischen Sicherheitsstandards scheinbar so besorgt, dass sie erwägen, selbst Scharfschützen zu entsenden, um britische Sportler zu schützen.[3]

Das ganze Gerede macht die Sache nicht besser. Terroristen wollen Angst und Schrecken erregen. Wenn sie wissen, dass die ganze Welt ängstlich auf einen Ort starrt, erhöht sich für sie der Anreiz, eben dort zuzuschlagen, ungeheuer. In der Tat detonierten in den letzten Wochen immer wieder kleinere Sprengsätze in Athen und Umgebung. Die ganze Stadt mit schwer bewaffneten Agenten aus aller Welt zu bevölkern, wäre dennoch der sichere Weg in die Katastrophe. Ein Sprecher des griechischen Innenministeriums erklärte denn auch: „Wir werden es nicht zulassen, dass ausländische bewaffnete Sicherheitskräfte die Sportler bewachen. An den Spielen nehmen 202 Länder teil, und Sie können sich vorstellen, was geschähe, wenn wir aus all diesen Ländern bewaffnete Sicherheitskräfte hier hätten.“[4]

Eine weitere Sorge war, dass die Sportstätten nicht rechtzeitig fertig würden. Im April flog ein Ingenieur im Auftrag der britischen Tageszeitung Times nach Griechenland, um die Bauarbeiten zu bewerten. „Das wird eng“, sagte Norman Train, „sie sollten schon zu einem Drittel fertig sein, haben aber weniger als ein Viertel geschafft. Ich denke nicht, dass sie rechtzeitig fertig werden.“ Und man warf den Griechen Nachlässigkeit vor: „Trotz der Dringlichkeit wurde auf den Baustellen gar nicht oder nur wenig gearbeitet.“[5]

„Die größte Sportveranstaltung der Welt könnte leicht zu einem Wettkampf der Sorgen werden, bei dem die sportlichen Leistungen in den Hintergrund treten und man am Ende nur noch froh ist, alles heil überstanden zu haben.“

Auch Sportler sorgten sich darüber, dass dem Standard nicht genügende Sportstätten ihre Leistungen beeinträchtigen könnten. Auf das Dach der Schwimmhalle wurde aus Zeitgründen verzichtet – die Schwimmer werden sich gegen Sonnenbrand eincremen müssen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) versuchte sogar, sich gegen eine mögliche Absage der Spiele zu versichern. Zwar erklärte das IOC, dies bedeute nicht, man misstraue den Griechen; überzeugend klang das aber nicht. In Griechenland ist man verständlicherweise der Bedenken mittlerweile überdrüssig. Ein führender Vertreter des Athener Olympia-Organisationskomitee sagte kürzlich: „Sicher bringen wir Sachen gerne erst im letzten Moment zu Ende, aber wir bekommen es hin. Länder wie England und die USA sollten uns einfach nur machen lassen. Uns war von Anfang an klar, dass wir die gesamte Zeit benötigen würden.“[6]

Die Olympischen Spiele waren immer schon ein Ort der Zusammenarbeit, aber auch der Auseinandersetzung. Im alten Griechenland ruhten Kriege für die Zeit der Spiele. Die Spiele der Moderne, die 1896 begannen, sollten die internationale Zusammenarbeit und Verständigung fördern, sie waren aber immer auch ein Anlass, politische Gegnerschaft auszutragen. Besonders deutlich wurde dies während des Kalten Krieges, als die Spiele regelmäßig von Boykotten erschüttert wurden.

Heute hingegen geht es bei den Olympischen Spielen weder um internationale Zusammenarbeit noch um handfeste politische Reibereien. Stattdessen herrscht eine ängstliche, kleinmütige Stimmung vor; jeder ist nur um die eigene Sicherheit besorgt und will möglichst viel Schutz – sei es vor Terroristen, vor der Sonne oder vor dem Smog. Sehr olympisch ist das nicht. Die größte Sportveranstaltung der Welt könnte so leicht zu einem Wettkampf der Sorgen werden, bei dem die sportlichen Leistungen in den Hintergrund treten und man am Ende nur noch froh ist, alles heil überstanden zu haben.

Glücklicherweise gibt es auch Sportler, die sich um den Sport kümmern. Die britische Marathonläuferin Paula Radcliffe besichtigte die noch unfertige Strecke und meinte: „Es wäre schön, eine schon fertige Strecke sehen zu können, aber immerhin – es gibt eine Strecke. Im Moment konzentriere ich mich aufs Training und darauf, gut vorbereitet zu sein, gleich wie die Strecke dann genau aussieht.“[7] Würden es mehr Sportler so halten wie sie, wäre die Chance, dass die Spiele von Athen zum Erfolg werden, wesentlich größer.