01.11.2003

Nesthocker im Nimmerland

Essay von Frank Furedi

Frank Füredi über Erwachsene, die Kinder bleiben wollen.

Zum ersten Mal stieß ich vor einigen Jahren auf das Phänomen. Als ich einen Freund durch meine Universität führte, sahen wir eine Gruppe Studenten, die sich in der Uni-Kneipe die Teletubbies im Fernsehen anschauten.

Normalerweise hätte ich mir über junge Erwachsene, die für Kleinkinder-Fernsehen schwärmen, weiter keine Gedanken gemacht – wäre mir die Sendung nicht allzu vertraut gewesen, da mein damals zweijähriger Sohn die dumm-süßlichen Figuren liebte. Erst am Vorabend hatte ich erfolglos versucht, ihn von den Teletubbies loszueisen, indem ich auf anspruchsvollere visuelle Kost umschaltete. Es ging ganz und gar daneben. Jetzt hatte ich den Eindruck, dass derselbe Versuch auch bei diesen jungen Erwachsenen ähnlich vergeblich enden würde.

Nicht, dass alle 20- bis 30-Jährigen treue Teletubbies-Gucker wären. Dennoch halten es viele Studenten von heute eher mit den Vorschulsendungen aus ihrer Kindheit. Sie schwärmen von „Rappelkiste“ und „Barbapapas“. Wenn ich über den Kult, den junge Erwachsene um das Fernsehen ihrer Kindheit treiben, lästere, zuckt John Russell, ein 28-jähriger erfolgreicher Anwalt, hoffnungslos mit den Schultern. Er interessiert sich nicht für „Erwachsenensachen“. Stattdessen hängt er vor seiner PlayStation und gibt einen nicht geringen Teil seines Einkommens für Hi-Tech-Spielzeug aus.

Fred Simons und Oliver Bailer, beide Makler und Ende 20, spielen den lieben langen Tag Nintendo und sind sehr stolz darauf, dass sie sich seit ihrer Schulzeit nur wenig verändert haben. Die Designerin Helen Timerman (27) zeigt mir glücklich ihre Stofftiersammlung. Sie knuddelt sie gerne und glaubt, die kleinen, proper aufgereihten Tierchen gäben ihr Sicherheit und Geborgenheit.

Endlich treffe ich eine junge Frau, die gerne Erwachsenensachen macht. Kate Stevens, 27 und Lehrerin in den USA, berichtet mir, dass in San Francisco die meisten Männer ihres Alters, „wenn sie nicht gerade an sich selbst herumspielen, an ihren Spielsachen basteln. Erwachsene Männer sausen von der Arbeit nach Hause, um möglichst schnell am Computer spielen zu können. Später machen sie die Straßen dann auf ihren Tretrollern unsicher. Und wie sieht’s in London aus?“ fragt sie mich, fast schon ein wenig verzweifelt.

London ist ein Sammelpunkt für junge Erwachsene, die nichts lieber tun, als ihre Kindheit nachzuspielen. Woche für Woche kommen Tausende 20- bis 30-Jährige in Schuluniformen zur „School Disco“. Leute aus allen Schichten und Berufen – Ärzte, Programmierer, Frisöre und Anwälte – begeistern sich für diese Retro-Welle. Verkleidet gibt man vor, verbotene Dinge zu tun, und heimlich knutscht man in der Ecke. Im Februar 2002 war „School Disco Spring Term“ Nummer 1 der britischen Album-Charts.

„Früher war Nostalgie Sache der Großeltern. Sie schwärmten vom Wirtschaftswunder oder von der guten alten Zeit. Heute ist Nostalgie ein cooler Zeitvertreib für Menschen, die ihre Teenagerjahre gerade hinter sich gelassen haben.“

In New York kaufen 20- bis 40-Jährige die Waren ihrer Kindheit. Sie stehen vor der Magnolia Bakery Schlange nach gelben Napfkuchen mit Schokoglasur und Streuseln. Und in Dylan’s Candy Bar hängen sie vor Pez-Automaten. Die US-Werber Becky Ebenkamp und Jeff Odiorne bezeichnen diesen Trend als Peter-Pan-Dämonium, nach Peter Pan, dem Jungen, der nicht erwachsen werden wollte. „Menschen zwischen 20 und 40 suchen Halt und Geborgenheit durch den Kauf von Produkten, die sie an eine glücklichere, unschuldigere Zeit erinnern – ihre Kindheit“.[1]
Früher war Nostalgie Sache der Großeltern. Sie schwärmten vom Wirtschaftswunder oder von der guten alten Zeit. Heute ist Nostalgie ein cooler Zeitvertreib für Menschen, die ihre Teenagerjahre gerade hinter sich gelassen haben. Die gute alte Zeit wird heute vorwiegend mit den 70er-, 80er- oder sogar 90er-Jahren in Verbindung gebracht – der Erfolg entsprechender Retroformate im Fernsehen (in Deutschland die „70er-“, „80er-Jahre Show“ oder die DDR-Revival-Sendungen) zeigt, dass heute Menschen früher denn je rückwärts gewandt leben. Entsprechende Websites sind gleichermaßen erfolgreich, in Großbritannien „Friends Reunited“, in Deutschland beispielsweise die Freunde-Suchmaschine von Spiegel Online.
Es ist ein gutes Geschäft. Auf der Second Childhood Page können „Erwachsene kindlich sein, ohne kindisch zu sein. Denn wer sagt, dass wir unser Spielzeug beiseite legen müssen, nur weil wir erwachsen sind?“ Das Angebot an Barbie und Papierpuppen zielt auf „kidults“ (Kinderwachsene), die sich „bewusst für das Kind in sich entschieden“ haben.[2]

Ähnlich funktioniert die Marke „Purple Ronnie“, unter der Glückwunschkarten, Schlüsselringe und Poesiealben verkauft werden. Besonders beliebt sind Karten mit kindersprachlichen Wendungen und niedlichen Abbildungen. Die Zielgruppe sind Erwachsene, und das überrascht nicht: 2002 ergab eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Mintel, dass für 43 Prozent aller Briten zwischen 20 und 24 ein Kuscheltier das beste Valentinstagsgeschenk ist.

Viele Spielzeughersteller machen heute einen Großteil ihres Umsatzes mit Erwachsenen (die das Spielzeug nicht etwa Kindern schenken). Alte Figuren und Modelle werden wieder aufgelegt, seien sie aus Star Trek oder dem rosaroten Panther.[3]

Die Retrowelle ist kein bloß angloamerikanisches Phänomen. So ist „Hello Kitty“, ein weißes Kätzchen mit einer Blume oder einer roten Schleife, bei erwachsenen Japanerinnen äußerst beliebt. In japanischen Büros sieht man Kitty-Papier, in den Bars telefonieren Frauen mit ihren Kitty-Handys, und männlichen Kollegen, die Snoopy-Schlipse tragen, bieten sie aus ihren Kitty-Etuis eine Zigarette an.

Es gibt ein neues Marktsegment, das gleichermaßen zwei unterschiedliche Zielgruppen anvisiert: Kinder, die erwachsen werden wollen, und Erwachsene, die am liebsten Kinder wären. Im Computerspielebereich ist das bereits sehr deutlich, aber auch der Buchmarkt zieht nach. In der Zeitschrift Booklist heißt es: „Wir glauben, dass Erwachsene ... heute gerne qualitätsvolle Kinderbücher lesen.“[4] Der britische Verlag der Harry-Potter-Bücher hat Ausgaben speziell mit einem Cover für Erwachsene herausgebracht. Das war möglicherweise eine Fehlkalkulation. Erwachsenen ist es heute nicht mehr peinlich, bei der Lektüre eines Kinderbuchs in der U-Bahn gesehen zu werden.

„Lebte er heute in London, New York oder Tokio, hätte Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden wollte, wenig Grund, sich aus dem Staub zu machen.“

Am deutlichsten kommt dieser Mischmarkt in Film und Fernsehen zum Ausdruck. Das Cartoon Network ist bei 18- bis 34-Jährigen einer der beliebtesten Sender. Und bei Kinohits wie Shrek, Die Monster AG, Hennen rennen und Toy Story bestand ein nicht geringer Teil des Publikums aus Erwachsenen, die nicht in Begleitung von Kindern waren.

Lebte er heute in London, New York oder Tokio, hätte Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden wollte, wenig Grund, sich aus dem Staub zu machen. Dort, wo Manager auf Abenteuerspielplätzen tollen und sich mit Farbkugeln abballern, müssen kleine Jungs nicht fürchten, man dränge sie dazu, erwachsen zu werden. Nimmerland muss nicht mehr herbeigeträumt werden, es ist allgegenwärtig.

In „Peter Pan“ kehren alle verlorenen Jungen zu ihren Müttern zurück – das Erwachsenwerden kann nicht endlos hinausgeschoben werden. James M. Barrie, der Autor von Peter Pan, hatte einen starken Hang zur Kinderwelt. Eine Welt aber, in der man diejenigen hochhält, die sich weigern, erwachsen zu werden, hätte er sich nicht vorstellen können. In den 60er-Jahren sangen The Who „I hope I die before I get old“. Altwerden ist heute eine Frage des Lifestyles geworden. Warum also sterben, bevor man dort anlangt?

Die Gesellschaft wimmelt von verlorenen Jungen und Mädchen, die am Rande des Erwachsenseins herumlümmeln. Wie aber nennt man sie? Das Fehlen eines Begriffs für diese verkindlichten Erwachsenen zeigt, dass es sich um ein gespenstisches Phänomen handelt. Werber und Spielzeughersteller haben im Englischen für dieses Marktsegment den Ausdruck „kidult“ erfunden. Eine weitere englische Vokabel, „adultescent“ (etwa „heranerwachsend“), wird gelegentlich verwendet, um die 20- bis 35-Jährigen zu bezeichnen, die sich weigern, feste Bindungen einzugehen, ein erwachsenes Leben zu führen und lieber weiterfeiern wie früher.

Die „adultescents“ darf man dabei nicht verwechseln mit der Gruppe, die auch „middle youth“ (mitteljugendlich) genannt wird. Mitteljugendliche sind 35- bis 45-jährige, die sich für die Speerspitze der Jugendbewegung halten. Sie durchlaufen eine Phase, die „middlescence“ (etwa „Mittelerwachsensein“) genannt wird, eine Geisteshaltung, in der man sich entschieden gegen all das zu Wehr setzt, das mit dem real eingetretenen mittleren Alter zu tun hat.

Begriffe wie „kidult“ und „adultescent“ haben sich bislang nicht durchgesetzt. Das liegt daran, dass die Gesellschaft nicht weiß, wie sie mit der zunehmenden Auflösung der Trennlinie zwischen Erwachsensein und Kindheit umgehen soll. Im anglo-amerikanischen Raum fällt die Reaktion auf diese Entwicklung zwiespältig aus. Hin und wieder gibt es öffentliches Gezeter um einen besonders absurden Aspekt dieses Trends. Im Großen und Ganzen jedoch sind die meisten stillschweigend der Meinung, erwachsen zu werden sei alles andere als schön und wünschenswert. Da die Weigerung, erwachsen zu werden, von vielen als attraktiver Weg gesehen wird, ist es unwahrscheinlich, dass Begriffe, die darauf hindeuten, etwas daran sei grundfalsch, große Verbreitung erlangen.

Die Vertreter der verlängerten Kindheit und Jugend befinden sich in der Offensive. Die Zeitschrift KidultGame zielt auf Menschen, die „gerne Spaß haben“ und denen „ihre Leidenschaft fürs Spielen nicht peinlich ist“.[5] Auch Fachleute loben die ins Endlose verlängerte Kindheit. Therapeuten raten länger schon, man solle sich zum Kind, das in jedem von uns wohnt, bekennen. Regression, Rebirthing und Urschreitherapie sind alternative Formen für diejenigen, die zu ihrem früheren Selbst zurück wollen. Lenore Terr, Professorin für klinische Psychiatrie an der Universität von San Francisco, vertritt die Ansicht, der Drang Erwachsener zu spielen, sei kein Grund zur Sorge, sondern, im Gegenteil, äußerst gesund.[6]

Gesellschaftlich ist es mittlerweile akzeptiert, dass man nicht vor Ende 30 erwachsen ist. Die Jugend wird entsprechend ausgedehnt. Die amerikanische Society for Adolescent Medicine kümmert sich um Menschen „im Alter von 10 bis 26“. Die MacArthur-Stiftung hat kürzlich mit „Transitions to Adulthood“ ein groß angelegtes Forschungsprojekt finanziert, das zu dem Ergebnis kam, der Übergang zum Erwachsenwerden ende mit 34. Eine Reihe von Sozialwissenschaftlern erklärt, die Verschiebung der Reife sei heute Tatsache. Stephen Richardson, Sozialpsychologe aus Kalifornien, behauptet, dass der Mensch heute erst im Alter von 35 reif ist.

Aber spielt es eine Rolle, dass allmählich der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern verschwimmt? Zu allen Zeiten gab es wunderliche Männer und Frauen, die ganz in kindischen Dingen aufgingen. Auch der Wunsch nach ewiger Jugend ist nicht eben neu. Schon sehr lange haben Menschen das Geheimnis der ewigen Jugend gesucht.

„Der Kult, der heute um Kinderkram gemacht wird, mag auf den ersten Blick als trivialer Trend erscheinen. Aber die weit verbreitete Nostalgie bei jungen Erwachsenen für Kindheit und Jugend drückt eine tief sitzende Unsicherheit aus über das, was da kommen mag.“

Die Verkindlichung aber, die die Gesellschaft aktuell erfährt, wird von Ursachen angetrieben, die ganz und gar von heute sind. Der verständliche Wunsch, nicht alt auszusehen, ist ersetzt worden durch die selbstverliebte Betonung der Unreife. Früher wollten Menschen jung und gut aussehen; sie wollten sich nicht wie Kinder aufführen. Der Kult, der heute um Kinderkram gemacht wird, mag auf den ersten Blick als trivialer Trend erscheinen. Aber die weit verbreitete Nostalgie bei jungen Erwachsenen für Kindheit und Jugend drückt eine tief sitzende Unsicherheit aus über das, was da kommen mag. Der zögerliche Eintritt ins Erwachsenwerden geht einher mit einer geringen Neigung zur Unabhängigkeit und dazu, Verantwortung zu übernehmen und Neues auszuprobieren.

Nicht wenige Eltern stehen der geringen Neigung ihrer 20- bis 30-jährigen Kinder, das Heim zu verlassen, verständnislos gegenüber. Giuseppe Andreoli, Professor für Anatomie an der Universität von Neapel und ehemaliges Mitglied des italienischen Parlaments, wurde 2002 von einem Gericht dazu verdonnert, weiterhin seinem 30-jährigen Sohn Marco 700 Euro pro Monat zu bezahlen – so lange, bis dieser eine Beschäftigung gefunden habe, die seinen Neigungen entspreche.[7]

Als ich 1997 in meinem Buch Culture of Fear berichtete, dass mittlerweile Eltern ihre Kinder zu Auswahlgesprächen an die Universität begleiteten und dort auch bei anderen Veranstaltungen immer öfter an der Seite ihrer Kinder zu sehen wären, behauptete eine irritierte Lektorin noch, ich würde ziemlich übertreiben. Sie hatte in den 70er-Jahren studiert und konnte sich nicht vorstellen, dass Studenten je ihre Eltern bei einem Lebensschritt, der ihre Unabhängigkeit symbolisiert, an ihrer Seite haben wollten. Die Reaktion der Lektorin zeigt, wie neu diese Entwicklung ist. Erst in den letzten fünf bis zehn Jahren sind die Eltern der Studenten auf dem Universitätsgelände allgegenwärtig geworden. Bei öffentlichen Veranstaltungen und Tagen der offenen Tür hört man mittlerweile mehr von den Eltern als von den Studenten. Einige britische und amerikanische Universitäten geben mittlerweile Schriften speziell für die Eltern der Studenten heraus, Schriften, in denen klar wird, dass inzwischen die Uni als Verlängerung der Schule gesehen wird.

Es ist noch nicht lange her, da wäre es britischen Studenten sehr peinlich gewesen, an der Universität in Begleitung ihrer Eltern gesehen zu werden. Die Uni war die Möglichkeit, sich endgültig vom Elternhaus zu verabschieden. Normalerweise zogen Studenten in eine eigene Wohnung oder in eine WG, und Besuche bei den Eltern waren die seltene Ausnahme. Heute ist dieser Wunsch nach Unabhängigkeit von pragmatischen Erwägungen verdrängt worden. Viele Studenten begeben sich scheinbar gerne in die Abhängigkeit zurück, die sie von der Schule her kannten. Studenten stört die Anwesenheit der Eltern an der Uni nicht mehr, es scheint ihnen ganz selbstverständlich zu sein.

„Der Nesthocker-Trend schlägt sich auch auf die Jahre nach dem Studium nieder. Die Verkindlichung zeigt sich in der fortwährend wachsenden Zahl junger Frauen – und mehr noch junger Männer – über 30, die bei ihren Eltern wohnen.“

Eine stetig steigende Zahl von Studenten wohnt bei ihren Eltern: Waren es 1994 in Großbritannien noch 14,5 Prozent der Studienanfänger, stieg bis 1999 ihr Anteil auf 20,1 Prozent. Dieser Trend wird häufig damit erklärt, dass sich die finanzielle Situation der Studenten verschlechtert habe. Aber die finanzielle Lage ist im Allgemeinen nicht der Grund. Der Geschäftsführer von UCAS, der britischen Zulassungsbehörde für die Universitäten, Tony Higgins, sagt, dass viele Studenten „die Geborgenheit ihres Zuhauses, ihrer Familie und Freunde schätzen, wenn sie das Studium beginnen.“ Dieser Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit drückt sich auch anderweitig aus. Beispielsweise zahlen viele Studenten die Miete für das Wohnheim weiter, selbst wenn sie die gesamten Semesterferien zu Hause verbringen. Finanzielle Probleme scheinen kein wesentlicher Grund zu sein. Studenten geben heute viel Geld für Freizeit und Reisen aus; 2001 investierten 20 Prozent der 16- bis 24-Jährigen im Durchschnitt über 4200 Euro pro Jahr in Reisen.

Der Nesthocker-Trend schlägt sich auch auf die Jahre nach dem Studium nieder. Die Verkindlichung wird bestätigt durch die fortwährend wachsende Zahl junger Frauen – und mehr noch junger Männer – über 30, die bei ihren Eltern wohnen. Der Social Trends Studie 2002 zufolge lebt fast ein Drittel der Männer zwischen 20 und 35 noch zu Hause (verglichen mit einem Viertel 1977). Andere Studien zeigen, dass die Anzahl von Männern zwischen 30 und 34, die noch bei ihren Eltern wohnen, im Laufe der letzten fünf Jahre um 20 Prozent zugenommen hat.
Hillary und Roger Smythe hatten sich auf ein ruhiges Leben nach dem Auszug der Kinder gefreut. Bis vor einigen Jahren ihr Sohn Matthew wieder einzog, nachdem seine Freundin ihn verlassen hatte. „Wir haben alles versucht, wirklich alles, aber Matt rührt sich nicht vom Fleck“, sagt Hillary, und man hört die Verärgerung.

James und Ruth Alcock haben ein etwas anderes Problem. Ihr 28 Jahre alter Sohn Tom ist nie ausgezogen. Viele tausende Eltern machen heute die unangenehme Erfahrung, dass ihre erwachsenen Kinder gar nicht daran denken, auf eigenen Beinen zu stehen. In ihrem Buch The Nesting Syndrome bezeichnet Valerie Wiener diese Kinder als Nesthocker. In Japan nennt man sie „parasitische Singles“, und in den USA gibt es dafür eine Reihe von Ausdrücken – „Bumerang-Kinder“, „erwachsene Mitbewohner“ oder „Rückkehrer“.

In Großbritannien ist man kürzlich erst auf das Phänomen der Bumerang-Kinder aufmerksam geworden. Im Jahre 2001 äußerte Jane Falkingham von der London School of Economics ihr Erstaunen, dass eine stetig wachsende Anzahl älterer Menschen mit ihren Kindern zusammenwohnt – nicht etwa, weil die Eltern pflegebedürftig wären, sondern weil die Kinder noch von den Eltern unterstützt werden. Eine von der Bausparkasse Abbey National 2001 beauftragte Studie bestätigte diese Feststellung und kam zu dem Resultat, dass die Anzahl der Kinder, die, nachdem sie das Elternhaus einmal verlassen hatten, zu ihren Eltern zurückkehren, sich von 25 Prozent im Jahr 1950 auf 46 Prozent im Jahr 2001 erhöht hat. Eine Umfrage von BTopenworld kam 2002 zu dem Ergebnis, dass 27 Prozent der Kinder, die ausziehen, zumindest einmal wieder einziehen und dass „eines von zehn unabhängig gewordenen Kindern bis zu viermal wieder zu Hause einzieht, bevor es endgültig die Familie verlässt“.[8]

Die Zahl der nesthockenden Erwachsenen steigt weltweit. In Japan leben 70 Prozent der alleinstehenden berufstätigen Frauen zwischen 30 und 34 bei ihren Eltern. In den USA ist die Zahl der Erwachsenen, die bei ihren Eltern leben, seit den 70er-Jahren stetig gestiegen. Heute leben dort 18 Millionen der 20- bis 34-jährigen bei den Eltern – das sind 38 Prozent aller alleinstehenden Erwachsenen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Bücher für Eltern, die ihre Kinder nicht loswerden, wie etwa Richard Melheims 101 Ways to Get Your Adult Children to Move Out (And Make Them Think It Was Their Idea). Und auch für die Eltern, die sich mit dem Problem arrangieren wollen, gibt es Titel wie All Grown Up: Living Happily With Your Adult Children.

Viele Autoren gehen davon aus, dass wir erst am Anfang einer neuen Entwicklung stehen. Als Grund für den Trend sehen sie häufig die steigende Scheidungs- und Trennungsrate. Andere Autoren vermuten, dass die größere Fürsorge moderner Eltern dafür verantwortlich ist, dass sich Kinder immer schwerer von ihnen lösen. Am häufigsten ist jedoch die Erklärung zu hören, die Bumerang-Kinder kehrten aus wirtschaftlichen Gründen nach Hause zurück. Dieser Ansatz geht davon aus, dass immer mehr junge Erwachsene sich einen eigenen Haushalt einfach nicht mehr leisten können.

„Es sind weniger wirtschaftliche Gründe, die junge Erwachsene zurück zu den Eltern treiben; es ist ihre Unfähigkeit, in Beziehungen zu leben.“

Aber sind es tatsächlich wirtschaftliche Probleme, die diese Entwicklung ausgelöst haben? In Japan, wo der Trend am weitesten fortgeschritten ist, stellen Beobachter immer wieder fest, dass die 20- bis 34-jährigen Singles, die bei ihren Eltern wohnen, sehr wohlhabend sind. Den boomenden Absatz von Luxusgütern führt man dort wesentlich auf die steigende Anzahl zu Hause wohnender parasitärer Singles zurück, Leute wie die 26-jährige Miki Takasu, die einen BMW fährt und abwechselnd ihre Chanel- und die Gucci-Handtasche spazieren trägt. Selbstverständlich wohnt sie bei ihren Eltern.[9]

In den USA wird diese Zielgruppe besonders intensiv umworben, verfügt sie doch über ein hohes Einkommen, über das sie frei verfügen kann. „Die neue Generation derjenigen, die auch nach der Universität zu Hause wohnen bleiben, unbelastet von Mieten und anderen Lebenshaltungskosten, ist liquide, konsumfreudig und eine immer wichtiger werdende Käuferschicht“, heißt es in einem Bericht.[10] Und obwohl in Großbritannien die Immobilienpreise sehr gestiegen sind, geht es jungen britischen Erwachsenen heute besser als der Generation vor ihnen. Wirtschaftliche Probleme mögen der Grund dafür sein, dass einige Erwachsene zu Hause wohnen bleiben; der Trend in seiner ganzen Breite lässt sich damit nicht erklären.

Für gewöhnlich zogen junge Männer und Frauen nicht von zu Hause aus, weil ihr Leben dadurch billiger und simpler wurde, sondern weil sie unbedingt auf eigenen Beinen stehen wollten. Unabhängig und selbständig zu leben, das war vielen eine Zeit vergleichbar einfachen, anspruchslosen Lebens wert. Jennie Bristow bringt es auf den Punkt: „Entscheidend ist nicht, ob man es sich leisten kann, selbständig zu leben, entscheidend ist, ob man es will.“[11] So sind es heute weniger wirtschaftliche Gründe, die junge Erwachsene zurück zu den Eltern treiben, es ist ihre Unfähigkeit, in Beziehungen zu leben.

In den letzten Jahrzehnten scheinen die zwischenmenschlichen Beziehungen zunehmend komplizierter geworden zu sein. Mit Ehe und selbst Lebensgemeinschaft verbinden heute sehr viele vor allem die Begriffe „Krise“ und „scheitern“. Enge persönliche und erst recht intime Beziehungen werden deshalb häufig von Anfang an mit angezogener Handbremse angegangen: Wenn man nicht zu viel erwartet, nicht zu viel investiert, kann man auch nicht allzu viel verlieren.

Zwischenmenschliche Beziehungen werden heute als Risiken wahrgenommen und entsprechend mit einer Verbraucherschutzwarnung versehen. Die pragmatische Lösung lautet: „Erwarte nicht zu viel, und du wirst auch nicht allzu sehr verletzt werden.“ Die dadurch ausgelösten Bindungsängste haben dazu geführt, dass immer mehr Erwachsene feste Beziehungen immer weiter hinausschieben.

Im Vergleich zu diesen Unwägbarkeiten kann die Geborgenheit des Elternhauses sehr anziehend wirken. Der Antrieb junger Erwachsener, auf eigenen Beinen zu stehen, verringert sich dementsprechend. Nicht wenige junge Erwachsene schieben die Selbständigkeit immer weiter hinaus, da sie die damit verbundenen Risiken scheuen.

Aber nicht nur Erwachsenen, die bei ihren Eltern wohnen, geht es so. Sehr viele junge Erwachsene, die von zu Hause ausgezogen sind, vermehren die immer größere Gruppe der Singlehaushalte. Als Single zu leben ist für Millionen von Frauen und Männern zwischen 20 und 40 der Normalzustand.

Die Zunahme der Singles ist ein Phänomen in allen industriellen Staaten. 1950 lebten drei Prozent der Bevölkerung in Europa und Nordamerika allein. Seitdem ist die Zahl der Einpersonenhaushalte in den Industriestaaten ganz erheblich angestiegen. In Großbritannien leben heute sieben Millionen Menschen allein – dreimal so viel wie noch vor 40 Jahren. Schätzungen gehen davon aus, dass im Jahre 2020 40 Prozent aller Briten alleine leben werden.

In den USA sind Alleinlebende die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Zwischen 1970 und 2000 nahm die Zahl der Einpersonenhaushalte um neun Prozent zu. In Frankreich hat sich die Zahl der Einpersonenhaushalte seit 1968 mehr als verdoppelt. Beinahe 40 Prozent aller Schweden lebt allein. Besonders deutlich ist diese Entwicklung in den städtischen Ballungsräumen der Industriestaaten. Über 50 Prozent der Haushalte in München, Frankfurt und Paris bestehen aus nur einer Person.

„Viele sagen, die Schulzeit ist die beste Zeit unseres Lebens. Eben darum geht es bei SchoolDisco.com ...“ Sehr wenige Schüler würden diesem Statement zustimmen. Dennoch scheint sich die Nostalgie für Kinderstreiche und Teeniegefummel sehr rasch unter Erwachsenen zu verbreiten. An britischen Universitäten veranstalten bereits Studienanfänger nostalgische Schuldiskos. Und nimmt man die Schulzeit tatsächlich als die beste Zeit im Leben wahr, will man von dem, was kommen wird, immer weniger wissen.

„Teenager sind nur selten der Meinung, sie verbrächten gerade die herrlichste Phase ihres Lebens. Die Nostalgie für die Jugend wird ausgelöst durch die ungemütliche Gegenwart des Erwachsenenlebens.“

Die rückblickende Verklärung der Jugendzeit sagt weniger über die tatsächliche eigene Jugend, sie sagt mehr über die Ängste des Erwachsendaseins aus. Teenager selbst sind nur selten der Meinung, sie verbrächten gerade die herrlichste Phase ihres Lebens. Die Nostalgie für die Jugend wird ausgelöst durch die ungemütliche Gegenwart des Erwachsenenlebens. Entsprechend sucht sich die Popkultur ihre Vorbilder bei der Jugend.

Die Jugendzeit wird von den Medien ständig verklärt. In Ally McBeal verbinden sich Klassenzimmerräusche mit dem Kater des Erwachsenenlebens. Spätestens seit der Fernsehserie „Wunderbare Jahre“ ist die Verklärung der Jugend das Hauptgeschäft von Fernsehserien geworden. Immer ist das Dasein der Erwachsenen im Hier und Jetzt schal und bedeutungsleer, während die Jugend wahre Würde kennt, Ernst, Heiterkeit und Lebendigkeit.

Die Nostalgie für die beste Zeit, die man hatte (und je haben wird), wird vom Fernsehen und Kino konsequent ausgeschlachtet. „Für alle älteren Zuschauer, die ihrem verruchten Schulhofimage nachtrauern, sind die intelligenten, aus der Masse herausstechenden Jugendlichen in Serien wie „Felicity“, „My So-Called Life“ und „Buffy“ die Sehnsuchtsfolien ihres mittleren Alters: Einmal nur, gewappnet mit der ganzen mittlerweile gewonnenen Selbsterkenntnis, zurückgehen zu können in die eigene Jugend und jede Verletzung dort auszulöschen, jede Entscheidung zu berichtigen“, so formuliert es die Journalistin Joyce Millman.[12]

So wie die Jugend im Fernsehen immer höher in den Himmel gehoben wird, gleiten die Erwachsenen immer mehr ins Fegefeuer. Im Fernsehen sieht man häufig gestörte, unreife Erwachsene, die sich bei Teenagern Rat holen, beispielsweise in „Dawson’s Creek“. In der amerikanischen „Drew Carey Show“ sehen wir den Alltag von vier Erwachsenen, denen es nicht gelingt, erwachsen zu werden. In „Buffy“ sind Erwachsene Unterdrücker, Hohlköpfe oder zu alt geratene Jugendliche. In vielen Sitcoms wie „Frasier“, „Friends“ und „Ellen“ sieht man erwachsene Männer und Frauen beim Versuch, ihre Jugend immer weiter in die Länge zu ziehen.

In „Seinfeld“ wurde in den Charakteren Jerry, George, Elaine und Kramer die Pathologie des Erwachsenendaseins drastisch vorgeführt. Wirrwarr, Sinnlosigkeit und Herumdümpeln zeichnen in „Seinfeld“ das Leben der Erwachsenen aus. Den Figuren gefällt ihr kindisches Tun nur allzu gut, und regelmäßig versuchen sie, jeder Art von Verantwortung aus dem Wege zu gehen, die normalerweise Erwachsene auf sich nehmen müssen. In der Serie wird das Erwachsenwerden komplett verdammt, es hat nicht einen guten Zug.

Dieses Gefühl der Sinnlosigkeit und Verzweiflung kann erklären, warum es dem Kulturbetrieb heute kaum gelingt, eine Grenzlinie zwischen Kindern und Erwachsenen zu ziehen. Das Kindliche und das Kindische wird allein deswegen hochgehalten, weil uns das andere – erwachsen zu leben – allzu trübe und hoffnungslos scheint. Die Entwertung des Erwachsenseins folgt aus dem gebrochenen Verhältnis, das wir zu den Idealen haben, die mit dieser Stufe der Entwicklung einhergehen.

Reife, Verantwortung und Hingabe zählen heute wenig. Diese Ideale stehen in krassem Widerspruch zur tagtäglich erfahrenen Verunsicherung. Diese fortlaufende Entleerung dessen, was es bedeutet, erwachsen zu sein, gibt jungen Männern und Frauen wenig Anlass dazu, sich in diese Richtung weiterzuentwickeln.