18.11.2015

Nach Paris: Wir dürfen uns nicht terrorisieren lassen!

Von Frank Furedi

Terroristische Angriffe schüren Angst und Unsicherheit. Sie schaffen es aber nicht, die freiheitlichen Ideale zu untergraben. Ihnen gelingt nur, was die betroffene Gesellschaft zulässt. Wir müssen für unsere humanistischen, aufklärerischen Werte einstehen, meint Frank Furedi

Als ich von den Anschlägen in Paris hörte, war ich gerade im Eurostar-Zug auf dem Heimweg von Brüssel. Es ist traurig, aber ich war nicht überrascht. In den letzten Jahren bin ich sehr viel durch Europa gereist und dabei ist mir immer deutlicher klar geworden, dass unter der Oberfläche einige beunruhigende Empfindungen brodeln und ans Tageslicht zu kommen drohen. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist aus Europa ein zunehmend gespaltener, angeschlagener und kulturell polarisierter Kontinent geworden. Die nationalen Regierungen haben das Ausmaß des Problems nicht erkennen wollen und können.

Es ist davon auszugehen, dass die Attentäter von Paris nicht ein ihnen vollkommen fremdes Land angegriffen haben. Ihnen war vielmehr bewusst, dass sie auf die Hilfe anderer, gleich gesinnter Menschen zählen konnten. Sie wussten auch, dass ihre Anschläge die passive Unterstützung einer bedeutenden gesellschaftlichen Schicht genießen würden, die sich nicht nur vom Leben in Europa entfremdet hat, sondern die auch der europäischen Lebensweise feindlich gegenübersteht. Inzwischen wird ihnen außerdem klar sein, dass sie im Ideenwettstreit mit den europäischen Regierungen ein ernstzunehmender Gegner geworden sind.

Die Anschlagserie von Paris, das Massaker von Charlie Hebdo, der Bombenanschlag auf den Bostoner Marathon sowie die Anschläge in Mumbai zielten alle auf ein und dasselbe Ziel ab. Sie sollten das Gefühl von Unsicherheit und Machtlosigkeit in der Öffentlichkeit verstärken. Die unmittelbaren Ziele dieses grausamen Terroranschlags waren Cafégäste, Fußballfans und Konzertbesucher. Letztendlich galt der Anschlag jedoch den Millionen Menschen, die den Terror im Fernsehen und in den sozialen Medien verfolgten. In diesem Sinne war die Motivation hinter den Pariser Angriffen sicher nicht neu. Die Angreifer wollten bei der jeweiligen Bevölkerung Angst und Schrecken verbreiten. Durch das Töten und Verstümmeln so vieler Menschen wollen sie in der Gesellschaft defensive Gefühle und Besorgnis hervorrufen. Und je defensiver, besorgter und verängstigter wir werden, desto stärker wachsen Macht und Prestige der Angreifer.

„Die Anschläge von Paris sind als Beitrag zu einem Kulturkrieg zu verstehen“

Diese Art von Terrorismus stellt in gewisser Weise jedoch auch etwas Neues dar. Die Anschläge sollten nicht nur dazu dienen, die Gesellschaft zu verunsichern und ein Klima der Angst zu erzeugen, sondern die Terroristen möchten damit außerdem weitere Menschen für ihren Kampf gegen den vermeintlichen Feind gewinnen. Sie möchten anderen ein Beispiel sein als Kämpfer gegen die europäische oder westliche Kultur. So betrachtet sind die Anschläge von Paris als Beitrag zu einem Kulturkrieg zu verstehen, ausgeführt als klassische Tat willkürlichen Terrors.

Die Realität nach Charlie Hebdo

Kultureller Terrorismus kam erstmals mit den Anschlägen von Charlie Hebdo auf. Auf den ersten Blick hat das Massaker in der Gesellschaft Abscheu erregt, die zu nie dagewesenen öffentlichen Solidaritätsbekundungen führte. Alle behaupteten: „Je suis Charlie“. Die auf den Anschlag folgenden Wochen und Monate zeigten jedoch, dass trotz der breiten Unterstützung und Solidarität mit den Opfern viele Europäer Charlie Hebdo selbst zwiegespalten bewerteten. Teile der Medien kritisierten die Journalisten des Satiremagazins, mit ihrer freien Meinungsäußerung zu weit gegangen zu sein – ein Schachzug, der die Auffassung befeuerte, Charlie Hebdo sei selbst Schuld am Massaker gewesen.

Wie sich bald Unheil verkündend herausstellte, war die Empörung wegen der Anschläge auf Charlie Hebdo oder des zugehörigen Attentats auf jüdische Menschen in einem Supermarkt nicht ungeteilt. In vielen Pariser Vororten war von Trauer um die Opfer wenig zu spüren. Einige Kinder von Immigranten äußerten sich nach den Angaben zahlreicher Lehrer zufolge zutiefst feindselig über die Anschlagsopfern. Anderen wollten manche Kinder der offiziellen Version der Ereignisse keinen Glauben schenken. Viele französische Lehrer waren mit der Situation überfordert, als viele muslimische Kinder die Schweigeminute für die Toten brachen.

Wenn schon kleine Kinder so reagiereen, vermag es nicht zu verwundern, dass viele in deren Umfeld mit „Je suis Charlie“ nichts am Hut haben. Neben der medialen Zurschaustellung von Solidarität gegenüber den Opfern besteht offenkundig ebenso ein unbändiger Hass sowohl auf Charlie Hebdo wie auf die kulturelle Haltung, die seine Veröffentlichung ermöglicht. Die gespaltene Reaktion auf Charlie Hebdo zeigt, dass in europäischen Gesellschaften eine gemeinsam getragene Antwort auf solch einen tragischen Verlust von Menschenleben nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Die stillschweigende Unterstützung des Charlie Hebdo-Massakers führt den wachsenden Einfluss eines radikalen islamischen Weltbilds in Europa vor den Augen. Es scheint gar, als würden die westlichen Staaten den Kampf um die Köpfe verlieren.

„Die stillschweigende Unterstützung des Charlie-Hebdo-Massakers führt den wachsenden Einfluss eines radikalen islamischen Weltbilds in Europa vor Augen“

Dies wird am deutlichsten, wenn wir uns anschauen, wie die Anschläge vom 11. September 2001 heute von vielen Teilen der europäischen Gesellschaft wahrgenommen und verstanden werden. Seit dem Fall der Twin Towers nimmt die Zahl der Menschen, die die offizielle Version der Anschläge nicht glauben, stetig zu. Viele Angehörige muslimischer Gemeinschaften folgen bereitwillig den 9/11-Verschwörungstheorien, insbesondere denen über ein jüdisches Komplott. Einschlägige Behauptungen, die der Islamische Staat und vergleichbare Gruppierungen verbreiten, finden viel mehr Zuspruch als noch vor drei oder vier Jahren. Immer mehr Menschen in Europa begrüßen stillschweigend Anschläge wie die in Paris.

Der zunehmende Einfluss radikalislamischer Ansichten geht mit anwachsender moralischer und politischer Orientierungslosigkeit im europäischen öffentlichen Leben einher. Solidaritätsbekunden im Anschluss an Terroranschläge münden selten in eine dauerhafte Form des alltäglichen öffentlichen Verhaltens. Die europäische Gesellschaft tut sich schwer damit, eine geeignete Antwort auf das zu finden, was inzwischen zu einem Krieg gegen ihre eigene Lebensführung herangereift ist. Am deutlichsten tritt dies in der Schulbildung zutage. Zahlreiche Lehrer berichten, wie schwierig sich Diskussionen über ‘kontroverse’ Themen wie den 11. September im Klassenraum gestalten. Die einigen gehen solche gänzlich aus dem Weg, die anderen wollen lediglich den Schein einer Diskussion wahren.

Sowohl Großbritannien als auch Frankreich versagen bei der Sozialisation eines nennenswerten Anteils der jungen Bevölkerung. Vielen wird es viel zu einfach gemacht, sich einer islamistischen Anschauung anzuschließen, die sich gegen die Werte der westlichen Aufklärung richtet und die dschihadistische Identitätspolitik hochleben lässt. Es gehört zu den Zielen der Pariser Anschläge, diese anti-westlichen Haltungen in eine aktivere und einflussreichere Kraft in der europäischen Gesellschaft zu verwandeln.

Wie man auf das Pariser Massaker reagieren sollte

Terroranschläge töten und verstümmeln unschuldige Menschen. Sie schüchtern Teile der Öffentlichkeit ein. Nichtsdestotrotz vermag es der Terrorismus nicht, die Integrität einer Gesellschaft zu gefährden oder den Lebensstil einer Nation zu untergraben. Terroranschläge erfüllen nur dann ihren Zweck, wenn die angegriffene Gesellschaft so reagiert, wie es die Terroristen möchten. Die Geschichte zeigt, dass der Schaden, den ein terroristischer Angriff in einer Gemeinschaft anrichten kann, von deren Reaktionen abhängt. Terroristen können Verwüstung bewirken. Aber der Terrorangriff alleine reicht niemals aus, um die eigentlichen Ziele der Terroristen zu erreichen. Dazu muss die Öffentlichkeit in Panik verfallen und verwirrt und orientierungslos reagieren. Frankreich und andere vom Terrorismus bedrohte Gesellschaften sollten natürlich vernünftige Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, aber derweil sollte die Öffentlichkeit durch ihr Verhalten deutlich machen, dass wir uns nicht terrorisieren lassen.

Sich nicht terrorisieren lassen heißt auch, zurückzuschlagen. Im August konnte ein Kalaschnikow-schwingender Terrorist in einem französischen Zug von drei Passagieren überwältigt und entwaffnet werden. Diese Passagiere zeigten, dass Kampfesbereitschaft einen Terroranschlag stören und in manchen Fällen unterbinden kann. Nicht jeder verfügt über die nötigen Fähigkeiten, zurückzuschlagen, aber nichtsdestotrotz können alle freiheitsliebenden Menschen gegen diejenigen, die Terror in unsere Gesellschaft bringen möchten, zusammenstehen.

„Terroranschläge erfüllen nur ihren Zweck, wenn die angegriffene Gesellschaft so reagiert, wie es die Terroristen möchten“

Die eine Antwort auf den Terrorismus, die vermieden und bekämpft werden muss, ist die Beschwichtigungspolitik. Manchen Experten zufolge könne man den Terror mit Zugeständnissen an die Islamisten im Nahen Osten stoppen. Andere sprechen sich für eine größere Sensibilität für islamische Kulturpraktiken und sogar für deren aktive Unterstützung aus. Wiederum andere fordern sogar, dass wichtige demokratische Rechte – wie das Recht auf freie Meinungsäußerung – so einschränkt werden müssten, dass feindselige Reaktion aus der radikale islamistischen Ecke unterbleiben.

Solche Rufe nach kultureller Beschwichtigung stellen einen Verrat an den demokratischen und säkular-humanistischen Werten dar, die das Beste an der europäischen Kultur hervorgebracht haben. Zudem hat Beschwichtigungspolitik noch nie funktioniert: Sie lädt nur zu noch mehr Terror ein. Europa muss sich offener und ehrlicher eingestehen, was es bedroht. Europäische Gesellschaften müssen ihre moralischen und intellektuellen Ressourcen in Stellung bringen. Nur so können sie der Öffentlichkeit die nötige Zielstrebigkeit verleihen, den Terror zu bekämpfen und seinen Einfluss zunichtezumachen.