01.05.2002

Mutierter Mais überrent Mexiko

Kommentar von Thilo Spahl

Thilo Spahl kommentiert den Streit um die angebliche Bedrohung der genetischen Diversität des Mais.

Ein kleiner Artikel mit einer starken Behauptung in der Wissenschaftszeitschrift Nature löste vor einem halben Jahr eine der größten Kampagnen gegen die Grüne Gentechnik aus. Die Autoren Ignacio Chapela, Professor für Mykologie, und sein Doktorand David Quist von der Universität von Kalifornien in Berkeley hatten dargelegt, ihnen sei der Nachweis gelungen, dass lokale nicht-kommerzielle Maissorten in ländlichen Gebieten Mexikos mit Genen moderner, gentechnisch veränderter Sorten „kontaminiert“ worden seien. Dies sei höchst beunruhigend, da die genetische Diversität einer der wichtigsten Nahrungspflanzen bedroht sei, denn die Landrassen in der Region, in der Mais ursprünglich gezüchtet wurde, beherbergten wertvolles Erbmaterial für die Pflanzenzüchtung. Dutzende von Organisationen, die sich der Bekämpfung der Biotechnologie verschrieben haben, nahmen diese Aussagen begeistert auf, verbreiteten sie, schmückten sie aus – bis hin zu Geschichten von mutierten Maispflanzen, die ganz Mexiko überrennen und sogar auf Beton wachsen würden – und leiteten weit reichende Forderungen bis hin zum weltweiten Verbot des Anbaus von Gentechpflanzen ab. Gleichzeitig unterzogen Wissenschaftlerteams die Forschungsarbeit einer kritischen Analyse und kamen zu einem so vernichtenden Urteil, dass Nature schließlich am 2. April 2002 mitteilte, die Veröffentlichung der Arbeit hätte nicht erfolgen dürfen, da die Aussagen wissenschaftlich nicht ausreichend gesichert waren.

Das methodische Vorgehen von Chapela und Quist war offensichtlich in hohem Maße fehlerhaft und nicht geeignet, die Schlussfolgerungen der Autoren zu rechtfertigen. Andererseits räumen auch die Gutachter ein, dass die beiden, hätten sie das Ganze wissenschaftlich gewissenhafter gemacht, durchaus zum selben Ergebnis hätten gelangen können, da aufgrund des weltweit großflächigen Anbaus gentechnisch veränderter Sorten eine Verbreitung der entsprechenden Gensequenzen durch Kreuzbestäubungen nicht unwahrscheinlich ist. So verwundert es nicht, dass am 18. April das mexikanische Umweltministerium bekannt gab, ebenfalls Auskreuzungen gefunden zu haben.

Der Austausch von DNA-Sequenzen durch Kreuzbestäubungen ist ein alter Hut.

Damit kommen wir zur wirklich wichtigen Frage: Sind derartige Auskreuzungen als schädlich einzustufen? Dies zu bejahen gibt es nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft keinen Anlass, da der Austausch von DNA-Sequenzen durch Kreuzbestäubungen nichts Neues ist und schon immer zwischen kommerziell angebauten Hochleistungssorten und den alten Landrassen stattgefunden hat. In der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift wurden die Argumente bereits ausführlich dargelegt. Auch Quist und Chapela, die sich zuvor schon als Biotech-Gegner einen Namen gemacht haben, deuteten zumindest in Nature etwaige Gefahren nur vorsichtig an. Während die Aktivisten von Greenpeace, die offenbar in engem Kontakt zu den Autoren stehen und den Nature-Artikel in einer eigenen Pressemitteilung angekündigt hatten, in ihrer Kampagne kurzerhand vor „Hungerkatastrophen von unvorstellbarem Ausmaß” warnten, sprachen Chapela und Quist lediglich davon, dass sich durch die starke Verbreitung gentechnisch veränderten Saatguts „eine einzigartige Gelegenheit bietet, die Verbreitung von genetischem Material über biogeographische Regionen zu verfolgen und diese einen Haupteinfluss auf die zukünftige Genetik des Welternährungssystems” darstelle. Sie regten an, Langzeitstudien durchzuführen, um zu ermitteln, ob die festgestellten, relativ niedrigen Vermischungen weiter abnehmen, zunehmen oder stabil bleiben – eine Frage, der man durchaus nachgehen kann.

Vorwerfen muss man den beiden allerdings, ohne ausreichende wissenschaftliche Sorgfalt Aussagen zu einem hochbrisanten Thema gemacht zu haben, die erwartungsgemäß von den bereitstehenden Lobbyorganisationen zu Weltuntergangsszenarien aufgebauscht wurden. Statt diesen Interpretationen zu widersprechen, machten sich die beiden Autoren selbst zum Teil der Kampagne, ließen sich zu Märtyrern stilisieren und übernahmen die Rolle der armen Opfer, die angeblich von ihren allesamt von der Industrie gekauften Kollegen völlig zu Unrecht angegriffen wurden. Auf ein Eingeständnis der beiden, einfach – voreingenommen durch eine vermeintlich gute Absicht – schlechte Arbeit abgeliefert zu haben, müssen wir wahrscheinlich vergeblich warten.