25.07.2018

„Multikulturalismus ist eine Form kultureller Apartheid“

Interview mit Jason D. Hill

Titelbild

Foto: John Lucia via Flickr / CC BY 2.0

Der Philosophieprofessor Jason D. Hill, mit 20 Jahren aus Jamaika in die USA immigriert, kritisiert die Identitätspolitik und erklärt, warum er sich nicht als Opfer von weißer Diskriminierung sieht.

Herr Professor Hill, in Ihrem Buch „We Have Overcome: An Immigrant’s Letter to the American People“ verteidigen Sie den amerikanischen Traum. Was genau hat Sie veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

Jason D. Hill: Zum einen war es eine Antwort auf Ta-Nehisi Coates’ Buch „Zwischen mir und der Welt“, in dem er den amerikanischen Traum als bloßen Teil der Mythologie des weißen Amerikas verunglimpft. Als einen Traum, der auf der Vormachtstellung der Weißen beruht und auf Kosten der Schwarzen verwirklicht wird, einen Traum also, der von Weißen zur Ausbeutung der Schwarzen kreiert wurde. Und ich dachte mir, dass das schlicht nicht zutrifft. Die USA sind kein Land mehr, das die Überlegenheit von Weißen propagiert. Es gibt keine offizielle Ideologie mehr, die die Überlegenheit der weißen Rasse vertritt. Außerdem bedeutet die Zerstörung des amerikanischen Traums auch, die Bestrebungen von Immigranten zu unterdrücken, die wie ich in die USA gekommen sind, um aus ihrem Leben etwas zu machen. Und das ist sehr gefährlich.

Sie haben also nicht jenen Rassismus erfahren, der Coates zufolge das Leben von Schwarzen in den USA bestimmt?

Ich lebe nun seit 32 Jahren hier. Mit 20 Jahren bin ich aus Jamaika in die USA gekommen. Da ich gemischter Abstimmung bin, werde ich in den USA als Schwarzer wahrgenommen. Und wie jeder in den USA lebende Farbige habe auch ich genug Rassismus erfahren. Aber ich sehe die USA nicht als hochgradig intolerantes Land an. Ich halte die USA vielmehr für ein außerordentlich selbstreflexives Land. In den drei Jahrzehnten, in denen ich hier lebe, habe ich ein Amerika erlebt, das seine Beziehungen zwischen den Ethnien beachtlich verbessert hat. Darüber hinaus bin ich, auch wenn ich Rassismus erfahren habe, kein Opfer. Ich glaube nicht an diesen Kult, der um die Opferrolle betrieben wird und auf dem so viele herumzureiten scheinen. Wenn man auf Rassismus trifft, setzt man sich mit ihm auseinander, spricht ihn an und macht dann weiter. Die Opferrolle für sich als Identität zu übernehmen ist gefährlich, weil es die eigene Handlungsfähigkeit und das eigene Vermögen einschränkt, seine verfügbaren Ressourcen zu nutzen, um mit diesem Problem umzugehen.

Sie erwähnten gerade den Kult, der um die Opferrolle betrieben wird. Wie weitverbreitet ist dieses Denken?

Das ist einer der Aspekte, um die es mir geht: Uns Immigranten geht es heute besser denn je. Aber wir leben in Zeiten, in denen die – wie ich sie nenne – Alt-Left 1 die Opferrolle als Botschaft verbreitet und das nicht nur unter Schwarzen, sondern auch unter neuen Immigranten. Immigranten wird eingeredet, dass sie und Schwarze eindeutig von Weißen unterdrückt werden und es mit der Präsidentschaft von Donald Trump eine neue Qualität der Unterdrückung gebe. Mit der Trump-Wahl gab es zwar eine Eruption, aber dabei handelt es sich nicht um einen wiedererstarkenden Rassismus, sondern um eine Eruption moralischer Hysterie und Übertreibungen auf Seiten der radikalen Linken, die so tun, als wären ethnische Minderheiten hilflos unter das Joch der weißen Unterdrückung gezwungen.

„Mit der Trump-Wahl gab es eine Eruption moralischer Hysterie und Übertreibungen auf Seiten der radikalen Linken.“

Aus meiner Sicht trifft dies einfach nicht zu. In diesem Land gibt es Strukturen, die es Schwarzen ermöglichen, zu studieren, sich in der amerikanischen Gesellschaft zurechtzufinden und dabei Außergewöhnliches zu leisten. Schwarzen werden heute Bürgerrechte nicht mehr aus rassistischen Gründen vorenthalten. Es geht nicht mehr um die Verwirklichung des Civil Rights Act von 1964. Heutzutage sind Sie als männlicher Weißer in der Situation, dass Sie trotz eines Doktorgrades mit gewisser Wahrscheinlichkeit keine akademische Stelle finden. Man übergeht Sie vermutlich zugunsten einer oder eines Schwarzen. Denn Institutionen in den USA neigen dazu, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Sie einzustellen und sich um Sie zu kümmern, wenn Sie farbig sind.

Coates behauptet, Schwarze seien nie in der Lage gewesen, sich selbst zu befreien. Was halten Sie von dem Argument, dass es die Aufgabe externer Kräfte sei, Schwarze zu befreien und ihnen zu helfen?

Zu den Dingen, die Coates in seiner Erzählung außer Acht lässt, gehört der Wohlstand unter Schwarzen, die schwarze Mittelschicht. In den USA haben Schwarze große und prosperierende Gemeinschaften aufgebaut, selbst während der Rassentrennung und der Jim-Crow-Ära 2. Gewisse Negativerscheinungen, die wir heute in der schwarzen Bevölkerungsgruppe beobachten – wie zum Beispiel die überdurchschnittliche Kriminalitätsrate von schwarzen Männern oder, dass 70 Prozent der Kinder unehelich geboren werden und bei alleinerziehenden Müttern aufwachsen – gab es damals, als die Schwarzen noch wirklich diskriminiert wurden, so nicht.

Ich finde die Vorstellung von den hilflosen Schwarzen wirklich gefährlich, weil sie in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft den Eindruck hinterlässt, dass Schwarze die Mündel des Staates seien und es ihnen nie gelungen sei, ihre Fähigkeiten zu nutzen, um sich selbst aus unterdrückerischen Lebenslagen zu befreien – Umständen, die nicht in erster Linie von Privatpersonen, sondern vom Staat ausgegangen sind. Der größte Feind der Schwarzen in den USA war immer der Staat und nicht einzelne Bürger. Dieser Aspekt fällt in Coates’ Geschichte der Einfachheit halber unter den Tisch. Er kann einfach nicht zugeben, dass es blühende, schwarze Mittelschichtsgemeinschaften gibt, auch von Immigranten, die hierher gekommen sind, hart gearbeitet haben und erfolgreich waren. Denken Sie nur an die New Yorker Bekleidungsindustrie. Sie wurde von Jamaikanern und insbesondere von Jamaikanerinnen geprägt, die in den 1920er-Jahren in die USA kamen. Sie sahen Schilder mit Aufschriften wie „Keine Bewerbungen von Schwarzen“, haben sich aber trotzdem massenhaft auf die Stellen beworben, weil sie einfach davon ausgingen, nicht gemeint zu sein.

„Der größte Feind der Schwarzen in den USA war immer der Staat und nicht einzelne Bürger.“

Auch im New Yorker Stadtteil Harlem gab es in den 1920er-Jahren gut funktionierende schwarze Gemeinschaften, die in Coates’ Erzählung gänzlich ausgelassen werden. Das hat insbesondere viele schwarze Konservative verärgert, die auf starke schwarze Gemeinschaften hingewiesen haben, die es auf dem Höhepunkt der Jim-Crow-Ära gab, sowie auf starke Schulen, die es vor der Rassenintegration gab – und ich bin ein großer Befürworter dieser Integration –, im Norden wie im Süden, wo Schwarze unter sehr schwierigen, politisch wie sozial ungerechten Bedingungen Erfolg hatten und vorankamen. Das sind alles Geschichten, die Coates in seiner Erzählung ausgelassen hat. Sein Narrativ spricht Schwarzen eine gewisse Würde und das Handlungsvermögen ab, die ihnen aber zustehen.

Sie argumentieren, dass Multikulturalismus und Identitätspolitik das Individuum auf gruppenspezifische Merkmale reduzieren und sie in ihrer Selbstbestimmung einschränken. Können Sie dies etwas genauer erläutern?

Die Identitätspolitik basiert auf einer Logik der Anti-Assimilation, die, wie ich meine, wiederum auf einer Logik der „Ansteckungsgefahr“ basiert. Die multikulturelle Weltsicht basiert auf der essentialistischen Idee, wonach wir eine bestimmte ethnische und kulturelle Identität besitzen, Teil einer monolithischen Gruppe sind und eine Identität mit uns herumtragen, die sich ohne Abstriche auf unsere Herkunft zurückführen lässt. Die multikulturelle Linke spricht das nicht explizit so aus, aber es handelt sich dabei um die logische Folge ihrer Argumentation, eine Art Polygenismus, demzufolge wir alle einen unveränderlichen ethnischen oder kulturellen Wesenskern in uns tragen, der sich auf unsere Ursprünge zurückführen lässt. Und die Interaktion mit unseren Mitmenschen, die Art und Weise, wie wir mit unseren Mitbürgern sozialisiert werden, können demnach in keiner Weise diese Grundstruktur, diesen Ursprungshintergrund verändern.

Das ist empirisch falsch. Wir wissen, dass Menschen ein Gemisch aus verschiedenen Subkulturen und Gruppen sind. Wir wissen, dass Menschen, wenn sie sich assimilieren, ihre Sprache und ihre Kultur nicht notwendigerweise aufgeben. Es ist eher so, dass sie den umgekehrten Prozess vollziehen und die Eigenschaften, Prinzipien und Sitten ihres Gastlandes annehmen. Und sie nehmen, noch wichtiger, die Eigenschaften und Wesenszüge ihrer Nachbarn an. Das macht sie zu heterogenen Individuen und kulturell gesehen weniger authentisch, zum Beispiel weniger karibisch. Und die Anhänger des Multikulturalismus haben Schwierigkeiten, damit umzugehen, weil sie die Menschen als komplett ursprüngliche, klar unterscheidbare Mitglieder einer Gruppe sehen wollen. Sie wollen auf jemanden zeigen, der sich in der Gesellschaft und in einer Kultur zurechtgefunden hat, und ihm sagen, dass er sich an die ethnischen und kulturellen Vorgaben, die sein Sein bestimmen, zu halten hat. Man kann davon nicht abweichen, weil man sonst die eigene Authentizität und die Autonomie als ethnisches Subjekt verliert. Man muss daran festhalten. Das ist gleichzeitig eine Lüge und eine sehr beschränkte Sichtweise auf die Menschen in dieser Welt.

„Die Anhänger des Multikulturalismus favorisieren Gruppen und stellen die Vergangenheit über die Zukunft.“

Wir haben es hier mit einer Form der, wie ich es nenne, kulturellen Apartheid zu tun. Sie ist unhaltbar und geht in die Irre; sie verhindert, dass sich bei den Menschen ein kosmopolitisches Moment einstellt, in dem wir frei sind, einen Teil unserer Sozialisation unseren Mitmenschen in die Hände zu legen und zu etwas anderem werden, als wir ursprünglich waren. Die Anhänger des Multikulturalismus favorisieren Gruppen und stellen die Vergangenheit über die Zukunft. Aber wir Menschen sind Zukunftswesen, wir richten mit unseren Mitmenschen den Blick auf die Zukunft. Das können die radikalen Multikulturalisten nicht ertragen, weil es auf eine radikale Umwandlung der eigenen Wurzeln zumindest hindeutet. Und die Entfernung von den Wurzeln ist genau das, was die radikalen Vertreter des Multikulturalismus ablehnen, weil sie Monisten sind, weil sie kulturelle und ethnische Monisten sind.

Die große Gefahr derartiger kultureller Apartheid liegt darin, dass Menschen sich den umfangreichen Austausch vorenthalten, den sie mit ihren Mitmenschen haben können. Sie haben Angst, dass dadurch, dass sie anderen Menschen zu nahe kommen und dass ihre Geschichte und ihre Lebensweise von anderen Menschen beeinflusst werden, ihre eigene nationale, ethnische und kulturelle Identität in Frage gestellt wird, die sie für den unveränderlichen Wesenskern ihrer Identität halten.

Auf der einen Seite scheinen Sie eine Art heroischen Individualismus zu vertreten, in dem es um Selbstbestimmung und die Nutzung der eigenen inneren Ressourcen geht, gleichzeitig beschäftigen Sie sich damit, wie wir uns im Miteinander und in der Interaktion mit anderen entwickeln. Wie geht das zusammen?

Ich halte an der Idee eines heroischen Individualismus insofern fest, als ich der Meinung bin, dass wir Individuen sind und wir für uns selbst eine Vorstellung unseres Lebens erschaffen müssen und darüber hinaus eine Vorstellung für unser Leben, die wir in die Welt hinaustragen wollen. Aber ich bin auch Intersubjektivist. Ich lehne die atomistischen Ansichten des Liberalismus ab, die ich im Übrigen sowieso für ein Strohmann-Argument halte. Ich kenne nicht einen Liberalen, der beim Individuum an Selbstverwirklichung auf einer einsamen Insel denkt. Wir entwickeln uns zusammen mit anderen, mit Fremden, mit unseren Mitbürgern, Freunden und Angehörigen. In dem Sinne bin ich ein Intersubjektivist. Ich denke, dass dieses waghalsige Unternehmen zusammen mit anderen Menschen angegangen werden muss. Manchmal geht man es mit Menschen an, deren Werte man teilt, und manchmal mit Menschen, mit denen man wenig gemein hat. Auf unserer Reise aber schreiben wir unser Drehbuch immer wieder selbst. Und das halte ich für das kosmopolitische Moment. Im Laufe dieses Prozesses sind wir gezwungen, eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Vokabular zu finden, das uns auf unserer Reise hilft. Man mag die Reise mit anderen angetreten sein, aber die Verantwortung dafür hat man selbst in der Hand. Man kann diese Verantwortung an keinen anderen abtreten. Ich käme nie auch nur auf die Idee zu sagen, jemand anderes sei für mein Leben verantwortlich. Die Entscheidungen, die ich treffe, sind einzig und allein meine eigenen.