05.10.2015

Moralisch sein ist alles

Von Angus Kennedy

Wir haben unseren moralischen Kompass verloren. Wir urteilen gar nicht mehr oder willkürlich, findet Angus Kennedy. Den Spielraum für moralische Urteile gilt es zu erweitern. Wir sollten von der Vernunft öffentlich Gebrauch machen, auch im Interesse unserer Freiheit

Auf den ersten Blick scheint sich die Gesellschaft in Sachen Moral über die letzten 20 Jahre erstaunlich positiv gewandelt zu haben. Die britischen Konservativen haben unter dem damaligen Premierminister John Major Anfang der 1990er noch Kampagnen zur Wiederherstellung traditioneller Werte gefahren. Heute akzeptieren sie, wie andere konservative Parteien in Europa auch, die Homoehe. Kulturelle und politische Trendsetter unterstützen aktuell jede irgendwie fortschrittlich anmutende Moralkampagne: gegen weibliche Genitalverstümmelung, Kindesmissbrauch, Armut, Ungleichheit und jegliche Form der Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder Behinderung. Oberflächlich betrachtet scheinen wir das Glück zu haben, in einem neuen Zeitalter der Toleranz zu leben, das aus einer moralisch bewussten und gefestigten Gesellschaft hervorgegangen ist.

Als eines der auffälligsten Merkmale der heutigen Gesellschaft sticht die weitgehende Werturteilsfreiheit hervor, d.h. die Idee, dass wir als Individuen nicht das Recht haben, anderen vorzuschreiben, wie sie ihr Leben führen sollen. Diese moralisch anmutende Einstellung reicht weit bis in die obersten Gesellschaftsschichten. Anfang dieses Jahres bezeichnete ein Richter am Obersten Gerichtshofs Großbritanniens die Ehe als ein „elastisches Konzept“ (also so inhaltsleer wie ein Gummiband). An die Stelle der traditionellen Familie sei eine Patchwork-Vielfalt getreten und die christliche Familienlehre wäre bösartig. Ironischerweise schreckt die werturteilsfreie Moral von heute also nicht davor zurück, doch Werturteile auszusprechen, nämlich über jene, die Werturteile aussprechen. Ein strenges Moralverständnis wird als bösartig und verfehlt gebrandmarkt.

„Moral ist heute wie ein Wein aus der Fernsehwerbung, von Prominenten empfohlen“

Die wenigen Menschen, die sich noch an traditionelle Moralvorstellungen und Begriffe wie „Pflichtgefühl“ oder ähnliches halten, werden von den Rechtgläubigen unserer Zeit oft als intolerante Eiferer reaktionäre, religiöse Hinterwäldler abgetan. Die scheinbare moralische Selbstsicherheit der Gesellschaft wird durch ihre eigene Intoleranz gegenüber den angeblich moralisch Intoleranten und allzu Wertenden als Heuchelei entlarvt.

Werturteilsfreiheit bedroht wahre Freiheit

Vieles, was heute als Moral durchgeht, stützt sich zu einem nicht geringen Anteil auf die öffentliche Unterstützung von Prominenten. Die moderne Moral zeichnet sich durch einen Hang zur Übertreibung aus, teils sogar durch die künstliche Schaffung „richtig schlimmer Dinge“, die vom moralischen Vakuum in der Mitte der Gesellschaft ablenken sollen. Man kann es etwa an den Reaktionen von zeigefingerschwingenden Moralisten erkennen, die bei Gerichtsverfahren über Sexualstraftaten ihren Vorurteilen mehr vertrauen als der gerichtlichen Beweisfindung. Oder man erkennt es daran, wie Politiker oder Prominente öffentlich „unmoralisches“ Verhalten verurteilen. Man denke etwa an den Fall einer britischen Politikerin der Konservativen, die Anfang letzten Jahres in den sozialen Medien verlautbarte, sie fände den von der Schauspielerin Dylan Farrow gegen den Regisseur Woody Allen vorgebrachten Missbrauchsvorwurf „auf Anhieb glaubhaft“. Das alles legt nahe, dass wir es nicht mit einer in ihren moralischen Grundfesten gesicherten Gesellschaft zu tun haben, sondern mit Teilen der Gesellschaft (Vertreter des Staats und des öffentlichen Lebens), die nach einem moralischen Anliegen suchen. Was heute als Moral gilt, ist eher moralische Gleichgültigkeit.

Das heute übliche „Urteile nicht über andere!“ ist Ausdruck einer fundamentalen Gleichgültigkeit gegenüber der urteilenden Person. Es ist eine verächtliche Ablehnung Ihres Urteilsvermögens und Ihres öffentlichen Vernunftgebrauchs als etwas, das keinerlei Bedeutung hat. In diesem Geist verteidigten auch der konservative Sprecher des britische Unterhause John Bercow und seine Ehefrau Sally ihre bemerkenswert „elastische“ Ehe, nachdem Sally Bercow dabei fotografiert worden war, wie sie in einem Londoner Nachtklub einen anderen Mann küsste. Sie sagte dem Evening Standard, sie brauche sich „für nichts zu schämen“, da „alle Ehen unterschiedlich seien“, und überhaupt, gebe sie nichts darauf, was die Leute denken – die könnten sie „ruhig verurteilen“. Ihr Ehemann äußerte sich im Independent ähnlich: „Ehen unterscheiden sich voneinander, und ich finde, die Leute sollten sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, wie wir uns um unsere“. In diesem Fall steht das Jedem-das-Seine-Prinzip jedoch weniger für eine tolerante Haltung als vielmehr für fehlende moralische Maßstäbe. Wir sollen die Ehe der Bercows sowie die Ehe im Allgemeinen mit moralischer Gleichgültigkeit betrachten, als etwas rein Pragmatisches. So pragmatisch, dass selbst das Beharren auf einem Mindestmaß an Pflichtgefühl gegenüber dem in einem öffentlichen Bekenntnis der gegenseitigen Liebe gewählten Ehepartner als altmodisch und prüde angesehen werden kann.

„Entweder wir können etwas nicht bewerten oder es ist unnötig“

Die zeitgenössische Werturteilsfreiheit hat zwei Seiten. Zum einen die eines lockeren moralischen Relativismus. Wenn Sally Bercow lieber in Nachtklubs herumknutschen will, als sich um ihre drei Kinder zu kümmern, wer bin ich dann, sie dafür zu verurteilen? Ihr Verhalten sollte mir egal sein, da ja die Institution der Ehe selbst nichts zählt. Man hat das Gefühl, dass in bestimmten Lebensbereichen das Fällen von Werturteilen als unangemessen oder altmodisch gilt und nicht mehr der komplexen Realität, Unordnung und bunten Vielfalt des modernen Lebens gerecht wird. Diese Seite der Werturteilsfreiheit geht davon aus, dass manches einer moralischen Bewertung nicht würdig ist.

Auf der anderen Seite bedürfen manche Dinge keiner weiteren moralischen Bewertung, da sich ihre Bösartigkeit von selbst versteht. In diese Kategorie fallen Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und Völkermord – moralische Unbedingtheiten, die kein Hinterfragen gestatten, unter keine mildernden Umstände fallen und somit keinerlei Urteilen mehr benötigen. Die Tat an sich (oder ihrer bezichtigt zu werden) verurteilt den Beschuldigten bereits hinreichend, ohne dass ein Gerichtsverfahren erforderlich wäre. In dem Maße, wie die Gesellschaft immer weniger an traditionelle Moralvorstellungen gebunden ist, steigt zum Ausgleich die Zahl der moralischen Unbedingtheiten. Statt des einen Holocaust wird heute über eine Vielzahl von Holocausts gesprochen, während gleichzeitig mehr und mehr Kindesmissbrauch-Skandale aufgedeckt wurden (einige davon konstruiert), um dem Bedarf an moralischer Gewissheit nachzukommen. Das Leugnen oder Hinterfragen dieser moralischen Unbedingtheiten kann Ihrer Gesundheit, Ihrem Wohlstand und Ihrer Freiheit schaden.

Die erste Auffassung schließt eine moralische Bewertung von vornherein aus, weil sie zu subjektiv wäre. Die zweite Auffassung beruht auf der Idee einer moralischen Objektivität, die einer Bewertung ebenfalls entgegensteht. Es geht um eine Art „evidenz-basierter“ Moral, die Moralexperten oder sogar Moralwissenschaftler autorisiert, den weniger aufgeklärten Massen zu erklären, wie die Welt moralisch zu bewerten sei, da sie selbst zu dumm oder ignorant für diese Aufgabe seien. Zusammengenommen verringern der subjektive und der objektive Aspekt der Werturteilsfreiheit - - den verfügbaren Spielraum für moralische Urteile. Gleichzeitig erklären sie auch die Koexistenz der Moralrelativsten und der Moralunternehmer als wichtige Figuren unserer Zeit. Die Existenz der subjektiven und objektiven Moraldimensionen steht im Gegensatz zum oberflächlichen Eindruck einer selbstbewusst moralisch urteilenden Gesellschaft. Sie sind in Reaktion auf den Vertrauensverlust in unsere moralische Grundlagen entstanden, durch den die Notwendigkeit und die Möglichkeit zu urteilen für den Einzelnen reduziert wurde.

Glaubensverlust

Die Gründe für diesen Verlust von Glauben an unsere moralischen Grundwerte sind kompliziert. Zu ihnen gehören der Autoritätsverlust der traditionellen Religion und die Unfähigkeit der Wissenschaft, die dadurch entstandene spirituelle Leere zu füllen. Des Weiteren ist der tiefgreifende Vertrauensverlust in die Urteilskraft zu nennen, den die bürgerlichen Gesellschaft nach den Schrecken des 20. Jahrhunderts erlitten hat. Konservatives Denken hat sich der linken Kulturkritik angepasst, am deutlichsten in Form des Relativismus und der Idee einer Realität des „Anderen“ (im Gegensatz zur eigenen Realität oder derselben Realität). Als einzelner Faktor ragt jedoch der Verlust an Glauben heraus, nicht so sehr der Glaube an Gott oder die Tradition, sondern vielmehr der Glaube an den Menschen selbst als moralisches Maß der Dinge.

Eine unmittelbare Folge dieses Zusammenschrumpfens der intersubjektiven Moralsphäre ­– des Zusammenbrechens jeglicher gemeinsam geteilter moralischer Empfindung – ist eine starke, sich selbst verstärkende Dynamik hin zu moralischer Ermattung und Passivität. Ermattung aufgrund fehlender moralischer Praxis und Passivität, weil selbsternannte Moralexperten stellvertretend für uns moralische Urteile fällen. Unterm Strich erwächst daraus große moralische Konformität, jedenfalls oberflächlich betrachtet, die aber häufig tiefer gelegene Ressentiments verschleiert.

Doppelmoral

Die stark moralisierte „Volksgesundheit“ ist ein weiteres Beispiel. Man legt größtes Augenmerk auf unser privates Ess-, Trink- und Rauchverhalten. Zur öffentlichen Verurteilung unseres Verhaltens durch Moralmediziner gesellt sich hinter verschlossenen Türen ein Zynismus darüber, was „die Wissenschaft“ wohl diesmal für falsch erklärt hat. (Während ich das schreibe, sind es Zucker und Käse, die uns langsam töten). Im Ergebnis landen wir bei einer moralischen Schizophrenie und Irrationalität, da wir uns den gesellschaftlichen Moralvorstellungen (vielmehr: Nicht-Moralvorstellungen) automatisch aus Trägheit unterordnen, ohne uns selbst bewusst für sie entschieden zu haben. Je stärker wir uns auf diese Art anpassen – das eine sagen, aber das andere denken oder gar nicht denken –, handeln wir böswillig. Ein Beispiel ist das öffentliche Lippenbekenntnis zu politisch korrektem Sprachgebrauch, der sogar die nur eingebildete Beleidigung immer größerer gesellschaftlicher Minderheiten oder stigmatisierter Gruppen verbietet.

Solche Sprachregelungen sind auf unser Versagen zurückzuführen, selbst moralisch zu sein. Wenn wir aufhören, selbst zu urteilen, dann füllen wir unser Tun und Sagen nicht mehr mit moralischem Inhalt. Der daraus folgende moralische Formalismus lädt unausweichlich zur moralischen Überwachung von Erscheinungen ein, als wären diese echt. Der Verlust des Glaubens an moralische Universalismen – was für einen selbst richtig ist, gilt auch für alle anderen – führt zu einem ausgehöhlten moralischen Nominalismus, in dem Worte die einzig verbliebene Wirklichkeit sind. Ein bezeichnendes aktuelles Beispiel ist die Regulierung von rassistischen, sexistischen oder sektiererischen Äußerungen bei Fußballspielen, die so weit gegangen ist, dass die positiv verstandene Selbstbezeichnung von Tottenham-Fans als „Yid Army“ (Judenarmee), als antisemitisch verurteilt wurde. [1] Diese lächerliche Situation ergibt sich notwendig aus einer Logik, die unser moralisches Denken als von unserer Sprache und unseren Taten determiniert sieht, anstatt dass man unsere Worte und Taten als Ergebnis unserer Moral betrachtet.

„Wir werden zunehmend wie Objekte angesehen“

Die gestiegene Bedeutung, die dem Einfluss von Worten beigemessen wird, steht in direktem Zusammenhang zu einem verminderten Glauben an die Widerstandsfähigkeit und an das Potenzial des menschlichen Subjekts. Man glaubt weniger an die Fähigkeit des Einzelnen zur freien Willensausübung, etwa indem er den Schmeicheleien der Werbung oder der Macht von Alkohol oder Nikotin widersteht. Das drückt sich auch in der Vorstellung aus, dass Individuen Kräften außerhalb ihrer Kontrolle unterliegen, wie wir an der Popularität neurowissenschaftlicher Bewusstseinstheorien oder der Idee einer Vorherbestimmtheit durch frühkindliche Prägung ablesen können.

Die verhängnisvolle Logik des geschrumpften Bereichs, in dem man uns gestattet, unser moralisches Urteilsvermögen zu gebrauchen, führt – bedingt durch unsere moralische Schwäche – dazu, dass wir zunehmend wie Objekte angesehen werden. Das rechtfertigt wiederum noch mehr Eingriffe und „Ermutigungen“‚ zu unserem vermeintlichen eigenen Besten zu handeln. Für diese moralische Konformität und der Forderung danach sind wir mitverantwortlich, wenn wir uns gegen den Gebrauch unseres eigenen Urteilsvermögens und unseres Verstandes entscheiden. Obwohl wir uns unserer Freiheit zumindest als kleine Unpässlichkeit immer bewusst sind, so folgt uns doch die furchteinflößende Stimme des „inneren Gerichtshofs“ (Kant) wie ein Schatten, auch wenn wir ihm zu entrinnen trachten. Der innere Gerichtshof verurteilt uns für unsere Weigerung, unabhängig moralisch zu urteilen.

Identitätspolitik

Die Wurzeln dieser perversen Logik aus Misstrauen und Selbstekel sind besonders am Niedergang linker Bewegungen der Nachkriegszeit zu beobachten, die nach und nach die Identitätspolitik zu ihrer Sache gemacht haben. So erklärten feministische und anti-rassistische Bewegungen die fortgesetzte Existenz von Sexismus und Rassismus in der Gesellschaft einfach mit rassistischen oder sexistischen Einstellungen, die angeblich durch eine rassistische oder sexistische Sprache ausgelöst wurden. Die Lösung? Verändere die Sprache und damit die Realität. Das Wirken dieser magischen und selbstzweckhaften Logik erkennt man an der Explosion des Gender-Begriffs. In nur 60 Jahren entwickelte er sich von der Bezeichnung grammatikalischer Kategorien zu 57 verschiedenen Geschlechtern, die Facebook seit kurzem seinen englischsprachigen Nutzern als Auswahlmöglichkeiten anbietet. „Männlich / weiblich“ wäre einfach zu langweilig gewesen. Zu den neuen Optionen gehören nun z.B. geschlechtslos, zissexuell (das Gegenteil von transsexuell), intersexuell, nicht-binär, pangeschlechtlich und anderes, für das es teilweise im Deutschen noch keine Begriffe gibt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man sich wieder „eine Person, ein Geschlecht“ herbeisehnt.

Individuelle Erfahrungen sind tatsächlich oft chaotisch und entziehen sich einfachen Kategorisierungen. Niemand lebt in einer Schublade. Die Dekonstruktion, wenn nicht gar die Explosion des Konzepts des Individuums als rationaler Akteur macht das moralische Urteilen allerdings unmöglich. Die exponentielle Zunahme imaginierter Unterschiede zwischen Individuen reduziert die wahren Unterschiede zwischen Menschen zu Belanglosigkeiten. Der Wunsch, das Individuum von allen Begrenzungen zu befreien, führt zu individuellen Kontrollverlust. Was übrig bleibt ist das Bild einer Menschenhülle, der man nicht mehr zutraut, mit den eigenen Leidenschaften klar zu kommen, und deshalb die Hilfe anderer benötigt. Anders ausgedrückt: Die Gesellschaft gilt dann als Lösung für die vom Individuum versursachten Probleme, sie gilt nicht mehr als etwas, das von den Individuen gestaltet wird. Als besonders gefährlich gelten dann jene Personen, die in der „Illusion“ von ihrer Freiheit verharren, im Leben so zu handeln, wie sie es für richtig halten und sich selbst Einschränkungen aufzuerlegen, ohne Hilfe von außen zu benötigen. Der Fortbestand von Subjektivität und moralischer Autonomie bedeutet einen potentiellen Riss im Sozialgefüge. Ihre Unterdrückung soll daher im gesellschaftlichen Interesse liegen. Dies ist die Essenz der heutigen Denkens über Moral.

„Mit dem Werturteil verwerfen wir auch die Verantwortung für unser Handeln“

Aus den Trümmern der traditionellen bürgerlichen Moral ging entgegen landläufigen Auffassungen nicht die Befreiung von einer lähmenden moralischen Orthodoxie und Routine hervor. Vielmehr war das Schwinden der Macht und Autorität der traditionellen Moral eine Voraussetzung für das Aufkommen der Werturteilsfreiheit. Damit will ich sagen, dass es sich bei der vermeintlichen Stärke der heutigen Nicht-Moral um eine Illusion handelt, welche durch die Schwäche jeglicher Alternative hervorgerufen wird. Die traditionelle Moral hat so wenig Biss wie eine Grinsekatze. Was übrig bleibt, ist bestenfalls eine Moral der Zurückweisung, die an moralischen Nihilismus grenzt. Sie wird von moralischen Nicht-Entitäten in einem Diskurs unterstützt, in dem nichts mehr wirklich etwas zu bedeuten hat.

Wenn wir das individuelle Werturteil (das „du“, das du bist, das Gewissen) verwerfen, verwerfen wir die Möglichkeit einer vernünftigen Beurteilung unserer Welt und unserer Handlungen. Wir verwerfen damit auch die Verantwortung für unser Handeln. Das heißt, wir verwerfen sogar unsere Freiheit, denn frei sind wir, wenn wir uns dem Diktat der Vernunft unterwerfen, statt Sklave unserer Leidenschaften zu sein. Die heutigen Kulturkämpfe der miteinander konkurrierenden Lebensstile [2] und die damit oft einhergehende leidenschaftliche Abneigung gegen die Lebensführung anderer, entsprechen nicht dem Zusammenprall konservativer und progressiver Moralvorstellungen, sondern einem Angriff auf die Vorstellung von moralischer Autorität an sich – als etwas, auf dem notwendigerweise unsere individuelle Freiheit als moralischer Gesetzgeber beruht.

Fundamente der Moral

Beschäftigt man sich noch einmal mit der eingangs erwähnten „Back to Basics“-Kampagne der britischen Konservativen zu Anfang der 1990er Jahre, ist man erstaunt, wie unstrittig das Gesagte eigentlich hätte sein sollen. Obwohl die Rede als Angriff auf alleinerziehende Mütter aufgefasst wurde, rief Major eigentlich zu einer „Rückkehr zum Wesentlichen“ auf, „zur Selbstdisziplin und zum Respekt vor dem Gesetz, zur gegenseitigen Rücksichtnahme, zur Übernahme von Eigenverantwortung für sich und für seine Familie und dazu, diese nicht auf andere oder den Staat abzuschieben“ [3]. In ihrer Betonung von Selbstbeherrschung und Eigenverantwortung ist dies ein aufklärerisches Moralverständnis, das sicherlich dem Werk von Adam Smith oder Immanuel Kant hätte entspringen können. Majors Fehler bestand darin, seine Rede als Mahnung zu einer Rückkehr zu formulieren, statt als unausweichlichen Imperativ. Nun gut, er ist eben Politiker und kein Philosoph.

Moralisches Denken hatte seit jeher immer vor allem mit einem Problem zu kämpfen. Wir wissen, dass wir gut sein können und versagen trotzdem regelmäßig dabei. Die moralische Frage „Wie soll ich handeln?“ ist praktischer Natur. Der Umstand, dass nach Kant das Sollen ein Können impliziert, spitzt das moralische Dilemma zu. Wären wir einfach nur unfähig, zu tun, was wir tun sollten ­– das Kind fällt in den reißenden Fluss, aber mir sind die Hände gebunden –, dann würde sich die Frage nach der Moral gar nicht erst stellen. Nur durch das Aufkommen unserer individuellen Freiheit rückt die Moralfrage in den Fokus. Sokrates, eine Koryphäe der westlichen Geistesgeschichte, verdeutlicht die Verbindung zwischen dem Spielraum des persönlichen Hinterfragens in der attischen Demokratie und der Tragweite des Moralproblems. Sokrates war sich bekanntermaßen dieses „inneren Gerichtshofs“ (seinem „Daimonion“) bewusst, der ihm immer sagte, was er tun sollte. Er war sich dessen so bewusst, dass er in Platons Gorgias argumentiert, dass man in erster Linie sich selbst und nicht der Gesellschaft gegenüber verpflichtet ist.

Wer sich gegen den Gedanken von mehr Freiheit für jeden stellt, wie es beispielsweise in Sokrates’ Folge Platon und Aristoteles taten, setzt ihm den Gedanken von mehr Ordnung entgegen. Das platonische Konzept des Philosophenherrschers als einer Art Moralexperten, der moralische Autorität „da draußen“ (in den Landesgesetzen oder in der Formenwelt) statt in der Innenwelt findet, hat eine wichtige moralphilosophische Strömung beeinflusst. Solche Ansätze streben danach, uns Richtlinien für unser Handeln zu geben. Konsequentialisten argumentieren, dass wir durch unser Handeln mehr Gutes in die Welt bringen sollten (wie einen Anstieg der allgemeinen Zufriedenheit), während die Anhänger der Tugendethik uns zu besseren Menschen erziehen wollen, damit wir uns daran gewöhnen, Gutes zu tun. Derartige Theorien versuchen, unsere moralische Handlungsweise zu determinieren.

„Das Richtige zu tun kann in der Praxis einen fortwährenden Kampf bedeuten“

Daneben existiert aber auch eine Denkströmung, die ihren Höhepunkt in der Aufklärung fand, insbesondere bei Kant. Sie vertraut der Fähigkeit eines jeden Menschen, sich selbstbestimmt in Richtung des Guten zu lenken, selbst-determiniert zu sein. Dieses Vertrauen auf den Menschen als autonomes, vernunftbegabtes Wesen verlangt uns nach Kant ab, einander als Zweck und nicht Mittel zu sehen. Damit meinte er die gegenseitige Achtung unserer Freiheit. Sein Ansatz überspannte subjektive und objektive Auffassungen des moralisch Guten, um sie dann in uns als rationales Wesen zu vereinen. Wir stehen mit einem Bein in der Sinneswelt, den Gesetzen von Ursache und Wirkung unterworfen, und mit dem anderen Bein in der Verstandeswelt, den Gesetzen der Vernunft unterworfen.

Für einen Teilhaber an der Verstandeswelt ist die eigene Vernunft ein aktives Prinzip. Sie muss frei sein, um funktionieren zu können. Als Teil der Sinneswelt ist man Kräften und Verhältnissen unterworfen (beispielsweise dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb), die man nicht kontrollieren kann. Es ist also keinesfalls selbstverständlich, dass wir das Richtige tun, nur weil es richtig ist. Stattdessen erfahren wir die Last der Pflicht als Imperativ: Wir sollten das Richtige tun, wie uns unserer „innerer Gerichtshof“ nicht müde wird zu erinnern, obwohl das Richtige zu tun in der Praxis vielleicht einen fortwährenden Kampf bedeutet. Demnach zeigt uns Kant, dass die Grundlage der Moral unsere Freiheit ist: Eine Freiheit, die wir als ein uns selbst auferlegtes Gesetz erfahren. Kants Auffassung ist ein Höhepunkt im Denken über Moral. Sie hält nur das für richtig, was wir für uns und andere Vernunftwesen wie uns als richtig erachten.

Das Subjekt im Schatten

Heute haben wir uns von diesen Höhen der individuellen Vernunft weit entfernt. Moralisches Denken gehört tendenziell einem von zwei Lagern an: Der Unbestimmtheit des moralischen Relativismus oder der Determiniertheit des moralischen Objektivismus. In beiden Fällen fehlt es dem Individuum an moralischer Autorität. Entweder es ist alles erlaubt oder gar nichts – und was einem die Vernunft sagt, ist egal. Es zählt eher, wie man sich fühlt, was die Gesellschaft bestimmt oder wozu die Natur drängt.

In diesem Zusammenhang wird das Individuum allmählich als eine moralische Bedrohung angesehen. Das heute vorherrschende Gefühl, die Gesellschaft leide an einem Übermaß an „wurzellosem“ Individualismus, ist die gefährlichste Fehleinschätzung. Immer wieder heißt es, das Individuum müsse in dem einen oder anderen Maße gebremst werden. Banker sind zu gierig, Männer sind zu frauenfeindlich, die Leute sind zu konsumsüchtig. Eigennutz sei der Gemeinschaft und der Gerechtigkeit abträglich. Daher ist es kaum verwunderlich, dass überall der Ruf nach Einschränkungen und Grenzen der individuellen Freiheit erschallt, von der Freiheit zu essen, was wir wollen, bis hin zur Meinungsfreiheit. Die Beschränkung unseres moralischen Handlungsspielraums durch die Beschneidung unseres Urteilsvermögens lässt das moralische Subjekt in den Hintergrund rücken. Die wachsende Verdinglichung der Moral und mit ihr die Verdinglichung von uns selbst beraubt uns unserer Menschlichkeit.

„Die Vorstellung von Schuld wurde durch die von Therapie ersetzt“

Das schwindende Subjekt zeigt sich in einem geschrumpften Innenleben, einer Schwächung unseres Gespürs für den „inneren Gerichtshof“. Als die traditionelle Moral immer mehr an Boden an die wissenschaftliche Autorität der Psychologie verlor, wurde die Vorstellung von Schuld durch die von Therapie ersetzt, oder anders ausgedrückt: Durch die Vorstellung, dass unser Innenleben äußere Hilfe in Form moralischer „Heilmittel“ benötigt. Genauso verhält es sich mit dem großen Misstrauen, wenn nicht sogar der Feindlichkeit, die der Staat gegenüber der Privatsphäre an den Tag legt. Die Familie gilt zunehmend als Ort, an dem vieles äußerst falsch laufen kann – ein Ort potentiellen Missbrauchs – und nicht mehr als Ort der Sicherheit, wo wir uns die Ressourcen aneignen, nach außen zu treten und in der Öffentlichkeit zu agieren. Die entsprechende Moraltherapie für die Familie nennt sich „frühe Intervention“. Es soll sichergestellt werden, dass das Individuum behütet wird und, um ein aktuelles Beispiel zu wählen, keine radikalen Extremisten dem Schoße der Familie entspringen und die Gesellschaft vergiften. Zugleich wird quer durch die Gesellschaft die Forderung nach Transparenz erhoben. Dies bedeutet nichts weniger als ein tiefes Misstrauen gegenüber jedem, der ein Privatleben führen möchte.

Wohlwollen

Wenn etwas die Lage auf den Punkt bringt, in der wir uns heute befinden, dann ist es Sartres Konzept der „mauvaise foi“, der Bösgläubigkeit. Wir haben es heute mit einer böswilligen Grundhaltung zu tun, welche die Form des Konformismus in Bezug auf die Werturteilsfreiheit und zeitgenössische Nicht-Moral annimmt. Diese Lage erfordert eine moralische Renaissance, eine Wiederbelebung des moralischen Subjekts. Moralischer Schwäche und Passivität kann nur mit unserer Bereitwilligkeit, das Leben so frei wie möglich zu erkunden, begegnet werden. Wenn wir nur ein wenig der Energie, mit der die Fettleibigkeit bekämpft wird, auf den Zustand unseres Gewissens verwenden würden, kämen wir auf dem Weg zur moralischen Selbstbestimmung ein ganzes Stück weiter. Der moralische Imperativ muss heute darauf gerichtet sein, die ganzen Ausreden – und wir haben viele –, mit denen wir der Notwendigkeit unserer eigenen Freiheit entfliehen wollen, zu überwinden. Anstatt mit den Schultern zu zucken und zu sagen: „Wer bin ich denn, darüber zu urteilen?“, anstatt uns wie kleine Kinder Entschuldigungen auszudenken, sollten wir bereitwilliger Gott spielen und für unsere Freiheit kämpfen.

Wenn wir dem Gedanken des Wohlwollens auch nur etwas Gehalt verleihen wollen, müssen wir uns wieder auf das „Ich“ zurückbesinnen, das zum Urteilen über sich selbst, über andere und die Welt, in der wir leben, bereit ist. Ein erneuerter Glaube an das Individuum und seine Freiheit geht der Etablierung moralischer Autorität logisch voraus. Ohne diesen Glauben sind all die Forderungen nach neuen sozialen Bewegungen, die dem Individuum eine wie auch immer geartete Form der Verwurzelung oder Basis bieten könnten, sinnlos. Forderungen nach einer guten Gesellschaft, die die Menschheit zusammenbringen könnte, werfen nur die Frage auf, was denn gut sein könnte. Die inhaltslose Art der „Occupy“-Proteste verdeutlicht dies genauso wie ihr leerer Slogan von den „99 Prozent“

Die Fragestellung, was „gut“ sein könnte, erst gar nicht anzugehen, heißt, sich dem moralischen Imperativ zu entziehen und sich in den moralischen Relativismus oder den moralischen Solipsismus zurückzuziehen. Es ist der Gipfel der Böswilligkeit, anzunehmen, dass jemand, der einer Bewegung nicht angehört, automatisch ein nützlicher Idiot des Status Quo sein muss. Moral war niemals eine Frage von deren Moral und unserer Moral, sondern immer eine Frage von meiner Verpflichtung und deshalb auch deiner.

Insofern wir uns das Urteilen ersparen und jede Ehe als anders durchgehen lassen, jeden Umstand als besonders, vergrößern wir das Ausmaß unserer Unfreiheit, das Ausmaß des Bösen als Abwesenheit dessen, was gut ist – nämlich, unsere Freiheit oder zumindest unser Kampf um die Freiheit. Frei zu sein heißt, die Grenzen der Freiheit zu verschieben, sie immer weiter auszudehnen, um das „Königreich des Guten“ zu erweitern und das „des Bösen“ zu verkleinern. Das erreichen wir nur, wenn wir den Mut haben, unsere private Vernunft öffentlich zu gebrauchen. Es ist, wie Kant es sah, der Tod des Dogmas, der uns auf die Geburt der Moral hoffen lässt.


Dieser Artikel ist zuerst in der Novo-Printausgabe (#119 - I/2015) erschienen. Kaufen Sie ein Einzelheft oder werden Sie Abonnent, um die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts zu sichern.