01.04.2001

Mit Krokotaschen Krokodile schützen

Von Michael Miersch

Michael Miersch löst scheinbare Widersprüche auf: Die legalisierte Jagd auf Tiger erhält die Raubtierart, Großwildjäger bewahren die Artenvielfalt, und der Massentourismus unterstützt den Naturschutz.

Michael Miersch löst scheinbare Widersprüche auf: Die legalisierte Jagd auf Tiger erhält die Raubtierart, Großwildjäger bewahren die Artenvielfalt, und der Massentourismus unterstützt den Naturschutz.


Nehmen wir einmal zwei Tierarten, die beide in China von Kopf bis Klaue verarbeitet werden. Aus beiden werden obskure Heilmittel hergestellt, für die kranke Menschen hohe Summe zahlen. Die eine Art, der Tiger, steht seit Jahrzehnten am Rande der Ausrottung (es gibt derzeit weniger als 8.000 wild lebende Tiger auf der Welt). Die andere, der Rothirsch, vermehrt sich prächtig und ist nicht im Geringsten bedroht. Es gibt zirka zwei Millionen Rothirsche auf der Welt. Warum geht es der einen Art so schlecht und der anderen so gut? Ganz einfach: Rothirsche dürfen legal bewirtschaftet werden, Tiger nicht. Die einzige Form, wie ein indischer Bauer seinen Lebensunterhalt mit Tigern verdienen kann, ist Wilderei. Das Geschäft mit Rothirschen ist dagegen ein ganz legales: 250.000 werden jedes Jahr in freier Wildbahn oder auf Wildfarmen erlegt.
Ob es uns Naturschützern gefällt oder nicht. Die weltweite Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt: Wildtiere sind nur dort sicher, wo sich ihre Existenz für die Einheimischen auszahlt. Denn wo die Natur am reichsten ist, leben zumeist die ärmsten Menschen.

“Naturschützer sollten die Nutzung der Natur nicht verhindern, sondern fördern”, fordert deshalb der Umweltökonom Terry L. Anderson und mit ihm immer mehr Naturschutzexperten in aller Welt. Wildtiere spielen Milliarden ein, egal ob als Jagdtrophäe, Tourismusattraktion, Pelz- oder Fleischlieferant. Würden vernünftige Naturschützer dieses Geschäft selbst in die Hand nehmen, könnten sie es im Dienste der Artenvielfalt betreiben. Dies ist nur scheinbar ein Widerspruch. Viele Menschen in den Entwicklungsländern würden endlich eine Chance erhalten, die Natur vor ihrer Haustür auf ökologisch verträgliche Weise zu nutzen. Was spricht eigentlich dagegen? Nichts als der moraltriefende Starrsinn mancher Ökofunktionäre, die bestimmen, welche Wege zum Naturschutz gut und welche böse sind.
Sie trichtern den gutgläubigen Lesern und Zuschauern ein, dass es ganz böse sei, Elfenbein, Pelze, Krokodilleder oder Tropenholz zu kaufen. Doch der Handel mit solchen Naturprodukten ist weder grundsätzlich unmoralisch noch grundsätzlich unökologisch. Er ist es nur, wenn die Rohstoffe aus Raubbau oder Wilderei stammen. Kommen sie jedoch aus einer vernünftigen naturverträglichen Nutzung, kann eine echte Naturfreundin gar nichts besseres tun, als im Pelzmantel ihre Krokotasche auszuführen.
Das Beispiel Indonesien beweist: Nicht der Wert des Tropenwaldes, sondern seine vermeintliche Wertlosigkeit ist gefährlich. Warum wurden Ende der neunziger Jahre viele Tausend Hektar Urwald auf Borneo angezündet? Plantagenfarmer wollten auf den verkohlten Flächen Palmöl und Kautschuk anbauen. Diese landwirtschaftlichen Produkte bringen weitaus mehr Geld ein als Holz. Würde dagegen der Wald mehr Gewinn abwerfen als Plantagen, etwa durch Forstwirtschaft, das Sammeln pharmazeutischer Rohstoffe, Tourismus, Jagd oder all das zusammen, dann würden die Waldnutzer diese Einkommensquelle gegen Brandroder verteidigen.

“Nicht die grünen Holzboykotteure, sondern die viel geschmähten Forstunternehmen sind die beste Versicherung für den Wald.”

Überall auf der Welt, wo im Laufe der Jahrhunderte Wald gerodet wurde, geschah dies, um Äcker, Viehweiden und Plantagen anzulegen. Nicht die grünen Holzboykotteure, sondern die viel geschmähten Forstunternehmen sind die beste Versicherung für den Wald, denn wer vom Holz lebt, achtet darauf, das es auch nachwächst. Unbestritten gibt es Holzfirmen, z.B. in Malaysia, die Raubbau betreiben und sich nicht um Aufforstung kümmern, doch sie gehören schon heute zu einer geächteten Minderheit innerhalb der internationalen Forstwirtschaft. Einige große Naturschutzverbände wie der WWF (World Wide Fund for Nature) haben dies erkannt und unterstützen mittlerweile den Verkauf von Tropenholz aus ökologisch verträglicher Forstwirtschaft. Leider wurde viel wertvolle Zeit vertan, als sie zuvor jahrelang einen ökologisch und ökonomisch unsinnigen “Tropenholzboykott” propagierten.

Bei Pelzen, Krokoleder, Elfenbein und anderen allgemein verteufelten Naturprodukten sieht es ganz ähnlich aus. Bevor 1989 das internationale Handelsverbot für Elfenbein in Kraft trat, finanzierten manche Länder des südlichen Afrika den staatlichen Naturschutz mit dem Einnahmen aus dem Elfenbeinhandel. Sie schossen ihre Elefanten – in ökologisch vertretbarem Umfang – ganz legal ab, verkauften deren Stoßzähne und hatten kaum Probleme mit Wilderern.
Bezeichnenderweise kam es zur heftigsten Elefantenwilderei in Kenia, dem Musterland der Tierfreunde. Dort hatte die Morallobby aus Europa und den USA erreicht, dass Großwildjagd grundsätzlich verboten wurde. In Botswana und anderen Elfenbeinexportländern wurden die Elefanten dagegen immer zahlreicher, weil man sie als wertvolle wirtschaftliche Ressource gut beschützte. Diese Staaten verkauften einen Teil ihrer Elefanten an Großwildjäger und gewannen zusätzlich erhebliche Mengen Elfenbein bei kontrollierten Abschüssen durch Wildhüter. Dies alles wurde durch das hochmoralische – und von Tierfreunden in den USA und Europa gefeierte – Handelsverbot unterbunden. Ein weiterer Sieg fehlgeleiteter Emotionen über die ökonomische und ökologische Vernunft.

“Arme Länder haben oft keine andere Wahl, als ihre letzten Wildnisgebiete wirtschaftlich sinnvoll zu nutzen”, sagt der Umweltökonom Wolf Krug vom Londoner CSERGE (Centre for Social and Economic Research on Global Environment), “Naturschutz wird somit zu einem Konflikt zwischen verschiedenen Formen der Landnutzung – einem Konflikt zwischen Natur bewahrenden und Natur zerstörenden Nutzungsformen.” Deshalb raten er und andere Umweltökonomen dazu, den Handel mit Produkten aus Wildtieren und -pflanzen zu liberalisieren, damit auch Wildnisgebiete gegenüber Rinderfarmen und anderen Nutzungsformen endlich konkurrenzfähig werden. Verbote, so Krug, stoppen den Handel nicht, sondern treiben nur die Preise in die Höhe, wie man am internationalen Drogenhandel sieht.
Doch in Nordamerika und Westeuropa werden Naturprodukte – besonders solche, die aus niedlichen Tieren hergestellt werden – mit moralischen Argumenten vom Markt verdrängt. Pelzmäntel gelten als Ausdruck von Kaltherzigkeit und übler Gesinnung. Doch die Zeiten, als seltene Tiere um ihres Felles willen verfolgt wurden, sind längst vorbei. Die Pelzbranche befolgt seit Jahrzehnten die Artenschutzgesetze. Mäntel aus flauschigem Fell sind heute ökologisch sauber und manche sogar ein Segen für die Umwelt. Beispiel Fuchskusu: Dieses Beuteltier wurde im 19. Jahrhundert von Australien nach Neuseeland verfrachtet. Dort gefiel es den nachtaktiven Kusus so gut, dass sie sogleich damit anfingen, die grüne Insel kahl zu fressen. Ende des 20. Jahrhunderts war die Plage unübersehbar geworden: Die putzigen Kletterbeutler verschlangen täglich 20.000 Tonnen Grünzeug. Wo sie einfallen, sterben die Blütenbäume Pohutukawa und Rata ab. Das ist so, als würden die Eichhörnchen in Deutschland reihenweise Buchen und Eichen umlegen. Anfang der neunziger Jahre sagte Neuseelands damaliger Umweltminister: “Sie entlauben die Bäume und zerstören die Wälder. Der Handel mit ihren Fellen ist aus ökologischer Sicht absolut unbedenklich. Er trägt im Gegenteil zum Naturschutz bei.”
Noch in den achtziger Jahren lebten 100.000 neuseeländische Trapper vom Verkauf der Fuchskusu-Felle, die in Deutschland unter dem Handelsnamen “Opossum” zu Mänteln und Jacken verarbeitet wurden. Dann brach der Markt zusammen, weil Tierschützer in Europa und den USA Pelz zum Tabu erklärten. Der Preis für ein Fell fiel von acht auf zwei Dollar, und die Trapper suchten sich andere Jobs. Der Fuchskusu-Bestand wuchs auf 70 Millionen an, zu viel für das Ökosystem. Pelzmäntel (und nicht nur die vom Fuchskusu) können durchaus dem Naturschutz dienen, auch wenn sie aus Eitelkeit oder Statusdenken gekauft werden. Dem neuseeländischen Wald sind solche Motive völlig egal.

“Verbote stoppen den Handel nicht, sondern treiben nur die Preise in die Höhe, wie man am internationalen Drogenhandel sieht.”

Deutsche Fernsehzuschauer staunten nicht schlecht, als in einer arte-Reportage 1997 der russische Naturschutzexperte und Mitarbeiter des WWF, Pavel Fomenko, gefragt wurde, was die Ursache für die bedrohliche Wilderei auf den Sibirischen Tiger sei. “Eure Kampagnen gegen Pelzmäntel”, antwortete der Tiger-Schützer in aller Deutlichkeit. Weil in Westeuropa niemand mehr Pelzmäntel kauft, ist ein bedeutender Wirtschaftszweig im Fernen Osten Russlands zusammengebrochen. Nicht nur die Arbeiter auf den Pelztierfarmen wurden arbeitslos, sondern auch die Trapper in der Taiga. Sie müssen jetzt ihren Lebensunterhalt anderweitig verdienen. Und viele von ihnen – so Pavel Fomenko – wildern lieber Tiger, als zu verhungern.

Nicht nur Pelztierfänger können dem Naturschutz dienen. Es gibt noch viel mehr Bösewichter, die ökologisch handeln, ohne es zu wissen, wenn sie von Umweltökonomen in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Zum Beispiel eine berüchtigte Brut von Brutaltouristen, die um den Globus jetten, um ihre niedrigsten Instinkte zu befriedigen. Zumeist handelt es sich um alte, weiße Männer, die sich gern so anziehen, als wäre Afrika noch in den Händen von Lettow-Vorbeck. Kaltblütig ballern sie auf Jumbo, Bambi und Simba. Doch sind – ganz im Gegensatz zu ihrem katastrophalen Image – Großwildjäger für viele Wildnisgebiete in Afrika eine unverzichtbare Einnahmequelle geworden.
In einigen Regionen des südlichen Afrika, wo die Landbevölkerung Elefanten und Büffel früher als Ernteschädlinge bekämpfte, dürfen die Bauern heutzutage einen Teil der Wildtiere im Dorfumkreis an ausländische Jäger verkaufen. Und weil die Schädlinge von einst dadurch zu wandelnden Wertanlagen mutierten, werden sie plötzlich beschützt und gehegt. Mehr Großwild bedeutet mehr Geld. Eine einfache Rechnung, die mehr Gutes bewirkte als alle schwer bewaffneten Wildhüter und frommen ökologischen Appelle in der Vergangenheit. Artenschutz durch Eigennutz: In den achtziger Jahren wurde diese perfide Idee erstmals in Simbabwe ausprobiert. Sie erwies sich als die beste Idee seit der Erfindung des Nationalparks.
Ein gut betuchter Deutscher, der in Botswana einen Elefanten erlegen will, muss dafür eine vierzehntägige Safari buchen, die ihn inklusive Abschussgebühr und staatlicher Lizenz mindestens 60.000 Mark kostet. Ein Teil dieses Geldes wird in Naturreservate investiert. Ein Expertenteam für Ökotourismus der Humboldt-Universität Berlin formulierte nach sorgfältiger Prüfung einen Freispruch erster Klasse: “Jagdtourismus mag elitär sein und Naturschützern nicht behagen, erfüllt jedoch die Kriterien des Ökotourismus.”

In Namibia wird der Artenschutz bereits seit den sechziger Jahren mit kapitalistischen Mitteln betrieben. 1967 gingen die Besitzrechte an Wildtieren auf die privaten Landbesitzer über. Zuvor hatten die Farmer Wild ausgemerzt, wo sie nur konnten. Antilopen und Zebras schossen sie als Futterkonkurrenten ihrer Rinder ab. Raubtiere wurden als potentielle Viehräuber mit Giftködern, Fallen und Flinten verfolgt. Dies solange, bis die Privatisierung eine völlige Umkehr einläutete. Statt mühsam dem Wüstenklima ein paar dürftige Steaks abzutrotzen, sattelten mehr und mehr Landwirte auf das lukrative Jagdgeschäft um. Sie schlachteten ihre mageren Rinder und legten Jagdfarmen an. Der Erfolg: Zwischen 1972 und 1992 stieg der Wildbestand auf privatem Farmland um 70 Prozent an. Im gleichen Zeitraum nahm die Artenvielfalt der größeren Wildsäugetiere um 40 Prozent zu.

“Der gemeine Pauschaltourist erwies sich als Segen für den internationalen Naturschutz.”

Nicht nur weltenbummelnde Möchtergern-Hemingways sind zu sprudelnden Geldquellen für den Artenerhalt geworden. Auch der gemeine Pauschaltourist erwies sich als Segen für den internationalen Naturschutz. Dabei hat wohl kaum jemand so eine schlechte Presse wie Menschen, die in kurzen Hosen und Tennissocken Charterflugzeugen entsteigen. “Der Einfall touristischer Horden”, klagte der Schöngeist André Heller, “führt zur Ausrottung des Schönen.” Im blindwütigen Urlaubsrausch – so das Klischee der gutbürgerlichen Bildungsreisenden – treiben die mobilen Massen unsere Erde in den Umweltkollaps. Die Abscheu vor dem Massentourismus weckte immer wieder Bestrafungsphantasien der Öko-Elite. So machte eine grüne Abgeordnete 1998 von sich reden, weil sie den Deutschen die Zahl ihrer Flugreisen fürsorglich beschränken wollte. Ihr eigenes Fernflugkonto war zwar ebenfalls recht stattlich, doch sie reiste stets, um auf internationalen Kongressen die Weltrettung voranzutreiben.
Kratzt man an der Tourismuskritik, bleibt nichts als ein paar unästhetische Fotos von rot gebrannten Fettbergen an spanischen Stränden und skizerfurchten Berghängen in den Alpen. Diese hässlichen Randerscheinungen der Reiselust verstellen jedoch den Blick auf den historischen Verdienst des Massentourismus. Der wird am besten an einer Zahl deutlich: 12.413 Nationalparks und andere große Naturreservate mit einer Fläche von über zehn Quadratkilometern existieren zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem Globus. Der Weltpark Antarktis (der einen kompletten Kontinent umfasst) und die zahllosen kleineren Naturschutzgebiete sind dabei nicht einmal mitgerechnet.
Noch mal, weil es so schön ist: Im 20. Jahrhundert stieg die Zahl der Großschutzgebiete von weniger als 10 auf über 12.000. Und warum? Weil der Massentourismus erfunden wurde. “Der Schutz der biologischen Vielfalt”, heißt es in einer Broschüre der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit), “wäre ohne die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr nicht zu finanzieren.” Ausgerechnet die Fernreisenden, die angeblich das Weltklima ruinieren, um ihre schlechten Manieren auch in Mombasa zu verbreiten, sind die wahren Umweltengel unserer Zeit. Ohne zahlende Urlaubsgäste hätten Gorillas in Ruanda und Nashörner in Namibia keine Überlebenschance.

Kein anderes globales Gewerbe ist so stark von sauberem Wasser, reiner Luft und intakter Natur abhängig wie der Tourismus. Zwei Billionen Dollar werden im Weltmarkt des Tourismus erwirtschaftet. Allein für Naturreisen in Tropenländer geben Urlauber jährlich 18 Milliarden Mark aus. Jeder fünfte Arbeitsplatz auf dem Globus hängt am Fremdenverkehr. Diese ökologisch überaus effiziente Erkenntnis machen sich zunehmend die Urlaubsländer selbst zu eigen. So rechnete der maledivische Staatspräsident seinen Landsleuten vor, dass Haie weitaus mehr Geld einspielen, wenn man sie als Attraktion für Tauchtouristen leben lässt, statt ihre Filets für eine Handvoll Münzen auf dem Fischmarkt zu verkaufen.
Professionelle Naturschützer, die ein wenig länger nachdenken, haben die Neckermann-Geschwader in ihr Herz geschlossen. “Wer Massentourismus und Naturzerstörung gleichsetzt, denkt ökologisch viel zu kurz”, sagte der langjährige Leiter des Nationalparks im Bayerischen Wald Hans Bibelriether: “Der Tourismus ist unser Verbündeter.” Selbst die alte, eingängige These vom Tourismusgewerbe als “Landschaftsfresser” (Jost Krippendorf) gerät bei näherer Betrachtung ins Wanken. Eine Studie der Universität Innsbruck über das touristisch intensiv genutzte Ötztal kommt zu dem Schluss: “Der Flächenanspruch des modernen Tourismus ist wesentlich geringer als der der traditionellen Landwirtschaft. Gegenwärtig nimmt die Waldfläche im Tal zu und der wirtschaftlich genutzte Flächenanteil ab.”

“Wenn Touristen weniger einbrächten als Bananen, könnte es sich die Regierung Costa Ricas kaum leisten, ein Viertel der Landesfläche unter Naturschutz zu stellen.”

Die Alternative zum Tourismus heißt längst nicht mehr unberührte Wildnis. Das Fremdenverkehrsgewerbe steht heute in harter Konkurrenz zu anderen Nutzungsformen. In Entwicklungsländern bedeutet weniger Tourismus mehr Brandrodung, mehr Rinderzucht und mehr Plantagen. Nur wo ein Schutzschild aus touristischer Infrastruktur aufgebaut werden kann, bleibt die naturfressende Landwirtschaft außen vor. Wenn Touristen weniger einbrächten als Bananen, könnte es sich die Regierung Costa Ricas kaum leisten, ein Viertel der Landesfläche unter Naturschutz zu stellen.
Dabei ist das ökonomische Potenzial der mobilen TUI-Truppen noch längst nicht ausgeschöpft. In vielen Ländern mit lieblichen Landschaften und imposanten Wildtieren bremsen Bürokraten die wirtschaftliche Erschließung der Naturschönheiten. Wenn die Wildnisgebiete dieser Welt von Profis der Reisebranche oder besser noch der Unterhaltungsbranche vermarktet würden, müsste sich niemand mehr über bedrohte Arten Sorgen machen. Man stelle sich vor, lädt Umweltökonom Wolf Krug zu einem Gedankenspiel ein, die Walt Disney Corporation würde die Virunga-Vulkane samt Gorillas vom Staat Ruanda pachten. Die Tiere wären sicher wie in Abrahams Schoß, die Menschen hätten Jobs und ein warmer Dollarregen würde über dem Regenwald niedergehen.