05.10.2018

#MeToo als sexueller McCarthyismus

Von Brendan O’Neill

Titelbild

Foto: surdumihail via Pixabay / CC0

Ian Buruma musste die Redaktion des New York Review of Books verlassen, weil er #MeToo zu differenziert gegenübersteht. Das lässt diese immer extremere Bewegung nicht mehr zu.

Jetzt ist es amtlich: #MeToo ist in die Phase des McCarthyismus eingetreten. Die Entfernung von Ian Buruma vom Posten des Chefredakteurs der renommierten US-Kulturzeitschrift New York Review of Books (NYRB) bestätigt einmal mehr, dass es bei dieser Hashtag-Bewegung mehr um Rache und Zensur als um Gerechtigkeit geht. Denn Burumas Verbrechen bestand nicht darin, eine Frau ohne ihre Zustimmung angefasst oder seine weiblichen Mitarbeiter verbal belästigt zu haben. Er hat lediglich den Aufsatz eines Mannes (des kanadischen Rundfunksprechers Jian Ghomeshi) veröffentlicht, der wegen sexueller Nötigung angeklagt und dann vor Gericht freigesprochen wurde. Wenn ein angesehener Redakteur wegen der Veröffentlichung der Worte eines freigesprochenen Mannes aus der gehobenen Gesellschaft ausgeschlossen werden kann, dann wird klar, dass wir in dunklen, hässlichen Zeiten leben. #MeToo ist die Hebamme der mittelalterlich anmutenden Überwachung abweichender Meinungsäußerungen.

Wie kein anderer Vorfall bisher bringt die Buruma-Affäre die illiberalen Exzesse und die Hysterie der #MeToo-Bewegung auf den Punkt. Buruma hat sich doppelt schuldig gemacht: Zuerst wagte er, Ghomeshi in der Zeitschrift Raum zu geben, um über die Anschuldigungen gegen ihn zu schreiben. Dann, Sünde aller Sünden, machte er sogar einige Witze über das aktuelle sexuell angespannte Klima, das das öffentliche Ansehen von Männern wie ihm zerstört. Ghomeshi wurde 2014 von mehreren Frauen beschuldigt, nicht einvernehmlichen, „groben Sex“ mit ihnen gehabt zu haben. Anschuldigungen, die es entweder nicht vor Gericht geschafft haben oder in den Fällen von drei Frauen außergerichtlich verworfen wurden. In seinem NYRB-Beitrag schreibt er, dass er Opfer einer „Massenbeschämung“ (mass schaming) geworden sei. Zweitens gab Buruma dem Onlinemagazin Slate ein Interview, in dem er äußerte, dass Ghomeshis früheres Verhalten „eigentlich nicht meine Angelegenheit“ sei.

Dafür – für die Beauftragung eines Essays und die Verteidigung des Rechts einer Person, auch nach dem Freispruch von Straftaten weiterhin öffentlich präsent zu sein – wurde Buruma aus den New Yorker Literaturzirkeln vertrieben. Es ist unklar, ob er gekündigt hat oder entlassen wurde. Eindeutiger Grund für seinen Ausstieg war jedoch seine Forderung, dass wir in der Diskussion über sexuelle Vergehen und Belästigungen differenzieren müssen. Differenzierung gilt aber als Sünde im binären moralischen Universum der #MeToo-Hexenjagd.

„Jede Bewegung, die so arrogant wird und Hinterfragen und Kritik bestraft, muss dringend einer ernsthaften und fundierten Debatte ausgesetzt werden.“

Die größte Empörung bei Feministinnen rief die Titelstory des NYRB über Gomeshi und andere, die kritisch über #MeToo nachdenken, mit der Schlagzeile „Der Fall der Männer“ hervor. Das sei lächerlich und männliches Selbstmitleid, behaupteten jene, die gerade Burumas Fall bewirkt hatten. Burumas Fall, als Ergebnis einer mutigem redaktionellen Entscheidung, bestätigt nur allzu deutlich, dass seine Titelgeschichte genau richtig gewählt war.

Diese Affäre belegt erneut, dass es nicht erlaubt ist, #MeToo zu hinterfragen. Das zeigt auch die Wut gegen Matt Damon, Sean Penn, Catherine Deneuve, Anne Robinson und den Komiker Norm Macdonald, die alle ketzerische Zweifel an dieser neuen Bewegung äußerten, in der Männer nur durch die Anschuldigung einer Frau aus dem Job und in den Schatten der Scham geworfen werden können. Vor ein paar Wochen äußerte Macdonald den blasphemischen Kommentar, dass es für die #MeToo-Bewegung an der Zeit ist, „ein wenig runterzuschalten“. Außerdem schlug er sündhafter Weise vor, dass Menschen wie Louis CK – der Komiker, dessen Karriere durch Anschuldigungen, vor einigen Frauen masturbiert zu haben, zerstört wurde – ein Comeback ermöglicht werden sollte. Macdonald sollte in der Tonight Show erscheinen, weigerte sich dann jedoch, nachdem die Produzenten eine öffentliche Entschuldigung für seine Kommentare zu Beginn der Show forderten. „Nimm öffentlich deine Äußerungen zurück, sonst...“ – in welchem Jahrhundert leben wir?

Die Vorfälle von Macdonald und Buruma zeigen, wie schwierig es für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist, #MeToo zu kritisieren. Und sie zeigen ebenso, wie notwendig es ist, #MeToo zu kritisieren. Jede Bewegung, die so arrogant wird und Hinterfragen und Kritik bestraft, muss dringend einer ernsthaften und fundierten Debatte ausgesetzt werden. Sean Penn hatte kürzlich völlig zurecht „Misstrauen“ gegenüber einer Bewegung artikuliert, die von „großer Schärfe und Wut“ beherrscht wird und die „ohne Abstufungen“ agiert. „Und selbst wenn man versucht, differenziert darüber zu diskutieren, wird die Differenzierung angegriffen“, sagte er. Genau das ist mit Buruma passiert: Er wurde aus der literarischen Gesellschaft vertrieben, weil er sich für eine differenzierte Debatte ausgesprochen hatte. Differenzierungen sind in der #MeToo-Ära nicht erlaubt. Man muss einfach mit dem Finger auf Leute zeigen und schreien und den Sturz der Menschen feiern.

„Wir sollten Buruma und die anderen #MeToo-Ketzer verteidigen, bevor es zu spät ist.“

In Wahrheit bringt Buruma in Einklang mit seiner intellektuellen Leistung der letzten Jahrzehnte ein sehr humanistisches Argument hervor. Seine Kommentare bei Slate werden aus dem Zusammenhang gerissen. Jeder bezieht sich auf seine Bemerkung, dass Ghomeshis früheres Verhalten „eigentlich nicht meine Angelegenheit“ ist. Tatsächlich hat er folgendes gesagt: „Ich bin nicht der Richter über Recht und Unrecht einer jeden Anschuldigung. Wie könnte ich auch? Ich weiß nur, dass er vor Gericht freigesprochen wurde und es keinen Beweis gibt, dass er ein Verbrechen begangen hat.“ Damit verhält sich Buruma sehr zivilisiert: Er weigert sich, als Ein-Mann-Mob zu handeln und an der permanenten Ausgrenzung von Ghomeshi aus dem öffentlichen Leben mitzuwirken, weil er lieber daran glaubt, dass Menschen bis zum Beweis des Gegenteils unschuldig sind. Und Ghomeshi wurde nicht für schuldig befunden. Früher galt es als sozial verantwortungsbewusst, freigesprochene Menschen und sogar Ex-Sünder fair und human zu behandeln. Heute wird das als gesellschaftliches Verbrechen betrachtet. #MeToo will jeden Beschuldigten in alle Ewigkeiten bestraft sehen. Das offenbart eine üble, stalinistische und völlig ungerechte Haltung zum öffentlichen Leben. Buruma verteidigt die Säulen der freien, zivilisierten Gesellschaft, #MeToo bringt sie ins Wanken.

Es genügt ihnen nicht, von der Hand auf dem Knie bis richtigen Vergewaltigungen alles über einen Kamm zu scheren; es genügt ihnen nicht, Frauen als zerbrechliche Opfer männlicher Bosheit darzustellen; es genügt ihnen nicht, ein Klima zu erzeugen, in der Beschuldigte ihre Karriere und in einigen Fällen ihr Leben verlieren können (es hat vier Selbstmorde im Zusammenhang mit #MeToo gegeben) – jetzt will #MeToo Kritik zum Verstummen bringen, sich der Differenzierungen entledigen.

Buruma sollte nicht ausgeschlossen werden, man sollte ihn vielmehr hochleben lassen. Denn er hat den Anstoß zu einer sehr wichtigen Diskussion über die scheußlichen Auswirkungen von #MeToo auf Freiheit, Gerechtigkeit und Sex gegeben. Wir sollten ihn und die anderen #MeToo-Ketzer verteidigen, bevor es zu spät ist. Bevor wir uns in einer Welt wiederfinden, in der jeder Anwärter auf einen Job im Journalismus, der Kultur, Politik oder Unterhaltung zuerst gefragt wird: „Sind Sie oder waren Sie jemals ein Kritiker von #MeToo“?