01.09.2005

Mehr Sport ohne Politik

Kommentar von Stefan Chatrath

Stefan Chatrath bezieht Stellung zu den wichtigsten sportpolitischen Fragestellungen.

Spitzensport: Qualitätsoffensive durch gezielte Förderung!
Seit mehr als zehn Jahren geht es bergab mit dem deutschen Spitzensport. Zwischen den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona und 2004 in Athen reduzierte sich die Anzahl gewonnener Medaillen um mehr als 40 Prozent; dies, obwohl sich die Anzahl der Wettbewerbe im gleichen Zeitraum von 257 auf 301 erhöhte (+ 14,6 Prozent). Anstatt den Abwärtstrend durch die Reorganisation des deutschen Sports von oben (z.B. durch die Fusion von Deutschem Sport-Bund und Nationalem Olympischen Komitee) stoppen zu wollen, wäre eine Qualitätsoffensive von unten notwendig, insbesondere in der Nachwuchsförderung. Folgende Gesichtspunkte sollten dabei im Vordergrund stehen:
 

  • Qualität vor Quantität in der Athletenförderung: Überprüfung des Bundeskadersystems (Kaderverkleinerung vor allem im B- und C-Kaderbereich) und frühzeitige Konzentration auf potenzielle Leistungsträger;
  • Intensivierung der Trainer- und Betreuerweiterbildung in Zusammenarbeit mit der Sportwissenschaft;
  • Ausbau der wissenschaftlichen Begleitung des Leistungssports;
  • Modernisierung des Stützpunktsystems (Verschlankung der Olympiastützpunkte, Konzentration auf weniger Schwerpunktsportarten).
  • Evaluation der Nachwuchsförderung, insbesondere vor dem Hintergrund, dass der relativ hohe Leistungsstandard im Juniorenbereich in einer Reihe von Sportarten nur unzureichend in Weltspitzenleistungen transformiert wird.



Breitensport ist keine Sozialwerkstatt!
Kriminalität, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, Werteverfall, mangelndes Umweltbewusstsein – kaum ein gesellschaftliches Problem, zu dessen Lösung nicht der Breitensport beitragen soll. In den letzten Jahren ist kein Politikfeld so rasant gewachsen wie dieses – mit breiter Zustimmung in allen Parteien.
Bundesweit existieren heute mehr als 1500 solcher Initiativen, die die soziale, therapeutische und integrative Dimension des Sports ins Zentrum ihrer Arbeit rücken.
Diese politische Überfrachtung des Sports ist ein Irrweg! Der Breitensport kann kein Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Defizite sein und ist es auch nie gewesen. In wissenschaftlichen Untersuchungen konnten die reklamierten positiven Wirkungen des Breitensports nicht bestätigt werden. Der Deutsche Fußball-Bund beispielsweise hat seine Kampagne „Keine Macht den Drogen“ einstellen müssen, nachdem sich herausstellte, dass „seine“ Jugendlichen keinesfalls weniger legale und illegale Drogen konsumieren als Nichtvereinsjugendliche. In Fußballvereinen wird mehr getrunken und auch öfter zu Haschisch und Marihuana gegriffen. Es wird Zeit, dass auch andere Sportfachverbände die Realität anerkennen und entsprechende Polit-Kampagnen einstellen.
Was junge Menschen wirklich benötigen, ist eine Perspektive, sprich: einen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz. Dies ist keine Aufgabe des Breitensports, sondern kann nur in anderen Politikfeldern umgesetzt werden.


Doping freigeben!
Der Kampf gegen Doping ist ein fester Bestandteil der deutschen Sportpolitik. Eine große Koalition aus SPD, CDU/CSU, den Grünen und der FDP ist sich einig: ohne Dopingverbot und eine rigide Kontrollpraxis geht es nicht!
Dabei ist das Dopingverbot kontraproduktiv, denn es trägt zur Mystifizierung von Dopingmitteln bei. Doping sollte ohne Einschränkung freigegeben werden! Dann wäre erstmals seriöse, öffentliche Forschung darüber möglich, welchen Anteil Dopingmittel an der sportlichen Leistung haben, inwieweit sie tatsächlich leistungsfördernd bzw. gesundheitsschädigend wirken. Experten sind sich darin einig, dass wissenschaftliche Untersuchungen zeigen würden, dass es das Wundermittelchen nicht gibt. Forschung und sich daran anschließende Aufklärung brächte vermutlich größere Erfolge im Kampf gegen den Medikamentenmissbrauch als das Androhen und Verhängen harter Strafen. Das hat im Übrigen mittlerweile sogar die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA anerkannt: sie führt in Kooperation mit diversen Sportfachverbänden Studien über Doping-Langzeitwirkungen durch. Alles natürlich sehr geheim, denn die Einnahme von Dopingmitteln – auch zu Forschungszwecken – ist noch immer strengstens untersagt. Es wird Zeit, dass sich das ändert!


WM 2006: Die Welt zu Gast im Knast?
Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft wird Härte demonstriert. In dem Bemühen, Hooligans abzuschrecken, werden harmlose Delikte drastisch bestraft und gewöhnliche Fans wie Schwerverbrecher behandelt. Bundesinnenminister Otto Schily hat für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 eine „Null-Toleranz-Strategie“ angekündigt.
Die Repressionen gegen Fußballfans müssen aufhören! Die Gewalt unter den Fußballanhängern ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Hooliganismus ist ein Auslaufmodell, sagen Experten wie der Hannoveraner Professor und Gewaltforscher Gunter A. Pilz. Die Anzahl der Hooligans liegt bundesweit inzwischen bei deutlich unter 3000 – weniger als ein Prozent aller Fans in Deutschland! Wie es scheint, wird mit immer größeren Kanonen auf immer kleinere Spatzen geschossen.
Ein Ende der Repressionen gegen Fußballfans beinhaltet auch eine Abschaffung der umstrittenen Datei „Gewalttäter Sport“, in der bis heute 6200 Personen gespeichert sind. Auf Basis der Einträge in diese Datei ist geplant, während der Fußball-WM vermeintliche Hooligans präventiv aus dem Verkehr zu ziehen – mit polizeilichen Meldeauflagen, Ausweisentzug oder zeitweiser „Ingewahrsamnahme“. Das Problem dabei: die meisten Einträge in der Datei beruhen nicht etwa auf rechtskräftigen Verurteilungen, sondern in der Regel auf bloßen Personalienfeststellungen im Rahmen eines Fußballspiels. Es wird nicht unterschieden zwischen Fans, die sich zufällig in einer Gruppe aufzuhalten, in der die Polizei Gewalttäter vermutet, und solchen, die tatsächlich Straftaten verüben. Viele unbescholtene Fans wissen daher gar nicht, dass sie in der Datei gespeichert sind. Zwangsläufig wimmelt es in der Datei von Eintragungen, die auf Fehleinschätzungen, Bagatellen oder Sippenhaft beruhen – ein Zustand, der einem Rechtsstaat unwürdig ist!
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ lautet das WM-Motto. „Zu Gast im Knast“ wäre wohl treffender.