01.03.2004

Mehr Sicherheit durch mehr Angst?

Kommentar von Brendan O’Neill

Wer braucht schon Terroristen, um terrorisiert zu werden, fragt sich Brendan O'Neill mit Blick auf die Flugsicherheitsdebatte.

Wer künftig ein Flugzeug besteigt, muss damit rechnen, dass der Sitznachbar kein normaler Passagier ist, sondern ein Sicherheitsbeamter in Zivil. Dieser wird wahrscheinlich mit einer Handfeuerwaffe ausgerüstet sein, die zwar einen Menschen töten kann, jedoch die Außenwände von Flugzeugen nicht beschädigt. Zudem kann er im Falle des Falles per Knopfdruck den Piloten alarmieren. Seine israelischen Kollegen sind sogar befugt, Piloten waghalsige Flugmanöver zu befehligen, auf dass an Bord befindlichen Terroristen Hören und Sehen vergehe. Die Frage bleibt jedoch: Werden wir uns deswegen sicherer fühlen?

Selbstverständlich steigern derartige Ankündigungen das allgemeine Bedrohungsempfinden. Tom Ridge, der US-amerikanische Minister für Heimatschutz, hat bereits als besonders gefährdet eingestufte Fluglinien aufgefordert, Sicherheitsbeamte einzustellen, um möglichen Terrorattacken entgegenzuwirken; andernfalls werde er den Airlines den Eintritt in den amerikanischen Luftraum untersagen.

Das alles klingt nicht wie eine gezielte Antwort auf eine konkrete Angriffsgefahr, sondern eher wie eine ziellose Geste, mit der die Öffentlichkeit beruhigt werden soll. Tatsächlich stiftet derartiges politisches Handeln erst die Unruhe, die es dann zu beruhigen vorgibt. Zu welchen Handlungen auch immer das Terrornetzwerk Al Qaida heute noch in der Lage ist – die Debatte über Flugsicherheitsmaßnahmen zeigt eindrucksvoll, dass wir gar keine Terroristen brauchen, um terrorisiert zu werden.

Warum kommen die amerikanischen Forderungen nach zusätzlichen Sicherheitsbeamten in Flugzeugen ausgerechnet jetzt? Der letzte registrierte Versuch von Terroristen, ein Flugzeug auf seinem Weg nach Amerika zu kapern, datiert vom Dezember 2001. Damals hatte der britische „Schuh-Bomber“ Richard Reid versucht, während des Fluges von Paris nach Miami eine in seiner Schuhsohle montierte Bombe zu zünden. Er konnte aber von aufmerksamen Passagieren überwältigt werden. Wer jedoch garantiert uns, dass alarmierte Passagiere demnächst nicht dasselbe mit einem verdächtig wirkenden Mann veranstalten, der versucht, einen Alarmknopf unter seinem Sitz zu betätigen? Wie würden Sie reagieren, wenn sich plötzlich Ihr Sitznachbar im Flugzeug mit gezogenem Revolver erhebt und erklärt: „Es ist alles unter Kontrolle, ich bin ein Sicherheitsbeamter.“?

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist die Zahl der Sicherheitsbeamten, die auf amerikanischen Inlandsflügen patrouillieren, in die Höhe geschnellt – von elf auf mehrere tausend. In den vergangenen zwei Jahren haben sie 28 zumeist geistesgestörte Passagiere in Gewahrsam genommen. Terroristen waren nicht dabei. In derselben Zeitspanne wurden hingegen mehr als 600 Fälle registriert, in denen Flugsicherheitsbeamte straffällig wurden – unter anderem durch illegale Benutzung regierungsamtlicher Kreditkarten oder durch beleidigendes oder obszönes Verhalten gegenüber Besatzungsmitgliedern. Für Tom Quinn, den Einsatzleiter der amerikanischen „Air-Marshalls“, besteht dennoch kein Zweifel an der Notwendigkeit der Patrouillen: „Nicht Festnahmen machen den Erfolg aus, sondern die Tatsache, dass niemand versucht hat, ein Flugzeug in seine Gewalt zu bringen.“1 Demzufolge gilt also das gänzliche Fehlen von Flugzeugentführungen als Rechtfertigung für massive Sicherheitsvorkehrungen.

Einem Bericht zufolge wurden Sicherheitsbeamte verstärkt auf Streife geschickt, als man angeblich in den abgehörten Kommunikationsnetzen von Al Qaida verstärkte Aktivität wahrgenommen hatte, was als Indiz für das Nahen weiterer Flugzeugentführungen gewertet wurde.2 Warnungen dieser Art werden jedoch seit zwei Jahren immer wieder ausgesprochen. Auch im Dezember 2001 wies das FBI auf Al Qaida-interne Kommunikationszuwächse von bisher ungekanntem Ausmaße hin. Im November 2002 verkündete das US-Justizministerium, amerikanische Geheimdienste hätten neue Höchstwerte terroristischer Kommunikationsintensität gemessen. Auch im Mai letzten Jahres glühten anscheinend wieder die Drähte. Seit dem 11. September 2001 klingt den US-Offiziellen beständig terroristisches Gemurmel in den Ohren, freilich ohne dass es zu Anschlägen auf amerikanischem Boden kam.

Die Terrorangst geht soweit, dass der französische Premierminister Jean-Pierre Raffarin nach Warnungen aus den Vereinigten Staaten alle weihnachtlichen Flüge von Paris nach Los Angeles vorsorglich absagen ließ, da möglicherweise ein Anschlag geplant sei. Die französischen Untersuchungen brachten keine Ergebnisse – alle 1800 Personen, die einen dieser sechs Flüge nach Los Angeles gebucht hatten, mussten nicht nur grundlos ihre Reisepläne ändern, sondern sich zudem unangenehmen Überprüfungen und Befragungen unterziehen. Die US-Behörden hatten weiterhin ihren französischen Kollegen den Namen eines Tunesiers zugespielt, der über einen Pilotenschein und angeblich über terroristische Verbindungen verfüge und zudem nach Los Angeles reisen solle. Es stellte sich jedoch heraus, dass besagter Verdächtiger sich zu dieser Zeit weder in Paris aufhielt noch ein Ticket für einen der sechs Flüge besaß.

Es gibt so gut wie keine Hinweise darauf, dass irgendein Al Qaida-Mitglied seit Dezember 2001 ein Flugzeug, das amerikanischen Boden ansteuerte, betreten oder dies auch nur versucht hat. Auch gibt es keinerlei Belege dafür, dass Pläne für den Einsatz von Flugzeugen zu terroristischen Zwecken existieren. Dennoch bestehen US-amerikanische und britische Behörden darauf, dass Flugzeuge künftig mit Sicherheitsbeamten „beschützt“ werden sollen – mit Personen also, die, wenn man die amerikanischen Erfahrungen berücksichtigt, mehr Probleme machen als die Passagiere selbst. Angst und wilde Spekulationen angesichts unbekannter Gefahren führen dazu, dass der Flugverkehr insgesamt behandelt wird, als sei jedes Flugzeug eine potenzielle Waffe und jeder Passagier ein potenzieller Terrorist.

Womöglich erwägen Al Qaida-Terroristen in Zukunft einen Terroranschlag auf die USA oder auf Großbritannien mit Hilfe von Flugzeugen, vielleicht aber auch nicht. Fakt aber ist: Es sind westliche Offizielle selbst, die der Bevölkerung Angst einflößen und den Flugverkehr lahm legen – ganz im Sinne von Al Qaida.