20.08.2018

Mehr als eine Ironie der Geschichte

Von Thierry Chervel

Titelbild

Foto: rawpixel via Pixabay / CC0

In seinem Vorwort des Kenan-Malik-Buches „Das Unbehagen in den Kulturen“ kritisiert Thierry Chervel die multikulturalistische Wende der westlichen Linken und ihre aktuelle Identitätspolitik.

Das eigentliche ist das Schinkenbrot. Solange man nicht in dieses Schinkenbrot gebissen hat, bleibt die Behauptung, dass Aufklärung der Weg des Menschengeschlechts aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sei, abstrakt: Blasphemie, die Übertretung religiöser Tabus, ist eine entscheidende Etappe auf dem Weg aus der Unmündigkeit. Blasphemie ist die Erfahrung, dass man sein Fahrrad ohne Stützräder fahren kann, und dass der Genuss des Schinkenbrots den Himmel nicht zum Einsturz bringt – was immer die Priester auch behaupten.

Aber welcher Autor – schon gar welcher Autor muslimischen Hintergrunds ­– käme heute noch auf die Idee, einen Roman mit offen blasphemischem Programm zu schreiben? Die „Satanischen Verse" sind nach jenen Versen benannt, die tatsächlich existieren, aber entfernt wurden, und somit beweisen, dass auch der Koran nur eine Erzählung ist, die politischen Konjunkturen angepasst wurde. Die Provokation der „Satanischen Verse“ ist zu sagen, dass Mohammed ein Mensch war – was der Koran ja angeblich selbst behauptet – also auszusprechen, was ist, und der „großen Erzählung“ die weiße Magie der literarischen entgegenzuhalten. Dann kam der Bannstrahl aus Teheran, und der Himmel stürzte ein, zumindest der Sternenhimmel der westlichen Illusionen.

Kenan Malik ist der beste Historiker der Fatwa-Affäre. In „From Fatwa to Jihad“ schildert er den Cultural Turn, den die Fatwa-Affäre in der westlichen Linken endgültig besiegelte. Es ist mehr als eine Ironie der Geschichte, dass dies im Jahr 1989 geschah: Genau in jenem Moment, als der eine Totalitarismus unter der Last seiner Lügen kollabierte, erhob der andere sein bärtiges Haupt. Die westliche Linke verriet in diesem Moment die säkularen Ideen, die irgendwo in ihrem Fundament begraben waren. Rushdie schildert in „Joseph Anton“, seiner Erinnerung an die Fatwa-Affäre, seine bodenlose Enttäuschung über das Verhalten vieler Labour-Politiker. Er hatte den Kampf gegen den Obskurantismus im Iran und Pakistan und den Kampf gegen den Rassismus in Britannien noch als zwei Seiten einer Medaille gesehen. Aber nun wurde Rushdies eigene Attacke auf die Religion zusehends von Linken als Rassismus definiert. Wenig später wurde für diese Art Vorwurf der Begriff der „Islamophobie“ erfunden.

„Deutsche Leser täten gut daran, Kenan Malik, der von deutschen Verlagen bisher schmählich ignoriert wurde, endlich zur Kenntnis zu nehmen.“

Kenan Malik schildert in „From Fatwa to Jihad“, wie auch er sich als ein junger Intellektueller, der gegen Rassismus kämpfte, plötzlich von der britischen Linken allein gelassen sah. Und diese Linke ist es, die heute ihren Anführer in Jeremy Corbyn hat und die die Labour-Partei gekapert hat.

Deutsche Leser täten gut daran, Kenan Malik, der von deutschen Verlagen bisher schmählich ignoriert wurde, endlich zur Kenntnis zu nehmen. In seinem Buch geht er nämlich auch zurück zu den Ursprüngen des (Multi-)Kulturalismus – und die liegen in Deutschland, bei Herder, der sich noch als Aufklärer verstand, und bei den Romantikern, die bereits eine polemische Position zu den Idealen der Aufklärung bezogen. Auch in seiner modernen Form wurde der Multikulturalismus von konservativen, aber auch linken Regierungen gewissermaßen installiert: Regierungen in Frankreich, Britannien, Deutschland förderten geradezu, dass sich Einwanderergruppen als anders definierten und kulturell von der Mehrheitsgesellschaft absetzten, denn so ließen sich Forderungen nach Integration in die Zukunft verschieben. Einwanderung ist immer ein heikles Thema. Zu jener Zeit aber, von den Fünfzigern bis in die Achtziger, so Malik, verstanden sich die Einwanderer nicht als „anders“, im Gegenteil, sie wollten als gleiche behandelt werden.

Multikulturalismus ist laut Malik die Idee, dass Menschen „nicht trotz ihrer Unterschiede gleich, sondern wegen dieser Unterschiede verschieden“ zu behandeln seien. Darum ist das Kopftuch ein so symbolisches Kleidungsstück: Die Idee der Freiheit, die westliche Frauen für sich reklamierten, steht unter den Vorzeichen des Kulturalismus unter Kolonialismusverdacht, wenn sie einfach so für muslimische Frauen gefordert wird. Die „Dissidenten des Islams“ – Ayaan Hirsi Ali nimmt diese Vokabel für sich in Anspruch – sind in diesem Koordinatensystem Renegaten im Fahrwasser der islamophoben Rechten.

„Die heutige modische Linke ist sich ihres Irrationalismus nicht bewusst.“

Wie zuvor Pascal Bruckner in Frankreich und Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt in Dänemark skizziert Malik in diesem Essay den Weg des Kulturalismus über die Romantik in die Linke: Eine wichtige Etappe auf diesem Weg nach links waren die Klassiker der Anthropologie und Ethnologie, denen es legitimer Weise darum ging, andere Kulturen aus dem Vorurteil der westlichen Überlegenheit zu befreien. Diese Idee schlug Wurzeln bei den kanonischen Autoren des Postkolonialismus wie Frantz Fanon oder Edward Said.

Inzwischen hat sich die Idee, dass persönliche Identität eine Funktion der Gruppenzugehörigkeit sei, in der Linken wie der Rechten aufs gefährlichste verfestigt. Auf der Linken sind durch die Gender Studies nach dem Modell der kulturellen noch sexuelle Identitäten wie Totempfähle aufgerichtet worden – die eigentliche Frauenfrage regrediert in diesem Wald der Identitäten zum Nebenwiderspruch. Auf der rechten wird zuweilen unter Rückgriff auf Vokabeln des Poststrukturalismus die trübe Brühe der Leitkultur zusammengerührt, in deren Namen eine Durchlässigkeit der eigenen Länder fürs andere strikt abgelehnt wird. Aber nur aus dieser Durchlässigkeit – aus Vermischung, Widerspruch und „kultureller Aneignung“ – entsteht Fortschritt.

Malik zeigt in diesem Buch die fundamentale Symmetrie zwischen rechtem und linkem Kulturalismus, die sich teilweise aus denselben Quellen bedienen. Unter die Räder geraten dabei die Ideen der Aufklärung, wie seinerzeit, als die Kommunistische Partei lieber die Sozialdemokraten bekämpfte als die Nazis. Darum ist auch heute die Krise der Sozialdemokratie, die sich von den identitären Diskursen leider längst hat anstecken lassen, ein besonders tragischer Aspekt.

Die heutige modische Linke, die sich in der Labour-Partei gerade institutionalisiert, ist sich ihres Irrationalismus nicht bewusst. Sie blickt ausschließlich nach rechts und identifiziert die Trumps und die Populisten als ihre Feinde. Dumm ist nur, dass sie durch ihren starren Blick in eine Richtung die Feinde in ihrem Rücken gar nicht wahrnimmt. Gefahr droht der Öffentlichkeit auch durch den fundamentalistischen Islam und eine Linke, die sich zum Zensor aufwirft. „Es ist an der Zeit, sowohl den Multikulturalismus als auch seine Gegner zurückzuweisen“, schreibt Malik. Sein Buch liefert einige der wichtigsten Argumente.